Untersuchungsrichter Garzón
hat seine Anklage gegen Pinochet Mitte Juni neuerlich um 36 weitere Folteropfer
ausgeweitet.
Die Streitgespräche
rund um die heilige Tunika des General Pinochet überraschen mich auf einer
Reise durch Südamerika und ich empfinde eine außerordentliche Neugier
für den spanischen Richter Baltasar Garzón. Doppelseiten in der
Presse, Witze, die seinen Namen verwenden, um ihn in den Dritten der heiligen
drei Könige zu verwandeln, Bilder auf Demonstrationen, manchmal angezündet
durch Pinochet-Anhänger in Santiago, meistens aber verwendet, um ihn zum
Richter der Hoffnung der Laien zu erheben, nicht zum dem des Galgens. Die peripheren
Völker, das heißt alle außer den Vereinigten Staaten, pflegen
ihre Größe auf Basis von Marathon-Wettkämpfen und universalen
Bürgern zu messen. In Spanien prahlen wir mit einigen universalen Spaniern,
wie Julio Iglesias und sein Sohn Enrique, Beweis dafür, daß sich
die Alpträume auf genetischem Weg reproduzieren; Placido Domingo y Josep
Carreras, 33,3% der Wohltaten der drei Tenöre; José Antonio Samaranch,
der aus dem Franquismo zur Präsidentschaft des Internationalen Olympischen
Komitees gelangte; zuletzt Iván de la Peña, Fußballspieler
unter Vertrag bei Lazio, der aber seine zum Universalen fähigen Verdienste
nicht darstellen konnte aufgrund einer ungelegenen Verletzung.
Garzón verdunkelt alle. Die spezielle Struktur des Rechts in Spanien
bringt mit sich, daß die wichtigen Fälle durch die Audiencia Nacional
gehen, und daher durch die Hände eines halben Dutzends Richter, die sich
in vermittelte Protagonisten verwandeln, ob sie es wollen oder nicht. Deshalb
nennt man sie Star-Richter und sie bilden ein Star-System, in dem Garzón
eine privilegierte Person ist: Er hat den Drogenhandel verfolgt, den Terrorismus
der ETA, den Terrorismus des Staates (Fall GAL) und die Genozide Chiles und
Argentiniens verstrickt in die Endlösung der siebziger Jahre. Dieser Holocaust
der Linken wurde organisiert durch das Außenamt der USA in Zusammenarbeit
mit einigen Multinationalen, dem Pentagon und zuletzt den Handwerkszeugen des
Tötens, den einheimischen Militärputschisten, die vom Sturz Gulart’s,
verfassungsmäßigen Präsidenten Brasiliens, bis zum argentinischen
Putsch die systematische Zerstörung der lateinamerikanischen Linken verbrachen,
um die Wechselwirkung mit den Kräften des kalten Krieges auszuposaunen.
Das Horror- und Straflosigkeitsspektakel, ausgedrückt durch die Folter,
die Morde, die Grausamkeit der Verfolgungen, die Entführung der Kinder
von Gefangenen, muß man dem Kapitel der blutigen Spektakel der Verteidigung
der christlichen Werte des Westens zurechnen. In Argentinien, wo die Militärs
durch die Flucht nach vorne im Falklandkrieg in Mißkredit geraten sind,
gab es ein mutiges aber fast symbolisches Urteil, man muß erinnern an
den Staatsanwalt Strasera. In Brasilien und Uruguay nicht einmal das —
und in Chile haben sich Pinochet und seine Mariachis erlaubt, die Demokratie
zu bewachen aus den Wachhütten der Kasernen und aus dem zu einer Wachhütte
gewandelten Parlament.
Man versteht, daß die Fußgänger der Geschichte sich hinter
das Bild von Garzón stellen, Gesicht und Geste, die die letzte Hoffnung
auf Gerechtigkeit in dieser Welt verkörpern, aus dem Verdacht, daß
in der anderen Welt die Amnestie für jene, die halfen, die Werte des Christentums
zu retten, weiterbesteht.
Ich lernte Garzón im vollen Sturm der Untersuchungen zum Prozeß
über den Staatsterrorismus in Spanien kennen. In der Nacht, in der er sich
erlaubte, gegen führende sozialistische Politiker zu prozessieren, aßen
wir zusammen und er erklärte mir, was erklärt werden durfte und nicht
Geheimnis der Ermittlungen war. Garzón hatte den Fehler begangen, nach
den Wahllisten der PSOE vorzugehen, der Grund warum er beschuldigt wurde sozialistische
Politiker aus Zorn zu verfolgen. Die Führungsspitze der PSOE blies diesen
Vorwurf soweit auf, daß viele Leute zu glauben begannen, den Staatsterrorismus
habe Garzón erfunden, auf die selbe Weise, wie es Leute gibt, die bereit
sind zu glauben, daß den Klassenkampf Karl Marx erfunden habe. Mir persönlich
schien er eine umfassende Persönlichkeit zu sein, gesegnet mit moralischem
Wert, beharrlich, mit einem ursprünglichen Sinn für gerecht und ungerecht,
den man erwirbt, wenn man von der Abstammung her der Unterschicht angehört.
Garzón hat weder Pinochet noch Videla erfunden. Auch verfolgt er sie
nicht formal, weil sie Chilenen oder Argentinier sind, sondern weil sie spanische
BürgerInnen gefoltert und gemordet haben, ein erster Schritt, daß
in Zukunft die Schlächter verfolgt werden, einfach weil sie morden und
töten, wen auch immer, und daß sie es sich zweimal überlegen,
bevor sie als Killer eines Systems tätig werden, gleich welchen Systems.
Chomsky hat daran erinnert, daß über den nationalen Killern in jenen
Tagen, diese Endlösung und ideologischen Holocaust leitend, Nixon und Kissinger
standen. Wann, Garzón, gibt es einen Such- und Haftbefehl für Kissinger,
den Friedensnobelpreisträger?
*) Manuel
Vázquez Montalbán ist spanischer Schriftsteller, bekannt vor allem
durch seine Kriminalromane. Der Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung aus
der mexikanischen Zeitung
La jornada übernommen. Die Übersetzung
besorgte Manfred Gmeiner