von Lazy S
Andrea
Trumann zeichnet die Bewegungs- und Theoriestränge der neuen deutschen
Frauenbewegung seit den 60er Jahren nach, als der berühmte Tomatenwurf
gegen einen SDS-Funkti eben diesen Männerverein ein wenig aufschreckte.
Abgesehen von ihrer Unter- oder Nicht-Repräsentanz in den
institutionellen Gremien und den Entscheidungs-Schlachten der
revoltierenden Studenten kritisierten Frauen und die entstehende
Bewegung das Postulat bzw. den männlichen Wunschtraum der “sexuellen
Befreiung”. “Einerseits enthielt sie ein Glücksversprechen, weil nun
auch Frauen ein Orgasmus zugestanden werden sollte, andererseits
fühlten sich die Frauen unter Leistungsdruck gesetzt” (41), möglichst
früh mit möglichst vielen Männern einzigartige vaginale Orgasmen zu
erleben. Vaginale (als echte) wurde gegen klitorale Befriedigung
hierarchisiert. Zusätzlich war die Frauensache Verhütung dank
Einführung der Pille auch kein allzu großes Problem mehr und somit
einem Allzeit-bereit-sex zuträglich. Die Kritik an der scheinbar
befreiten aber tatsächlich um nichts weniger männerzentrierten und
leistungsbezogenen Sexualitätskonzeption war auch ein Motiv zur
Formulierung des Wunsches nach einer spezifisch weiblichen Sexualität,
die ein anderes nicht-penetrierendes Lustempfinden in den Vordergrund
stellt, den weiblichen Körper des männlichen Zugriffs und der ständigen
Zurichtung durch Schönheitsideale und Hormonzufuhr entzieht, und
wodurch die alleinige Instanz über die Kontrolle des weiblichen Körpers
die Frau selbst wird.
Womit ich auch bei den roten Fäden
dieses Einführungsbuches zu feministischer Theorie bin: Trumanns
zentrale Diskussionspunkte sind weibliche Selbstbestimmung (über Körper
und Leben) und die daraus sich ergebenden Formen der
Bevölkerungspolitik, anhand deren sie Theorie und Praxis der
Frauenbewegung vom Gleichheits- über den Differenz- bis zum
poststrukturalistisch geprägten Feminismus à la Judith Butler
analysiert. Schwerpunktmäßig konzentriert sie sich auf die
Themenbereiche sexuelle Befreiung, Abtreibungsdebatte,
Selbsterfahrungs- und Untersuchungsgruppen, Projektbewegung,
Institutionalisierung der Frauenbewegung und den Diskurs um
Identitäten. Anhand des sich wandelnden Subjektbegriffs “der Frau” –
wahrgenommen und diskursiv verbreitet durch die Frauenbewegung und
feministische Theorie, wahrgemacht durch die kapitalistische
Vergesellschaftung – zeigt Trumann die ständige Verwobenheit und
Interdependenz zwischen fortschreitendem Kapitalismus und der
Position(ierung) der Frau in demselben.
Selbstbestimmt – autonom – arbeitsfähig
Ihre
Kritik richtet sich gegen den affirmativen, unhinterfragten
(bürgerlichen) Subjektbegriff aller Theoriestränge des Feminismus. Es
werden immer nur die “positiven Seiten” der Subjektwerdung in den
Vordergrund gestellt: der Wunsch nach Handlungsfähigkeit durch die
Möglichkeit selbstbestimmt zu entscheiden, Individualität, die
Anerkennung von Vernunftfähigkeit, formale Gleichheit vor dem Recht,
die Möglichkeit, Verfügungsrechte geltend zu machen usw. Dabei wird nie
berücksichtigt, dass dieser Prozess der Subjektwerdung auch die
Notwendigkeit zur Unterwerfung unter das herrschende Gesetz und
Zurichtung bedeutet. Zwang und Herrschaft gehen in den Prozess der
Subjektwerdung mit ein. Der Subjektstatus besteht in seiner
Janusköpfigkeit aus Handlungsfähigkeit und Unterwerfung. Die praktische
Umsetzung von Emanzipation impliziert ein Arrangement mit den
warenförmigen Verhältnissen durch Anpassung und Integration. Über den
Gleichheitsfeminismus auf Simone de Beauvoir rekurrierend meint
Trumann: “Freiheit, Selbstbestimmung und Autonomie – unhinterfragte
Ziele auch der Autonomen Frauenbewegung werden affirmiert und in keiner
Weise auf den gesellschaftlichen Zusammenhang bezogen, in dem sie
erscheinen (...). Doch diese Freiheit, von der sie spricht und sie
idealistisch verherrlicht, ist nichts anderes als die Freiheit
entscheiden zu können, an wen der zum Arbeitskraftbehälter reduzierte
Mensch seine Arbeitskraft verkaufen muss – oder auf Selbsterhaltung und
Existenzsicherung überhaupt zu verzichten.” (65) Das Subjekt begreift
de Beauvoir nicht als historisches Produkt bürgerlich-kapitalistischer
Vergesellschaftung, sondern als eine dem Menschen innewohnende
natürliche Eigenschaft, dessen Status auch von Frauen zu erkämpfen ist.
Für die Frauenbewegung nach de Beauvoir gilt: “Die
ideologische Vorstellung der Frauenbewegung vom autonomen
selbstbestimmten Subjekt verschleierte nicht nur diese
gesellschaftliche Vermittlung des Einzelnen, sondern stieß zudem einen
Prozess der Internalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse mit an:
Das Verlangen nach einem spezifischen Verhältnis zu sich selbst,
einstmals Vorrecht der Männer, wurde nun von Frauen als ihr ureigenstes
Anliegen entdeckt.” (85) Hier drängt sich mir die Vorstellung auf, dass
Frauen (idealtypisch) “vor ihrer Selbstfindung” keiner kapitalistischen
Vergesellschaftung unterlagen und den Zwang ihrer Lebensverhältnisse
nicht internalisierten, sondern draußen, im Bereich der Privatheit, in
ihrer “eigenen Welt”, in einem dem männlichen Universum
entgegenstehenden Sphäre funktionierten. Aber dieser Gegensatz ist
komplementär und ist gleichzeitig auch Teil der kapitalistischen
Reproduktion und notwendig. Als bürgerliche Subjekte, rechtlich
autonome Staatsbürgerinnen galten Frauen – zumindest bis zur Reform des
Eherechts in den 70er Jahren – nicht. Aber trotz des ehemännlichen
Verfügungsrechts, das auch die Erlaubnis zur Lohnarbeit der Ehefrau
verbriefte, können Frauen nicht außerhalb der
bürgerlich-kapitalistischen Totalität angesiedelt werden. Erstens gab
es schon im 19. Jahrhundert lohnarbeitende Frauen und zweitens
impliziert kapitalistische Vergesellschaftung ja nicht notwendigerweise
das Nachgehen einer Lohnarbeit. Reproduktionstätigkeiten sind genauso
essentiell für die Aufrechterhaltung des Systems: Also auch Frauen
arbeiteten in ihrer spezifisch kapitalistischen Vergesellschaftung als
Reproduktiosverantwortliche am Weiterhanteln der Marktwirtschaft mit.
Außerdem läuft diese Argumentation, Frauen keinen Subjektstatus
zuzusprechen, Gefahr, ihre Rolle als Opfer und personell wie systemisch
Unterdrückte hervorzuheben. Dann findet mensch sie wieder bei den
“unterdrückten Völkern” des Trikonts oder bei ihrer Unschuldigkeit als
Mittäterinnen nationalsozialistischer Verbrechen. Wichtig finde ich
dabei allerdings die spezifisch “weibliche” Mitarbeit am Status Quo
herauszuarbeiten.
"Mein Bauch gehört mir"
Abgesehen
von der angestrebten Arbeitsmarktintegration, der Subjektwerdung der
Frau durch deren Anerkennung als Staatsbürgerin und Arbeiterin, war die
Kontrolle über die eigene Gebärfähigkeit ein wesentlicher
Forderungspunkt der neuen Frauenbewegung. “Die Subjektwerdung der Frau
hat nicht zu einer Angleichung an die Männer, sondern zu der
Entwicklung einer spezifisch weiblichen Subjektivität geführt. Die
Frauen richten sich zwar jetzt auch zu Arbeitskraftbehältern her,
disziplinieren und kontrollieren aber auch ihre spezifische, als
weiblich gedachte Natur – ihre Gebärfähigkeit und zwar im Sinne
staatlicher Bevölkerungspolitik”. (11) Das Selbstbestimmungsrecht der
Frau, wann und ob sie Kinder gebären und aufziehen will, wird als
Möglichkeit zur individuellen autonomen Entscheidung erklärt. Dabei
wurde nicht reflektiert, dass es so etwas wie individuelle
Entscheidungsfreiheit heutzutage gar nicht geben kann, weil
Entscheidungen immer auf Grund von gesellschaftlichen
Reproduktionsbedingungen (§144, Kindergeld, Kindergartenplätze)
getroffen werden. Die weibliche Selbstbestimmung stellt in diesem
Zusammenhang eine “inhaltsleere Form” dar, die der “patriarchalen
Fremdbestimmung” entgegengesetzt wird. Trumann behauptet, dass diese
staatlich-patriarchale Fremdbestimmung über gesellschaftliche
Reproduktion durch individuelle (weibliche) Reproduktionsfähigkeit von
den Frauen nur verinnerlicht wurde: “Die Frauenbewegung hat viel dazu
beigetragen, dass die bevölkerungspolitischen Ziele des Staates heute
nicht mehr repressiv durchgesetzt werden müssen, weil die Frauen selbst
sich diese zu eigen gemacht haben: Die Frauen haben die
Bevölkerungspolitik in die eigenen Hände genommen.” (12) Sie
entscheiden selbstbestimmt, wann sie wie viele Kinder haben wollen,
dass sie gesunde Kinder haben wollen und machen somit das
gesellschaftlich Erwünschte. Statt Repression wirken nun
Kontrollmechanismen (staatliche), die individualisierend wirken und
Disziplinierung und Entscheidungsmacht der Frau überantworten.
Feministische Modernisierung des Kapitalismus?
Insgesamt
scheint Trumann feministische Theoriebildung als Anpassungsprozess an
reale kapitalistische Bedingungen zu begreifen: Die Analysen des
Geschlechterverhältnisses sowie Forderungen der Frauenbewegung laufen
simultan zur Veränderung von Produktionsbedingungen. Der
Gleichheitsfeminismus schreit nach mehr und gleichbezahlter Lohnarbeit
für Frauen (immer noch nicht erfüllt), wenn die kapitalistische
Reproduktion ohnehin mehr Arbeitskräfte benötigt; der
Differenzfeminismus unterstreicht das Selbstbestimmungsrecht der Frau
über ihre Reproduktionsfähigkeit, als sich die staatliche
Bevölkerungspolitik von einer repressiven in eine mitbestimmende
verwandelt; und Judith Butler dekonstruiert Geschlechtsidentitäten und
konstruiert die “flexibilisierte Sstaatsbürgerin” (172) mit ihrer
Theorie der Performativität neu, während die Gentechnologie auch mit
gentechnischen Verfahren an der Entstehung des “perfekten Kindes”
bastelt, “das sich im Konkurrenzkampf am besten durchsetzen kann”
(171). Auch wenn Trumann im Vorwort verneint, die Frauenbewegung als
Modernisierungsbewegung kapitalistischer Verhältnisse zu begreifen,
bleibt dieser Eindruck im Verlaufe des Buches bestehen. Das Fehlen der
Auseinandersetzung mit staats- und kapitalismuskritischen Theorien
durch die Frauenbewegung lässt sie zu folgender Schlussfolgerung
kommen: “Nicht zuletzt deshalb war die Frauenbewegung trotz ihres
kritischen Potentials nicht mal in der Theoriebildung ein Ort von
Emanzipation und Befreiung, sondern affirmierte die gesellschaftlichen
Verhältnisse, die sie – vermittelt durch den Druck der Anpassung an die
herrschende Ordnung – oft genug sogar zu optimieren half.” (12)
Andrea Trumann
Feministische Theorie
Frauenbewegung und weibliche Subjektbildung im Spätkapitalismus
Schmetterling Verlag
Erschienen in der Reihe theorie.org () |