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"Ya basta! Es reicht!"
sagen nicht nur die Zapatistas im Urwald von Chiapas, sondern auch die Aktivistinnen
des lateinamerikanischen Netzwerks für Kriegsdienstverweigerung, die den
Militärs mit bunten, kraftvollen Aktionen gegenübertreten. Wir sprachen
mit zwei Vertretern dieser Bewegung - Orlando aus Paraguay und Jhonny aus Ecuador,
der als Koordinator des eben erwähnten Netzwerkes für Kriegsdienstverweigerung
arbeitet — über die Erfolge der antimilitaristischen Bewegung und
auch darüber, was die Festnahme Pinochets für die Menschen in Lateinamerika
bedeutet.
Das Gespräch führten
Jürgen Schmidt und Paul Friedrich* Jhonny:
Die Festnahme Pinochets hat natürlich sehr große Bedeutung für
Lateinamerika, insbesondere für die sozialen Gruppen, für die Menschenrechtsbewegung
ist es ein Erfolg in ihrem Kampf. Eine Person wie Pinochet, der so viele Verbrechen
begangen hat, festzunehmen ist ein deutliches Zeichen für andere Diktatoren,
daß auch die Verbrechen der Herrschenden nicht straffrei sind. Heute gibt es in Lateinamerika Regierungen, die Pinochet unterstützen,
und solche, die gegen ihn sind, je nachdem, ob die Militärs dieser Länder
einen nationalistischen oder eher einen internationalistischen Kurs verfolgen.
So sind die Militärs von Ecuador, Venezuela und auch Chile eher nationalistisch
eingestellt, während die Militärs in Peru, Argentinien oder Brasilien
sich mehr an den internationalen militärischen Organisationen beziehungsweise
an den USA orientieren. Diese Militärs spielen dann mehr eine regionale
Rolle im internationalen militärischen Gefüge. Armeen aus kleineren Ländern stehen unter einem starken Professionalisierungsdruck.
Das heißt, sie sind gezwungen, sich umzustrukturieren, sich als regionale
Einheiten einer größeren militärischen Organisation zu betrachten.
So wie die einzelnen Regierungen sich dem Einfluß größerer
Institutionen wie dem Weltwährungsfond beugen müssen, gehorchen auch
die Militärs den Programmen dieser großen Organisationen. Sie verlieren
an Stärke und werden auf ihre regionale Bedeutung zurückgeworfen.
Orlando
Castillo, Menschenrechtsaktivist und einer der ersten öffentlich deklarierten
Verweigerer in Paraguay, beschreibt den strukturellen Wandel, den nicht nur
die Armeen in Lateinamerika durchmachten, und die Rolle der Militärs
heute.
Orlando:
Die Rolle der Militärs in der Gesellschaft ist nach wie vor sehr groß,
die Trilogie der Macht von Armee, Kirche und regierenden Parteien besteht unangetastet
weiter. Das einzige, was sich ändert, ist das Feindbild. Das Feindbild
Kommunismus ist nicht mehr aktuell, und so müssen sie nach neuen suchen. Diese neuen Feinde sind der Drogenschmuggel, andere Verbrechen und Naturkatastrophen,
bei denen die Militärs versuchen, sich zu legitimieren, ihr großes
Budget zu rechtfertigen. Aber auch die Regionalisierung der Armeen, von der ich vorher gesprochen habe,
beginnt zu greifen, sogar bei der Polizei gibt es bereits eigene Conosur-Einheiten,
und ihre innenpolitische Bedeutung führt zu einer starken Militarisierung
der Gesellschaft. Während es an Gesundheitseinrichtungen mangelt und die AnalphabetInnenrate
steigt, bekommen die Militärs weiterhin, was sie verlangen. Lateinamerika
hat sehr hohe Militärbudgets, aber es geht hier sicherlich auch um ein
weltweites Phänomen. Die Militärs empfangen ja auch Unterstützung
aus Nordamerika und Europa, Waffenlieferungen und direkte Hilfe. Argentinien zum Beispiel ist schon im Sicherheitsrat der UNO, und so steigt
man ein in die globale Strategie der militärischen Interventionen.
Jhonny:
Man muß das auch im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Entwicklung
sehen, mit dem Neoliberalimus, den Privatisierungen, die stattfinden mit dem
Versuch, Märkte zu schaffen, nicht Arbeitsplätze, sondern Märkte. Und welche Rolle spielen die Militärs in diesem Umfeld? Ich glaube nach
wie vor eine sehr wichtige, aber es geht nicht mehr um große Armeen mit
tausenden Panzern und Unmengen Soldaten, sondern eher um kleinere, spezialisierte
Einheiten, die viel besser ausgerüstet sind und auf diese Weise versuchen,
den Status Quo aufrecht zu erhalten. Wir haben es mit Militärs zu tun,
die die Forderungen der Menschenrechtsdeklaration kennen und nicht mehr mit
der Brutalität der sechziger und siebziger Jahre auftreten. Doch sichern
sie sich ihre Macht, und ich denke, das wird letztendlich fast gefährlicher,
als es bisher war: Wir stehen in einer Gesellschaft, die immer ärmer wird.
Gerade in Ecuador leben 70% der Menschen unter der Armutsgrenze, und man kann
nicht einmal mehr von arm reden, es ist der soziale Ausschluß, sie fallen
aus der Gesellschaft heraus, und das wird Konflikte heraufbeschwören, auf
die sich die Militärs jetzt schon vorbereiten, um dann einzuschreiten und
die soziale Kontrolle aufrechtzuerhalten. Wir stehen nicht mehr dummen Militärs
gegenüber, sondern bestens ausgebildeten Einheiten. Das stellt uns vor
die Frage: Wo stehen wir, was wird unsere Rolle in diesem neuen Lateinamerika
sein? Eine sehr starke antimilitaristische Bewegung formierte sich in Paraguay. Bei
den Wahlen im Frühling schafften es die Kriegsdienstverweigerer, den Wahlkampf
mit ihren Forderungen zu besetzen, und in den letzten vier Jahren deklarierten
sich 15.000 Jugendliche als Verweigerer.
Orlando:
Unser nächstes Ziel ist die Anerkennung des Rechts auf KDV in der Verfassung.
Die hohe Zahl an Verweigerern zeigt uns, daß der Zwang zum Militärdienst
ebenso wie das Militär allgemein stark an Glaubwürdigkeit verloren
haben. Das Militär steht für einen Mechanismus von Kontrolle, Unterdrückung
und Ausbeutung der Jugendlichen im Dienst einer Minderheit, die in Reichtum
lebt und alle Privilegien für sich beansprucht. Als Verweigerer verweigern
wir uns nicht nur dem Militärdienst, sondern stellen uns auch gegen die
Militarisierung der Gesellschaft. Wir fordern, das Militärbudget drastisch
zu reduzieren und dieses Geld für soziale Bereiche zu verwenden, etwa für
die Bildung. Während der Staat 100 Dollar in eine Studentin investiert,
kostet ein Soldat 11.000 Dollar. Beinahe täglich werden Campesinas durch das Militär von ihrem Land
vertrieben. Und das zeigt, daß die Probleme in Paraguay nicht durch das
Militär gelöst werden können, sie entstehen erst dadurch, das
Militär selbst ist das Problem. Wir möchten im Jahr 2003 eine Kampagne
zur Abschaffung der Militärpflicht starten und sammeln jetzt schon Unterschriften,
um Druck auf die Parlamentsabgeordneten zu machen. Das Militär wird darauf mit der Professionalisierung antworten, daher bereiten
wir eine weitere Kampagne zur völligen Abschaffung des Heeres vor. Mit
Projekten zur Militärsteuerverweigerung oder zur Senkung des Militärbudgets
möchten wir den Leuten unsere Ziele näherbringen und hoffen, daß
es uns gelingt, genügend Unterstützung zu finden. Im weiteren Sinn
geht es um einen gesellschaftlichen Wandel, um eine Verbesserung der Lebensbedingungen
der Menschen.
Wie
reagiert das Militär auf eure Aktionen?
Orlando:
Obwohl die Regierung das Recht auf KDV an sich anerkannt hat, antwortet das
Militär mit Repression. Der schlimmste Fall ereignete sich 1996, als Cesar
Barrios, ein Freund von uns, zu einem Seminar im Landesinneren unterwegs war.
Er geriet in eine Straßensperre der Armee, wurde in die Kaserne gebracht
und drei Tage lang geschlagen und brutal gefoltert. Am vierten Tag ließen
sie ihn laufen und gaben ihm die Botschaft mit, daß wir unsere Aktivitäten
einstellen sollten. Wir arbeiten natürlich weiter, aber Cesar Barrios leidet
bis heute unter den psychischen Folgen der Folter. Obwohl wir uns an Vertreterinnen
der UNO wandten, gab es keine staatliche Untersuchung der Vorfälle. Die
Täter in der Armee blieben ungestraft, und diese Straffreiheit für
Menschenrechtsverletzungen ist typisch für den staatlichen Terror, der
in Paraguay herrscht. In einem anderen Fall wurden vier Verweigerer auf der Straße festgenommen
und in die Kaserne verschleppt. Wir konnten sie dann zwar wieder frei kriegen,
doch auch hier gab es keine Konsequenzen für die Verantwortlichen. Obwohl
das Recht auf Kriegsdienstverweigerung also bereits in der Verfassung verankert
ist, verkünden die Militärs weiterhin, daß für sie nach
wie vor die allgemeine Militärpflicht zählt. Und sie setzen die Repression
gegen uns auch auf anderen Ebenen fort. So haben sie uns sämtliche demokratischen
Rechte aberkannt, indem sie Menschen ohne Militärpapiere beispielsweise
das Wahlrecht verweigern oder von ihrem Arbeitsplatz verdrängen. Unser Vorstoß zur Abschaffung der Armee hat sie sichtlich überrascht,
aber mit der neuen Regierung ist auch das Militär unter General Oviedo
wieder an die Macht gelangt und bestimmt vom Hintergrund aus das politische
Geschehen. Jetzt fordern sie, die Zuständigkeit für die Verweigerung
des Militärdienstes vom Innenministerium auf das Verteidigungsministerium
zu übertragen. Das heißt, daß man sich zuerst zum Militärdienst
melden muß und dann erst seine Verweigerung beantragen kann. Dieser General Oviedo übrigens ist gemeinsam mit Pinochet oder Stroessner
in der "Escuela de las Americas" gewesen, einem militärischen
Schulungslager der USA, in dem — von Guatemala bis Argentinien — praktisch
alle Diktatoren und Folterknechte Lateinamerikas ausgebildet wurden und noch
immer werden.
Zu
euren Stärken gehören Aktionen, die oft ebenso lustig wie kraftvoll
sind.
Orlando:
Bei einer Aktion verkleidete sich ein Aktivist von uns als Soldat und legte
sich mitten auf der Straße auf den Boden. Wir deckten ihn mit einem weißen
Tuch, auf das mit roter Farbe Blutflecken gemalt waren, zu und die Leute, die
vorbeikamen, fragten ganz aufgeregt, was passiert sei. "Ein Soldat ist
tot, jemand hat ihn erschossen!", sagten wir und oft dauerte es lange,
bis die Leute merkten, daß es sich nur um Straßentheater handelte.
Bei solchen Aktionen verteilen wir Flugblätter und Broschüren und
durchbrechen außerdem die Eintönigkeit von gewöhnlichen Demonstrationen.
So, mit kreativen Aktionen und im persönlichen Gespräch, erreichen
wir die Menschen auf der Straße auch viel besser. Das nächste Mal
übrigens wiederholten wir die Aktion gleich mit 86 Soldaten, die sich alle
selbst umbrachten.
Jhonny:
In Ecuador ließ die Regierung während des Generalstreiks im Februar
1997 verkünden, daß sie alle Menschen mit Steinen in der Hand als
Terroristen betrachten und dementsprechend gegen sie vorgehen würde. Viele
Menschen setzten sich Helme zum Schutz vor den Polizeiknüppeln auf, und
die Regierung beschuldigte sie, sich auf gewaltsame Zusammenstöße
vorzubereiten, und verhaftete sie als TerroristInnen. Wir, die AntimilitaristInnen, gingen daraufhin mit Helmen aus schwarzem Karton,
aber sonst völlig nackt auf die Straße, und auf ein Transparent schrieben
wir: Wir sind keine TerroristInnen! Die Leute sahen uns und lachten, und so
erreicht man sie.
Ein anderes Mal, nachdem Präsident Bucarám vom Volk gestürzt
worden war, gingen wir als Priester verkleidet zu seinem Amtsgebäude, mit
Blumenkränzen und Weihrauch. In schwarze Gewänder gehüllt umringten
wir den Präsidentenpalast, um so den bösen Geist von dort zu vertreiben.
Lustigerweise kamen da viele ältere Menschen zu uns, die uns für echte
Priester hielten und uns baten, ihnen die Absolution zu erteilen und ihre Körper
ebenfalls zu reinigen. Ich glaube, daß solche direkten, gewaltfreien Aktionen sehr viel bringen
und daß dieser Einfallsreichtum sehr kraftvoll ist.
Eure
Exorzismusaktion sollte ja auch zeigen, daß sich das System nicht ändert,
nur weil sich der Name des Präsidenten ändert wie in Ecuador, als
Präsident Bucarám durch tagelange Massenproteste gestürzt
und von Alarcón abgelöst wurde. Wie kam es zu diesem Aufstand
der Marginalisierten?
Jhonny:
Präsident Bucarám verstand sich selbst immer als leutseliger Mensch,
der gerne tanzt und Scherze macht, doch in Wirklichkeit vertrat er eine aggressive
neoliberale Wirtschaftspolitik. die die Lebensgrundlage der armen Leute weiter
zerstörte. Es kam zu einem gewaltigen Unmut unter den Leuten und zu einer
Mobilisierung, wie man sie nur selten sieht, und am 5. Februar 1998 gingen über
80% der gesamten ecuadorianischen Bevölkerung auf die Straße. Die Indianerinnenbewegung blockierte die Verbindungsstraßen am Land, und
die sozialen Bewegungen in den Städten legten dort den Verkehr lahm, aber
das Interessante ist, daß sie das nicht mit Steinen oder sonst etwas taten,
sondern nur mit ihren Körpern, und da sie so viele waren, reichte das völlig
aus. Das war unglaublich, ich hatte noch nie zuvor etwas ähnliches gesehen.
Der soziale Druck hatte die sozialen Bewegungen zu einer bestimmenden Größe
in der politischen Landschaft gemacht, und es gab so etwas wie ein Gefühl
der Gemeinsamkeit, der gemeinsamen Solidarität gegen die repressive Regierung.
Wichtig ist, daß wir gesehen haben, daß es möglich ist, uns
zusammenzutun und gemeinsam etwas zu verändern, wenn wir es schlecht finden.
Die Antwort der Regierung — denn weder die Regierung noch die Wirtschaft
mögen eine Situation, die für sie nicht mehr kontrollierbar ist —
war die totale Kontrolle der Kommunikation und ein Generaleinsatz der Armee,
sodaß es an allen Ecken von Soldaten nur so wimmelte. Gleichzeitig beschuldigten
sie alle verhafteten Personen des Terrorismus, und in dieser Situation gingen
wir dann nackt auf die Straße, um die Lächerlichkeit dieses Vorwurfs
aufzuzeigen, denn so trifft man das System. Die Antimilitaristinnen sind über den ganzen lateinamerikanischen Raum
gut vernetzt. Euer letztes Treffen war im vorigen Jahr in Quito, der Hauptstadt
von Ecuador. Was sind die Ziele dieser Vernetzung?
Orlando:
Das lateinamerikanische Netzwerk für KDV wurde 1994 in Paraguay gegründet,
da uns klar ist, daß wir der zunehmenden Militarisierung nur in gemeinsamen
Aktionen begegnen können. Als erstes haben wir damit begonnen, eine generelle
Übersicht über die Menschenrechtssituation, den Stand der antimilitaristischen
Arbeit in den verschiedenen Ländern und eine umfassende Untersuchung des
Casa de las Americas, dieses Ausbildungslagers des CIA, von dem ich erzählt
habe, zu erstellen. So wollen wir uns einen Überblick verschaffen, eine
theoretische Grundlage für unsere Aktionen. Konkret drückt sich unsere
Vernetzung zum Beispiel dort aus, wo wir Menschenrechtsverletzungen aufdecken
und die Verantwortlichen mit Protestbriefen aus den verschiedenen Ländern
konfrontieren. Da hilft uns auch das Internet, wo wir eine eigene Homepage haben.
Am zweiten lateinamerikaweiten Treffen in Kolumbien haben wir uns vor allem
mit der künftigen Entwicklung des Militarismus in Lateinamerika und unserer
Rolle als Verweigerer beschäftigt und gesehen, daß eine genaue Analyse
ohne die Betrachtung der internationalen Zusammenhänge nicht möglich
ist. Eine immer engere Zusammenarbeit gibt es auch mit den Gruppen in Europa, doch
an Kontakten zu den anderen Kontinenten Afrika, Asien und Australien fehlt es
leider noch. Zumindest innerhalb Lateinamerikas gibt es diese Vernetzung aber
bereits und zeigt schon viele Möglichkeiten einer konstruktiven Zusammenarbeit
auf, und ich hoffe, daß durch unseren Besuch auch mit den Menschen, die
sich hier in Europa und in Österreich engagieren, unsere erfolgreiche Zusammenarbeit
weiter verstärkt wird. Und daß es notwendig ist, dem Militarismus auch in Österreich viel
aktiver entgegenzutreten, hat euer Militäraufmarsch am Nationalfeiertag
gezeigt, auch notwendig für uns, denn was in den Ländern Europas geschieht,
hat große Auswirkungen auf uns in den ärmeren Ländern, und diese
Entwicklung macht mir angst. Da muß etwas dagegen getan werden, da müssen
wir uns gemeinsam wehren gegen den Schaden an der Menschlichkeit, den das Militär
Tag für Tag anrichtet.
Jhonnyund
Orlando hatten die Situation in Europa ja bereits ein wenig kennengelernt.
Wir fragten sie nach einer Botschaft an die Menschen in Europa.
Orlando:
So weit ich das bis jetzt beurteilen kann, liegt die antimilitaristische Bewegung
in Europa leider ziemlich am Boden, mit Ausnahme von Spanien vielleicht. Da
ist es wichtig zu begreifen, daß das Problem Militarismus nicht mit der
Wehrpflicht aufhört und daß die Einführung des Zivildienstes
lediglich die weitere Verankerung des Militarismus in der Gesellschaft darstellt.
Unser Kampf muß immer ein klares Ziel haben, und der Militarismus in Europa
hat große Bedeutung für den Militarismus in Lateinamerika. Wenn die
Probleme in Lateinamerika gelöst werden sollen, dann müssen sie auch
in Europa gelöst werden. Das sind keine Probleme, die wir für uns
alleine haben, sondern Probleme, die uns alle betreffen, und die wir gemeinsam
lösen müssen. Wir wünschen uns, daß auch hier wieder eine
breitere, eine stärkere Bewegung entsteht, die die Gefahr des Militarismus
erkennt und nicht aufhört, sich dem entgegenzustellen.
Jhonny:
Mir kommt vor, daß die Bedingungen für antimilitaristische Arbeit
in Europa ziemlich schwierig sind, denn die Menschen hier sind ungeheuer apathisch
und vereinzelt, und da ist nicht nur antimilitaristische Arbeit, sondern politisches
Engagement überhaupt sehr schwierig. Die Jugendlichen denken an Konsum, sie denken an sich selbst, da ist es schwer,
sie zu erreichen, da braucht es viel Kraft und Ausdauer auch in Europa.
Aber wir halten noch etwas für sehr wichtig, und das ist, sich einer Sache
mit Zärtlichkeit, mit Liebe zu widmen. In Europa muß unbedingt Hoffnung
gesät werden, die Menschheit muß menschlicher werden, und das geht
nur mit Zärtlichkeit und mit Liebe, mit Verständnis und Mut. Das ist eine große Aufgabe, aber wenn ihr uns braucht: Wir sind bereit,
euch die Hand zu reichen, so wie auch wir euch bitten, uns zu helfen, ein Zeichen
grenzüberschreitender Solidarität zu setzen und Zärtlichkeit
in die Herzen zu säen, die oft so versteinert sind.
Wir
möchten dieses Gespräch mit einem Dank an das Leben beenden, mit
einem Gedicht, das Vinicio Jiménez gewidmet ist, der kurz nach dem
binationalen Versöhnungstreffen bei einem Unfall ums Leben kam. Vinicio
war ein Kämpfer im Zeichen des Antimilitarismus, ein Kämpfer im
Zeichen des Lebens, der bei seinem Besuch in Europa im letzten Jahr auch hier
Hoffnung gesät hat.
Vinicio
ist tot
Der Strudel
eines Flusses hat ihn uns entrissen und
er ging, mit seinen langen Haaren, den Frieden zu suchen
in irgend einem entmilitarisierten Land.
Jetzt verfügt er über unerschöpfliche Zeit.
Er wird wohl gerade mit dem Wind spielen
und mörderische Gewehre entwaffnen.
Vielleicht wandelt sich sein Körper in eine Galaxie
für die den Rock und das Leben Liebenden.
Wir, unterdessen, werden uns weiter verweigern
den Boten des Krieges,
die uns zwingen wollen,
in ihren grünen Uniformen zu dienen.
*) Jürgen Schmidt
und Paul Friedrich sind Mitarbeiter der ARGE für Wehrdienstverweigerung,
Gewaltfreiheit und Flüchtlingsbetreuung. |