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von Heribert Schiedel und Ljiljana Radonic Angesichts der vor allem unter räsonierenden ApologetInnen
des Status quo so beliebten Rede von der permissiven Sexualität,
dem Ende der Tabus, ja gar von sexueller Freiheit, erscheint es ein
wenig altmodisch, im Anschluss an Freuds Repressionsthese über
den Zusammenhang von Zivilisation und unterdrückter Sexualität
nachzudenken. Dabei wäre die begrüßte oder beklagte
Liberalisierung der Sexualmoral leicht als Ideologie zu erkennen. Wir
möchten im Folgenden mit Adorno und Marcuse die befreite
Sexualität in der unfreien, patriarchalen Gesellschaft als
bloßen Schein entlarven. "Sexuelle Freiheit ist in einer
unfreien Gesellschaft so wenig wie irgendeine andere zu denken."
(Adorno 1997a, 535) Mehr noch: "Unter der Herrschaft eines
repressiven Ganzen lässt Freiheit sich in ein mächtiges
Herrschaftsinstrument verwandeln." (Marcuse 1994, 27)
Verwaltete Sexualität
Die Sexualität wurde nicht befreit, sondern integriert und
weiter diszipliniert. Wie bei den politischen Integrationsleistungen
der spätkapitalistischen Gesellschaft kommt der Kulturindustrie
auch hier zentrale Bedeutung zu. Der "an- und abgestellte,
gesteuerte und in ungezählten Formen von der materiellen und
kulturellen Industrie ausgebeutete Sexus wird, im Einklang mit seiner
Manipulation, von der Gesellschaft geschluckt, institutionalisiert,
verwaltet. Als gezügelter ist er geduldet." (Adorno 1997a,
534) Die angebliche Befreiung der Sexualität ist also vielmehr
ihre Entschärfung. Sie ist "als sex, gleichsam eine
Variante des Sports, entgiftet" (ebd., 535) oder neutralisiert
worden. Hinter der Annahme eines grundsätzlich subversiven
Charakters des ursprünglichen, noch nicht gesellschaftlich
deformierten Sexus steht der angenommene Widerspruch, in welchem das
Lustprinzip zum repressiven Realitätsprinzip1 als Instrument und
Ausdruck der Vergesellschaftung steht. Aber dieser "Gegensatz
zwischen Trieb und Vernunft ist selbst ein gesellschaftlicher. (...)
Der geschichtliche Charakter des Realitätsprinzips verbietet es,
den Widerspruch zwischen Glück und Moralität, Lustprinzip
und Realitätsprinzip zu hypostasieren." (Marcuse 2002, 149)
Dem radikal zersetzenden Sexus unter den Bedingungen ideologischer
Vergesellschaftung setzte Marcuse deshalb die soziale Kraft des
befreiten Eros, der bei Freud mehr als Sexualität, nämlich
die Gesamtheit der Lebenstriebe2 meint, entgegen.
In der
Pornographie, die oft als Beleg für einen freieren und
enttabuisierten Umgang mit Sexualität genommen wird, äußert
sich in Wahrheit die erfolgreiche Ausdehnung des Leistungsprinzips,
dem "Realitätsprinzip der Periode" (ebd., 183),
zulasten des Lustprinzips: Die Sexindustrie zeigt mehrheitlich ja
nicht Menschen, die sich lustvoll an ihrer polymorphen Sexualität
erfreuen, sondern eindimensionale Fickmaschinen, die arbeiten. (Und
die Arbeit ist das genaue Gegenteil, ja der Todfeind von Lust und
Eros.) Die Lust wird von der Kulturindustrie aufgesaugt und hört
dann auf solche zu sein. In "dem gesamten monopolistisch
kontrollierten und standardisierten Sexualbetrieb (...) (haben) Vor-
und Ersatzlust die Lust überflügelt" (Adorno 1997a,
535).
Die Sexualtabus sind nicht gefallen, sondern nur modifiziert
worden. Mit den Veränderungen in der Herrschaft hat sich auch
die konkrete Gestalt der Sexualtabus verändert: "Die
genitale Sexualität (...) ist nicht länger der
Angriffspunkt." (ebd., 536f) Wenn also heute die OpitmistInnen
des Fortschritts die zunehmende Lockerung der Sexualtabus feiern, ist
ihnen der Charakter dieser enttabuisierten Sexualität vor Augen
zu führen. Am Beispiel der Lockerung des Tabus Homosexualität
lässt sich dies aktuell nachvollziehen: Die gesellschaftliche
Akzeptanz der Homosexualität hat zur Bedingung deren quasi
genitale Erscheinungsform, z. B. in der "Homo-Ehe".
Marcuse
leugnet nicht die fortschrittlichen Aspekte der Lockerung der
Sexualmoral, die insbesondere in einer Reduktion der Schuldgefühle
und den wachsenden Befriedigungsmöglichkeiten (zumindest
genitaler Sexualität) liegen, weist aber mit Nachdruck auf den
damit einhergehenden beschleunigten Siegeszug des Realitätsprinzips
hin: "Die Ausdehnung der Kontrolle auf ehemals freie Regionen
des Bewusstseins und der Muße gestatten eine Lockerung der
Sexual-Tabus (...). Heute ist die sexuelle Freiheit (...) zweifellos
größer. Zur gleichen Zeit aber sind die sexuellen
Beziehungen selbst viel enger mit sozialen Beziehungen in Verbindung
getreten; die sexuelle Freiheit ist mit nutzbringender Konformität
in Gleichklang gebracht worden. Der fundamentale Gegensatz zwischen
Geschlechtlichkeit und sozialer Nutzbarkeit (...) hat sich durch die
fortschreitende Einflussnahme des Realitätsprinzips auf das
Lustprinzip verwischt." (Marcuse 1965, 95f) Mit der Lockerung
der Tabus wurde die genitale "Sexualität gesellschaftsfähig
gemacht, damit aber auch belastet mit dem, dessen diese Gesellschaft
fähig ist." (Marcuse 2002, 142)
Die repressive oder kontrollierte Entsublimierung3, also die
Liberalisierung der genitalen Sexualität ist
herrschaftsstabilisierend, weil sie "die Triebrevolte gegen das
bestehende Realitätsprinzip" (Marcuse 1965, 96) schwächt.
Die herrschende Illusion von Befriedigung blendet das Bewusstsein der
Versagungen und verstellt das Bedürfnis nach Befreiung. "Im
Gegensatz zur Destruktivität des befreiten Eros dient die
gelockerte Sexualmoral innerhalb des befestigten Systems
monopolistischer Kontrollen selbst dem System." (ebd.)
Auch
Marcuse betont in seiner Kritik das Moment der Integration:
"Institutionalisierte Entsublimierung erscheint (...) als ein
Aspekt der ‚Bewältigung der Transzendenz', wie die
eindimensionale Gesellschaft sie erreicht hat. Ganz wie diese
Gesellschaft im Bereich der Politik und höheren Kultur dazu
tendiert, die Opposition (die qualitative Differenz!) abzubauen, ja
aufzusaugen, so auch in der Triebsphäre. Das Ergebnis ist ein
Absterben der geistigen Organe, die Widersprüche und
Alternativen zu erfassen, in der einen verbleibenden Dimension
technologischer Rationalität gelangt das Glückliche
Bewusstsein zur Vorherrschaft." (ebd., 98)
Supremat der Genitalität
Diese scheinbar glückbringende Entsublimierung der
(genitalen) Sexualität, hat aber auch die Sexualität selbst
verändert: "Die Organisation der Sexualität weist die
Grundzüge des Leistungsprinzips und seiner Organisierung der
Gesellschaft auf. Freud betont den Aspekt der Zentralisierung. Sie
wirkt sich besonders in der ‚Vereinigung' der verschiedenen Objekte
der Partialtriebe zu dem einen libidinösen Objekt des anderen
Geschlechts und in der Aufrichtung des genitalen Supremats aus. In
beiden Fällen ist der Vereinigungsprozeß ein verdrängender
- das heißt, die Partialtriebe entwickeln sich nicht frei zu
einer ‚höheren' Stufe der Befriedigung, die ihre Ziele
beibehielte, sondern werden abgeschnitten und zu Hilfsfunktionen
reduziert. Dieser Prozeß erreicht die sozial notwendige
Desexualisierung der Körpers: die Libido4 wird in einem Teil des
Körpers konzentriert, wodurch fast der ganze übrige Körper
zum Gebrauch als Arbeitsinstrument frei wird." (ebd., 52f) Die
Partialtriebe werden der Genitalität untergeordnet.
Auch
Adorno weist im Anschluss an Freud darauf hin, dass die herrschende
und akzeptierte Form der Sexualität nicht die ursprüngliche
ist, sondern das Resultat einer repressiven Integration: In der
genitalen Sexualität "schließen unterm Zwang
gesellschaftlicher Anpassung die Partialtriebe des Kindes, über
die Agentur der Familie, zu einem Einheitlichen und dem
gesellschaftlichen Zweck der Fortpflanzung Günstigen sich
zusammen." (Adorno 1997a, 537) Die "von den als pervers
geächteten Partialtrieben ganz gereinigte Genitalität (ist)
arm, stumpf, gleichsam zum Punkt zusammengeschrumpft.
Desexualisierung der Sexualität wäre wohl psychodynamisch
zu verstehen als die Form des genitalen Sexus, in der dieser selber
zur tabuierenden Macht wird und die Partialtriebe verscheucht oder
ausrottet." (ebd., 537f)
Diese tabuierten Partialtriebe
leben aber unter dem genitalen Supremat weiter, man verdrängt
sie bei sich selbst und verfolgt sie bei anderen. Von jeder möglichen
Bewusstwerdung abgeschlossen, erzwingen sie pathologische
Reaktionsweisen auf das Auftauchen verbotener Wünsche.
Tatsächlich erklärt sich ein Teil der sexuellen
Überdetermination des Rassismus und Antisemitismus aus dem
Mechanismus der Projektion. Dies gilt unmittelbarer noch für die
Homophobie und die autoritären Strafphantasien (bis hin zur
Kastrationsdrohung) gegenüber "Kinderschändern"
und "Vergewaltigern".
Entgegen dem Geschwätz von
der sexuellen Befreiung trägt also die Libido "weiterhin
das Kennzeichen der Unterdrückung und manifestiert sich in den
scheußlichen Formen, die in der Kulturgeschichte so wohlbekannt
sind: in den sadistischen und masochistischen Orgien verzweifelter
Massen, ‚gesellschaftlicher Eliten', verhungerter Söldnerbanden,
der Aufseherhorden in Gefängnissen und Konzentrationslagern.
Eine dergestalte Freisetzung von Libido bildet eine periodisch
notwendige Abfuhr für unerträgliche Versagung; statt die
Wurzeln der Triebhemmung zu schwächen, stärkt sie sie".
(Marcuse 1965, 200) Sadistische Triebentladungen hängen also mit
verdrängten eigenen Wünschen der abgeschnittenen Teile des
Eros, die auf Nicht-Identische projiziert werden, zusammen.
Gegensatz zwischen Trieb und Vernunft?
Das Lustprinzip wurde vom Realitätsprinzip nur zum Teil
abgelöst, es regiert weiter im Unbewussten, das auch den Ort der
verdrängten Erinnerung an die Einheit von Glück und
Freiheit darstellt. "Diese innerste Überzeugung, obwohl sie
vom Bewußtsein abgelehnt wird, beunruhigt das Seelenleben
weiterhin; sie bewahrt die Erinnerung an frühere Stadien der
persönlichen Entwicklung, wo die vollständige (integrale)
Befriedigung erreicht wurde. Und die Vergangenheit fährt fort,
einen Anspruch auf die Zukunft zu erheben: sie erzeugt den Wunsch,
dass auf der Grundlage zivilisatorischer Errungenschaften das
Paradies wiederhergestellt werde." (ebd., 24) Die viel
umfassenderen Ansprüche des Eros schlummern also unausrottbar in
uns. Dies stellt die individuelle (aber unbewusste) Grundlage
menschlichen Freiheitsstrebens dar.
Es ist der Eros und nicht der
Logos, der laut Freud das "Wesen des Seienden" bestimme:
"Sein ist wesentlich Streben nach Lust. (...) Der erotische
Impuls, die lebende Substanz zu ‚immer größeren
Einheiten' zusammenzufassen, wird damit zum Urtrieb der Zivilisation,
und die bewusste Anstrengung der vergesellschafteten Individuen, die
Natur für ihre Bedürfnisse zu meistern und zu verwandeln,
steht ursprünglich ganz im Dienste des Eros. Notwendigkeit wird
erlebt als Not, die seinen Bedürfnissen entgegensteht. Dann aber
wird der Kampf ums Dasein im Interesse der Herrschaft organisiert und
die Erfahrung der Herrschaft wird zur Grunderfahrung. Wenn das Wesen
des Seins als Logos gefasst ist, ist es schon der Logos der
Herrschaft - die Vernunft, der sich Mensch und Natur zu unterwerfen
haben." (Marcuse 2002, 184f)
Lustprinzip und Realitätsprinzip waren ursprünglich
nicht in derart entgegengesetzt, "erst unter den Bedingungen der
repressiven Zivilisation treten Sexualität und
Selbsterhaltungstrieb innerhalb der Lebenstriebe auseinander".
(ebd., 187) Analog zur individuellen Regression, dem Rückfall
auf eine bereits überwundene Entwicklungsstufe, ist vom
Standpunkt der Gesellschaft und der Vernunft aus "die
Triebbefreiung Rückfall in die Barbarei." (ebd., 151) Das
Lustprinzip braucht die Korrektur durch den Logos, um gegen die Natur
bestehen zu können, insofern ist eine Rückentwicklung zum
reinen Lustprinzip tatsächlich unmöglich. Mit Marcuse lässt
sich jedoch eine "zusätzliche Unterdrückung" als
"durch die soziale Herrschaft notwendig gewordene
Beschränkungen" von der "(Grund-)Unterdrückung"
als "Triebmodifizierung, die für das Fortbestehen der
menschlichen Rasse in der Kultur unerlässlich ist" (Marcuse
1965, 40) unterscheiden. Adorno weist auf die Schwierigkeiten dieser
realen Unterscheidung bei Freud hin: Dieser "schwankt,
theorielos und in Anpassung ans Vorurteil, ob er den Triebverzicht
als realitätswidrige Verdrängung negieren oder als
kulturfördernde Sublimierung preisen soll. In diesem Widerspruch
lebt objektiv etwas vom Januscharakter der Kultur selber, und kein
Lob der gesunden Sinnlichkeit vermöchte ihn zu glätten."
(Adorno 1997b, 66)
Die Durchsetzung des Leistungsprinzips, die
zusätzliche Repression, ging Hand in Hand mit einer
fundamentalen Enterotisierung des Menschen und seiner Objektwelt
(insbesondere durch die Mechanisierung der Arbeit): "Die
Umgebung, von der das Individuum Lust empfangen konnte - die es als
Genuss gewährende fast wie erweiterte Körperzonen besetzen
konnte - wurde streng beschnitten. Damit reduziert sich gleichermaßen
das ‚Universum' libidinöser Besetzungen. Die Folge ist eine
Lokalisierung und Kontraktion der Libido, die Reduktion erotischer
auf sexuelle Erfahrung und Befriedigung." (Marcuse 1994, 92f)
Mit der Technologieentwicklung wurde aber gleichzeitig das Maß
an gesellschaftlich notwendiger Triebunterdrückung verringert:
"Die Rationalisierung und Mechanisierung der Arbeit reduzieren
allmählich das Quantum an Triebenergie, das in die Kanäle
mühseliger Anstrengung (entfremdeter Arbeit) geleitet werden
musste und stellen damit Energien frei, die sich der Erreichung von
Zielen zuwenden können, wie das freie Spiel individueller
Fähigkeiten sie setzt. Die Technik arbeitet insofern gegen die
repressive Ausnützung von Energie, als sie die für den
lebensnotwendigen Produktionsprozeß erforderliche Zeit
verringert und dadurch Zeit für die Entwicklung von Bedürfnissen
jenseits des Bereichs des Notwendigen und Unerlässlichen zur
Verfügung stellt." (Marcuse 1965, 94) Das Leistungsprinzip
hat also gleichzeitig "die Vorbedingungen für ein
qualitativ anderes, nicht unterdrückendes Realitätsprinzip
geschaffen" (ebd., 129). "Die Idee eines (...)
nicht-repressiven Realitätsprinzips ist keine Ausgeburt der
bloßen Spekulation: sie ist im Fortschritt der Zivilisation
selbst als reale Möglichkeit entstanden. Ihre Verwirklichung
setzt die materiellen und intellektuellen Errungenschaften der
repressiven Kultur voraus - es ist das bestehende Realitätsprinzip
selbst, das über sich hinausweist." (Marcuse 2002,
184)
Gleichzeitig werden jedoch Mechanismen in Bewegung gesetzt,
um dieses Potential an seiner Umsetzung zu hindern: "Aber je
näher die reale Möglichkeit rückt, den Einzelnen von
den ehemals durch Mangel und Unreife gerechtfertigten Einschränkungen
zu befreien, desto mehr steigert sich die Notwendigkeit, diese
Einschränkungen aufrecht zu erhalten und immer
funktionstüchtiger zu gestalten, damit sich die bestehende
Ordnung nicht auflöst. Die Zivilisation muß sich gegen das
Traumbild einer Welt verteidigen, die frei sein könnte."
(Marcuse 1965, 94f)
Marcuse folgert daraus, dass "eine
Versöhnung des Lustprinzips mit dem Realitätsprinzip nur
möglich ist, wenn das Realitätsprinzip selbst verändert
wird". (Marcuse 2002, 143) Daher denkt er die Befreiung der
Sexualität gemeinsam mit einem anderen Realitätsprinzip,
mit einer höheren Stufe der Kultur. Nur auf dem Boden der reifen
Zivilisation kann der Gegensatz zwischen Libido und Vernunft, Lust-
und Realitätsprinzip aufgehoben werden. Ansonsten droht
tatsächlich der Rückfall in die Barbarei.
Von der genitalen Sexualität zum Eros
Marcuses Utopie einer Versöhnung von Sinnlichkeit und Lust
mit der Vernunft bedarf also eines neuen Realitätsprinzips.
Dieses hat zur Voraussetzung wie zur Folge eine entsublimierte
Vernunft genauso wie eine sublimierte Sinnlichkeit. Am Horizont
erscheint ihm eine "Wiedervereinigung" der
gesellschaftlichen Moral mit den Trieben, wobei beide ihre Struktur
verändern würden. Das Ziel ist eine "Beziehung
zwischen dem, was wünschenswert und dem, was vernünftig
ist, zwischen Trieb und Vernunft. Mit der Wandlung von der Sexualität
zum Eros entfalten die Lebenstriebe ihre sinnliche Ordnung, während
die Vernunft in dem Maße sinnlich wird, als sie die
Notwendigkeit im Sinne der Bereicherung und Förderung der
Lebenstriebe erfasst und organisiert. (...) Das Lustprinzip greift
auf das Bewusstsein über; der Eros definiert die Vernunft in
seinem Sinne. Vernünftig ist nun, was die Ordnung der
Befriedigung unterstützt." (Marcuse 1965, 220) Polymorphe
(und nicht bloß genitale) Sexualität und Eros werden
wieder Zweck statt bloß Mittel zum Zweck, der Integration in
bestehende Verhältnisse.
Freud legitimiert die Kultur und
ihrer repressive (Verdrängungs-)Leistung mit dem Todestrieb, der
unterdrückt werden müsse und der natürlichen Lebensnot
(Ananke), die bewältigt werden müsse. Sein Problem liegt in
der Annahme eines natürlichen Aggressionstriebs der Menschen,
dem man nur durch Kultur und Herrschaft entgegenwirken kann. Deswegen
kann er ein nicht-repressives Realitätsprinzip nur als
Regression fassen. Demgegenüber betont Marcuse: "Wirkliche
Triebbefreiung (bedeutet) nicht einfach Freisetzung, sondern
Verwandlung der Libido (...): von der unter dem Genitalprinzip
organisierten Sexualität zur Erotisierung der ganzen
Persönlichkeit". (Marcuse 1994, 153) Dies gelingt, indem
"die sich frei entwickelnde Libido die Triebbefriedigung
ausdehnt auf eine Totalität vormals nicht-sexueller Beziehungen
(...). Solche Verwandlung der Sexualität hat den Charakter einer
vom Trieb selbst vollzogenen nicht repressiven Sublimierung. Die
befreite Libido aktiviert nicht einfach prä-kulturelle und
infantile Stadien, sondern verändert den Inhalt dieser Stadien."
(ebd., 154)
Mit dieser Verwandlung der Sexualität in Eros
verwandelt sich auch der Begriff der Sublimierung: Voll entwickelte
nicht-repressive Sublimierung "wäre Sublimierung ohne
Desexualisierung: der Trieb ist von seinem Ziel nicht abgelenkt; er
erfüllt sich zielgemäß in Tätigkeiten und
Beziehungen, die libidinös und erotisch sind - aber
nicht-sexuell im Sinn der unter dem bestehenden Realitätsprinzip
organisierten Sexualität." (Marcuse 2002, 158) Frühere,
unter dem repressiven Realitätsprinzip desexualisierte
Beziehungen können dann wieder lustbesetzt werden.
"Das ist eine Ausweitung statt einer Explosion von Libido -
eine Ausdehnung über private und gesellschaftliche Beziehungen,
die die von einem repressiven Realitätsprinzip aufrechterhaltene
Spaltung überwindet. Diese Umwandlung der Libido wäre das
Ergebnis einer gesellschaftlichen Umwandlung, die das freie Spiel
individueller Bedürfnisse und Fähigkeiten ermöglichen
würde. Kraft dieser Bedingungen unterscheidet sich die freie
Entwicklung umgewandelter Libido jenseits der Institutionen des
Leistungsprinzips ihrem Wesen nach von der Freisetzung gehemmter
Sexualität innerhalb des Bereichs dieser Institutionen."
(Marcuse 1965, 199) Vorbedingung dafür ist die Aufhebung des
Leistungsprinzips. Triebbefreiung jenseits kollektiver Regression ist
also nur zu haben als Befreiung von der Lohnarbeit.
Literatur:
Adorno, Theodor W. (1997a): Sexualtabus und Recht heute, in:
ders.: GS 10.2. Frankfurt a. M.
Ders. (1997b): Minima Moralia, in:
ders.: GS 4. Frankfurt a. M.
Laplanche, J.; Pontalis J.-B. (1999):
Das Vokabular der Psychoanalyse. Frankfurt a. M.
Marcuse, Herbert
(1965): Triebstruktur und Gesellschaft. Ein philosophischer Beitrag
zu Sigmund Freud. Frankfurt a. M.
Ders.: (1994): Der
eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen
Industriegesellschaft. München
Ders. (2002): Nachgelassene
Schriften. Hrsg. v. Peter-Erwin Jansen. Lüneburg
Fußnoten
1 Lust- und Realitätsprinzip
sind nach Freud die "beiden Prinzipien, die das psychische
Geschehen beherrschen." Das Realitätsprinzip stellt eine
Modifikation des Lustprinzips dar: "Die Suche nach Befriedigung
(geht) nicht mehr auf den kürzesten Wegen vor sich, sondern
schlägt Umwege ein und schiebt ihr Ergebnis aufgrund von
Bedingungen auf, die durch die Außenwelt auferlegt werden."
(Laplanche/Pontalis 1999, 427)
2 Unter Trieb ist ein "dynamischer,
in einem Drang bestehender Prozeß (...), der den Organismus auf
ein Ziel hinstreben läßt" (ebd., 526f) zu verstehen.
"Nach Freud ist die Quelle des Triebes ein körperlicher
Reiz (Spannungszustand); sein Ziel ist die Aufhebung des an der
Triebquelle herrschenden Spannungszustandes; am Objekt oder dank
diesem kann der Trieb sein Ziel erreichen." (ebd., 527) In
seiner letzten Triebtheorie unterschied Freud zwischen Lebens- und
Todestriebe. Erstere "streben danach, immer größere
Einheiten zu schaffen und aufrechtzuerhalten" (ebd., 280),
zweitere "nach der vollständigen Aufhebung der Spannung
(...), d.h. danach, das Lebewesen in den anorganischen Zustand
zurückzuführen." (ebd., 494)
3 Mit Sublimierung
versuchte Freud diejenigen "menschlichen Handlungen, die
scheinbar ohne Beziehung zur Sexualität sind, deren treibende
Kraft aber der Sexualtrieb ist" (ebd., 478), zu fassen. "Der
Trieb wird in dem Maße `sublimiert´ genannt, in dem er
auf ein neues, nicht sexuelles Ziel abgelenkt wird und sich auf ein
neues, nicht sexuelles Objekt richtet." (ebd.)
4 Unter Libido
soll hier die quantitative Seite der Lebenstriebe, deren Energie,
verstanden werden (vg. Ebd. 284ff).
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