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Die Zeit vom Anfang des
20. Jahrhunderts bis zum heutigen Tag
von Kayoumars Shahsavary* "Aber
wie sollte man glauben, ein Volk für immer unterdücken zu können,
das auf seiner Freiheit besteht und auch bereit ist, den Preis dafür zu
zahlen?"
Jawaher Lal Nehru 1935 über die Kurden
Es ist
naheligend, daß die folgenden geschichtlichen Fakten in dieser Periode
auch dem politischen Bewußtsein und Leben der Kurden ein neues Gesicht
gegeben haben:
• Der
Erfolg der iranischen Völker im Kampf gegen den Absolutismus, nämlich
der Sieg der konstitutionellen Revolution von 1906-1911 im Iran, der darauffolgende
Untergang der Qadjariden — Dynastie und der Aufstieg einer neuen Diktatur.
• Der
Gründung von politischen Gruppierungen sowohl im Iran wie z.B. der Andjuman-e-Idjtema-iyun
(ein sozialdemokratischer Verein) als auch auf dem Territorium des ehemaligen
Osmanischen Reiches und jetzigen türkischen Staates wie z.B. Organisation
der Jungtürken.
• Die
grausamen Massaker an den Armeniern und ihre Verfolgung unter der osmanischen
Verwaltung, der Untergang des Osmanischen Reiches, die nationalistischen Ziele
des Kemal Pascha (Atatürk) und natürlich die Umwälzungen der
beiden Weltkriege.
Durch diese
Entwicklungen wurde aber auch das Schicksal des kurdischen Volkes in neue politische
Bahnen gelenkt. In dieser Periode, vor allem nach dem Ersten und nach dem Zweiten
Weltkrieg, erlitt das kurdische Volk schmerzhaftes Unrecht und nicht wieder
gutzumachenden Schaden, wie vor allem die Wiederaufteilng Kurdistans unter den
neu gegründeten Staaten und eine in diesen Ausmaß nie dagewesene
nationalistische Ausrottungspolitik. Der Aufstand der Jungtürken im Jahr 1908 weckte bei den Kurden große
Hoffnungen und führte kurzfristig zu einer liberalen Atmosphäre, in
der kurdische Gesellschaften und politische Klubs gegründet wurden, parallel
zu der liberalen Entwicklung nach der konstitutionellen Revolution im Iran. Bereits kurz nach der Machtübernahme der Jungtürken setzte jedoch
eine nationalistische Politik der Türkisierung ein, die erste kurdische
Aufstände auslöste. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg hätte
ein kurdischer Staat gegründet werden können und müssen. Denn
einerseits bestand nach dem Untergang des Osmanischen Reiches ein Machtvakuum,
so daß eine Neuordnung den verschiedenen Nationalitäten entsprechend
erfolgen konnte. Andererseits hatten die Alliierten während des Krieges
die Achtung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker lautstark betont und
waren als Wohltäter der von den Osmanen unterdrückten Völker
aufgetreten. Im Geheimen hatten sie allerdings bereits 1916 im Sykes-Picot-Abkommen
das Gebiet unter sich aufgeteilt. Auch nach dem Krieg ensprach die Propagierung kurdischer Autonomie oder eines
kurdischen Staates zunächst dem Interesse der USA, Großbritanniens
und der Türkei. Die USA waren vor allem an einem eigenständigen armenischen
Staat interessiert. Großbritannien hatte neben Arbil und Kirkuk die erdölreiche Provinz
Mosul besetzt, die nach dem Sykes-Picot-Abkommen jedoch Frankreich zustand.
Es konnte dies nur mit dem Selbstbestimmungsrecht der Kurden und deren Wunsch,
unter britischer Verwaltung zu stehen, begründen. Die Türkei wollte
ebenfalls Mosul vereinnahmen und mußte hierfür die kurdische Bevölkerung
auf ihre Seite ziehen.
Diese Motive führten dazu, daß im Vertrag von Servres vom August
1920 den Kurden vage Versprechungen gemacht wurden. Der Vertrag sah, in einem
Viertel des osmanisch-kurdischen Gebietes lokale Autonomie vor. Außerdem
sollten die Kurden dieses Gebietes beim Völkerbund einen eigenen Staat
beantragen können, dessen Errichtung dann im Ermessen des Völkerbundes
stünde. Die Siegermächte haben jedoch keinerlei Schritte zur Realisierung dieses
Vertrags unternommen, stattdessen solche in die entgegengesetzte Richtung, indem
sie die Staaten Irak und Syrien gründeten. Der Plan Großbritanniens, kurdische Autonomie unter britischer Steuerung
einzurichten, war nämlich nicht aufgegangen. Der von ihnen gerufene Scheikh
Mahmoud ließ sich nicht zur Marionette machen, sondern strebte ein unabhängiges
Kurdistan an. Großbritannien hatte aber kein Interesse, die Provinzen
Mosul und Kirkuk an einen unabhängigen kurdischen Staat zu verlieren. Auf der Konferenz von Lausanne im November 1922 arrangierten sich die Alliierten
endgültig mit der von Atatürk regierten Türkei, die als Staat
anerkannt wurde. Im Vertrag von Lausanne (24. Juli 1923) war von kurdischer
Autonomie oder Unabhängigkeit keine Rede mehr, stattdessen wurde Kurdistan
entgültig auf vier Staaten aufgeteilt. Kurz darauf begann Großbritannien,
das südkurdische Gebiet brutal zu bombardieren. Auf der Lausanne Konferenz hatte die türkische Delegation noch erklärt,
die Türkei sei das Heim zweier völlig gleicher Nationen, der Kurden
und der Türken, und sich vertraglich verpflichtet, den nichttürkischen
Völkern Mindestrechte, wie den freien Gebrauch ihrer Sprache, zu gewähren. Kaum war die Türkei jedoch anerkannt, zeigten die Kemalisten ihr wahres,
extrem nationalistisches Gesicht. Alle gesetzlichen Rechte der Kurden wurden
beseitigt, kurdische Schulen geschlossen, kurdische Publikationen verboten,
die Existenz des kurdischen Volkes geleugnet und jedes Zeichen seiner Existenz
unterdrückt . Parallel hierzu begann durch den Aufstieg des Diktators Reza Schah die erneute
Unterdrückung der Kurden in Iranisch-Kurdistan. Die Aufstände des
19. Jahrhunderts wurden nach der Aufteilung Kurdistan, in anderer Form, Art
und Weise und in anderen Dimensionen wieder aufgenommen. Diese Aufstände
wurden nun nicht nur von den Zentralregierungen, sondern auch von den alten
Kolonialmächten aufs Schärfste bekämpft. Jede Stimme für die Freiheit und die Rechte des Volkes wurde erstickt und
jede Bewegung für Autonomie und Selbstverwaltung wurde seitens der Zentralregierungen
brutal niedergeschlagen.
Obwohl die ersten politischen kurdischen Orgnisationen auf das Jahr 1908 zurückgingen,
formierte sich die kurdische Nationalbewegung erst während des Zweiten
Weltkriegs und wurde in den folgenden Jahren zu einer modernen organisierten
Bewegung mit klarer politischer Ideologie. Direkt nach dem 2. Weltkrieg bot sich den Kurden im Iranisch-Kurdistan unter
dem Diktator Reza Schah die Chance auf Selbstbestimmung, und sie nutzten diese
durch Errichtung der Mahabad-Republik in Iranisch-Kurdistan. Die autonome Regierung
in Mahabad konnte ein Jahr in demokratischer Weise regieren und ist zum Symbol
kurdischer Selbstbestimmung geworden. 1947 wurde sie von den Truppen der Zentralregierung zerschlagen, ihr Präsident,
Qazi Mohammad, wurde öffentlich hingerichtet. Auch die Zeit danach war bestimmt von totaler Unterdrückung in allen vier
Ländern und starkem Widerstand dagegen, der brutaler denn je bekämpft
wurde. Beispielhaft seien hier der kurdische Widerstandskampf im Irak unter
dem legendären Führer Mullah Mustafa Barzani, und der jahrzehntelange
Kampf der Kurden der demokratischen Parteien in Iranisch-Kurdistan bzw. in Türkisch-Kurdistan
genannt.
Von Komala J. K. zur
DKP Den ersten städtischen Erhebungen der Kurden (1930 in Sulaimaniya/Irak)
folgte die Gründung der nationalistischen kurdischen Organistionen Hiwa,
die im Jahr 1939 unter dem vorsitz Rafigh Hilmis und Mahmud Jawdats von kurdischen
Intellektuellen in Suleimania gegründet wordenist, und Komala Jianawei
Kurd (Organisation für die Wiederauferstehung Kurdistan), die von 11 Persönlichkeiten
am 16. August 1942 in der Stadt Mahabad (Iranisch- Kurdistan) gegründet
wurde. Die Komala J. K. war eine Untergrundorganisation, deren erklärtes
Ziel die nationale Befreiung Kurdistans war. In den Jahren 1943-1945 (als die Komala ihre politischen Anschauungen in der
Zeitschrift "Nischteman" (Heimat) veröffentlichte) zeigte sich
deutlich, daß die Komala J. K. nicht mehr jene Organisation verkörperte,
welche die ständig wachsende Bewegung der Volkmassen in Iranisch-Kurdistan
anführen konnte und entwickelte sich zur Demokratischen Partei Kurdistan,
die am 16. August 1945 in Mahabad gegründet wurde, wo sie ihr Parteiprogramm
bekanntgab. Die Gründung der DPK stellte einen bedeutsamen Wendepunkt in der Kampfgeschichte
des kurdischen Volkes dar und symbolisierte zugleich den Entstehungsbeginn fortschrittlicher
und moderner politischer Parteien und Orgnisationen. Da in der Geschichte der kurdischen Nation nie eine solchermaßen fortschrittliche
Partei mit einen festen Programm existiert hatte gewann die DPK von Anbeginn
die Unterstütung aller Klassen und Schichten der kurdischen Gesellschaft
und beendete die führende Rolle der traditionellen Stammesführer und
geistlichen Führer. Die städtische Mittelklasse und die Intelligenzija
wurden die allein dominierende Schichten. Von 1950 bis zur Gegenwart kam es in Kurdistan zu zahlreichen Aufständen.
Die bedeutendesten davon sind die folgenden:
1963-1975 Barzani Aufstand in Irakisch-Kurdistan, 1967-1968 Aufstand der Demokratischen
Partei Kurdistan-Iran, 1978-1990 Aufstand in Irakisch-Kurdistan, 1979-heute
Erhebung der Demokratischen Partei Kurdistan-Iran, 1983-heute Erhebung der PKK
in der Türkei. Alle diese Aufstände haben zu keinem Erfolg geführt. Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Ende des Kalten Kriegs sind hauptsächlich
von Blockkämpfen um die Einflußnahme in der Region geprägt.
Sowohl die westlichen Mächte als auch der Ostblock versuchten, die kurdische
Bewegung für die Erreichung ihrer Ziele zu instrumentalisieren. Die Zeit nach dem Kalten Krieg sollte die Entfaltung der Demokratie und Entstehung
eines Völkerpluralismus in der Region des Nahen und Mittleren Ostens ermöglichen. Doch ging die Praxis der US-Regierung und ihre westlichen Verbündeten genau
in die gegenteilige Richtung. Ein Beispiel dafür ist der türkische
Teil Kurdistans. In dem über 15 Jahre andauernden Krieg wurden nach offiziellen
Quellen über 3.000 Dörfer zerstört, mehr als 4 Millionen Kurden
aus ihrer Heimat in den Westen und ins Landesinnere vertrieben und weitere 2
Millionen zwecks besserer Überwachung in den Städten zusammengedrängt. Mit der Ankunft des PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan in Italien eröffnete
sich eine konkrete Perspektive, den Krieg in Kurdistan auf einem friedlichen
Weg zu beenden. Seit November 1998 haben mehrere europäische Länder
Abdullah Öcalan — still und leise — das Asylrecht verweigert.
Letzten Endes hat Europa Öcalan allein gelassen und damit Öcalans
Verschleppung in die türkischen Folterkammern verursacht.
In diesem Zusammenhang sollten wegen der Verhaftung des PKK-Chefs Abdullah Öcalan,
der wegen angeblichem "Hochverrat am Vaterland", in Wirklichkeit aber
wegen Verteidigung der Rechte des kurdischen Volkes vor Gericht gestellt wurde,
Internationale Gemeinschaften und insbesonder s die europäischen Länder,
alles unternehmen um das Todesurteil gegen ihn zu verhindern und darüber
hinaus eine friedliche Lösung für die Kurden in der Türkei zu
suchen. Mag sein, daß im jahrelangen Widerstand der PKK auch unschuldige Menschen
getroffen wurden, aber alle wissen, daß dieser Widerstand in der Türkei
eine eindeutige Reaktion gegen die Politik der türkischen Regierung ist.
Obwohl es Zeit ist, daß die Friedens- und Gerechtigkeitliebenden nicht
zulassen, daß die Zukunft von mehr als 15 Millionnen Kurden aus der Türkei
nur mehr in der Person von Adullah Öcalan reflektiert wird, und daß
er schließlich im Namen von Verrat exekutiert wird. Oder die iranische Kurden, die seit 20 Jahren nach der Machtergreifung von Komeini
am deutlichsten an der Unterdrückung der Kurden zeigt, bombadierten die
kurdische Dörfer und brachten hunderte Frauen und Kinder um, Sie trieben
Tausende kurdische Fammilie durch miliärische Operationen über die
Grenze nach Irak, sie erschossen hunderte Freiheitskämpfer, die für
Demokratie in Iran und für eine Autonomie Kurdistan kämpfen, sie machten
viele Dörfer den Erdboden gleich und führten eine Krieg, der an Völkermord
in grenzte. Und sie ermordeten die iranisch-kurdischen Politiker in Ausland wie Dr. Abdoul
Rahman Gassemliou, Generalsekretär der DPK Iran, in Wien, am 13.Juli 1989
und seinen Nachfolger Dr. Said Scharafkandi in Berlin 1992. Die Lösung
für ethnische Probleme bei dem iranischen Regime ist, daß alle Moslems
sind und jede Art Diskussion über Kurden, Azerbadjaner und etc. uns auseinander
reißen und unserer moslemischen Solidarität schaden wird. Und für die Beziehungen, die die USA und EU aufbauen wollen, heißt
das, daß die Interessen der Kurden und der Opposition weiter geschwächt
werden und auch dort den Plänen der westlichen Mächte geopfert werden. Vor siebzig Jahren wurden die Kurden als Barbaren bezeichnet, den Vernichtungsfeldzug
gegen die Kurden stellte die Türkei dem Westen gegenüber dar als einen
Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei. Heute heißt der Genozid an
den Kurden Kampf des türkischen Staates gegen den Terrorismus und wird
auch im Westen als solcher betrachtet. Das Kurdenproblem ist ein us-amerikanisches und europäisches Problem und
sie sind dafür verantwortlich. Wenn die NATO Angriffe zur Verteidigung eines kleinen und hilflosen Volkes fliegt,
werden diese von Kurden begrüßt und für richtig gehalten, damit
die Internationale Gemeinschaft sich nicht mehr von Einmischungen in innere
Angelegenheiten anderer Länder zurückziehen kann und der Völkervernichtung
einfach nur zuschaut. Die Kurden wollen jedoch nicht, daß die anderen Länder Truppen zu
ihnen senden und sie verteidigen. Aber ist das Kurdenproblem, das mehr als 30
Millionen Menschen betrifft, wirklich nicht so viel wert, als daß die
wichtigsten Entscheidungsgremien der Welt sich nicht darüber den Kopf zerbrechen
könnten, um für Kurdistan eine friedliche Lösung zu erzielen?
Zweifellos wird so etwas einerseits einen dauerhaften Frieden und Stabilität
für Nahen Osten bringen, anderseits die Sicherheit und Stabilität
der jeweiligen Länder sichern. Natürlich wird das auch ein großer
Schritt in Richtung Menschenrechte sein, wenn die NATO und EU keinen Versuch
machen, die Kurden weiter zu spalten.
*) Kayoumars
Shahsavary ist Mitarbeiter des Vereins demokratischer StudentInnen aus Iranisch-Kurdistan |