|
Nach der "Entstehung der faschistischen Ideologie" (1999) ist nun
erstmals Zeev Sternhells „Faschistische Ideologie“ (im Original: „Fascist
Ideology“) in ihrer deutschen Übersetzung erschienen.
Von Mary Kreutzer
Sternhell beschäftigt sich dabei bewusst nur mit der Ideologie des Faschismus
und nicht mit dem Faschismus als Herrschaftssystem. Auch der deutsche und österreichische
Nationalsozialismus wird nur am Rande gestreift, da Sternhell diesen für
eine Sonderform des Faschismus hält, die nicht nur quantitativ, sondern
auch qualitativ etwas eigenes darstellt.
Sternhell beschäftigt sich in seiner Studie vor allem mit dem italienischen
und französischen Faschismus, sowie den Beiträgen (ehemaliger) Linker
zur Entstehung der faschistischen Ideologie.
Er beschreibt die Rolle von (ehemaligen) Radikalen Sozialisten und Anarchosyndikalisten
wie Georges Sorel oder Roberto Michels, die ohne Umweg über die "politische
Mitte" von der radikalen Linken zur radikalen Rechten wanderten. Ohne den
Beitrag dieser aus der radikalen Linken stammenden Ideologen wäre der Faschismus
als neuartige Bewegung nicht möglich gewesen.
Der "revolutionäre" Faschismus übernahm viele Denkmuster
des Marxismus und Anarchismus, sah das revolutionäre Subjekt aber nicht
mehr im Proletariat, sondern in der Nation, sah die Welt in einem globalen Kampf
zwischen "proletarischen Nationen" und "bourgeoisen Nationen"
und sah in der Expansion Italiens einen "Kolonialismus einer proletarischen
Nation". Von der anarchistischen und marxistischen Rebellion blieb nur
noch die Gewalt. Den ehemals anarchistischen, anarchosyndikalistischen und marxistischen
Faschisten blieb der Wunsch zur Revolte erhalten, eine Revolte, die sich in
ihren Zielen aber änderte. Propagierten diese späteren Proponenten
des Faschismus erst einen sehr praktizistischen aktionistischen Kampf gegen
die Bourgeausie, so richtete sich dieses Feindbild schnell gegen andere Personengruppen.
Nirgendwo waren sich Protest und Pogrom näher als hier und nirgendwo in
der Geschichte zeigte sich die Gefährlichkeit verkürzter Kapitalismuskritik
deutlicher als im nahtlosen Wechsel antibürgerlicher, antiliberaler und
antiparlamentarischer Linker zu antibürgerlichen, antiliberalen und antiparlamentarischen
Faschisten in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg.
Nach 1945 war es lange Zeit unmöglich, in der Linken den Faschismus nicht
nach der Dimitroffschen Le/e/h/rformel zu analysieren, sondern als eigenständiges
Phänomen zu verstehen. Noch unmöglicher war es, den aus der Linken
stammenden Anteil an Ideologie, verkürzter Kapitalismuskritik und männlicher
Militanzverherrlichung zu thematisieren, der den historischen Faschismus mitprägte.
Auf diese Aspekte der faschistischen Ideengeschichte hingewiesen zu haben bleibt
vielleicht der wichtigste Aspekt dieser schon vor einem Viertel Jahrhundert
auf Englisch erschienenen Arbeit.
Es ist erschreckend, wie kurz dieser Weg von der radikalen Linken zum Faschismus
war und auch heute noch ist. Was Sternhell für den historischen Faschismus
herausarbeitet, hat durchaus auch seine Entsprechungen im Zusammenwachsen der
nationalrevolutionären und nationalbolschewistischen Szene nach 1945, wodurch
„Faschistische Ideologie“ nicht nur zum historisch interessanten Werk
wird, sondern auch eine nicht zu unterschätzende Aktualität besitzt.
Insbesondere für die Debatte über den Antisemitismus in der Linken,
die verkürzte Kapitalismuskritik der Antiglobalisierungsbewegung oder den
völkisch gewandelten Antiimperialismus à la AIK oder RKL ist die
Beschäftigung mit den linken Anteilen an der Entstehung des historischen
Faschismus unumgänglich.
Faschistische Ideologie. Eine Einführung.
Berlin, 2002. 128 S.
Verbrecher Verlag
Politisches Buch
ISBN-Nr. 3-935843-02-X
Preis: EUR 12,30 |