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von Heide Hammer und Gabriele Resl Im Universum der Social Fiction, das viele Möglichkeiten der Gestaltung
sozialer Beziehungen eröffnet, kreisen Geschlechterverhältnisse in
sattsam bekannten Bahnen. Ihr Ausdruck in körperlicher Nähe und sexuellen
Akten bleibt erstaunlich dichotom, denn die Kreation des Cyborg Jod – der
in der Haupterzählung ebenso wie in der Parallelführung, der Legende
des Prager Golem, eindeutig männlich konstruiert wird – schafft keine
Überschreitung. Geschaffen aus militärischen Überlegungen zur
Verteidigung der freien Stadt Tikva gegen die Enklaven riesiger Konzerne mit
einer „Hauptprogrammierung zu Schutz, Überleben und Informationsbeschaffung“
(S 111), entwickelt sich Jod für die Protagonistin Shira von einer Maschine
zum idealen Beziehungspartner und Vater ihres Kindes. Der erste Schritt dazu
beruht auf einer veränderten Wahrnehmung Shiras: Jod wird für sie
schrittweise von einer gut funktionierenden Maschine zu einer Person mit eigenem
Bewusstsein. Die „Personwerdung“ des Cyborg scheint die erste Bedingung
zur Entwicklung einer Beziehung, die Wahrnehmung des Cyborg als männliches,
geschlechtliches Wesen markiert eine weitere Voraussetzung dieser Beziehung,
welche sich im Laufe der Erzählung auch zu einer sexuellen entwickelt.
Männlichkeit wird – in der gesamten Figurenzeichnung wie auch in der
des Cyborg - durch physisches und intellektuelles, auch künstlerisches
Potential charakterisiert; emotionale und beharrlich werkende (Re-)Aktion zeichnet
die Protagonistinnen aus. Diese altbekannte Geschlechterdichotomie in der Zuweisung
von Vernunft und Gefühl spiegelt sich selbst in der Konstruktion Jods wider:
Von der Vaterfigur Avram erhält Jod seine Hardware und Teile seiner Programmierung
als Verteidigungsmaschine; Malkah ergänzt weitergehende Programmierungen
bis hin zur Möglichkeit von sexueller Erfahrung, und Shira wird zu Jods
Einführung in das menschliche Sozialleben engagiert. Letztere treibt über
weite Teile der Geschichte die Liebe zu ihrem kleinen Sohn in lebensbedrohliche
Abenteuer, vielleicht auch in die Hände von Jod, dessen Wiedererstehen
sie nach seiner Selbstzerstörung für wenige Stunden imaginiert. Doch
die Schöpfung künstlichen Lebens in seinen mechanischen Formen scheint
seit Pygmalion und allen romantischen Variationen bis in den Bereich der Future-Trash-Produktionen
ein männlicher Traum. Sie hingegen respektiert seinen letzten Willen, „Kaf
darf es nicht geben“ (O-Ton einer Aufzeichnung des sorgenden Cyborg, der
seine Geliebten sicher bewahrt und seinen Schöpfer, die Vaterfigur, konsequent
mit in den Tod nimmt. S 505). „Sie konnte nicht Avram sein. Sie konnte
nicht ein Wesen fabrizieren, damit es ihr diente, nicht einmal in der Liebe.“
(S 506) Die konventionelle Zeichnung der Geschlechterrollen in einem Genre,
das sich heterosexistischen Beziehungsgeflechten gut entziehen könnte,
bleibt selbst in der Phase der Initiative aufrecht: Es ist Jod, der Shira umwirbt
und sein Angebot, das sie annehmen oder verwerfen kann.
Das intensive Bedürfnis nach Monogamie und allen inkludierten Versprechen
wird konventionell und doch unter verkehrten Vorzeichen thematisiert. Fragen
von Besitz und Eifersucht gewinnen in Verbindung mit einem technischen Gerät,
das eine (nichtmenschliche) Persönlichkeit entwickelt und mit einem attraktiven
männlichen Körper und zweckmäßiger Programmierung ausgestattet
wurde, reizvolle Aspekte. Das Gemeinschaftsgut Android, das wegen bekannter
Vorbehalte als Geheimwaffe gefertigt wurde, sollte als freier Bürger anerkannt
werden, auch um in ein Zweierbeziehungsmodell mit wesentlichen Vorzügen
eintreten zu können: „Du meinst, du bist immer bereit?“ Sie lachte,
halb vor Verlegenheit. „Trifft das auf jede zu? Könntest du es mit
jeder zu jeder Zeit tun?“ Er legte seine Hand auf ihre bloße Schulter.
„Shira, ich begreife die pragmatische Grundlage moderner Monogamie: wenn
ich es nicht mit jemand anders tue, tust du es auch nicht. Das ist mir angenehm,
wenn es dir das auch ist.“ (S 380) Der Cyborg wird in jenen Abschnitten,
die den sexuellen Akt zwischen Shira und Jod schildern, als perfekter Liebhaber
mit einem vollkommenem Körper dargestellt: als Liebhaber, der selbstlos
agiert und nicht müde wird, der keine Risken von Krankheiten oder ungewollter
Schwangerschaft birgt, dessen Sensoren die kleinsten Reaktionen seiner Geliebten
erfassen und darauf reagieren können („es war eine leidenschaftliche,
intensive Aufmerksamkeit, die noch von der außerordentlichen Geschicklichkeit
seiner Hände und seines Mundes verstärkt wurde“ (S. 202)) Neben
diesen Qualitäten vermittelt der Cyborg seiner Geliebten auch Sicherheit
und Stabilität, Phantasien, die in dieser Konstellation ein Besitzverhältnis
symbolisieren, das gegen das patriarchale Muster der Differenz - gehört
eine oder mehrere Frauen (zu) einem Mann - gesetzt wird: „Mit Jod zu schlafen
gab ihr ein Gefühl von Stärke. (...) Er gefiel ihr, daran hatte sie
in letzter Zeit nie mehr Zweifel. Sie schien ihm zu gefallen. Er war unveränderlich.
Er würde nicht morgen zu der Ansicht gelangen, dass sie nicht gut genug
war oder daß er statt dessen jemand anders wollte. Er hatte die Zuverlässigkeit
einer gut gebauten Maschine, die, solange sie funktionierte, das tat, was von
ihr erwartet wurde.“ (S 381) In Bezug auf Monogamie verweist der Text eindeutig
darauf, dass es sich um eine gesellschaftlich konstruierte Verhaltensnorm handelt,
die der Cyborg aus pragmatischen Gründen einzuhalten bereit ist. Diese
Regel im menschlichen Zusammenleben der Gesellschaft Tikvas ist jedoch eine
ebenso erlernte, wie Sexualität erst erlernt werden muss, denn vorerst
bietet er Malkah noch intimen Kontakt an, als er ihr - unmittelbar nach einer
gemeinsamen Nacht mit Shira - in den Morgenstunden begegnet.
In dieser SF werden zentrale Erzählstränge um die Mutterfiguren Malkah
und Riva gebaut, deren Karrieren und persönliche Faszination durch vielfältige
Formen lustbetonter Selbstbestimmung markiert werden. Malkahs Programmierung
garantiert erst den funktionalen Einsatz des Cyborg, den sie zum Entsetzen ihrer
Enkelin Shira ebenso in seinen intimen Details ausprobiert. „Jod war mein
wahrer letzter Liebhaber. Nach ihm würde ich keinen anderen begehren. Ich
hatte ihn geschaffen, alles zu sein, was ich mir wünschte, und jetzt hatte
ich ihn gehen lassen. (S 208f.) Als Sexualpartner wird Jod von der Großmutter
an die Enkelin weitergereicht, was auch die Themenbereiche Inzest und sexuelle
Konkurrenz im Roman berührt, ohne sie erschöpfend auszuführen.
Als Shira entdeckt, dass Malkah es war, die Jod initiierte, gilt ihre Wut allein
Malkah, in der Folge wird dieser Erzählfaden aber nicht mehr aufgenommen,
selbst der Cyborg wird mit der Erkenntnis Shiras nicht konfrontiert. Die Eifersucht
gegenüber ihrer Großmutter unterscheidet sich scheinbar nicht von
einer Eifersucht, die sie einer anderen Frau entgegenbringen würde; im
entsprechenden Streitgespräch zwischen Malkah und Shira wird das verwandtschaftliche
Verhältnis nicht thematisiert.
Riva, die biologische Mutter Shiras, ist eine konzernübergreifend
gesuchte, sich verwandelnde, kriegerische Agentin, Piratin, moderne
Heilige und Lesbe. Sie verkörpert das zukunftsfähige Modell
des/der Cyborg, Menschen mit Implantaten, die als Waffen und
Schutzvorrichtungen fungieren. Ihr Status muss nicht erst mühevoll
geklärt werden, ihre Persönlichkeit ist menschlich, ihre
Loyalität basiert auf rationalem, ideologischem Kalkül und
die gewählten Affinitäten werden ebenso altruistisch
verfolgt, wie eine Maschine den Eingabebefehlen nur gehorchen kann.
Deren zeitweilige Partnerin Nili repräsentiert die Aufhebung
einer binären Geschlechterkonstruktion, verortet in einem
sozialen System, deren Normalität kybernetische Organismen
darstellen. Ganz im Sinne Haraways(2) Geschöpfe der
gesellschaftlichen Wirklichkeit und der Fiktion, „eine Art
zerlegtes und neu zusammengesetztes, postmodernes kollektives und
individuelles Selbst“. In ihrem politischen Ziel der Vernetzung
widerständiger Gruppen wird eine feministische Konstante
personifiziert, die Identitätskonzepte bereits transzendierte
und nach temporären Affinitäten sucht.
Zwangsheterosexualität erscheint in abgeschotteten Enklaven
suspendiert und doch treten besonders an den gesellschaftlichen
Extremen, den Konzernwelten und der Sphäre der Deklassierten,
dem Glop, Zusammenhänge von Macht und Sexualität in
patriarchalen Mustern an die Oberfläche.
Die Sogwirkung dieser Form der Unterhaltungsliteratur resultiert
aus einer Fülle an Entwürfen, die unterschiedliche
Problembereiche skizzieren. Herrschaftsmechanismen werden durch einen
genauen, detailorientierten Blick karikiert, wobei das Negativmodell
in diesen Konstrukten viel eher Gestalt gewinnt als Utopien der
Selbstorganisation und Emanzipation. Gegenentwürfe zu
heterosexistischen, monogamen Beziehungen und Cyborgs wie Nili
agieren am Rand der Erzählung, die handlungstragende
Protagonistin wird in binären Geschlechterrollen verortet. Die
Möglichkeit einer großen Gegenerzählung bleibt
unversucht, eher symbolisieren einzelne Figuren oder
Organisationsweisen Fluchtlinien in einem Szenario permanenter
Bedrohung, das häufig rasche Reaktionen erfordert und autonomen
Kreationen wenig Raum lässt. Manche dieser Romane können
als Zeitdokumente gelesen werden, ein Klassiker dieser Form, Planet
der Habenichtse (Ursula Le Guin) spiegelt die Systemkonkurrenz des
Kalten Krieges wider, die Erzählung um die Schöpfung
künstlichen Lebens, das primär der Verteidigung eines
schutzbedürftigen Kollektivs dient, war für Marge Piercy
Anfang der 90er Jahre adäquate Form der Kritik in einer
postindustriellen Phase des Kapitalismus, dessen Machtzentren
entsprechende Widerstandsoptionen provozieren.
Fußnoten
(1) Zehnter Buchstabe im hebräischen Alphabet und das
werkimmanent erfolgreichste Exemplar in einer Reihe von Cyborgs in
Marge Piercys Er, Sie und Es. Die Autorin verwendet hier einige
Elemente der jüdischer Tradition, darunter Erzählstränge,
deren Figureninventar oder Focus verschoben wird. Der Versuch einer
Modifikation der Geschlechterverhältnisse inkludiert alternative
Geschichten, Frauenrollen werden explizit ins Zentrum gerückt,
so etwa Chava, Enkelin des Rabbi Löw, in der Erzählung über
die Verhältnisse im Prager Ghetto, der Glop in einer Abfolge von
Antisemitismen. Donna Haraway beschreibt ausführlich die
Bedeutung des Schreibens, des Wieder- und Neuerzählens zentraler
Mythen, die Kommunikation neu kodieren, um hierarchische Dualismen
und Identitäten zu verkehren. Piercy bedankt diesen Text (vgl.
2) als „außerordentlich anregend“, eine Realisierung dieser
Anregungen scheint gerade in ihrer Brüchigkeit gelungen. (2)
Donna Haraway, Ein Manifest für Cyborgs, in: Die Neuerfindung
der Natur, Campus 1995.
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