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von Ali Al-Zahid
Ursprünglich wollte ich an dieser Stelle über meine ganz persönliche
Familiengeschichte berichten. Unsere Vergangenheit, unsere Erlebnisse
unter dem Regime Saddam Husseins, unsere Erinnerungen an Folter und
Mord, an Verlust und Leid, wollte ich an dieser Stelle niederschreiben.
Dies sollte gleichzeitig einen quasi-therapeutischen Zweck für mich
erfüllen, dachte ich - doch ich kann nicht. Noch ist die Zeit
offensichtlich nicht reif, um all das Erlebte detailliert zu Papier zu
bringen. Ich habe das Gefühl, dass der Krieg, den Saddam Hussein gegen
die Bevölkerung des Irak führte, nicht vorüber ist.
Zwar hat er seine Macht verloren, nicht er steuert heute den Wahnsinn,
aber seine ehemaligen Komplizen, die Täter von damals, und
islamistische Terroristen führen das Mörderhandwerk in seinem Sinne
fort. Und sie sind dabei nicht weniger effektiv als es der staatliche
Ba’th-Apparat vor ihnen war. Anschläge vor Schulen, Märkten, Moscheen
und Polizeistationen, Kopfabtrennungen, Hinrichtungen, Vergewaltigungen
von Frauen, deren Männer in der Polizei dienen: so schaut der Krieg aus
und solange er im Gange ist, können wir IrakerInnen nicht ruhen und der
schrecklichen Taten von Saddam Hussein gedenken, geschweige denn die
Vergangenheit aufarbeiten. Wir müssen weiterkämpfen und für einen
demokratischen Irak einstehen.
Der große Unterschied zu früher ist, dass nun auch Menschen außerhalb
des Irak diesen Irrsinn mitbekommen. Früher erhielten wir
ExilirakerInnen die Informationen über Massenhinrichtungen,
Repressalien, usw. meist von Verwandten, Bekannten, Oppositionsgruppen
oder von Menschrechtorganisationen wie Amnesty International. Jetzt aber werden uns durch die zahlreichen neuen freien irakischen TV
Sender die Morde direkt ins Wohnzimmer geliefert und die Auswirkungen
dieser Bilder - auch auf meine Psyche - kann und traue ich mich gar
nicht abzuschätzen.
Ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich in gewissen
Punkten um vieles radikaler wurde, dass ich immer weniger bereit bin
mit EuropäerInnen, die diesen sogenannten „Widerstand“ verteidigen oder
einfach mit ihm sympathisieren, über die Lage im Irak zu diskutieren.
Ich bin früher etwas naiv von einer gewissen Ignoranz dieser Menschen
ausgegangen, aber mittlerweile ist mir klar geworden, dass es ihnen
eben nur darum geht, den eigenen Anti-USamerikanismus auszuleben.
Menschenleben zählen dabei einfach nicht, was die europäischen
FreundInnen des Terrors interessanterweise auch denjenigen vorwerfen,
die uns vom Regime im April 2003 befreit haben: den Truppen der
Koalition.
Europa muss erkennen, dass im Irak ein essenzieller Kampf ausgetragen
wird: um das Recht auf Mitbestimmung von Bürgern und Bürgerinnen,
Meinungsfreiheit, Frauenrechte, demokratische Wahlen, freie Medien,
Minderheitenschutz, um nur einige Punkte aufzuzählen. Die IrakerInnen
haben durch die Nutzung ihres Wahlrechtes unter massiven Todesdrohung
bewiesen, dass sie den Kampf für diese Rechte führen wollen.
Wir werden es nicht dulden, dass die oben beschriebenen Freiheiten, von
wem auch immer, eingeschränkt werden. Da können Zarkawi & Co uns
noch so oft mit Kopfabschneiden drohen, sie werden uns nicht alle
enthaupten können. Und selbst wenn sie hunderte oder tausende
umbringen: die Bewegung für die Respektierung dieser Grundrechte hängt
nicht von einzelnen Personen ab, der Samen der Demokratie ist
aufgegangen und wird über die Landesgrenzen hinaus verbreitet.
In den letzten drei Wochen hat man zwölf Selbstmordattentäter
unschädlich gemacht bevor sie sich in die Luft sprengen konnten und
keiner dieser zwölf war Iraker. Dieses Faktum löst auch innerhalb der
irakischen Bevölkerung einiges aus und es tritt das Gegenteil von dem
ein, was die europäischen Medien immer wieder herbeischreiben: heute
rücken die verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppen im Irak
näher zusammen weil sie alle von den Anschlägen betroffen sind und weil
ein Großteil dieser Terroristen aus dem Ausland kommt. Ich reagiere
mittlerweile ebenfalls allergisch darauf, wenn nach der Antwort „Ich
bin Iraker“ die Frage „Aber was, Schiite, Sunnite oder Kurde?“ kommt.
Es vergeht kein Tag, wo nicht irgendwo im Irak ein Bombe hochgeht, kein
einziger Tag, wo ich nicht von neuerlichen Enthauptungen höre, nicht
ein Tag, wo ich nicht weinende Familien im irakischen Fernsehen sehe,
die um ihre Lieben trauern, umgebracht von diesen Irren. Doch die
letzten Tage domminierte nur ein Thema die europäischen Medien:
„Guiliana Sgrena“. Es wird auf und ab berichtet von ihrer Entführung,
ihrer Befreiung und dem Beschuss durch US-Truppen auf dem Weg zum
Fughafen. Es wurden während ihrer Geiselhaft Demonstrationen in Rom für
ihre Freilassung veranstaltet, seitdem ist ihr Name und ihre Geschichte
permanent in den Medien. Als Iraker frag ich mich, warum das Interesse
an Sgrena größer ist als an den 136 Todesopfern, die am 28. Februar
2005 vor einem Krankenhaus durch einen Selbstmordattentäter in den Tod
gerissen wurden.
Als ich von der Befreiung Sgrenas erfuhr, war ich erleichtert. Als mich
die Nachricht über 6 Millionen Dollar Lösegeld erreichte, war - und bin
ich nach wie vor - schockiert. Das ist ein Alptraum, ich kann es nicht
fassen, man weiß doch mittlerweile dass die Entführer Anhänger Saddam
Husseins sind und was diese mit dem Geld machen werden: es fließt in
die Kriegskasse der Terroristen. Waffen, Söldner und
Selbstmordattentäter werden damit finanziert und Hunderte IrakerInnen
werden ihr Leben lassen müssen, weil Sgrena freigekauft wurde. Ist ihr
Leben mehr wert ist als das von Hunderten IrakerInnen? Es liegen
unzählige Aussagen darüber vor, dass Selbstmordtäter vor ihrem Anschlag
die Zusicherung erhalten, dass ihre Verwandten 5400 US$ bekommen.
Terroristen werden pro getöteten Iraker bezahlt, 600 US$ pro Zivilsten,
800 US$ pro Polizisten/Soldaten und es sei den LeserInnen selbst
überlassen sich auszurechnen, was mit 6 Millionen US$ finanziert werden
kann.
Nach ihrer Entführung sahen wir das Video, in dem sie weint und um
Hilfe fleht und ich empfand ehrliches Mitleid für sie und ihre
Familie. Ich wünsche ihr aus ganzem Herzen diese Hölle zu überleben,
auch wenn wir ihren politischen Äußerungen und Artikeln rein gar nichts
abgewinnen können. Das Blatt, für das Sgrena schreibt, ist getrieben
von Anti-Amerikanismus und nicht durch die Wahrheit, es ist unlesbar
und eine Zumutung für irakische DemokratInnen und wir als Iraker sind
es leid, dass wir herhalten müssen damit die ach so bösen Amerikaner
eine politische Niederlage erleiden.
Ja, man kann oder besser gesagt man muss die
Amerikaner im Irak kritisieren, wenn dort Fehler gemacht werden, aber
Schwarzmalerei und Fantasiegeschichten helfen dem Irak sicher nicht.
Wir, die diesen neuen Irak wollten und für ihn
einstehen, lassen uns nicht von FreundInnen des Terrorismus in eine
Position drängen, wo es uns unmöglich gemacht wird, Positionen unserer
derzeitigen PartnerInnen zu kritisieren.
Wenn Kritik angebracht ist, werden wir diese Kritik
anbringen, so wie wir es bis jetzt auch immer getan haben, weder ich
noch viele andere haben bei beim Abu Ghraib Skandal geschwiegen und wir
werden weiterhin solche Aktionen anprangern.
Sgrenas Äußerungen nach der Befreiung aus der Geiselhaft sind
einerseits befremdend, andrerseits wundert es mich auch nicht: sie
bedankte sich bei ihren Entführern für die gute Behandlung und
versichterte ihnen per Video-Botschaft ihren Kampf weiterhin zu
unterstützen.
Solche Aussagen machen uns demokratische IrakerInnen vor allem eines:
fassungslos. Wir bitten Guliana Sgrena nicht mehr in den Irak zu
reisen. Nicht weil wir Angst vor ihren Artikel haben, sondern weil wir
nicht wollen, dass sie wieder entführt wird und man wieder 6 Millionen
US$ für ihre Befreiung zahlen muss.
Ali Al-Zahid, geboren 1978 in Baghdad, lebt seit 1984 in Wien
und arbeitet in einem Telekommunikationsunternehmen. Im Alter von 4
Jahren wurde er aufgrund von kritischen Äußerungen seines Vaters
gegenüber dem Regime Saddam Husseins, der daraufhin 3 Monate gefoltert
wurde, mit der gesamten Familie sechs Monate in einem irakischen
Gefängnis inhaftiert und danach aus dem Irak ausgewiesen.
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