von Stephan Grigat
Christoph Burgmer: Das negative Potential. Gespräche mit Johannes Agnoli.
Freiburg, ca ira-Verlag, 80 Seiten, 9,50 Euro
Agnoli führt aus, warum der Staat notwendigerweise ein Zwangsverhältnis
darstellt, das für allerlei Dinge zu gebrauchen ist, aber ganz sicher nicht
für die Emanzipation der Menschen von Herrschaft und Ausbeutung. In den
vorliegenden Gesprächen, die als Nebenprodukt bei Arbeiten zu einem Film
über Agnoli entstanden sind, wiederholt der emeritierte Professor für
Politikwissenschaft ebenso geduldig wie unnachgiebig, “daß es nicht
um die Humanisierung der Kapitalverhältnisse geht, sondern um deren Überwindung”.
Gegen die heimtückische Frage, wo denn das Positive bleibe, favorisiert
Agnoli die Kraft der Negation und der Subversion. In vier Interviews spekuliert
er über eine mögliche “Modernisierung des Staates in Richtung
eines autoritären Rechtsstaates”, erklärt, warum das Kapital
über die Einführung einer Tobin-Steuer nur lachen würde, und
erläutert, warum die biblische Eva die erste Verkörperung der Subversion
war.
Sein Optimismus hinsichtlich der Widerständigkeit der abhängigen
Massen, der zeitweilig an Realitätsverweigerung grenzt, findet sich auch
in dem vorliegenden Band. Dass Menschen vorherrschende Ideologien “mitmachen”,
wenn sie doch gar keinen Vorteil davon haben und nicht mal den Namen dieser
Ideologie kennen, hält er für “unmöglich”. Das liegt
in erster Linie daran, dass Agnoli auch schon in früheren Schriften jene
grundlegende Gemütslage der nationalstaatlichen Warenmonaden, die sich
permanent betrogen und übervorteilt fühlen, aber von einer Kritik
der Ökonomie nichts wissen wollen, die einen diffusen Hass gegen “die
da oben” hegen, aber der Kritik der Politik und des Staates nichts abgewinnen
können, bei Agnoli nicht Gegenstand der Kritik ist, sondern ganz im Gegenteil
immer wieder als Beleg für die grundsätzliche Widerständigkeit
der zum Dasein als variables Kapital Verdammten herhalten muss.
Initiative Sozialistisches Forum: Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten.
Über Israel und die linksdeutsche Ideologie. 2., erweiterte Auflage, Freiburg,
ca ira-Verlag, 200 Seiten, 13,50 Euro
Die Erstauflage dieser Textsammlung wurde in Context XXI bereits vorgestellt
(2/01). Die nun vorliegende zweite Auflage wurde um drei Texte ergänzt.
Die ISF dechiffriert den Hass auf Israel und auf den Zionismus als Resultat
der allgemeinen Unzulänglichkeiten der diversen Fraktionen der Linken.
Sie klärt über das geschichtsphilosophische Wesen des Zionismus und
über das Verhältnis von zionistischer Praxis und kommunistischer Kritik
auf. Während der Parteikommunismus selbst noch nach dem Nationalsozialismus
an seinem grenzenlos optimistischen und positiven Geschichtsverständnis
festhielt, konstruiert sich Geschichte im Zionismus nicht “als Zu-sich-selbst-Kommen
des Wesens, sondern als der historische Zusammenhang der Katastrophen und als
Abwehr der kommenden. Die Zionisten handeln, als hätten sie sich der Bewahrheitung
der ‚Geschichtsphilosophischen Thesen’ Walter Benjamins verschrieben.
In dieser negativen Geschichtsphilosophie ist der Materialismus dem Zionismus
verwandt, wenn er auch so kontrafaktisch wie kategorisch, gegen alle Erfahrung
und jeden Begriff, sich weigert, dessen These vom ‚ewigen Antisemitismus’
sich zuzueignen.”
Die Aktualität der von der ISF entwickelten Thesen zur Kritik der antizionistischen
Linken werden von Andreas Kühne und Andrea Woeldike anhand des Antisemitismusstreits
beim “Freien Senderkombinat”, dem freien Radio in Hamburg, dargestellt.
In der abschließenden Erklärung der “Bahamas”-Redaktion
wird nochmals der Versuch unternommen, die kommunistische Intention der Israel-Solidarität
theoretisch zu begründen und auf einige der gängigen Kritiken an einer
linksradikalen Solidarität mit dem Staat der Shoah-Überlebenden zu
antworten: “Wenn in der Bahamas von den Palästinensern als von dem
‚derzeit wohl aggressivsten antisemitischen Kollektiv’ gesprochen
wurde, dann ist dies, genauso wie die Rede von ‚den Deutschen’ oder
der ‚deutschen Volksgemeinschaft’, mitnichten eine positive, klassifizierende
Eigenschaftszuschreibung oder gar, wie einem in böswilligem Unverstand
vorgehalten wird, eine ‚rassistische’ Qualifikation. Es handelt sich
dabei vielmehr darum, einen kritischen Begriff von Verlaufsform und Resultat
völkischer Mobilmachung zu gewinnen, bei der nur noch das bedingungslose
Mitmachen zählt und die schließlich eine Gesellschaft hervorbringt,
die sich nicht mehr nach einander entgegengesetzten Partikularinteressen, Klassen
und Fraktionen sortiert (…). So ist es also vielmehr die emphatische Rede
vom ‚unterdrückten’ und ‚kämpfenden’ ‚Volk’,
die diesen barbarischen Mechanismus geistig verdoppelt.” Leider ist kaum
anzunehmen, dass solche Ausführungen irgendeinen oder irgendeine der auf
Antirassismus machenden Antizionisten oder Antizionistinnen überzeugen
wird. |