Sammelbände sind selten Bücher, die frau als Gesamtes empfehlen kann.
So auch ein neuer Band über Geschlechterkonstruktionen in verschiedenen
Formen des Erinnerns an den Nationalsozialismus, der neben guten Beiträgen
auch einiges an Schund enthält.
von Mary Kreutzer
Ich lese und staune: „Das jüdische Gedächtnis“ sei ein
„männliches [kursiv im Original] und die Art des Gedenkens und des
Erinnerns an die Shoah habe der israelischen Gesellschaft der Maskulinisierung
der israelischen Subjektivität aber auch des israelischen Gedächtnisses
in die Hände gespielt.“(99) Ronit Lentin, israelische Soziologin und
Aktivistin der "israelischen und palästinensichen Frauenfriedensbewegung"(420)
führt in ihrem Beitrag "Das Geschlecht des Schweigens. Israelischer
Zionismus und die Shoah" aus, wie die "Gegen-Geschichten (Counternarratives“)(95)
beim Aufbau Israels "zum Schweigen gebracht wurden". Das zionistische
Narrativ, indem es sich selbst als "maskulin" und die jüdische
Diaspora als "feminin" konstruierte, habe die Überlebenden
zum Schweigen gebracht und sie diskursiv von der Geschichte der israelischen
Nation distanziert.(99) "(...) und die Shoah kehrt stets dann als (p)re-skriptives
existentielles politisches Narrativ zurück, wenn sich das israelisch-jüdische
Kollektiv gefährdet glaubt, etwa durch die zweite Intifada von 2000/2001,
die hart unterdrückt wurde."(99) Lenit bemüht in der folge auch
noch holocaustverharmlosenden Vergleiche und spricht von der „Nakba, die
palästinensische >Shoah<“(106), von der Shoah, als „Rechtfertigung
für die anhaltende Besetzung“ und landet bei ihrem Resümee schließlich
beim „>Auschwitz-Code<, der bis heute evoziert wird, sobald sich
Israelis bedroht fühlen oder die Exzesse der Besetzung rechtfertigen wollen,
zuletzt bei der >Al Aksa-Intifada< von 2000/2001.“(111)
Wenn auch in anderen Beiträgen des vorliegenden Sammelbandes noch vereinzelt
totalitarismustheoretische Vergleiche - etwa bei Jolande Withuis´ „Die
verlorene Unschuld des Gedächtnisses“, in dem sie Gulags als Doppelgänger
der nationalsozialistischen KZs diesen gleichsetzt(78) – vorkommen, so
ist „Gedächtnis und Geschlecht“ insgesamt doch eine Empfehlung
wert. Achtzehn Beiträge beschäftigen sich unterteilt in vier Kapitel
(Verleugnungen/ Sakrali-sierungen/ Sexualisierungen/ Verschiebungen) mit Geschlechterkonstruktionen
und -ideologien, die verschiedene Formen des Erinnerns, etwa Denkmäler,
Filme, Autobiografien und Gedenkfeiern, konstituieren.
Christl Wickerts Beitrag „Tabu Lagerbordell. Vom Umgang mit der Zwangsprostitution
nach 1945“(43-58) thematisiert den lange Zeit von Männern dominierten
Diskurs über Lagerbordelle und das Ignorieren früher Berichte KZ-Überlebender
bzw. die juristische oder historische Nicht-Bearbeitung. Über „Rhetoriken
der Pornografisierung“ und deren Funktion in der Darstellung der Geschichte
der Opfer als auch der Täter des Nationalsozialismus schreibt Silke Wenk
(269–291). Contstanze Jaiser´s „Christliche Legenden der Versöhnung.
Edith Stein, Maximilian Kolbe und die Rabensbrücker Ordensschwestern“
(137–162) beschreibt sehr kirchen-kritisch die Heiligsprechung des schlechthin
Sinnlosen, hinterlässt bei der Leserin jedoch den Anschein, sich mit Antisemitismus
im besonderen nicht beschäftigt zu haben. Jedoch sind ihre Beispiele für
christliche Heiligenlegenden und deren Vorstellungen des Martyriums, d.h. eines
„Blutzeugisses für Christus“, etwa im Falle Pater Maximilian
Kolbes, der als „Märtyrer der Versöhnung“ zwischen der deutschen
Tätergesellschaft und den polnischen Verfolgten dienen sollte, sehr spannend
zu lesen. Julia Duesterbergs Beitrag (227-243) skizziert anhand des Beispiels
der KZ-Aufseherin Dorothea Binz die Stereotypisierung von NS-Täterinnen
(abwechselnd als Verführte, triebhaft agierende Bestien, Inbegriffe „verkehrter
Weiblichkeit“ und devianter Natur) und damit die Entlastung derselben als
selbsverantwortliche Subjekte, die Entscheidungen trafen, für die sie verantwortlich
sind. „Tausende der minderbelasteten ehemaligen KZ-Aufseherinnen gliederten
sich nach Rückkehr, Freispruch oder Amnestie wieder in die Gesellschaft
ein und – schwiegen. Sie wurden wieder zu dem, was sie gewesen waren –
ganz normale Frauen.“ (242)
Gedächtnis und Geschlecht. Deutungsmuster in Darstellungen des nationalsozialistischen
Genozids. Hg. von Insa Eschebach, Sigrid Jacobeit und Silke Wenk. 426 Seiten,
Campus Verlag, Frankfurt, New York 2002 ¤ 30,80 |