von Elisabeth Löffler
"... Hab ich noch nie probiert, aber ... könnte ich mir schon vorstellen
... auf gar keinen Fall! ... bestimmt eine interessante Erfahrung ... ich bin
ja nicht von der Caritas! ... spüren die überhaupt was beim Sex? ...
nein, das wäre mir zu stressig ... mal etwas anderes .... was mache ich,
wenn ich sie/ihn nicht mehr los werde? ... Ich will mal Kinder und ich weiß
nicht, ob ... warum nicht? ... ist mir zuviel Verantwortung ... gehen sollte
er schon können, behindert bin ich selbst ... ja, da hab ich schon mal
was im Kino gesehen ..."
Nun, ich kann nur Vermutungen über ihre Assoziationen bei dem Thema Behinderung
und Sex anstellen, doch falls sie schon mal etwas „über so was“
im Kino gesehen haben, behaupte ich mal so auf Verdacht: Gelogen! In der Schlußszene
von „Mein linker Fuß“ beispielsweise: Daniel Day Lewis im Rollstuhl,
seine Geliebte, vormals seine Pflegerin, neben ihm. Beide befinden sich auf
einem Berggipfel, der Himmel spielt Romantik und über dieses Schlußbild
läuft der Nachspann. Doch wie zum Geier, frage ich mich, haben die beiden
diesen Berg erklommen? Ich muß aufs Klo und mühe mich vom Sofa in
meinen Rollstuhl. Danach bin ich etwas entspannter und versuche in meiner Kritik
nicht zu hart mit den Machern des Films zu sein. Immerhin ein Film, der sich
mit dem Thema auseinandersetzt und im Hauptabendprogramm läuft. Er war
sogar zuerst im Kino! Trotzdem: Wenn ich mit meinem gehenden Freund den Urlaub
plane, achten wir vor allem darauf, Steigungen jedweder Art zu erkennen und
ihnen aus dem Weg zu rollen. Händchenhalten auf Gipfeln, ausgenommen auf
solchen der Erregung, kommt nur in meinen schlimmsten Albträumen vor.
Nun, jetzt wissen sie schon eine ganze Menge über mich. Ich bin eine Frau
um die dreißig. Aufgrund meiner körperlichen Behinderung nennt man
mich umgangsprachlich eine „Spastikerin“. Ich arbeite derzeit als
Performancekünstlerin, befinde mich in Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin
mit dem Schwerpunkt Sexualität und mit meinem Freund, den ich umgangsprachlich
„Geher“ nenne, fahre ich nicht nur auf Urlaub. Warum ich sie mit meiner
Biographie konfrontiere? Weil ich die Einzigartigkeit jedes Lebensentwurfs betonen
will. So gibt es meiner Meinung nach auch nicht DIE Behinderung und DIE Sexualität
sondern in erster Linie einmal Frauen und Männer. Diese wiederum sind körperlich,
geistig und/oder psychisch gehindert, daß heißt gehindert durch
ihr Anders-Sein, so am sozialen, politischen, gesellschaftlichen und sexuellen
Leben teilzunehmen, wie die Frauen und Männer, welche nicht in die oben
genannten Kategorien fallen.
"Wir leben in einer Leistungsgesellschaft." Dieser oft zitierte Satz
gilt natürlich auch im Bereich der Sexualität. Sie steht zu ihrem
Körper wie er ist, "seiner" steht sowieso immer. Sollte es mal
nicht klappen, kann man ja darüber reden. Auch Menschen mit Behinderung
haben ein Recht auf Sex. So weit so korrekt. So weit so theoretisch. Wenn Sie
allerdings einmal die Lust überkommt und es steht ihnen nur die eigene
Phantasie und eine frei Hand zur Verfügung: Haben Sie sich schon jemals
eine „geile Schnitte“ mit Rädern vorgestellt oder einen coolen
Typ mit Down Syndrom? Da bleiben wir doch lieber bei Richard Gere, Bruce Willis,
Kim Basinger oder Sharon Stone. Wenn niemand für Sie dabei ist: Sorry!
...Wie wär’s mit Christopher Reeves, jetzt "bereift"? Bedeutet
es schon für Frauen und Männer ohne Behinderung eine immense Anstrengung,
den Idealvorstellungen von Schönheit, sexueller Attraktivität und
Potenz zu entsprechen oder sich diesen auch verweigern zu können; liegt
die Anstrengung von Menschen mit Behinderung vor allem darin, als geschlechtliche
Wesen wahrgenommen zu werden. Spastiker, Querschnittler, Unfallopfer, Geistigbehinderte,
Amputierte, Blinde, MS-Kranke, reduziert auf die körperliche Andersartigkeit,
immer gesehen durch den Blick der nicht gehinderten Mehrheit.
Kindheit und Jugend von Menschen, die von Geburt an behindert sind, spielt sich
oft zu einem beachtlichen Teil in Spitälern und Therapieeinrichtungen ab.
Ihr Körper ist Gegenstand der Aufmerksamkeit. Schwestern, ÄrztInnen
und TherapeutInnen befassen sich mit ihm. Sie be-fassen ihn wann, wo und wie
sie wollen um dann doch nur den Mangel festzuhalten. Oft nur zu wissenschaftlich-medizinischen
oder therapeutischen Zwecken berührt, ist es für Kinder mit einer
körperlichen Behinderung schwierig, ihren Körper als etwas positives
zu verstehen. Diesen „geschädigten Bewegungsapparat“ als etwas,
das sie selbst definieren können, und über den sie bestimmen dürfen,
zu begreifen. Selbstbestimmung, selbst zu bestimmen, wer dich wann, wie und
wo berühren darf. Spätestens in der Pubertät läßt
es sich nicht mehr leugnen: Unser Körper ist anders. Wir sind anders. Die
Burschen wollen nur reden, die Mädchen sehen in uns keine wirkliche Gefahr
im Kampf um die Gunst eines potentiellen Sexualpartners und die Erwachsenen
bemühen sich dir zu versichern, daß es auf die „inneren Werte“
ankommt. „Scheiße“, denkst Du, „ich will ficken!“.
Das ist ein Anfang. Das war meiner. Damit begann ein mühevoller, schmerzhafter
und oft auch zorniger Weg zu meinem Körper. Von entscheidender Bedeutung
war die Teilnahme an verschiedenen Workshops mit den Themen „Behinderung
und Sexualität“ oder „Behinderung und Partnerschaft“, mit
Kursleitern, die neben ihrer Funktion als ausgebildete Beraterin und Berater
selbst Betroffene sind sowie der Erfahrungsaustausch mit den anderen TeilnehmerInnen.
Ich habe eine Psychotherapie begonnen, ließ mich viel massieren und vor
allem begann ich professionell zu tanzen. Doch was das Wichtigste ist: Ich habe
geredet, geredet, geredet, geweint, geflucht und gevögelt. Ich war mutig,
ich war übermütig ich war unvorsichtig und ich hatte oft Angst. Doch
zum ersten Mal erlebte ich meinen Körper als Teil meiner Person. Als etwas,
an dem nicht nur kritisiert, korrigiert und operiert wird, sondern als Körper
der Lust empfangen und bereiten kann.. Als Frau die in ihrem Körper zuhause
ist. Als Frau, die sich dieses positive Grundgefühl immer und immer wieder
neu erkämpfen muß und will.
In den letzten Jahren hat sich eine starke Selbstbestimmt-Leben-Bewegung entwickelt,
die für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung in allen Lebensbereichen
eintritt. Es gibt Seminarangebote mit den Themen Sexualität und Partnerschaft
für Menschen mit körperlicher Behinderung, es gibt PsychotherapeutInnen
und BeraterInnen die selbst behindert sind und es gibt sie, die Beziehungen
und Partnerschaften zwischen Frauen und Männern mit und ohne Behinderung.
So wichtig die persönliche Weiterentwicklung ist, dürfen wir die konkrete
Auseinandersetzung mit politischen Entscheidungsträgern und staatlichen
Institutionen nicht scheuen. Eine Veränderung der gesellschaftspolitischen
Verhältnisse, geschieht nur wenn wir uns mit Herz, Hirn und Händen
einmischen, einmischen, einmischen.
In diesem Sinne: “Just do it!”
Eine Auswahl mir wichtiger Bücher und Filme zum Thema
Bücher:
“Pride Against Prejudice”, Jenny Morris (Hrsg.), The Women's Press,
1991, ISBN 0704342863
„Geschlecht: Behindert - Besonderes Merkmal: Frau“, C. Ewinkel, G.
Hermes et.al. (Hrsg.), AG SPAK M 68, 1985, München, ISBN 3-923126-33-6
„Das Risiko nichtbehinderte Eltern zu bekommen“, Udo Sierck, AG SPAK
M 97, 2. Auflage, 1992, München, ISBN 3-923 126-63-8
“Sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen mit Behinderung“,
Schriftenreihe der Frauenministerin, Band 10, September 1996, Wien, ISBN 9011-9224-3
Filme:
„Coming Home” mit Jane Fonda, Jon Voight u.A., Regie Hal Ashby, USA,
1978
„Gabi Brimmer” mit Liv Ullmann u:A., Regie Ingmar Bergman, Schweden,
1986
„The Waterdance“ mit Eric Stoltz, Wesley Snipes, William Forsythe,
Helen Hunt u.A.., Regie Neal Jimenez und Michael Steinberg, USA, 1992
„Live Flesh“ mit Liberto Rabal, Francesca Neri, Javier Bardem u.A.,
Regie Pedro Almodovar, Spanien, 1997 |