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Islamistischer Terror in Mosul |
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In der Printversion von Context XXI ist leider die Fußnote 3 entschwunden, wir entschuldigen uns beim Autor! [die Red.]
Zur aktuellen Situation von Yeziden im Irak
Ein Aufenthalt in Mosul im Oktober 2004 gewährte mir Einblicke in die
Situation von religiösen und ethnischen Minderheiten und deren
Terrorisierung durch Radikal-Islamisten und hinterließ einen zutiefst
pessimistischen Eindruck. Von Mirza Dinnayi
Ich kann die verzweifelten Gesichtsausdrücke der
Mosulis nicht vergessen, die unter Tags ängstlich durch die Straßen
eilen und nur das Dringenste in der Stadt erledigen. Spätestens am
Abend sind dann alle in den eigenen vier Wänden, das Stadtzentrum wirkt
um diese Zeit gespenstisch leer. Trifft man auf den menschenverlassenen
Straßen dann auf seltsam maskierte Soldaten und Polizisten, fühlt man
sich nicht unbedingt sicherer. Die Sicherheitskräfte in Krisengebieten
wie Mosul maskieren sich tatsächlich, denn die Angst vor den
islamistischen Terroristen ist groß. Außer dem Irak gibt es wohl kaum
ein Land, in dem sich die Exekutive vor den Kriminellen versteckt und
fürchtet.
Ein weiteres prägendes Bild dieser Metropole,
immerhin die zweitgrößte Stadt im Irak, sind die fast ausnahmslos
kopftuchtragenden Frauen und ihre bärtigen Männer. Nicht alle sind
religiös, nicht alle sind Muslime, doch die Situation zwingt die
Menschen ihre Identität hinter islamischen Symbolen zu verbergen. Auch
mein nicht-muslimischer Bodyguard hatte seinen Bart wachsen lassen um
sich, und angeblich auch mich, vor einer möglichen Entführung oder
einem Attentat zu schützen.
Vor der Universität nehmen wir uns ein Taxi, der
Fahrer schiebt sofort eine Kassette in den Recorder und wir werden
gezwungen "Lesen des Quaran" in voller Lautstärke zu hören.. Ich nutze
meine "europäischen Kundenrechte" und fordere ihn auf, diese blöde
Kassette auszuschalten. Zu unserer Überraschung teilt uns daraufhin der
Taxifahrer erleichtert mit, dass er Christ sei, doch Angst vor meinem
bärtigen Bodyguard hatte. "Ich dachte er sei ein Islamist und bevor er
mich mit Fragen nach meiner Religions- oder Volkszugehörigkeit in
Schwierigkeiten brachte, schielt ich lieber gleich die "Musik" ein, die
ich immer im Auto habe. Man weiß ja nie..." Ohne dieser
Quaran-Kassette, die ihn als braven Muslim ausweise, wäre es nicht
möglich gewesen, in Mosul, die seit einem Jahr zur "Allah-Stadt"
mutiert ist, zu arbeiten.
In den zwei Jahren nach der Befreiung von der
Herrschaft des Ba’th-Regimes sind die Minderheiten, die unter Saddams
Repressionsapparat massiv litten, wiederum Opfer von Terroristen
geworden. Durch das Fehlen von Sicherheit und einer gewissen
Stabiltität im Land haben die Islamisten ein leichtes Spiel bei der
Verbreitung von Angst und Terror.
Die multikulturelle Provinz Mosul, seit
Jahrtausenden Wohngebiet unterschiedlicher Volks- und
Religionsgemeinschaften, ist heute immer mehr Aufmarschgebiet für
radikal-islamistische, in erster Linie wahabitische Gruppierungen,
deren Jihad-Ideologie jener Al-Qaida´s nahesteht. Der Kern ihrer
Ideologie ist schnell erklärt: Jeder, der nicht
sunnitisch-wahabitischer Muslim ist, ist ein Feind Gottes. Gläubige
wiederum sind verpflichtet, jeden Feind Gottes zu töten, selbst unter
Verlust des eigenen Lebens.
Nach dem Machtverlust der arabisch-nationalistischen
Ba’th-Partei und sunnitischer Gruppierungen im Irak folgten die ersten
freien Wahlen. All dies geschah vor den Augen der diktatorischen
Nachbarregime u.a. Syriens und des Irans, die zurecht einen
Dominoeffekt fürchten und nun gemeinsam mit den entmachteten Ba’thisten
und sunnitischen Gruppierungen sowie islamistischen Kämpfern aus aller
Welt das Land destabilisieren und im Chaos versinken lassen wollen. In
ihrem unerbitterlichen Krieg gegen einen demokratischen Irak, in dem
alle Bevölkerungsgruppen gleichberechtigt leben können, stehen
Attentate und Angriffe auf Minderheiten mittlerweile auf der
Tagesordnung.
Unter diesen Minderheiten sind Yeziden(1) in
besonderem Ausmaß betroffen, die Repression und Verfolgung gegen
Mitglieder dieser Gemeinschaft hat mittlerweile dramatische Ausmaße
angenommen. Folgende Ereignisse wurden allein im Jahr 2004 von
verschiedenen Medien dokumentiert(2):
Am 8. März 2004 wurde das Trinkwasser der
yezidischen Khanik-Gemeinde in der Provinz Duhok von unbekannten Tätern
vergiftet. Ein paar Tage zuvor waren anti-yezidische Flugzettel in den
Straßen Mosuls aufgefunden worden. Mit dem altbekannten Vorwurf, dass
Yeziden "Teufelsanbeter" seien, wurde darin die Bevölkerung zu deren
Vernichtung aufgerufen. Ein Arzt kam an den Folgen der Vergiftung ums
Leben und mehr als 300 Menschen mit Vergiftungssymptomen suchten
Arztpraxen, Krankenhäuser und Gesundheitsbehörden auf. Die kurdische
Regionalregierung der Kurdischen Demokratischen Partei (KDP) unterließ
jegliche Nachforschungen, es gab keinen Polizeibericht - obwohl einige
AugenzeugInnen Unbekannte in einem roten VW in der Nähe des Tatorts
sichteten - und schlussendlich verharmloste und bagatellisierte
man den Vorfall.
Am 23. August 2004 wurden zwei Yeziden namens Shakir
Jangir (48 Jahre alt) und Shukri Ali (50 Jahre alt) von Islamisten in
Mosul ermordet. Beide waren Händler, die seit mehreren Jahren in Mosul
Geschäfte betrieben. Die Täter hinterließen einen Brief und teilten das
Motiv für die Morde mit: "Sie waren ungläubige Gottesfeinde". Nach
diesem Ereignis verließen sämtliche Yeziden, die in einer exponierten
Stellung arbeiteten, sowie Ärzte, Geschäftsleute, Hochschullehrer und
Angestellte, ihre Dienststellen, Praxen und Geschäfte in Mosul.
Am 26. August 2004 wurde ein junger Mann Namens
Qasim Khalaf in Mosul ermordet. Mit derselben Begründung: "Er war
Yezide".
Am 23. September 2004 verbreiteten Islamisten in
Mosul einen Aufruf an alle Frauen, egal ob muslimisch oder
nicht-muslimisch, der sie unter der Morddrohung dazu zwang, ab sofort
das Kopftuch zu tragen. Es folgte ein Aufruf an sämtliche yezidische
und christliche StudentInnen die Universität Mosul zu verlassen. Mehr
als 600 yezidische StudentInnen wurden damit gezwungen zu Hause zu
bleiben. Die Assyrische Studenten-Gemeinde veröffentlichte mehrere
Erklärungen zu dieser Einschüchterung und Bedrohung ihrer Mitglieder.
Doch das änderte an der Situation nichts. Bis heute wagten es weniger
als 20 % der Yeziden auf die Universität Mosul zurückzukehren.
Am 30. November 2004 überquerte eine Gruppe von
Reisenden, Yeziden aus Singar, den Tigris mit einem Miet-Boot. Dabei
ertranken 36 Menschen, doch da es nur "wertlose Yeziden" waren, konnte
eine Untersuchung dieses Vorfalls durch die kurdischen Behörden nicht
durchgesetzt werden. Nochdazu handelte es sich beim Inhaber dieses
Boots um einen Verwandten eines Mitglieds des KDP-Politbüros. So wird
auch diese Katastrophe nie aufgeklärt werden.
Am 1. Dezember 2004 wurden acht yezidische
Zivilisten aus dem Dorf Doghata (bei Mosul), am 5. Dezember 2004
fünf yezidische Zivilisten aus Singar in der Stadt Tilafer, ermordet.
"Ungläubige Yeziden sind Gottesfeinde." - das war der Grund für die
Ermordung dieser einfachen Arbeiter.
Am 7. Dezember 2004 wurden fünf junge Betonarbeiter
der Bahzani-Gemeinde von Extrem-Islamisten westlich von Mosul ermordet.
Sie hießen Zuhair Qaiser, Mithaq Salim, Aliyas Majun, Wisam Chicho, und
Hakim Khalo. Hakim war gerade 17 Jahre alt, der einzige Sohn einer
Mutter, die schon in den letzten zwei Jahren ihren Mann und den
ältesten Sohn verloren hatte, und zwar aus dem gleichen Grund. Noch am
selben Tag fand man die Leichen dreier anderer Yeziden im Stadtteil
Wadi-Iga. Und am 8. Dezember 2004 wurden erneut fünf Leichen von
Yeziden im Stadtteil Yarmuk gefunden.
Die Mordserie geht weiter. Die Attentate gegen Yeziden beschränken sich
nicht auf Mosul sondern finden auch direkt in den Wohngebieten der
Yeziden, wie Singar und Sheikhan, statt. Arabische und kurdische Medien
stellen die Gründe für diese Attentate jedoch falsch dar. Man behauptet
konsequent, dass es sich bei den oft enthaupteten Leichen um
"Unbekannte" handle, obwohl die Identität der Opfer immer bekannt war.
Die Terroristen selbst haben die Identität ihrer Opfer verraten und sie
gingen soweit, der Bevölkerung zu verbieten, die Toten ins Krankenhaus
oder zum Friedhof zu bringen. Oft schreiten auch die Behörden nicht ein
und schauen aus Angst lieber weg. Wenn es auch unglaublich scheint: es
passiert, dass Leichen von Yeziden in Mosul tagelang auf der Straßen
liegen bleiben.
Unterstützung oder Schutz vor den Terroristen finden
die Yeziden bei den kurdischen Behörden der KDP kaum, obwohl es einige
Yeziden gibt, die hohe politische Ämter besitzen. Doch die Bevölkerung
leidet unter den Schikanen der Behörden, die z.B. so aussehen, dass
Yeziden in Scheikhan - natürlich "inoffiziell" - seit der
Machtübernahme der KDP kein Eigentum mehr kaufen können. Selbst dem
yezidischen Bürgermeister wurde es verunmöglicht, ein Haus in der Stadt
zu kaufen. Das yezidische Dorf Dushivan in der Nähe von Sheikhan ist
von einigen muslimischen Kurden der KDP seit dem Sturz des
Ba’th-Regimes quasi beschlagnahmt. Ähnlich sieht die Situation in
Singar aus, wo dieVerwandten eines ehemaligen Mitglieds des
KDP-Politbüros mehrere Häuser beschlagnahmt haben. Mehr als 800
Wohngrundstücke wurden im letzten Jahr an Muslime in Singar verteilt.
Und mehr als 750.000 US$ wurde von letzteren in der Stadt Singar
in Immobilien investiert, wohl mit dem Ziel, die demografische Struktur
der Stadt zu manipulieren.
Und nicht zuletzt wurden bei der irakischen Wahl in
der Provinz Mosul die Gebiete der Yeziden vernachlässigt. Die
Minderheiten in Mosul - Christen, Yeziden und Shabak - wurden an der
Wahlbeteiligung behindert indem man keine Wahllokale und -dokumente zur
Verfügung stellte. Auch das ist eine Art, Minderheiten zum Schweigen zu
bringen: Man bietet ihnen bei Wahlen keine Möglichkeit, ihre
VertreterInnen für das Parlament selbst zu wählen.(3)
(1) Yeziden sind Angehörige einer der ältesten Religionsgemeinschaften
Mesopotamiens, die heute hauptsächlich in den Provinzen Mosul, Sinjar
und Sheikhan Regionen wohnen, wo sie etwa eine Halbe Million Menschen
ausmachen. Außerhalb des Irak leben Yeziden heute in der Türkei,
Syrien, Armenien und Georgien. Diese Religion unterscheidet sich von
anderen monotheistischen Religionen durch ihre Philosophie und ihre
eigenartige Gesellschaftskasten. Im Laufe der Jahrhunderte erlitten
Yezidi etwa 70 Pogrome und zig-tausende wurden unter dem Vorwurf, sie
seien sogenannte "Teufelsanbeter", zwangsislamisiert. Unter der
Ba´th-Diktatur folgten Wellen von Zwangsarabisierungen. Einen
ausführlicheren Beitrag des Autors, "Die Verfolgung der
"Teufelsanbeter". Yezidi zwischen ba’thistischer Repression und
sunnitischem Islamismus", findet sich im Sammelband: "Irak. Von der
Republik der Angst zur bürgerlichen Demokratie?", Kreutzer/Schmidinger
(Hrsg.), Freiburg 2004, S. 197.
(2) Folgende Quellen wurden verwendet:
Qendil-eZeitung: www.qendil.net (Archiv-Ausgaben von 2004)
Homepage: www.bahzani.de, sowie www.bahzani.org (Archiv-Ausgaben von August- Dezember 2004)
Homepage: www.ezidi-affairs.com (Archiv)
Homepage: www.rezgar.com (Unterschriftenkampagne gegen
Wasser-Vergiftung in Khanik und Unterschriftenkampagne gegen die Möder
von Christen, Yeziden und andere Minderheiten im Irak, Archiv
2004)
Kurdische Zeitung Hawlati (Archiv: März 2004)
Homepage: www.kurdishmedia.com ( März 2004)
Pressemitteilungen Yezidischer Kulturzentren der Provinz Mosul, v.a.
Yezidischer Verband in Bahzani und Singal Kulturzentrum
(September-Dezember 2004)
(3) Und was die neue Regierungbildung betrifft, so musste der einzige
yezidische Minister der Übergangsregierung, Dr. Mamou Othman, sein Amt
aufgrund der ewigen Rivalitäten zwischen den beiden großen kurdischen
Parteien KDP und PUK aufgeben. Diese waren unfähig, sich auf einen
unabhängigen Yeziden zu einigen – der eine sei zu "PUK-nahe", der
andere zu "KDP-nahe". Wenn Präsident Talabani bei seiner Antrittsrede
im April 2005 – erstmalig in der Geschichte des Irak – die Bedeutung
von Minderheitenrechten betonte und sich dabei auch ausdrücklich auf
Yeziden bezog, so ist das zuerst zu begrüßen und anzuerkennen. Leider
sind den Worten in den Bereichen Wirtschaftsförderung, Aufbau und
Politik noch keine Taten gefolgt.
Mirza Dinnayi ist Direktor des Qendil-Verlag & Info-Zentrums.
Der Koordinator der "Yezidi Democratic Community" in Deutschland lebt
und studiert in Jena und ist Mitautor des Sammelbandes "Irak. Von der
Republik der Angst zur bürgerlichen Demokratie?" (Freiburg 2004).
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