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Von Namibia nach Auschwitz? |
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Die Genozidforschung scheint deutschen Traditionen auf der Spur
Kolonialhistoriker stellen an Hand des Völkermords an den Herero und
Nama einen Zusammenhang zwischen kolonialem Genozid und Holocaust her -
und sehen keinen Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus - von Birgitt Wagner
Angesichts der expliziten Vernichtungsabsicht der deutschen
"Schutztruppe" während des Kolonialkriegs 1904 - 1908 in
Deutsch-Südwestafrika liegt die Überlegung nahe, ob dieser Völkermord
als isoliertes Ereignis in der deutschen Geschichte gesehen werden kann
oder nicht vielmehr in die Entwicklung hin zum Holocaust eingebettet
werden muss. In der Context XXI-Ausgabe 8/2004 hat Thomas Schmidinger
in seiner Rezension des Sammelbandes "Völkermord in
Deutsch-Südwestafrika" die Ereignisse bereits ausführlich beschrieben:
die explizite Absicht des neuen militärischen Befehlshabers von Trotha,
die Herero in ihrer Gesamtheit zu vernichten, die er noch vor seinem
Eintreffen geäußert hatte; der Dursttod der bereits geschlagenen Herero
in der Wüste und das massenhafte Sterben der wenigen Überlebenden nach
Aufhebung des Schießbefehls in Konzentrationslagern, an bewusster
Vernachlässigung und Zwangsarbeit.
Kolonialkriege unterliegen keiner Regulierung
Im Krieg gegen die Herero und Nama trafen zwei theoretische Linien
zusammen: seit etwa 1870 war die Militärtheorie Clausewitz' vom
"totalen Krieg", nach der moderne Kriege mit extremer Härte geführt
werden müssten, um den Gegner bereits mit dem ersten Schlag zu
besiegen, besonders in Deutschland hegemonial geworden. Wichtiger noch
war mit Sicherheit der koloniale Kontext für den Schritt zum
Völkermord, da aus europäischer Perspektive ein Unterschied bestand
zwischen "zivilisierten" Gegnern, denen man mit einem gewissen Maß an
Achtung und Respekt begegnete, und dem Kampf gegen "unzivilisierte
Völker", der derartige Rücksichtnahme nicht erforderte. Ganz
folgerichtig galten denn auch Abkommen zur Regelung von
Kriegshandlungen wie die Haager Landkriegsordnung von 1899 für einen
Krieg von Weißen gegen Weiße - der Krieg gegen kolonial beherrschte
Bevölkerungen war davon ausgenommen.(1)
Aber auch die Vorstellung eines "Rassenkrieges" war
ideologische Unterfütterung einer Kriegsführung, die für den Gegner
keinen Respekt entwickeln wollte. In dieser Vorstellung des Kampfes
zwischen der "weißen" und der "schwarzen Rasse" war es geradezu
Kennzeichen der Situation, dass es einen totalen Sieger und einen
totalen Verlierer geben musste. Die Theorien des Sozialdarwinismus
boten so gleich doppelten Nutzen: zum Einen konnte sich ein Mann wie
von Trotha gleichsam in einer Verteidigungsstellung wähnen, die
jeglichen Schlag gegen den Gegner rechtfertigte - gekämpft musste
schließlich werden, und einer musste unterliegen. Zweitens bot der
Sozialdarwinismus ein scheinbar wissenschaftliches
Argumentationsmuster, dessen neutraler Jargon die Täter als Werkzeuge
der Geschichte von jeglicher persönlicher Verantwortung freisprach: die
"schwächeren Völker" seien ohnedies zum Untergang bestimmt.
Auf dieses biologistische Konzept von "Rasse" stützt sich die
Argumentation zu Gunsten einer Kontinuität: im anthropologischen
Rassismus treffen sich die Beschreibung und Definition kolonisierter
Bevölkerungen genauso wie der slawischen Bevölkerung Osteuropas, und
auch die Entstehung des Antisemitismus speiste sich aus der neu
entstandenen "Wissenschaft" der Rassenlehre.
Der deutsche Kolonialhistoriker Jürgen Zimmerer beispielsweise sieht
als einigendes Band divergierender Aspekte der NS-Ideologie und der
NS-Politik zum einen den Rassismus und zum anderen die Großraumpolitik
mit der damit verbundenen "Ökonomie der Vernichtung". Wenn man
Rassismus zudem als umfassende 'Biologisierung des Gesellschaftlichen'
betrachte, würden die Opfer der Zwangssterilisation, der Ermordung
"lebensunwerten Lebens", die sowjetischen Kriegsgefangenen und die
Juden als Opfer der gleichen menschenverachtenden Ideologie erkennbar.
Der Krieg gegen die Herero und Nama weise bei genauerem Hinsehen
deutliche Parallelen zum dem zwischen 1941 und 1945 geführten
"Vernichtungskrieg im Osten" auf; auf Grund des geringen zeitlichen
Abstands von nur 40 Jahren könne von einer militärischen Tradition des
"Rassen"- und Vernichtungskrieges gesprochen werden.(2)
Das "Volk ohne Raum" blickt jetzt nach Osten(3)
Die These, dass die grausame Behandlung der slawischen "Untermenschen"
der des Gegners in einem Kolonialkrieg entspreche, hat viel für sich.
Osteuropa wurde von den Nationalsozialisten als angestammter deutschen
Kolonial- und Siedlungsraum betrachtet. Adolf Hitler: "Der Kampf um die
Hegemonie der Welt wird für Europa durch den Besitz des russischen
Raumes entschieden; er macht Europa zum blockadefestesten Ort der Welt.
[...] Die slawischen Völker hingegen sind zu einem eigenen Leben nicht
bestimmt. [...] Der russische Raum ist unser Indien, und wie die
Engländer es mit einer Handvoll Menschen beherrschen, so werden wir
diesen unseren Kolonialraum regieren."(4)
Und ganz offensichtlich war der Krieg in Osteuropa,
anders als die Feldzüge in Westeuropa, eben ein Vernichtungskrieg. Die
Genfer Konvention wurde zwar sehr wohl auf die Gefangenen der
westlichen Alliierten, nicht aber auf die sowjetischen Kriegsgefangenen
angewendet, die zu Millionen erschossen wurden oder in Lagern zugrunde
gingen. Und auch die slawische Zivilbevölkerung wurde massenhaft
getötet, um "Lebensraum" zu gewinnen. Hier trifft sich die
nationalsozialistische Planung mit der Utopie einer Siedlungskolonie
wie Deutsch-Südwestafrika, was die Imagination eines "reinen"
Neuanfangs mit idealen Ausgangsbedingungen angeht. Gleichzeitig ist
diese Argumentation jedoch wenig geeignet, eine Verbindung zum
Holocaust herzustellen.
Wenn Dominik Schaller von der Arbeitsgruppe für Genozidforschung. an
der Universität Zürich schreibt, dass "Juden, Polen und Russen zur
potentiellen Kolonialbevölkerung eines deutschen Reiches in Osteuropa
[mutierten], als völkische Gruppen nach dem Ersten Weltkrieg den Osten
Europas als neuen "Lebensraum" entdeckten"(5), so vereinfacht er in
unzulässiger Weise: Auch wenn der Holocaust und der Vernichtungskrieg
in Osteuropa - nicht ganz zufällig - räumlich und zeitlich parallel
stattfanden, so handelt es sich doch um zwei geschichtliche Phänomene,
die eine getrennte Betrachtung erfordern. Ähnlich argumentiert Jürgen
Zimmerer, wenn er auf die strukturellen Parallelen des biologischen
Rassismus gegenüber Schwarzen wie gegenüber Slawen und Juden
hinweist.(6)
Beide Argumentationen sind nur tragfähig, wenn
die Unterschiede zwischen anthropologischem Rassismus und
Antisemitismus ignoriert bzw. abgestritten werden. Der Antisemitismus
spielt jedoch in der deutschen Tradition eine fundamental andere,
geradezu die zentrale Rolle - auch wenn in beiden Fällen eine
Gegnerschaft in einem imaginierten "Rassenkrieg" konstruiert wird.
Ohne Antisemitismus ist Deutschland nicht zu denken
Seit Beginn der Definitionsbemühungen, was "deutsch" sei, also mit der
Entstehung der deutschen Nation seit Beginn des 19. Jahrhunderts,
bildete "jüdisch" den ideellen Gegensatz, an Hand dessen die
Konstruktion des Deutschen vorgenommen werden konnte. Schon bei Fichte
findet sich die Behauptung einer vollkommenen Unvereinbarkeit, der
zufolge es unmöglich sei, einem Juden deutsche Bürgerrechte zu
gewähren. Diese Rolle als "Gegenrasse" blieb eine Konstante und wurde
mit Vorliebe in Zeiten des deutsch-nationalen Aufbruchs manifest - so
zum Beispiel während der so genannten Revolution von 1847/48, die von
den schlimmsten Pogromen seit den "Hep-Hep-Unruhen" begleitet wurde.
Weiter vorangetrieben wurde diese Entwicklung durch
den modernen Antisemitismus, für den die Juden die leibhaftige
Personifizierung aller als negativ abgelehnten Aspekte der Moderne
abgaben - vom Kapitalismus über den sozialen Wandel bis hin zur
allgemeinen Undurchschaubarkeit und Unberechenbarkeit des
Weltgeschehens. Das Phantasma des "Weltjudentums" mit seinen
allgewaltigen Herrschaftsplänen war entstanden, immer aufs Schönste
kontrastiert durch das angeblich bodenständige und verwurzelte
"Deutschtum".(7)
Rassismus und Antisemitismus spielen hierbei für den psychischen
Haushalt des bürgerlichen Subjekts zwei völlig unterschiedliche Rollen.
Wo die rassistische Wahrnehmung einen "Untermenschen" ortet, der als
Inbegriff aller vor-bürgerlichen Eigenschaften und Triebe verabscheut
wird, sind die Jüdinnen und Juden dem Antisemiten die Verkörperung des
Widerspruchs, den das bürgerliche Subjekt in sich selbst zu ertragen
hat: der Abstraktheit von Markt und Staat, die die Erfüllung seiner
Rolle als Warenbesitzer und Staatsbürger fordern, ohne dem konkreten
Individuum jemals seine weitere Notwendigkeit und damit Existenz
garantieren zu können. In Zeiten der Krise entfaltet sich diese
Projektion in konkreter Vernichtung, um im Juden das eigene Bedrohtsein
durch die Abstraktion auszumerzen und sich so zu stabilisieren - eine
Vernichtung, für die heute als Chiffre "Auschwitz" steht und die, auch
wenn sie im besetzten Osteuropa stattfand, rein gar nichts mit
kolonialer Expansion zu tun hatte.(8)
Gleichzeitig rückt bei einer Einengung des Holocaust auf die
Geschehnisse im besetzten Osteuropa aus dem Blickfeld, dass die
antisemitische Politik von Stigmatisierung, Diskriminierung und
Beraubung in Deutschland sofort nach der Machtübergabe an die NSDAP
1933 begann. Diese "vorbereitenden" Maßnahmen, besonders Definition und
Kennzeichnung von Jüdinnen und Juden, waren aber Vorbedingung für die
Durchführung des Holocaust. Eine Argumentation, die im Dienste der
Kontinuitätsthese die Vernichtung der europäischen Juden und den
deutschen Vernichtungskrieg in Osteuropa in Eins setzt, klammert dem
gegenüber die deutschen genauso wie die aus den westeuropäischen
Ländern deportierten Juden einfach aus, deren Ermordung wiederum
keineswegs mit kolonialen Siedlungsplänen erklärt werden kann. Es
wurden eben alle Juden umgebracht, derer die Deutschen habhaft werden
konnten, und dies nicht als überzählige Bevölkerung, sondern als
Vertreter des "Weltjudentums".
Insofern scheint es wenig wahrscheinlich, dass die Deutschen - deren
antisemitische Vordenker bereits in den 1880/90er-Jahren vom
"Verzweiflungskampf der arischen Völker mit dem Judentum"
schwadronierten und von der Notwendigkeit, "den giftigen Tropfen der
Juden aus unserem Blut [loszuwerden]" - ohne den Völkermord an den
Herero am "ultimativen Tabubruch der Vernichtung anderer Ethnien"
gescheitert wären. Groß genug war der wahnhafte Hass gegen die Juden
schon lange; ihn auszuleben, fehlte bis 1933 weniger ein geeignetes
Vorbild denn die Verfügungsgewalt über den staatlichen Machtapparat.
Fußnoten:
(1) Christoph Marx: Kriegsgefangene im Burenkrieg. In: Rüdiger Overmans: In der Hand des Feindes. Köln 1999, S. 255-256.
(2) Jürgen Zimmerer: Holocaust und Kolonialismus. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 51/2003 S. 1103, 1117.
(3) Das Motto ist dem 1926 erschienenen gleichnamigen Roman von Hans
Grimm entnommen, dessen Handlung noch in Südafrika angesiedelt ist.
(4) Rede Adolf Hitlers vom 17.9.1941.
(5) Dominik Schaller/Rupen Boyadijan/Vivianne Berg/Hanno Scholtz
(HgInnen.): Enteignet - Vertrieben - Ermordet. Beiträge zur
Genozidforschung, Zürich 2004, S. 187.
(6) Zimmerer, ebd., S. 1103 ff.
(7) Zur deutschen Nationwerdung siehe Gerhard Scheit: Die Meister der
Krise,. Freiburg 2001, sowie Gruppe r.a.be.: Auf Deutschkurs,
http://deutschkurs.open-lab.org
(8) Joachim Bruhn: Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation. Freiburg 1994.
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