Von Stephan Grigat
Peter Decker / Konrad Hecker: Das Proletariat. Die große Karriere der
lohnabhängigen Klasse kommt an ihr gerechtes Ende. München 2002, Gegenstandpunkt,
280 Seiten, 20 Euro
Ein Buch, das zur Pflichtlektüre für alle Leninisten und sonstige
Freunde der Arbeiterklasse werden sollte. Decker und Hecker zeichnen den Weg
der zunächst mal gar nicht revolutionären Klasse vom Manchester-Kapitalismus
des 19. Jahrhunderts über die sozialstaatliche Integration bis zur geradezu
debilen Anpassung an die Bedürfnisse von Staat, Nation und Kapital nach.
Sie kritisieren das demokratische Recht aufs Mitmachen und erklären allen
Linken, die in jeder auch noch so bescheuerten Nörgelei der abhängig
Beschäftigten einen Ausdruck potentiell revolutionären Bewußtseins
entdecken, „warum Kommunisten das Proletariat so wenig leiden können,
dass sie nicht zuletzt deswegen gleich den ganzen Kapitalismus abschaffen wollen.“
Daß die Autoren dabei nicht ohne Seitenhiebe auf eine an Adorno orientierte
negativ-dialektische Kritik am Verblendungszusammenhang bürgerlicher Vergesellschaftung
auskommen, kennt man aus anderen Publikationen des Gegenstandpunkt-Verlags.
Dass sie bei ihrer Darstellung selbst dann nicht auf den Antisemitismus zu sprechen
kommen, wenn sie über den faschistischen Arbeitskult schreiben, zeigt,
dass auch ein antileninistischer Marxismus nicht vor Ignoranz schützt.
Alex Demirovic / Manuela Bojadzijev (Hg.): Konjunkturen des Rassismus. Münster
2002, Westfälisches Dampfboot, 330 Seiten, 24,80 Euro
Die Herausgeber dieses Sammelbandes versuchen schon im Vorwort, Kritik des
Rassismus und Kritik des Antisemitismus gegeneinander auszuspielen, indem sie
die Differenz zwischen Rassismus und Antisemitismus einebnen. Sie entwickeln
von beidem keinen vernünftigen Begriff. Das führt in der Konsequenz
zu einer Negierung der Besonderheit der antisemitischen Verfolgungspraxis im
Nationalsozialismus und zu einer Verharmlosung von migrantischem Antisemitismus
in der heutigen BRD. In den Beiträgen des Sammelbandes finden sich dann
die obligatorischen akademischen Fingerübungen zu „diskurstaktischen
Problemen“, „Dispositiven“, „diskurstheoretischen Annäherungen“
und „zivilgesellschaftlichem Engagement“. In einigen Aufsätzen
findet sich dennoch Brauchbares. Eva Kreisky beispielsweise arbeitet in ihrem
Beitrag zwar mit dem wenig erhellenden Begriff des „Rechtspopulismus“,
liefert aber eine beeindruckende Auflistung jener Projekte und Maßnahmen,
welche die schwarz-blaue Koalition in den letzten zwei Jahren durchgesetzt hat.
Matthias Küntzel: Djihad und Judenhaß. Über den neuen antijüdischen
Krieg. Freiburg 2002, ca ira, 200 Seiten, 13 Euro
Küntzel beschreibt die Frühgeschichte des Islamismus anhand der ägyptischen
Muslimbrüder und analysiert die historischen und gegenwärtigen Bündnisse
zwischen arabischen Antisemiten und deutschen Nazis. Er skizziert den Siegeszug
eines eliminatorischen Judenhasses in der palästinensischen Gesellschaft
und weist akribisch nach, daß die Anschläge vom 11. September der
bisher radikalste Ausdruck eines weltweit intensivierten Djihadismus waren,
der - schlimm genug, daß man das immer wieder betonen muß - nicht
einmal im entferntesten etwas mit emanzipatorischer Kritik zu tun hat, sondern
ein Programm des antisemitischen Vernichtungswahns darstellt. Während große
Teile der Linken die islamistischen Attentate schon dadurch verharmlosen, daß
sie mittels atemberaubender Interpretationen in ihnen immer auch einen irgendwie
fehlgeleiteten Protest gegen Ausbeutung und Unterdrückung glauben erkennen
zu können, nimmt Küntzel die Aussagen der Djihadisten ernst und braucht
daher keinerlei Interpretationskünste aufzubieten, um die Zerstörung
des World Trade Centers, die Ermordung von fast 3000 Zivilisten, die beabsichtigte
Tötung von 250.000 Menschen und sämtliche von der islamistischen Internationale
nachgelieferten Begründungen als tatkräftigen Antisemitismus zu charakterisieren.
Ob eine antifaschistische Linke bereit ist, aus der Beschäftigung mit dem
Islamismus Konsequenzen zu ziehen, oder ob sie weiterhin jede Kritik am dominierenden
politischen Islam als Rassismus diskreditiert (und dabei so tun muß, als
wären jene Menschen in den arabischen Gesellschaften, die der islamistischen
Barbarei nichts abgewinnen können, vom Tugendterror und vom mordenden Ressentiment
der klerikalfaschistischen Rackets gar nicht betroffen), wird sich auch an der
Rezeption dieses Buches zeigen. |