die Redaktion
Teil 1:
Mary Kreutzer und Thomas Schmidinger, zwei Redaktionsmitglieder jener Zeitschrift,
die Sie gerade in der Hand haben, oder deren content Ihnen auf andere Weise
nutzbar gemacht wird, bewegen sich über Monate in einem für viele
fremden Teil Lateinamerikas. Sie führen Interviews, machen Zufallsbegegnungen
und kontaktieren langjährige FreundInnen. Aus diesen Aspekten, persönlich-politischer
Geschichte und dem Interesse an intensiver Auseinandersetzung, entsteht ein
Buch: Niederlagen des Friedens. Gespräche und Begegnungen in Guatemala
und El Salvador.
Teil 2:
Erste Reaktionen aus dem lange vertrauten politischen Soli-Umfeld offenbaren
Enttäuschung und Unverständnis über die Form der geäußerten
Kritik, die sehr rasch die eigentliche Grenzlinie innerlinker Auseinandersetzung
berühren und ein gap öffnen, das selbst Verleumdung und Denunziation
ermöglicht. Des Pudels Kern kann entlang der Position und Bedeutung von
Antisemitismen in linken Analysen und Konzepten identifiziert werden, oder -
terminologisch fixiert: ein Ringen um die inhaltliche Dimension von Begriffen
wie USA, Imperialismus oder Solidarität. Die Begriffe ”Denunziation”
und ”Verleumdung” werden durch den Kontext der Initiativen und Tätigkeiten
bestimmt, dessen Imagination in der hier geführten Debatte manchen schwer
fällt. Politische Arbeit in Guatemala wurde seit Anfang der 1960er Jahre
durch Bürgerkrieg, physische Bedrohung und klare Zuordnungen bestimmt:
Regierung/Militär und Guerilla bildeten jenen Antagonismus, der die Positionierung
aller weiteren AkteurInnen determinierte. Diese Situation wurde durch die Friedensverträge
nur bedingt durchbrochen, vielmehr scheint eine Eskalation dieser brüchigen
und halbherzigen Verhandlungsergebnisse gegenwärtig, Fragen von Verfolgung
und Exil werden konkret, wenn Menschen aufgrund ihrer Überzeugungen, ihres
Engagements getötet werden. Eine inhaltliche Debatte ihrer Analysen und
Beobachtungen wurde den AutorInnen vielfach verweigert, langjährige Zusammenarbeit
und gemeinsames Bemühen (konkret Marys im ehemaligen Solidaritätskomitee
für Guatemala, nunmehr Guatemala Solidarität) schlagartig beendet,
und einige gingen soweit, die beiden AutorInnen als Gefahr in linken Zusammenhängen
zu identifizieren, sie als VerräterInnen in die Position des Feindes zu
setzen.
Um das Bild von den eurozentrischen Reisenden, die keinerlei Kompetenz und
Berechtigung hätten, auch die Linke Guatemalas und El Salvadors kritisch
zu betrachten, mussten die VerfasserInnen von zwei gegen die AutorInnen des
Buches gerichteten Artikeln in den Zeitschriften ”Malmoe” und ”Lateinamerika
anders” schließlich zum Trick greifen, den am Buch beteiligten guatemaltekischen
Karikaturisten Camoch totzuschweigen und aus Mary, die in Guatemala aufgewachsen
ist und seither fast jährlich das Land besucht, eine uninformierte Touristin
zu machen. Aber auch wenn der Co-Autor Thomas nur zweieinhalb Monate im Land
war, bleibt die Frage, ob er allein kein solches Buch schreiben dürfte.
Können Kompetenzen nicht auch aus der Lektüre, der Erzählung
miterworben werden? Muss die ”Authentizität”, das "Abenteuer”,
die ”Action” dabei sein, um etwas sagen zu dürfen? Selbstentlarvender
kann sich die Actiongeilheit, aber auch die Theorie- und Lesefeindlichkeit dieser
Linken kaum darstellen.
Teil 3:
O-Ton eines Briefes der AutorInnen an FreundInnen und Vertraute in Guatemala:
Uns wurde mehrfach unterstellt, wir würden mit unserem Buch Personen gefährden.
Als Beispiel wurde in einem Artikel für die Zeitung Malmoe von einem österreichischen
Filmemacher, der in Mexiko und Guatemala tätig ist, ausgerechnet ein Gespräch
mit einem Studenten angeführt, das nicht nur aufgezeichnet wurde, sondern
bei dem dieser auch noch selbst bei der Transkription behilflich war und uns
genau erklärte, wie wir ihn beschreiben sollten. Der Filmemacher war sogar
selbst in unserer WG zu Gast, als der Student Mary beim Abtippen seines Interviews
half. Anhand solcher Beispiele wurde uns der generelle Vorwurf gemacht, dass
wir mit unserem Buch Menschen gefährden würden. Was heißt das
aber, wenn wir zuerst fragen ob wir (Teile) von Gesprächen publizieren
dürfen, und ob wir Namen nennen dürfen? Sind Teile der Solidaritätsbewegung
der Meinung, dass wir so paternalistisch zu sein hätten, dass wir gefälligst
wissen sollten, dass man doch keinE GuatemaltekIn als linke AktivistIn namentlich
nennen dürfe? Auch dann nicht, wenn diese selbst anderer Meinung sind?
Wenn wir also - im Gegensatz zu Teilen der europäischen Solidaritätsbewegungen
mit Guatemala - keine unkritische Hurra-Solidarität praktizieren, sondern
Kritik üben, ist dies keine Aufkündigung von Solidarität, sondern
vielmehr der Versuch eines ehrlichen Diskurses über Positionen, die wir
nicht allein deshalb für sakrosankt halten, weil sie von Linken stammen,
die von vielen europäischen Linken als heldenhafte Kämpfer aus dem
Trikont verherrlicht werden. Genau durch diese Verherrlichung werden politische
AktivistInnen in Lateinamerika in unseren Augen aber zu Objekten der Solidaritätsbewegung
gemacht, in die die Hoffnungen der eigenen Hoffnungslosigkeit in Bezug auf eine
revolutionäre Veränderung in Europa projeziert werden.
Teil 4:
Im Buch (S. 74) wird auch eine in Guatemala lebende Österreicherin zitiert,
die mit ihren GenossInnen den 11. September feierte. Ihre rückwärtsgewandte
Sehnsucht und das Bedauern, die Waffe des Terrorismus reaktionären Kräften
überlassen zu haben, mag viele AktivistInnen quälen, die ihre politische
Identität aus einem imperialismuszentrierten Universum ableiten. Sympathien
oder Verständnis für SelbstmordattentäterInnen zu artikulieren,
und jegliche Diskussion über die diesem Prozess inhärenten Antisemitismen
zu verweigern, also die Beziehung von Dominanz und Herrschaft der USA gegenüber
Lateinamerika isoliert von weiteren politischen Diskursen betrachten zu wollen,
musste mit jenem Selbstverständnis kollidieren, das die AutorInnen wie
die Redaktion dieser Zeitschrift formulieren. Diese Differenz markiert auch
den Übergang linker Streitpositionen zu antifaschistischer Recherche, die
gerade im Beispiel der Bin Laden-Euphorie eine Frage der Allianzen und letztlich
die einer sinnvollen Verwendung politischer Links-Rechts-Dichotomien berührt.
Das Unvermögen der Auseinandersetzung mit der eigenen Volksgemeinschaft,
ihren Taten und Kontinuitäten führt mitunter zu dem bekannten Phänomen
der Übertragung eigener Vorstellungen und Wünsche auf entfernte Zusammenhänge.
Eine Form der Projektion, die - als Solidarität getarnt - die eigene Position
sakrosankt erscheinen lässt, stellt das Bedürfnis nach Übereinstimmung
in den Vordergrund, die Waffe der Kritik wird verworfen. Die Verdammten dieser
Erde wurden in einem manichäistischen Verständnis des Antiimperialismus
zum verklärten Objekt der Identifizierung. Diese Konstellation ermöglicht
nicht nur die Übernahme von Opferrhetorik, sondern auch die Übereinstimmung
mit der (Groß)Elterngeneration, was das Feindbild USA betrifft. Das meinte
Eike Geisel, als er einmal dem herrschenden Antiimperialismus Konformismus attestierte.
Wir sind uns selbstverständlich der unterschiedlichen Gründe für
die Ablehnung der USA durch guatemaltekische Linke und ÖsterreicherInnen
bewusst, schließlich war die Politik der USA in Guatemala seit Jahrzehnten
für die grausamen Militärdiktaturen und die Ausbeutung und Unterdrückung
der Bevölkerung mitverantwortlich. Trotzdem rechtfertigt dies unserer Meinung
nach in keinem Fall die Unterstützung für einen antimodernistischen,
antisemitischen Anschlag, bei dem tausende ZivilistInnen in den USA ums Leben
gekommen sind. Noch schlimmer wird so eine Aussage, wenn sie von einer Österreicherin
kommt, die Nachkommin einer Gesellschaft ist, die nur durch die militärische
Gewalt der USA (gemeinsam mit der Sowjetunion und Großbritannien) dazu
gezwungen werden konnte, die industrielle Massenvernichtung von Jüdinnen
und Juden zu beenden. Während Guatemala den USA eine jahrzehntelange Militärdiktatur
(mit-)verdankt, verdankt Österreich den USA die Wiedererrichtung einer
halbwegs demokratischen und zivilisierten Gesellschaft. Angesichts dieses Hintergrundes
hielten wir es für gerechtfertigt, solche Äußerungen ebenso
zu veröffentlichen 1), wie die Tatsache, dass am 20. Oktober 2001 auf der
Demonstration zum Jahrestag der Oktoberrevolution eine größere Gruppe
von StudentInnen mit T-Shirts herumliefen und verkauften, auf deren Vorderseite
ein Bild von Usama Bin Laden mit dem Spruch ”Es ist Zeit für die Völker
sich gegen den Imperialismus zu erheben; Genesis 9:11” und auf der Rückseite
mit dem Satz: ”Die USA erleben jetzt was wir jahrelang erleben mussten.
Sie bekommen was sie verdienen!” zu sehen war.
Diese Wahrheiten sind zwar schmerzlich und für Teile der guatemaltekischen
Linken nicht eben schmeichelhaft, aber wir denken, dass es für eine ehrliche
Auseinandersetzung und Debatte über die Situation in Guatemala und für
eine inhaltliche Debatte mit der guatemaltekischen Linken unerlässlich
ist, auch diese Aspekte aufzuzeigen und nicht nur in kritiklosen Jubel über
die Objekte der eigenen Begierde zu verfallen.
Teil 5:
Der von den AutorInnen verwendete Begriff der ”kritischen Solidarität”
fordert jene offene Form der Konfrontation, die eine Absage an eine tradierte
politische Arbeitsteilung vorsieht und in der herkömmlichen Wertung von
Theorie und Praxis Positionen verteilt: jener romantisch verklärte Blick
auf das konkrete Tun der GuerillakämpferInnen einerseits, jener zur intellektuellen
Produktion - wenn schon nicht Revolution - beitragenden europäischen AkteurInnen
andererseits. Den Kontext konkreter Kämpfe beachtend, kann es wenig zielführend
sein, Grundsätze linker Überzeugung zu missachten und Kritik an falschen
Hoffnungen zu üben, deren Perspektive nur katastrophal genannt werden kann.
Es bedeutet eine Möglichkeit der gewünschten Veränderung und
transatlantischen Kooperation wahrzunehmen.
1) Wir verzichteten dabei auf eine Namensnennung! |