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Von Paulus zu Luther |
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Der Protestantismus und die Erneuerung des Glaubens
Zweiter Teil einer psychoanalytisch orientierten Kritik des religiösen Antisemitismus - von Andreas Peham
Nachdem im ersten Teil zunächst das Christentum oder die christliche
Ideologie, die ihrem Wesen nach narzisstisch (antisemitisch) ist, und
dann insbesondere der Katholizismus im Zentrum der Kritik gestanden
ist, soll nun dem Protestantismus Lutherischer Prägung Augenmerk
geschenkt werden. Vorher möchte ich aber ausgehend von Luthers
geistigem Lehrer, dem Hl. Augustinus, noch einmal kurz auf das Problem
der Körperlichkeit und die Sexualphobie zu sprechen kommen. Gerade hier
lassen sich nämlich auch zahlreiche Parallelen zum Islamismus, der im
abschließenden dritten Teil behandelt werden soll, erkennen.
Erweckungen
Die Regression auf den reinen Narzissmus(1) bedeutet notwendig, "sich
von jeder fleischlichen Bindung loszusagen, einschließlich des eigenen
körperlichen Ichs. Man muss es hassen und zurückweisen."(2) Wie viele
Märtyrer des Jihad war auch Augustinus (354-430) leiblichen Genüssen
zunächst ganz und gar nicht abgeneigt. Als er zu Beginn seines dritten
Lebensjahrzehnts als Christ erweckt wurde, begann ihm die Sexualität
zur Krankheit zu werden. Wiederholt beklagte Augustinus seine
jugendlichen Ausschweifungen. Jedoch blieb es nicht bei den
Selbstanklagen, vielmehr verschob er den Hass auf sein körperliches Ich
und seine Vergangenheit auf die Ungläubigen: "Der Gerechte wird sich
freuen, dass er Rache schaut; er wird seine Füße baden im Blute der
Gottlosen."(3) Auch seine antisemitischen Verbalinjurien sind vor
diesem Hintergrund zu verstehen. Da der anti-narzisstische Judaismus es
vermochte, den Triebfaktor zu integrieren, bietet sich dem Narzissten
hier "eine Ad hoc-Unterstützung" für seine antisemitischen
Projektionen, "und eben deshalb wird er auch angegriffen, weil der Jude
all dessen beschuldigt wird, was der andere sich im Namen der Reinheit
verbietet."(4) Entsprechend der affektiven Nähe zur nicht integrierten
Analität bezeichnete Augustinus die Juden und Jüdinnen nicht nur (in
Tradition der Evangelien) als "Kinder des Teufels", sondern auch als
"aufgerührten Schmutz". Daneben ist er einer der ersten Hetzer, der das
"fremdartige Aussehen der Juden heranzieht: ‚triefäugige Schar’."(5)
Die christliche Leib- und Triebfeindlichkeit kam
jedoch erst im 13. Jahrhundert (und in auffallender Parallelität zur
Verdammung des "jüdischen Wuchers") so richtig zur Geltung, als sich
eine regelrechte Geißlerbewegung mit kirchlicher Legitimation breit
machte. In einer der Regeln für Franziskaner hieß es: "Der Geist des
Herren jedoch will, dass das Fleisch abgetötet und verachtet,
geringgeschätzt, zurückgesetzt und schimpflich behandelt werde."(6) Man
quälte sich aber nicht nur selbst, sondern tötete vor allem
(entsprechend der antisemitischen und frauenfeindlichen Verschiebung
des Hasses) die Körper von Juden/Jüdinnen und "Hexen" ab.
In der asketischen Abgeschiedenheit hörte man auch
auf sich zu waschen und zu essen. "Der Asket strebt danach, den Geist
vom Körper zu befreien, mithin das Tun völlig zugunsten des Denkens
auszuschließen. Psychoanalytisch gesprochen: Zurückweisung einer nicht
in das Selbst integrierten Analität zugunsten des Narzissmus der
Reinheit."(7)
Anti-ödipaler Hass
Mit 22 Jahren hatte auch Martin Luther (1483-1546), dieser "Erfinder
der Innerlichkeit" (Adorno), sein Erweckungserlebnis: Er entsagte den
sexuellen Genüssen und sperrte sich in ein Augustiner-Kloster. Die
Mitgliedschaft in einer Gruppe von Identischen kann auch als eine der
Abwehrformen gegen die Ausbildung des ödipalen Über-Ichs begriffen
werden. Es handelt sich hierbei um eine "narzisstische, auf Spiegel
projizierte Regression (...). Diese Spiegel sind die Mitglieder einer
‚auserwählten Bruderschaft’, die sich unter diesem Zwecke unter dem
Schutz einer primitiven, narzisstischen magischen Mutterfigur bildet:
eines Meisterdenkers, eines Idols, einer charismatischen
Persönlichkeit, eines Messias, einer Religion, einer Ideologie".(8) Auf
diesen Aspekt wird bei der Behandlung der "Moslembrüder" im letzten
Teil noch ausführlicher zu kommen sein.
Bevor Luther, fixiert auf die Vorstellung von der
Sündhaftigkeit und Wertlosigkeit diesseitigen Lebens, die Juden und
Jüdinnen als Projektionsfläche für seine nicht-integrierte Analität
entdeckte, verschob er den dazugehörigen Hass im Geist der Reinigung
auf den Vatikan. An dieser Rebellion gegen die Kirche als Verwalterin
des christlichen Schuldgefühles, welche anbietet, die Menschen bei Gott
von ihren Sünden loszukaufen, und sich so "in eine anale und ödipale
Situation ein(schreibt)"(9), stieß sich etwa Heinrich Heine in seinem
Essay "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland".
Gegenüber Luthers rigorosem Dualismus von Geist und Materie habe der
Katholizismus einiges voraus gehabt: Der Reformator hätte nicht
begriffen, "dass der Katholizismus ein Konkordat war zwischen Gott und
Teufel, d.h. zwischen dem Geist und der Materie, wodurch die
Alleinherrschaft des Geistes in der Theorie angesprochen wird, aber die
Materie in den Stand gesetzt wird, alle ihre annullierten Rechte in der
Praxis auszuüben. Daher ein kluges System von Zugeständnissen, welches
die Kirche zum Besten der Sinnlichkeit gemacht hat."(10) Für Heine
bestand die Rückschrittlichkeit der Reformation daher im Kampf gegen
den Ablasshandel. Am Beispiel des Dank der "Sünde" ermöglichten Baus
des Petersdoms in Rom, diesem "Monument sinnlicher Lust", schreibt er:
"Dieser Triumph des Spiritualismus, dass der Sensualismus selber ihm
seinen schönsten Tempel bauen musste, dass man eben für die Menge
Zugeständnisse, die man dem Fleische machte, die Mittel erwarb, den
Geist zu verherrlichen, dieses begriff man nicht im deutschen
Norden."(11)
Heine rechnet es Luther jedoch hoch an, dass er sich
von den verfälschten griechischen und lateinischen Versionen der Bibel
ab- und statt dessen dem hebräischen Original zugewandt hat. Das ging
"jedoch nicht ohne die skandalöse Kontaktaufnahme mit den Mördern
Gottes"(12). Auch begrüßte er an Luther und dem Protestantismus dessen
"den Geist befreiende Tendenz"(13), die implizite Rückkehr zu den
Ursprüngen im jüdischen Monotheismus, wie sie sich etwa in der
Erneuerung des Bilderverbotes oder dem Sturz Marias vom göttlichen
Thron äußerte. Tatsächlich legte Luther "wenigstens theologisch den
schlimmsten antijüdischen Sumpf trocken."(14) Die real existierende
Reformation und die Deutsche Ideologie von Luther, diesem
Nationalisierer des Christentums, bis Hegel vor Augen, fiel Heines
Urteil jedoch zwiespältig aus. Er erkannte, dass sich der "alte
Dualismus von Geist und Natur (...) in Luther nicht aufhebt, sondern
verschärft. (...) Luther stellt nicht nur die Weichen zum
naturentwertenden Geist des Deutschen Idealismus, sondern tradiert als
dessen Unbewusstes jenen ‚düsteren Wahn der Mönche’, der sich im
Sensualismus seiner ‚Tischreden’ in Richtung Juden"(15) austobt.
Narzisstische Kränkung
Mit Schriften wie "Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei" (1523)
wollte Luther die Juden und Jüdinnen missionieren. Wie jede
narzisstische Kränkung wurde auch die Zurückweisung des
reformatorischen Angebotes an die Juden und Jüdinnen von Luther mittels
Antisemitismus geheilt. "Jede narzisstische Kränkung von einer gewissen
Stärke löst eine solche Aggressivität aus, dass das Subjekt zur
Regression gezwungen wird. Diese Regression mobilisiert ihrer Tiefe
entsprechend die dem Ich vorhergehenden Kerne, das heißt eine zentrale
Handlungsinstanz pränatalen, phylogenetischen Ursprungs, die im
wesentlichen durch Aggression und primitiven Narzissmus strukturiert
ist. Genau aus dieser Formation können erschreckende archaische
Imagines hervorgehen, die aus all dem bestehen, was der reine
Narzissmus des Subjekts nicht akzeptiert: das Schmutzige, Unreine,
Bestialische, Ansteckende, Lüsterne, Dämonische...Der narzisstische
Antisemit projiziert diese Imagines auf den Juden: Eben deshalb muss er
vernichtet (verbrannt) werden."(16) Ähnliches lässt sich übrigens auch
von Mohammed berichten, wobei sich seine Aggression aber eher in
rassistischen Sätzen rationalisierte. Tatsächlich kennt der Koran keine
jüdische Über- oder Allmacht, die ja ihren Ausgang im Gottesmordvorwurf
hat, vielmehr verweist die Rede von Juden und Jüdinnen als "Schweine"
oder "Affen" mehr auf den Rassismus als auf den Antisemitismus.
Der antijüdische Hass Luthers ist jedoch nicht nur
durch die Zurückweisung motiviert, sondern auch bereits durch die Nähe
zu den "Mördern Gottes" (Heine), wie sie sich aus seiner
Wiederentdeckung der Heiligen Schrift im hebräischen Original ergab.
Vom Klerus bereits als verkappter "Jude" beschimpft, musste er die
christliche Enterbungstheologie, den Bruch mit dem alten Bund,
aufgreifen und weiter radikalisieren. Die "Nähe zur jüdischen
Tradition" vergrößerte die Versuchung des Protestantismus, seine
"eigene Identität durch Negation der jüdischen zu sichern."(17) Der
Protestantismus erneuerte den Anspruch, der legitime Erbe des alten
Israels zu sein und im Gegensatz zum Judentum die Schrift richtig zu
interpretieren.
Paulinismus
Vor allem aber zog Luther im Gefolge von Paulus den Trennstrich
zwischen dem Glauben und dem Gesetz/den guten Taten nach: Weil die
Juden und Jüdinnen am Glauben festhielten, eine Erlösung sei nur das
Ergebnis der Einhaltung des Gesetzes, machte sie Luther zu den "Feinden
Christi". Ihre "Gottlosigkeit" bestehe darin, "dass sie durch ihr
eigenes Tun, durch ihre Gerechtigkeit errettet werden wollen."(18)
Schon 1522 sprach Luther in seiner Vorlesung zu den "Römerbriefen" ein
"Wort wider die Anmaßung der Juden und zum Lobpreis der Gnade und zur
Zerstörung jeglichen hoffärtigen Vertrauens auf die Gerechtigkeit und
guten Werke"(19). In den "Schmalkaldischen Artikel" (1537) kamen "die
entscheidenden - unüberbrückbaren - Unterschiede zwischen seiner
Theologie und dem Judentum zum Ausdruck (...): Die Menschen sind
allzumal Sünder und werden ohne Verdienst gerecht aus Gottes Gnade und
durch die Erlösung Christi in seinem Blut. Gesetz, Werk, Verdienst
haben für die Erlösung keine Bedeutung, allein der Glaube macht
gerecht."(20) Luther vertrat also "einen extremen Paulinismus"(21), der
das Heil nur im Glauben ohne allem menschlichen Tun sehen wollte und
konnte. Das "jüdische Beharren auf menschlicher Verantwortung vor Gott
und die Forderung nach rechtem Tun" erschien ihm, der "alles außerhalb
des sola fide als teuflische Sucht des Menschen zum Selbstruhm vor Gott
verstand"(22), als Gotteslästerung.
In seiner berüchtigten Hetzschrift "Von den Juden
und ihren Lügen" (1543) aktualisiert und kodifiziert Luther die gesamte
mittelalterliche Judenfeindschaft: Er fordert, die Synagogen
anzuzünden, die Häuser der Juden und Jüdinnen zu zerstören, sie dann in
Ställen als "Gefangene im Exil" zu konzentrieren, ihnen ihre
Gebetsbücher, den Talmud und die Bibel wegzunehmen, den Rabbinern bei
Todesstrafe zu verbieten Unterricht zu erteilen und rituelle Handlungen
zu setzen, sie zur Zwangsarbeit zu zwingen, obwohl es eigentlich besser
sei, sie zu verjagen, ihnen den Wucher zu untersagen, ihnen ihren
gesamten Besitz zu nehmen, da dieser durch Wucher geraubt und gestohlen
sei.
Stand schon Luthers Anrennen gegen den Ablasshandel
im Zeichen der Reinheit und der nicht-integrierten Analität, so wird
dieses Motiv im Ressentiment gegen den ("jüdischen") Wucher noch mal
deutlicher. Insbesondere in seinen "Tischreden" ist "die Verknüpfung
des Judentums mit analen und koprophagen Phantasien ein durchgehender
Topos"(23). Der Wucher als der hässlichste Repräsentant der Analität
wurde auch judaisiert, weil die Juden und Jüdinnen es vermocht hatten,
diese Triebkomponenten zu integrieren. Dazu kam der magische Charakter
einer undurchschauten Geldwirtschaft, in welcher der Zins quasi durch
Zauberhand geschaffen wurde. Es waren stets die Juden und Jüdinnen,
welche mit den ihnen zugeschriebenen Taten oder Absichten halfen, das
Unerklärliche leicht erklärbar zu machen. Auch die zweite
(gesellschaftliche) Natur fordert Opfer, und die AntisemitInnen waren
bereit, diese in Pogromen und dann in Auschwitz darzubringen. Über den
Stellenwert des bis heute (in spontan-antikapitalistischen Diskursen)
beliebten Bildes von der Vertreibung der Händler und Wechsler aus dem
Tempel, dieser Ikone eines wild um sich schlagenden Narzissmus, gibt
auch eine Hitler-Rede (12. 4. 1922) Auskunft: "In grenzenloser Liebe
lese ich als Christ und Mensch die Stelle durch, die uns verkündet, wie
der Herr sich endlich aufraffte und zur Peitsche griff, um die
Wucherer, das Nattern- und Ottergezücht hinauszutreiben aus dem Tempel!
Seinen ungeheuren Kampf für unsere Welt, gegen das jüdische Gift, den
erkenne ich heute nach zweitausend Jahren, in tiefster Ergriffenheit am
gewaltigsten an der Tatsache, dass er dafür am Kreuz verbluten
musste."(24)
Schon 1572 schritt man im Geiste Luthers zur Tat:
Seine Anhänger brannten die Berliner Synagoge nieder und verjagten die
Juden und Jüdinnen. Dass sich die zweite und dritte Reformation
(Calvin, Osiander, Zwingli, Capito usw.) von Luthers Pogromaufrufen
absetzte, verweist auf die Tatsache, dass es in letzter Instanz die
konkreten historischen (politischen und ökonomischen) Bedingungen sind,
die über den Grad der Verbreitung des Antisemitismus und seiner
Radikalität entscheiden. Der Protestantismus in Ländern oder Städten,
in welchen die kapitalistische Entwicklung fortgeschrittener war,
kannte den Hass auf das Geld und den Wucher nicht in diesem Ausmaß. Vor
dem Hintergrund der eigenen blutigen Verfolgung kann hier auch von
"einer gewisse(n) existentielle(n) Solidarität mit dem Schicksal der
Juden"(25) gesprochen werden. Es ist der Status der jeweiligen Kirche
im Verhältnis zum Staat, der über den Grad der Ausbreitung und
Heftigkeit des Antisemitismus entscheidet. Bei Luther als dem Begründer
eines deutschen (Landes- und dann Staats-)Christentums kamen religiöse
und politische (nationale) Motive des Antisemitismus zur Deckung. In
der Folge verstärkten sie sich wechselseitig am deutschen Sonderweg zum
Volksstaat.
Pathologien
Abschließend seien noch kurz die Versuche von Christian Knoop und
Thomas von der Osten-Sacken, eine "Psychopathologie des Islamisten"(26)
zu entwerfen, besprochen. Die Autoren stellen richtigerweise das
Geschlechterverhältnis ins Zentrum ihrer Analyse. Tatsächlich ist der
Islamismus auch als wildgewordene (extrem narzisstische) Männlichkeit
zu begreifen. Aber anstatt von der aktualisierten Kastrationsangst in
zerfallenden Gesellschaften oder krisenhaften
(Modernisierungs-)Prozessen und dem Fetischismus als Abwehrversuch zu
reden, wird einer der Fetische selbst (die "Ehre") für das Ganze
genommen. Ausgehend vom nicht weiter hinterfragten Konzept der
(Männer-)"Ehre" versuchen die Autoren dann den Beweis zu führen, dass
die männlichen Mitglieder der Umma über kein entwickeltes Über-Ich
verfügen, sondern abhängig bleiben von äußeren Instanzen. Dieses, am
autoritären Charakter des bürgerlich vergesellschafteten Individuums
erprobte (und eigentlich auch schon hier veraltete) Analyseraster läuft
stets Gefahr die verinnerlichten Autoritäten zu affimieren. Auch Knoop
und Osten-Sacken argumentieren vor dem unausgesprochenen Hintergrund
der bürgerlichen Gesellschaft, die so jede Pathologie verliert. So wird
Freud als Kronzeuge des Zivilisationsprozesses angeführt, ohne seine
Warnungen vor dessen Folgen und Begleiterscheinungen zu erwähnen. Das
Unbehagen überkommt die Autoren erst beim Betrachten der fremden Kultur.
Anstatt also schon das Konzept der "Ehrhaftigkeit"
zu kritisieren, stoßen sich die Autoren dann an der Tatsache, dass
diese nicht "Teil eines ins Über-Ich übernommenen Wertekanons" sei,
sondern als Inhalt und Ziel religiöser Vorschriften äußerlich bleibe.
Aber warum soll derartiger Zwang verinnerlicht werden? Ist die
Befreiung von ihm nicht leichter, wenn er äußerlich bleibt? Eröffnet
die Äußerlichkeit der Kontrollinstanz nicht viel mehr Möglichkeiten des
Ausweichens, ja der Flucht vor dem Zwang durchs Kollektiv? Hier wird
der Hintergrund der Autoren gar ein protestantischer. Jedoch wird er
diesmal ausgesprochen, wenn das Fehlen eines Äquivalents zur
"christlich vermittelten Buße" beklagt wird.
Das eigentliche Problem des Textes, in dem die
richtigen Fragen gestellt werden, besteht jedoch darin, dass
streckenweise ein falsches Verständnis der Freudschen Kategorien
vorherrscht. So können "äußere Zwänge" nicht sublimiert werden, und die
Sexualität stellt keine "Form der Sublimierung" dar. Vor allem aber
wird ein falscher Gegensatz aufgemacht: Es ist nicht das Gewissen,
welches das Christentum vom Judentum (Gesetz) unterscheidet, sondern
der Glaube. Gegen Freud wird die Existenz eines äußerlichen Regelwerkes
als Ursache für das "Fehlen einer internalisierten Kontrollinstanz"
betrachtet. Demnach dürfte sich auch im Judentum kein Gewissen
ausgebildet haben.
Als Synkretismus von Judentum und Christentum ist
der Islam vielmehr charakterisiert durch das (aktuell sehr
konflikthafte) Nebeneinander von Gesetz und Glaube. Der Islamismus, der
wie der europäische Faschismus auch als ein Aufstand "zorniger junger
Männer" gegen das Gesetz begriffen werden kann, versucht dieses
Nebeneinander zugunsten des Glaubens aufzulösen. Darüber soll uns der
Stellenwert der Scharia im Islamismus nicht hinwegtäuschen: Sie dient
dort eben nicht wie das Gesetz der strikten Trennung des Menschen vom
Göttlichen, sondern steht vielmehr unter dem Stern der Reinheit der
Umma, dieser grandios-narzisstischen Verschmelzungsphantasie. Davon
soll im abschließenden dritten Teil ausführlich die Rede sein.
Anmerkungen:
(1) Der Narzissmus wurde im ersten Teil als dem intrauterinen Leben
vergleichbarer Zustand absoluter Glückseligkeit vorgestellt. Im
Entwicklungsverlauf gerät dieser Narzissmus in Konflikt mit der
ödipalen Reifung und der sich beständig erneuernden (unbewussten)
Erfahrung der Kastration als schmerzhafte Erkenntnis, dass die Grenzen
des Körpers und Genießens sehr viel enger gesteckt sind als die des
Begehrens. Gegen dieses notwendige Aufgeben der Illusion der Allmacht,
welches begleitet wird von der Integration der Analität, regt sich
jedoch Abwehr: Neben der Vermeidung mittels Fetischismus die Regression
auf die Stufe der phantasmatischen Einheit mit der Mutter. Auf der
Ebene der Beziehungen kommt es zum Rückfall in den anfänglichen
(prägenitalen oralen und/oder analsadistischen) Modus der totalen
Beherrschung des Objektes.
(2) B. Grunberger/P. Dessuant: Narzissmus, Christentum, Antisemitismus.
Eine psychoanalytische Untersuchung. Stuttgart 2000, S. 163.
(3) zit. n. Gerhard Czermak: Christen gegen Juden. Reinbeck b. Hamburg 1997, S. 41.
(4) Grunberger...a.a.O., S. 172.
(5) Rudolf Krämer-Badoni: Judenmord, Frauenmord, Heilige Kirche. München 1988, S. 26.
(6) ebd., S. 85.
(7) Grunberger...a.a.O., S. 272.
(8) ebd., S. 70.
(9) ebd., S. 371.
(10) zit. n. Rudolf Kreis: Antisemitismus und Kirche. In den
Gedächtnislücken deutscher Geschichte mit Heine, Freud, Kafka und
Goldhagen. Reinbek b. Hamburg 1999, S. 142.
(11) zit. n. ebd.
(12) zit. n. ebd., S. 140.
(13) ebd., S. 141.
(14) ebd.
(15) ebd., S. 142f.
(16) Grunberger...a.a.O., S. 361.
(17) Ekkehard Stegemann: Der Protestantismus. Zwischen Neuanfang und
Beharrung, in: Herbert A. Strauss/et al. (Hg.): Der Antisemitismus der
Gegenwart. Frankfurt a. M.; New York 1990, S. 49-65; hier S. 51.
(18) Ernst L. Ehrlich: Luther und die Juden, in: Herbert A. Strauss/
Norbert Kampe (Hg.): Antisemitismus. Von der Judenfeindschaft zum
Holocaust. Frankfurt a. M.; New York 1985, S. 47-65; hier: S. 48.
(19) zit. n. ebd., S. 53.
(20) ebd.
(21) Karl-Erich Grözinger: Die "Gottesmörder", in: Julius H. Schoeps/
Joachim Schlör (Hg.): Antisemitismus. Vorurteile und Mythen. München,
Zürich 1995, S. 57-66; hier: S. 63.
(22) ebd., S. 65.
(23) Kreis...a.a.O., S. 285.
(24) zit. n. ebd., S. 13.
(25) Stegemann...a.a.O., S. 53.
(26) vgl. Context XXI, Nr. 8/2004, S. 13ff.
Andreas Peham lebt in Wien und betreibt dort ziemlich wilde Psychoanalysen des Alltags.
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