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Ein Jahr ist es her, dass die schrecklichen Bilder des Anschlags auf das World
Trade Center in New York live in den Fernsehanstalten der Welt übertragen
wurden, dass wir in Echtzeit miterleben durften wie Menschen aus den oberen
Stockwerken des WTC in den Tod sprangen und schließlich allesamt, inklusive
der Rettungsmannschaften unter den einstürzenden Trümmern der Twin-Towers
begraben wurden.
von Thomas Schmidinger
In der Linken wurde in der Folge der 11. September sehr unterschiedlich rezipiert.
Während diverse MaoistInnen, AntiimperialistInnen oder IslamistInnen im
Cafe Dogma in Wien, auf den Straßen von Nablus oder bei einer Party in
Guatemala Ciudad bereits am Abend des 11. Septembers die Ereignisse feierten,
setzte in der antinationalen und antideutschen Linken eine rege Debatte über
den antisemitischen Charakter der Anschäge und schließlich über
die Legitimität eines militärischen Einschreitens gegen die Taliban
ein. Während sich große Teile der Linken de facto zu einer Verteidigung
der Taliban gegen die US-Militärintervention entschlossen, gibt es heute
nach dem Sturz der Taliban kaum einen Afghanen und noch weniger eine Afghanin,
die nicht froh wäre, dass diese wüstesten Gestalten des islamischen
Integralismus, die in ihrer Rückständigkeit, ihrem Frauenhass, ihrer
Homophobie und ihrem religiösen Wahn jede bis dahin gekannte Form des politischen
Islam - sei es nun das Regime im Iran, die Hizb Allah, die algerische FIS oder
die Muslim Brüder - in den Schatten stellten, endlich von der Macht vertrieben
wurden. Auch wenn Afghanistan heute noch weit davon entfernt ist eine Demokratie
zu sein die auch nur annähernd für die Sicherheit und das wirtschaftliche
Überleben seiner BewohnerInnen garantieren kann, so gibt es doch über
den harten Kern der Taliban hinaus kaum jemanden, der den alten Machthabern
nachtrauern würde. Es wäre aber zugleich verfehlt zu glauben, dass
damit in Afghanistan alles in Ordnung wäre und die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit
anderen Gegenden zugewendet werden könnte.
Das Land ist mittlerweile wieder unter verschiedenen Warlords aufgeteilt.
Die Frauenorganisation RAWA (Revolutionary Association of the Women of Afghanistan),
die unter der Herrschaft der Taliban ein Netz illegaler Frauenschulen aufgebaut
hatte und unter widrigsten Umständen für die Rechte der afghanischen
Frauen kämpfte, berichtet davon, dass die Situation der afghanischen Frauen
auch unter der Herrschaft der ehemaligen Nordallianz alles andere als befriedigend
ist. Auch wenn Mädchen heute wieder zur Schule gehen dürfen, weigern
sich die ehemaligen Mujahedin die Sharia wieder abzuschaffen und durch ein säkulares
Recht zu ersetzen. Bereits kurz nach seiner Amtsübernahme erklärte
der erste Justizminister nach den Taliban, dass auch unter der neuen Regierung
Frauen bei Ehebruch gesteinigt würden, „aber wir werden kleinere Steine
nehmen als die Taliban.“
Über die Frage wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass sich
ein Regime wie die Taliban in Afghanistan etablieren und zum Unterschlupf für
Usama bin Ladin werden konnte, sind seit dem 11. September aber auch außerhalb
der Linken eine Reihe von Büchern erschienen. Wurde zuvor schon jahrelang
kein deutschsprachiges Buch mehr über Afghanistan herausgebracht, so sprießen
seit dem 11. September die Bücher über Afghanistan, die Taliban und
den „islamsichen Fundamentalismus“ nur so aus den Verlagsböden.
Das dabei publizierte Spektrum reicht von Abenteuer-Action-Büchern wie
Tom Carews „In den Schluchten der Taliban“ oder der Wiederaufwärmung
von Alice Schwarzers feministischer Islamfeindlichkeit in „Die Gotteskrieger
und die falsche Toleranz“ bis zu seriösen Büchern denen man anmerkt,
daß sie auch ohne das spektakuläre Medienereignis des 11. Septembers
geschrieben, aber vermutlich nicht publiziert, werden hätten können.
Insbesondere die Bücher des pakistanischen Journalisten Ahmed Rashid,
der sich jahrelang mit Afghanistan beschäftigt hat und auch mehrmals Gespräche
mit hohen Funktionären der Taliban geführt hat, sind hier von hohem
Informationswert. Sein erstes ins Deutsche übersetzte Buch „Taliban“
war für den Verlag so erfolgreich, dass gleich auch noch sein Buch über
die exsowjetischen Republiken Zentralasiens übersetzt und mit einem Umschlag
versehen wurde, der suggeriert es ginge dabei primär um Afghanistan, das
im Buchinneren jedoch nur als Nachbarstaat der beschriebenen Region vorkommt.
Wie immer sind auch die im Konkret-Verlag erschienenen Analysen zum 11. September
interessant, wenn sie sich auch mehr mit der Rolle Deutschlands in den Auseinandersetzungen
die auf den 11. September folgten beschäftigen, als mit den Taliban und
Usama bin Ladin selbst. In der Debatte zum 11. September und dem folgenden Krieg
gegen die Taliban kam aber dieser Blickwinkel auf die Rolle Europas in dieser
Auseinandersetzung sowieso oft viel zu kurz.
Eine positive Überraschung stellte für mich das Buch „Die Verbotene
Wahrheit“ der französischen Wirtschaftsjournalisten Jean-Charles Brisard
und Guillaume Desquié dar. Was aufgrund des Titels, der Umschlaggestaltung
und des Untertitels „Die Verstrickungen der USA mit Osama bin Laden“
wie eine krude Verschwörungstheorie klingt, entpuppt sich beim Lesen als
penible Recherche der wirtschaftlichen Verbindungen des Bin Ladin-Clans mit
der wirtschaftlichen und politischen Elite Saudi-Arabiens und einer Reihe von
US-Firmen. Die Autoren schließen daraus nicht auf eine Verschwörungstheorie
um den 11. September, sondern weisen vielmehr darauf hin, dass Bin Ladin bei
weitem nicht nur der international isolierte Terrorist ist, als der er seit
dem 11. September stilisiert wird, sondern eng mit dem „islamischen Kapital“
Saudi-Arabiens, Pakistans und des Sudans verbunden war und vielleicht heute
noch ist. Auch auf die langwierigen Versuche westlicher Geheimdienste die entgleitenden
Taliban wieder auf Linie zu bringen wird ausführlich eingegangen.
Hervorzuheben ist auch das Buch des französischen Islamwissenschafters
und Professors am Institut d`Etudes Politique in Paris Gilles Kepel, der bereits
Mitte der Neunzigerjahre einer der führenden französischen Experten
zu den Fragen des islamischen Integralismus war und insbesondere mit seinem
Buch über den Islamischen Integralismus in Ägypten in der Fachwelt
für Aufsehen sorgte. In seinem „Schwarzbuch des Dschihad“ entwickelt
er die These, dass weltweit agierende extrem terroristische Gruppen wie die
al-Qaida eher ein Zerfallsprodukt, ein Zeichen des Niedergangs des islamischen
Integralismus wären, als ein Hinweis auf dessen Erfolg. Erst als sich offensichtlich
abzeichnete, dass der islamische Integralismus mit Ausnahme einiger regionaler
Kriegsschauplätze wie in den Besetzten Gebieten Israels oder in Kaschmir
keine Massen mehr für sich begeistern konnte und die an der Macht befindlichen
islamistischen Regime in jeder Hinsicht versagten, führte dies – so
die These Kepels - zur Herausbildung solcher extrem klandestiner terroristischer
Gruppen wie der al-Qaida.
Auch ein Jahr nach dem 11. September bleibt hier noch genug Diskussionsstoff
erhalten. Zusammengefasst wurden die Diskussionen in der antinationalen Linken
auch auf dem Kongress der Jungle World in Berlin, der zum Jahrestag des Anschlages
stattfand und dessen Referate nun in einem Tagungsband im Verbrecher Verlag
erschienen sind. Interessierte LeserInnen dürfen auf weitere Publikationen
gespannt sein.
Ahmed Rashid: Taliban; Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad, Droemer,
2001
Preis: ¤ 19,90
Ahmed Rashid: Heiliger Krieg am Hindukusch; Der Kampf um Macht und Glauben
in Zentralasien, Droemer, 2002
Preis: ¤ 19,90
Roland Jacquard: Die Akte Osama Bin Laden; Das geheime Dossier über den
meistgesuchten Terroristen der Welt, List, 2001
Preis: ¤ 22.-
Silvia Berger, Dieter Kläy, Albert A.Stahel: Afghanistan – ein Land
am Scheideweg; Im Spiegel der aktuellen Ereignisse, vdf Hochschulverlag AG an
der ETH Zürich, 2002
Preis: ¤ 33,60
Michael Pohly, Khalid Duran: Nach den Taliban; Afghanistan zwischen internationalen
Machtinteressen und demokratischer Erneuerung, Ullstein Taschenbuch, 2002
Preis: ¤ 6,95
Jean-Charles Brisard, Guillaume Dasquié: Die verbotene Wahrheit; Die
Verstrickungen der USA mit Osame bin Laden, Pendo, 2002
Preis: ¤ 18,90
Jürgen Elsässer (Hg.): Deutschland führt Krieg; Seti dem 11.
September wird zurückgeschossen, Konkret texte 32, 2002
Preis: ¤ 16,80
Winfried Wolf: Afghanistan; der Krieg und die neue Weltordnung, Konkret Literatur
Verlag, 2002
Preis: ¤ 15.-
Oliver Tolmein: Vom deutschen Herbst zum 11. September; Die RAF, der Terrorismus
und der Staat, Konkret Literatur Verlag, 2002
Preis: ¤ 16,50
Gilles Kepel: Das Schwarzbuch des Dschihad; Aufstieg und Niedergang des Islamismus,
Piper, 2002
Preis: ¤ 29,90
Gilles Kepel: Zwischen Kairo und Kabul; Eine Orient-Reise in den Zeiten des
Dschihad, Piper, 2002
Preis: ¤ 12.-
Redaktion Jungle World: (Hg.): Elfter September Nulleins; Die Anschläge,
Ursachen und Folgen, Ein Kongress-Reader, Verbrecher Verlag, 2002
Preis: ¤ 14.- |