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Kindheit unter Saddam Hussein |
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Von Walid Al-Khalily
Im Jahr 1973 kam ich als zweitgeborener Sohn eines relativ gut
situierten Ehepaares in Bagdad auf die Welt. Sowohl mein Vater als auch
meine Mutter waren damals berufstätig und es mangelte uns an nichts
Wesentlichem. Ich tollte in unserem Garten herum, war stolzer Besitzer
eines Bonanza-Rades und wir lebten, so ließen sie mich glauben, ein
unbeschwertes Leben. Ich erinnere mich an nichts Politisches während
meiner frühen Kindheit im Irak.
Meine Eltern hatten die Politik spätestens seit 1968 ruhen lassen. Aus
Überlebenstrieb und purer Angst - wie so viele andere auch. Ich war
weder in einer Jugendorganisation der Ba’th-Partei, noch musste ich mir
zuhause Freudengesänge über unseren großen Führer anhören. Im
Gegenteil. Ich wurde verschont - meine Eltern sorgten dafür, soweit es
ihnen möglich war.
Als 1980 die Massenvertreibungen des Saddam-Regimes begannen,
entschlossen sich meine Eltern in aller Eile zur Flucht. Nach einigen
Monaten landeten wir schließlich im Libanon und begannen dort ein neues
Leben. Ich war damals sieben Jahre alt und angesichts des bisher
Geschehenen noch immer ganz schön unpolitisch. Eineinhalb Jahre später
sollte sich dies ändern. Ich belauschte ein Gespräch zwischen meiner
Mutter und meinem Bruder und schnappte Wortfetzen auf, deren Bedeutung
ich nicht sofort zu erfassen wagte. Das einzige Gefühl, zu dem ich
fähig war, war tiefes Entsetzen. Es schnürte mir den Hals zu. Ich war
geschockt, und wusste noch gar nicht um den Grund meiner Aufregung.
Noch in der darauf folgenden Nacht wurde mir klar, worüber die beiden
sprachen. Es ging darum, dass unser großer Führer Saddam Hussein kein
Ebenbild Gottes war. Kein gütiger Übervater. Es ging darum, was er
unserer Familie und unseren Freunden angetan hatte und wie er das ganze
Land zugrunde gerichtet hatte. Als Jüngster der Familie hatte ich davon
keine Ahnung.
Ich liebte Saddam Hussein
Für mich brach eine Welt zusammen. Ich fühlte mich doppelt verraten.
Einerseits durch das Geheimnis, das vom Rest meiner Familie unter
Verschluss gehalten worden war und das ich nur durch einen Zufall
entdeckte. Und auf der anderen Seite durch den Verrat an unserem großen
Führer. Es kam aber noch ein Gefühl hinzu. Ich kann mich gut daran
erinnern, dass ich über meine Reaktion überrascht war. Es war mir gar
nicht bewusst, was Saddam Hussein für mich bedeutete. Obwohl ich nicht
tagtäglich Loblieder hören und singen musste und sogar seit über einem
Jahr nicht mehr im Irak gewesen war, hatte er scheinbar dennoch einen
festen Platz eingenommen. Das überrascht mich heute noch.
Saddamisierung und Militarisierung
Im Irak wuchsen Kinder in einem Klima der permanenten Militarisierung
auf. Kinderbücher und Magazine verherrlichten von der ersten bis zur
letzten Seite den Krieg und Saddam. Fast drei Jahrzehnte lang hämmerte
das Regime diese Botschaften in die Köpfe irakischer Kinder. Jeder ist
Soldat. Jeder ist bereit, jederzeit sein Blut und sein Leben für Saddam
zu geben. Als besonders effektive Werkzeuge zur Indoktrination
entdeckte das Regime die Lehrpläne an den Schulen. Bereits mit sechs
Jahren waren die Schulbücher voll mit Panzern, Maschinengewehren,
Granatwerfern und Illustrationen von Kindern als Soldaten, die über
amerikanische und israelische Fahnen fuhren - natürlich alles im Namen
des Antiimperialismus und Antizionismus. Sobald jemand den Klassenraum betrat, mussten alle Kinder aufstehen und
"Lang lebe Saddam Hussein" rufen. Die Erwähnung der Allgegenwart dieser
Botschaften in den Medien erübrigt sich wohl. So wie Kinder
ausdrücklich an regimefreundlichen so genannten "Demonstrationen"
teilzunehmen hatten, war ihre Anwesenheit auch bei öffentlichen
Hinrichtungen erwünscht.
Kinder als Waffe
Volksschulkinder wurden in paramilitärische Organisationen gedrängt, wo
sie auf ihre späteren Pflichten vorbereitet wurden und ihnen der nötige
Gehorsam und vor allem Treue gegenüber dem Führer eingedrillt wurde.
Die frühe und intensive Militarisierung der Kinder fand in den "Ashbal
Saddam" (Saddams junge Löwen) einen weiteren grausamen Höhepunkt. Die
Kinder kamen im Alter von etwa sieben Jahren zu dieser militärischen
Einheit. Sie erlernten dort den Umgang mit Waffen, die Errichtung von
Straßensperren, einfache militärische Manöver, Guerillataktiken und
wurden zu Scharfschützen ausgebildet. Ihnen wurden physische Qualen zum
Zwecke der "Abhärtung" zugefügt. Und es fand sich im Rahmen ihres
täglichen 14 Stunden langen Trainings genug Zeit für die politische
Indoktrination und das Einschärfen unbedingten Gehorsams dem Führer
gegenüber. Kinder und Jugendliche, die von einem solchen dreiwöchigen
Sommercamp zurückkehrten, waren für ihre Eltern oft nicht mehr wieder
zu erkennen. Die Ashbal Saddam dienten dem Regime als perfekte Nachwuchsschmiede für
die Fedayeen Saddam(1). Viele der Mitglieder der Ashbal Saddam waren
Waisenkinder, deren Eltern vom Regime eingekerkert oder hingerichtet
wurden. Auf diese Weise wurde die "Brut" der Oppositionellen nicht nur
durch den Verlust eines oder beider Elternteile geschädigt sondern auch
noch gewinnbringend in eine bedingungslos loyale militärische Einheit
eingegliedert. Die Ausbildung sah den Umgang mit scharfer Munition ab
zwölf Jahren vor. Mit zunehmendem Alter durften die Kinder immer
größere Tiere erschießen. Dabei gebührte demjenigen Jungen der Titel
"Saddams Held", der ein Tier erschoss, es häutete und mit den bloßen
Zähnen zerfleischte. Das Ziel war unter anderem eine tiefe Desensibilisierung der
Jugendlichen gegenüber Gewalt und Demütigung. Diese sollte auch nicht
vor deren Eltern, Verwandten oder Nachbarn halt machen.
Nicht erst 1998 entdeckte Saddam Hussein die geheimdienstlichen
Qualitäten von Kindern und lernte sie zu schätzen und zu fördern.
Hierzu folgendes Zitat aus einer Rede im Jahr 1977:
"To avoid parents being a retrograde force in the home, we must arm the
child with an inner light so that he can repel this influence. Some
fathers have escaped our hold for various reasons, but a young boy is
still in our hands... The family unit must comply with centralised
customs, ruled by revolutionary positions and traditions. Teach him to
stand up to one or other of his parents... And also teach the child
that he must also be wary of strangers... a student adept at moving
within different yet perfectly organised structures will, when the time
comes, be able to stand in the sun, bearing arms day and night, without
flagging [...] and when asked to confront the imperialists or to charge
in attacks in this troubled region, will do so because, from childhood,
he has developed the habit of doing everything in an orderly way."(2)
Kinder wurden dazu ermutigt, jedes Zeichen von Opposition oder Regung
einer Kritik gegen das Regime zu melden. Auch wenn es sich hierbei um
die eigenen Eltern handelte. Und so verstummten die Erwachsenen sogar
in ihren eigenen vier Wänden.
"Fear is the cement that holds together this strange body politic in
Iraq, [...] This fear has become a part of the psychological
constitution of citizenship."(3)
(1) Fedayeen Saddam: 1995 von Saddams ältestem Sohn Uday gegründete
paramilitärische Miliz bestehend aus 18.000 bis 40.000 Schergen, die
unzählige Bluttaten verübten (Enthauptungen von mehreren hundert
vermeintlichen „Prostituierten“, öffentliche Hinrichtungen,
Zungenamputationen von Regimegegnern, ...). Sie waren ausschließlich
dem Präsidenten unterstellt und außerhalb jeglicher Gerichtsbarkeit und
militärischen Kommandostrukturen.
(2) Al Dimuqratiyya masdar quwwa li'l-fard wa'l-mujtama: Speeches. Published by El Thawra, 1977.
(3) Zit.n. Kanan Makiya, Republic of Fear, S. 275.
Walid Al-Khalily, Exil-Iraker, flüchtete mit seiner Familie vor den
Massenvertreibungen 1980 aus dem Irak und lebt seit 1983 in Österreich.
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