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Wirre politische Seitenwechsel im Frankreich der 30er Jahre - von Alexander Schürmann-Emanuely
KritikerInnen werden meinen, die Redaktion von Context XXI sei eigenartigst
nostalgisch, da in jeder Nummer ein, zwei Beiträge vorzufinden sind, die
inhaltlich die 30er Jahre behandeln. Das Bedürfnis über diese Zeit
zu reflektieren, kommt jedoch daher, dass die 30er Jahre das Jahrzehnt vor der
großen Vernichtung sind, als Menschen dazu übergingen ihr Wissen,
ihre Technik, ihre Gesellschaft dafür einzusetzen, um aus dem Massenmorden
eine vollstreckbare Alltäglichkeit zu machen – das Bedürfnis
ist das alles zu verstehen. Auch zu verstehen, wieso Leute, die damals angetreten
waren, diese Vernichtungsmaschinerie zu verhindern, sich schlussendlich als
Betreiber von dieser wiederfanden.
Seitenwechsel
Mary Kreutzer hat in ihrer Rezension des Buches Faschistische Ideologie. Eine
Einführung von Zeev Sternhell in der letzten Ausgabe von Context XXI zentrale
Gründe genannt, wie und wieso Linke ihren Beitrag zum Faschismus liefern
konnten. Aufgezählt wurde eine verkürzte Kapitalismuskritik, der daraus
resultierende Antisemitismus, männliche Militanzverherrlichung und ein
antimaterialistisch ausgelegter Marxismus, hinzufügen würde ich den
Wunsch auf effektive Weise die bürgerliche Gesellschaft zu stürzen,
den Wunsch nach vereinfachendem, autoritärem Totalitarismus und den Wunsch
nach Macht. Doch oft ist es viel schwieriger, den Werdegang von, solche Entwicklungen
prägenden, paradoxen Biographien nachzuvollziehen. Die Seitenwechsel von
Links nach Rechts in den 30er Jahren waren in ihrer Konsequenz vor allem für
viele Mitmenschen verheerend und mörderisch und berühren meines Erachtens,
wegen ihrer Beispielhaftigkeit, die Wurzel eines jeden Seitenwechsels, den ein
Mensch vollziehen kann und welcher weit über Opportunismus, Anpassung und
Parteibuchwechsel hinausgeht.
Wir befinden uns demnach in den 30er Jahren, in Frankreich genau genommen, wo
nach Aussagen von HistorikerInnen oder PolitologInnen der Nachkriegszeit, wie
Raymon Aron, Jean-François Sirinelli und Michel Winock, viele PolitikerInnen
und Intellektuelle nicht mehr wirklich an eine Zukunft der bürgerlichen,
parlamentarischen Demokratie glaubten. Diese KritikerInnen sammelten sich in
außerparlamentarischen Oppositionen, welche die Form von Massenorganisationen
annahmen – außerparlamentarisch deshalb, weil in Frankreich selbst
große Gruppierungen wegen des Mehrheitswahlrechts ohne Wahlbündnisse
nicht so leicht Abgeordnetensitze ergattern konnten, auch wenn sie es naturgemäß
versuchten. Die linke, anfangs revolutionäre und antirepublikanische Massenorganisation,
die relativ unterrepräsentiert im Parlament saß, war die Kommunistische
Partei. Die Rechtsextremen waren in Massengruppierungen organisiert, die sich
aus antisemitischen und monarchistischen Vereinen gebildet hatten, sowie aus
diversen Veteranenverbänden. Am 6. Februar 1934 spitzte sich die Lage in
Paris schließlich zu, als die Rechtsextremen das Parlament stürmten
und die Mittelinksrechts-Regierung stürzen wollten. Die Polizei verhinderte
das Unterfangen, es gab viele Tote, über tausend Verletzte. Dass das Verweigern
einer Bündnispolitik mit den anderen linken Parteien in Deutschland die
Machtergreifung der Nazis erleichtert hatte, leuchtete in Folge nun auch der
KPF ein und ab 1935 kam es in Frankreich zum Ende ihres Koalitionsboykotts und
zu Bildung einer Volksfront.
Doriot und Bergery
Doch zwischen 1934 und 1935 verging noch ein Jahr, in dem nicht so klar war,
wie, was und wann etwas gegen die FaschistInnen geschehen soll und ob es zu
einem linken, republikanischen und antifaschistischen Wahlbündnis kommen
sollte. Und es ist in dieser Zeit, als manche Biographien paradox zu werden
beginnen. Zwischen 1934 und 1935 glich, wegen der vehementen Streitigkeiten
unter den Linken, jede Idee von einer Volksfront einer Sünde - und es waren
u.a. der Kommunist Jacques Doriot und der Radikale Gaston Bergery, welche für
solche sündhaften Ideen zu bezahlen hatten. Doriot, Akteur der ersten paradoxen
Biographie, war ein nicht unbedeutender KP-Politiker gewesen, der als Bürgermeister
der größten Arbeitervorstadt von Paris und als Abgeordneter, als
einer der wenigen KommunistInnen etwas mehr Gestaltungsmöglichkeiten und
Einfluss hatte. Wegen seiner Popularität galt er auch als logischer, zukünftiger
Parteivorsitzender – doch hätte er da 1934 nicht die Notwendigkeit
einer antifaschistischen Volksfront erwähnen dürfen, da diese Meinung
gegen die damaligen Richtlinien der Komintern verstieß und somit seinen
Parteiausschluss besiegelte. Als nunmehr parteiloser Bürgermeister und
Abgeordneter gründete er 1936 seine eigene Partei, der sich vor allem die
gesamte Sektion der KP in seinem Wahlbezirk anschloss. Die neue Partei war die
PPF (Parti populaire français – Französische Volkspartei),
die sich als sozialistisch, antikommunistisch, nationalistisch und antiliberal
bezeichnete, ganz im Sinne George Sorels, der gemeint hat, dass sich der Sozialismus
nur durch ein Nationalbewusstsein verwirklichen kann. Es gab bald Uniformen
und ein plebiszitärer, starker Staat mit einer starken Führung wurde
gepredigt. (Sirinelli, 1993, S.149). Die PPF zeichnete sich auch durch einen
virulenten Antiintellektualismus aus, wenngleich der Antisemitismus in den ersten
Jahren noch etwas ausgespart wurde, genauso wie Doriot sich in der ersten Zeit
weigerte, ganz zum Frust einiger MitstreiterInnen, seine Partei als eine faschistische
zu bezeichnen.
Die bald rund 100.000 Mitglieder starke Partei (zur gleichen Zeit hatte die
KPF knapp dreimal so viele Mitglieder), alle militärisch organisiert, nach
dem Modell der italienischen Schwarzhemden, wurde jedoch bald eine treibende
Kraft der rechtsextremen Szene und schlussendlich doch noch zu einer der vielen
faschistischen Parteien Frankreichs. Die Schlägertrupps Doriots können
als französische SA bezeichnet werden und mit ihnen versuchte Doriot nicht
nur die Republik zu stürzen, sondern auch eine hegemoniale Position innerhalb
des französischen Faschismus zu erreichen. In der PPF fand sich bald ein
Sammelsurium von SeitenwechslerInnen wieder, bestehend aus einigen frustrierten
KommunistInnen und GewerkschaftsfunktionärInnen, genauso wie, natürlicherweise
und mit zunehmenden Maße, massenhaft ehemalige Mitglieder anderer rechtsextremer,
meist monarchistischer Parteien. Einige Unternehmer finanzierten Doriots Partei,
da durch diese das Abdriften eines nicht unwesentlichen Teiles der Arbeiterschaft
(Doriots Wähler - Frauen hatten erst 1945 ein Wahlrecht - blieben die Arbeiter
seines Arbeiterbezirks) nach Rechts sich vollzog. Die dadurch etwas zurückhaltendere
Kritik am Kapitalismus konnte jedoch schnell durch einen populären Antisemitismus
abgelöst werden – und ohne Hass hätte die neue faschistische
Partei wohl kaum gedeihen können. Als Trägerin der Kollaborationsregierung
von Pétain unterstützte die PPF, auch aktiv die Shoah und am 16.
und 17. Juli 1942 beteiligten sich 450 Aktivisten der PPF neben 4.500 französischen
Polizisten an der zentralen Aktion der Deportation der JüdInnen in Paris,
dem "rafle du Vél’ d’hiv", bei dem 12.884 Menschen
verhaftet und den Nazis ausgeliefert wurden.
Der Philosoph Jules Benda hatte gerade 15 Jahre zuvor vom Verrat der Intellektuellen
gesprochen, die, statt aus ihrem autonomen Feld zu agieren, sich lieber in die
alltägliche Machtpolitik einzuklinken versuchen und gerade dann von Linken
zu Rechten mutieren, so wie ein Maurice Barrès oder ein Sorel es schon
um die Jahrhundertwende vorexerziert hatten. Einer dieser “Verräter”
war der anfangs anarchistisch angehauchte Schriftsteller Drieu de La Rochelle,
der sich ab den 30er Jahren fortan als nationalen Sozialisten bezeichnete und
zum Kreuzzug gegen die "Verweiblichung" und "Verjüdung"
der Gesellschaft aufrief. Es war auch er, der den Antisemitismus in Doriots
Partei importiert. Wie Régis Debray einmal ausgedrückt hat, gibt
es für bürgerliche Intellektuelle nichts schmeichelhafteres, als ein
populistischer Antiintellektualismus und so nannte Drieu Doriot “den guten
Sportler”, der sich gegen den “fetten Intellektuellen aus dem letzten
Jahrhundert stellt und das kranke Frankreich heilen wird” (Debray, 1980,
S.177). Doriot wird als extrem machtgierig beschrieben, seine Machtgier ging
sogar so weit, dass er die ganze Vichy-Zeit über daran arbeitete, Pétain
zu stürzen, wäre er doch gerne selbst der Führer gewesen, ganz
zum Missfallen seiner Förderer: den deutschen Besatzern.
Die zweite paradoxe Biographie ist jene des "jungtürkischen"
Abgeordneten der Radikalen Partei Gaston Bergery – als Jungtürken
wurden jene Radikale bezeichnet, die sich für eine linke Regierungskoalition
und gegen eine des Zentrums, wie sie in Frankreich bis 1936 vorherrschte, aussprachen.
Er sollte bald von einer zentralen Figur des antifaschistischen Kampfes der
bürgerlichen Linken zu einer der zentralen Figuren des Faschismus werden.
Ihn, den linksliberalen Pazifisten als einen Antiliberalen zu bezeichnen oder
ihm irgendeinen Militarismus vorzuwerfen, ist auf den ersten Blick wohl kaum
möglich. Trotzdem, seine Referenzen an antimarxistische, antiliberale und
antiparlamentarische Gesinnungen, sowie an nationale und ständestaatliche
Strukturen, ebenso wie seine Aversion gegenüber Léon Blum, dem Regierungschef
der Volksfront, die ihn zu einigen antisemitischen Statements hinreißen
ließen, hätten wohl kritische Geister hellhörig werden lassen
können. Doch nicht hellhörig genug, da seine 1934 gegründete
“Gemeinsame Front” strukturell der Volksfront als Vorlage diente,
wenngleich ohne Beteiligung der KommunistInnen. Neben Politikern diverser linker
Parteien wurde Bergery, der nach dem Februarputsch einen viel effektiveren Kampf
gegen den Faschismus forderte, auch von den großen humanistischen und
antirassistischen NGOs (auch die Vorläuferin der LICRA) seiner Zeit unterstützt
und auch sonst von vielen ernstzunehmenden AntifaschistInnen, meist Intellektuellen.
Der Radikale Bergery sollte schlussendlich, genauso wie Doriot ins faschistische
Lager wechseln, manche machen es sich einfach und schieben diesen Sinneswandel
ebenfalls dem Schriftsteller und langjährigen Freund Bergerys Drieu La
Rochelle zu. Meines Erachtens hat zu seinem Positionswechsel am meisten Bergery
selbst beigetragen. Im Juni 1940, kurz bevor das französische Restparlament
dem Maréchal Pétain alle Vollmacht gewährte, verfasste der
Abgeordnete Bergery einen Text, in welchem er für "eine neue: autoritäre,
nationale und soziale Ordnung" eintrat (Sirinelli, 1993, S.181), der von
rund 100 Abgeordneten unterstützt wurde. Gleichzeitig wurde Bergery Ghostwriter
des neuen Staatschefs. Einer der Unterstützer von Bergery war der Abgeordnete
Marcel Déat, ein sozialistischer Dissident – er war wegen seinen
Ideen eines sozialistischen Ständesstaates 1934 aus der SFIO ausgeschlossen
worden – und Pazifist, von dem 1939 der Spruch “Sterben für Danzig?”
stammte. Beide sollen schlussendlich zu den Hardlinern unter den kollaborierenden
Politikern werden. Sie gründen 1941 eine faschistische Partei (Rassemblement
national populaire - Nationale Volksvereinigung) (Sirinelli, 1993, S.201) und
Déat wird 1943 Staatssekretär für Arbeit in Vichy (Sirinelli,
1993, S.215), mit Bergery als rechter Hand. In dieser kurzen Periode an der
Macht schaffen sie es, zumindest auf Papier, einige von Sorel abgekupferte Ideen,
Richtung nationalen, sozialistischen Ständestaat gehend, zu verwirklichen.
1944 war es dann vorbei mit der Möglichkeit nationale Sozialismen und das
damit verbundene Massenmorden in Frankreich zu verwirklichen. Da mensch sich
in seinem Leben nicht so viele Seitenwechsel leisten kann (außer vielleicht
in Österreich) blieb nur wenigen französischen FaschistInnen die Möglichkeit,
als L'Oréal-VertreterInnen in Spanien oder Argentinien ihr Leben neu
zu organisieren. Doriot sollte seinen Seitenwechsel nicht überleben, er
starb irgendwo, irgendwann 1945 in deutscher Uniform, Drieu ebenfalls nicht,
er tat das, von dem er schon sein ganzes literarisches Werk hindurch geschwärmt
hatte, beging Selbstmord, Bergery spukte noch bis 1958 in der französischen
rechtsextremen Szene herum und Déat starb 1955 in seinem Versteck, einem
Kloster in der Nähe von Turin.
Es stellt sich nur die Frage, wieso Doriot und Bergery, die Initiatoren von
antifaschistischen Plattformen ab 1933, sich am Ende des gleichen Jahrzehnts
als Köpfe des französischen Faschismus wiederfanden? Immerhin haben
beide ihre Karriere in ihren ehemaligen Parteien aufgegeben, um 1934 einen effektiveren
Kampf gegen den Faschismus zu betreiben. War es der Generationskonflikt, auf
den Eugen Weber in Les Droites françaises – Die französischen
Rechten (Weber, www.republique-des-lettres.com) hinweist, die Tatsache, dass
die Politik von überproportional vielen Greisen bevölkert wurde und
die Jungen, Nichtkonformisten woanders, “bei den Roosevelts, Salazaren,
Henri de Mans oder den russischen Fünfjahresplänen” nach Lösungen
suchten? War es die Abneigung gegenüber der als dekadent empfundenen bürgerlichen
Demokratie und Gesellschaft, die AntifaschistInnen zu FaschistInnen mutieren
ließ? Der Drang nach Zerstörung der alten Strukturen lässt sich
vielleicht bei Doriot nachvollziehen, doch was trieb Bergery dazu, 1939 innerhalb
einiger Monate einen totalen politischen Wandel zu vollziehen? Selbstbestätigung,
Machtgier, Schizophrenie, die Liste, wieso Linke FaschistInnen wurden, kann
sicher noch außerhalb ideologischer Erklärungen verlängert werden,
dabei entpuppen sich Sinneswandel häufig nur als Handlungswandel, da von
Sinnen gar nicht mehr die Rede sein kann.
Und auch das…
In diesem Zusammenhang sollte vielleicht erwähnt werden, dass paradoxe
Biographien auch in die andere Richtung erfolgten. Z.B. setzte 1934 der katholisch-humanistische
Philosoph Jules Benda, der sich bis dahin nicht ins politische Tagesgeschehen
einmischen wollte, seine Unterschrift unter einen linksextremen antifaschistischen
Aufruf, mit der Begründung, dass nach so einem Putschversuch jede Formel
wie: „weder links noch rechts“, absurd sei und die von ihm angestrebte
humanistische Mystik sehr wohl mit dem linken Humanismus zu vereinbaren ist
(Sirinelli, 1990, S.89), dass er sich ganz im Gegenteil über jeden toten
Faschisten freue, da der Faschismus eindeutig gegen jede Art von Humanismus
gerichtet sei. Im Kampf gegen den Faschismus ging es nicht mehr um ideologische
Streitereien, sondern ums Überleben. Und es war der Protest des anfänglichen
Franco-Sympathisanten und erzkatholischen und konservativen Schriftstellers
François Mauriac gegen die Bombardements von Guernica, der mehr die öffentliche
Meinung gegen die spanischen FaschistInnen aufrüttelte, als Picassos Bild
bei der Weltausstellung in Paris 1937. Immerhin gab es auch das…
Ein ideologisches Element, auf welches auch Sternhell hinweist, spielt meines
Erachtens zusammenfassend doch eine zentrale Rolle bei jeder Art von Seitenwechsel,
nämlich ob sich das politische Handeln, beim Versuch eines gesellschaftlichen
Umbruchs, auf das Individuum und sein Wohl konzentriert oder aber auf eine abstrakt
definierte und schlussendlich mörderische und mordende Gruppe.
Debray, Régis. Le scribe. Genèse du politique. Paris : Grasset,
1980.
Sirinelli, Jean-François, Robert Vandenbussche, Jean Vavasseur-Desperriers :
La France de 1914 à nos jours. Paris: Presses Universitaires de France,
1993.
Weber, Eugen. Les Droites françaises. http://www.republique-des-lettres.com/s1/sirinelli.shtml,
7.9.2002, 13h.
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