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Ein Gespräch mit Erwin
Riess
Erwin Riess hat mit "Giordanos
Auftrag" seinen ersten Roman vorgelegt. ContextXXI sprach mit dem Autor
über den Text, die Situation der Linken in Österreich und die Möglichkeit
von Gesellschaftskritik in Kriminalromanen.
Das Gespräch führte
Manfred Gmeiner
ContextXXI:
Ihr erster Roman "Giordanos Auftrag" hat die Form eines Krimis.
Ermittler ist ein Journalist, der nach Ungarn reist, um einen Kriminalfall
aufzuklären. Ist dies das erste Mal, daß Sie für einen erzählenden
Text die Form eines Krimis wählten?
Riess:
Es ist mein erster Roman, wobei ich ihn gar nicht so sehr als Kriminalroman
sehe, sondern als Fortsetzung der Geschichten, die vorher schon existierten,
mit der selben Mannschaft: dem Rollstuhlfahrer Groll und seinem Freund und Kollegen,
dem Dozenten. Da gibt es ja eine Reihe von Geschichten, es entstehen auch laufend
neue, und die Ungarn-Sache hat sich wie von selbst zu einer vermeintlichen Kriminalgeschichte
weiterentwickelt.
Das
heißt, das Hauptthema ist wie bei Ihrem ersten Buch "Herr Groll
erfährt die Welt" (Elefantenpress Berlin) der ständige Dialog
zwischen Groll und dem Soziologen, unter anderem auch über die Bedingungen,
die behinderte Menschen in der Welt vorfinden?
Ja, wobei
sich das in der letzten Zeit etwas verändert. Die Behinderungsfrage war
früher stärker vorhanden, es war für mich notwendig, die schlechten,
aber auch die erfreulichen Seiten von Behinderung zu thematisieren, so zum Beispiel,
daß man Herrschaftmechanismen erlebt, die man vorher gar nicht bemerkt
hat. Man erfährt einiges über diese Gesellschaft, wenn man in diesem
Verfremdungseffekt lebt, vor allem, wenn man vorher auch bewußt als nicht
behinderter Mensch gelebt hat. Man hat sozusagen eine zweite Möglichkeit,
die Dinge des Lebens zu sehen.
Das hat
sich in den letzten Jahren insofern verändert, als das Thema der Behinderung
zwar immer vorhanden ist und bisweilen an die Oberfläche kommt, die Geschichten,
die erzählt werden,damit aber vordergründig nichts zu tun haben. Im
Fall des Romans ist es eine Geschichte, die sehr stark mit dem Behindertenthema
zu tun hat. Bei einer eventuellen Fortsetzung wird das nicht mehr so stark sein.
Die innerliterarische Geschichte ist etwas, was nicht vom Kriminalroman herkommt,
sondern von der Dialogstruktur in der Prosa. Ich habe es einmal zurückverfolgt,
das geht auf "Don Quijote", die Auseinandersetzung zwischen Sancho
Panza und "Don Quijote", zurück, dann wurde das Dialogische wiederaufgenommen
im "Tristram Shandy" von Laurence Sterne. Diderot wiederum hat auf
Sterne mit "Jacques, der Fatalist und sein Herr" und "Rameaus
Neffe" rekurriert, und Brecht hat in den "Flüchtlingsgesprächen"
auf diese Struktur von Diderot zurückgegriffen. Das sind sozusagen die
Vorbilder dieser Zweierstruktur, wo man Welt anhand von zwei Personen, die die
Welt brechen, erzählt. Daß das dann auch noch eine Kriminalstruktur
angenommen hat, war mir beim Schreiben gar nicht bewußt.
Das
heißt, die Kriminalstruktur hat sich aus der Entwicklung der Geschichte
ergeben?
Ja, die
beiden fahren los nach Ungarn, Groll hat die Aufgabe einen Notruf aus einem
ungarischen Behindertenheim zu recherchieren, und auf dem Weg dorthin gibt es
jede Menge Umwege und Abenteuer, die die beiden erleben, diese Sache hat dann
eine Eigendynamik angenommen.
Beim klassischen
Kriminalroman hat man immer einen Polizisten, der etwas aufklärt, man erfährt
etwas über die Soziologie der Polizei, wie es bei den italienischen Kriminalschriftstellern
der Fall ist, das aber interessiert mich nicht. Mich interessiert nichts weniger
als Polizeistrukturen zu bearbeiten. Mich interessieren die Auswirkungen dieser
Konstellation auf die Gesellschaft und die Geschichten, die sich zwischen Menschen
ereignen. Dies von zwei Personen brechen zu lassen, in ihrer Verrücktheit
und Subjektivität, war das Ziel.
Der
Kriminalfall, der in der Geschichte behandelt wird, ist eine sehr brutale
Geschichte, nämlich die Vermarktung von Behinderten in der Pornoindustrie.
Haben Sie Informationen über die Pornoindustrie gesammelt, und liefern
diese den realen Hintergrund der Geschichte?
Kurz zusammengefaßt
geht es darum: In einem Behindertenheim werden die Heiminsassen zur Erzeugung
von sogenannten Snuff-Videos mißbraucht, das sind Videos, in denen Leute
vor laufender Kamera mißbraucht oder sogar getötet werden. Ich hätte
das nie erfunden, wenn ich nicht in New York in der 42. Straße solche
Videos in einer Reihe von Sexshops gesehen hätte, das ist übrigens
interessanterweise die Gegend, in der auch die Fernsehanstalten New Yorks sitzen.
Dort werden diese Videos relativ offen angeboten und ich habe gesehen, daß
im Hintergrund der dargestellten Handlungen, Gebrauchsgegenstände mit ungarischer
Aufschrift stehen. Da bin ich hellhörig geworden, da ich Ungarn sehr gut
kenne. Ich habe dann versucht, über Freunde in Budapest zu recherchieren
und bin draufgekommen, daß Budapest das Pornozentrum Osteuropas ist und
daß es einen riesigen Markt für diese Gewalt und Snuff-Videos im
Westen gibt. Die Aufnahmeplätze liegen in Nordungarn und der Slowakei.
Die Behinderten, sowie die Leute, die dort arbeiten, kommen aus der Sowjetunion,
Rumänien oder Polen. Das ist ein sehr einträglicher Geschäftszweig,
dessen Produkte fast alle in den Westen gehen. Und all das passiert unter den
Augen der Polizei und wird infolge korrupter Strukturen nicht verfolgt. Die
Produzenten können sehr frei und sicher agieren.
Es
ist wahrscheinlich auch kein Zufall, daß die Videos für den Markt
im Westen im Osten hergestellt werden.
Es war
erschreckend zu sehen, das ist eine koloniale Ausbeutung, wie sie brutaler und
sinnlicher erfahrbar gar nicht sein kann. Aber das ist genau das Schicksal dieser
Länder, nachdem sie ihr System aufgegeben haben. Sie haben nie die Chance
gehabt, auch nur Zweite Welt zu werden, sie können nur Dritte werden —
mit wenigen Ausnahmen, Westungarn, Teile von Polen, aber der Rest ist Dritte
Welt und wird das auch bleiben.
Ich
möchte noch einmal zurückkommen auf den Dialog zwischen Groll und
dem Soziologen, der sich in diesem Buch schon noch sehr stark mit der Situation
von Behinderten auseinandersetzt. Groll wird hier auch als Provokateur gezeichnet,
der gegen in der Linken übliche und akzeptierte Meinungen (Ökologie,
Marktkritik, und so fort) sehr pointiert auftritt, während der Soziologe
versucht, diese Angriffe der speziellen Sicht von Behinderten zuzuschreiben
und sie wissenschaftlich zu verarbeiten, ohne darauf politisch einzugehen.
Groll ist ein halbgebildeter,
aber relativ erfahrener behinderter Mensch, der gelernt hat, mit seiner zusätzlichen
Eigenschaft in dieser Gesellschaft zu überleben. Der Dozent ist ein Repräsentant
der schönen weichen Wolke der linken Weltsicht, die bei ihm existentiell
nicht gefährdet ist, weil er Erbe einer reichen Familie ist, und versucht,
die Welt in einer Art und Weise zu erklären, die mit der Wirklichkeit wenig
zu tun hat. Dieses Muster ist in Österreich unter vielen Linken sehr verbreitet,
soviel Wirklichkeitsverdrängung existiert unter anderen Teilen der Bevölkerung
kaum. Und ich nehme mich da selber nicht aus, ich hab´ mich ja auch lange
Jahre mit den Klassikern und ihren letztlich mechanistischen und teleologischen
Theorien über Gesellschaftsformationen befaßt. Dieses Halbwissen
hat einige Zeit Sicherheit vermittelt, und gleichzeitig war es unglaublich hohl.
Ich bin aber kein Konvertit, ich stehe zu dem, was ich gelesen und verstanden
habe und bin in diesem Sinn auch noch Marxist und ein klassischer Linker. Die
Behinderung hat mir aber einiges an positiven Möglichkeiten zusätzlich
verschafft. Sie lehrte mich zu sehen, wie in anderen Staaten, zum Beispiel Westeuropas,
behinderte Menschen leben und wie ein sehr freier Kapitalismus dennoch bestimmte
Möglichkeiten von Integration und das Bestehenlassen von anderen Lebensformen
auch noch zuläßt, was aber in Österreich nicht funktioniert.
Das führte mich zu einer immer stärkeren Beschäftigung mit der
österreichischen Geschichte. Denn offensichtlich ist nicht der Kapitalismus
allein das Problem, sondern die Geschichte von Unterdrückung und Gegenaufklärung,
die in Österreich bis in die Gegenreformation zurückreicht, das Lustfeindliche,
Sinnesfeindliche, der Spaß an der uneigennützigen Gemeinheit, wie
Friedrich Heer das nannte. Und von da an habe ich mich mit dem Kapitalismus
auch im Sinne einer die Gesellschaft ständig umwälzenden Kraft auseinandergesetzt.
Es ist schon erstaunlich, was dieses Gesellschaftsystem bei allem Schrecken
immer noch hervorbringt. Und derzeit ist es ja recht spannend zu sehen, in welche
Richtung sich die Linke, sofern man überhaupt noch von einer konsistenten
Linken sprechen kann, weiterentwickelt. Diese reine, religiös verbrämte
Gegenwelt, das war schon ein schöner und toller Entwurf, aber er konnte
nicht wirklich erfolgreich sein auf die Dauer. Diese rüde Form des Sozialismus
und Kommunismus hängt sehr stark mit dem Krieg zusammen und funktioniert
für friedliche Entwicklungsmöglichkeiten ohne Wertgesetz nicht mehr.
Sehen
sie zur Zeit Ansätze in der Linken zu einer neuen Form des Protests oder
Widerstands gegen den Kapitalismus, oder läßt die Linke ihre Möglichkeiten
aus?
Ich habe
den Eindruck, daß in Österreich und auch in Deutschland ganze Traditionszusammenhänge
von Widerstand gebrochen sind. Die Grünen sind zum Teil das Medium dieses
verlustig gegangenen Wissens um kapitalistische Strukturen. Die Gewerkschaften
sind auch nicht mehr in der Lage, dieses Wissen weiterzuführen. Das sind
sie zum Teil noch in den südlichen Ländern. Eine linke Struktur ist
nicht ohne Aktionen und politische Bewegungen, die auf der Straße stattfinden,
zu bekommen.
Ich
möchte noch einmal zum Thema des Kriminalromans zurückkommen. Glauben
Sie, daß es möglich ist, in einem Roman die Strukturen der Kriminalisierung,
die sehr eng mit Herrschaft verknüpft sind, aufzugreifen, oder läßt
sich das bei der Flut von Medien, die Kriminalität schaffen, nicht mehr
aufbrechen?
Das Entscheidende
ist, daß man eine Geschichte hat, die von sich aus Weiterungen hat. Man
braucht einen Kern, der so stark ist, daß er von sich aus wächst.
Die Geschichte muß aufgehen. Dann ist es auch möglich, diese Kriminalisierungsstrukturen
mitzuerzählen. Schlecht ist es, wenn man mit einer Vorgabe an die Geschichte
herangeht. Die Geschichte von "Giordanos Auftrag" begann mit der Reise
nach Ungarn und stand dann lange still, als ich auf den Kriminalfall mit den
Behinderten gestoßen bin, da ich nicht sicher war, ob ich das erzählen
kann und will. Erst als ich mich ganz auf die Geschichte eingelassen habe und
sie sich quasi von selber weitererzählt hat, konnte der Roman entstehen.
Wenn man sich auf dieses Abenteuer nicht einläßt, sollte man nur
noch Essays schreiben oder Theaterstücke, was ich auch tue, aber keine
erzählende Prosa.
Sie
selber haben auch einmal eine Zeitung herausgegeben, der streit, die sie,
auch um sich ganz der Literatur zu widmen, aufgegeben haben. Sehen sie in
der Literatur eine adäquatere Art sich auszudrücken oder eine bessere
Form an die Menschen heranzukommen?
Der zweite
Gesichtspunkt spielt überhaupt keine Rolle. Das Schreiben ist für
mich einfach zum Lebensmittelpunkt geworden, auch schon in der Zeit, als ich
den streit herausgab. Aber man kann sich nur eine Zeit lang Gewalt antun,
irgendwann zieht man den Schluß, wenn man schreiben will, muß man
so leben, daß man schreiben kann. Ich habe auch meine Brotarbeit im Wirtschaftsministerium
aufgegeben, um mich ganz dem Schreiben widmen zu können. Anders wären
all die Geschichten, Stücke und Essays der letzten Jahre nicht entstanden.
Es war eine Entwicklung, die mit mir zusammenhängt und keine Frage, wie
man an Leute herankommt, das interessiert mich in der Literatur eigentlich gar
nicht.
Sind
ihre nächsten literarischen Projekte wieder Erzählungen?
Ich schreibe
weiterhin Groll-Geschichten für die Volkstimme, die Stimme der
Minderheiten und andere Zeitungen. In letzter Zeit arbeite ich viel im Genre
des politischen und literarischen Essays — meist für Wespennest,
demnächst über das neue Buch von Elfriede Jelinek für Literatur-Konkret.
Dann zeichnet sich ein Stückprojekt ab, das mit der jüngeren österreichischen
Geschichte zu tun hat. Meine letzten Stücke über Grillparzer und Stephen
Hawking sind ja erst im April und Mai in Wien und London gelaufen. Parallel
dazu beginnen die Vorabeiten für die Verfilmung von "Giordanos Auftrag",
ein erster Drehbuchentwurf liegt vor, und seit kurzem steht auch der Regisseur,
Didi Danquart, (zuletzt: "Viehjud Levi") aus Deutschland fest.
Vielleicht
gibt es auch eine Fortsetzung des Romans. In der Prosa kann ich auf jeden Fall
nur Groll-Geschichten schreiben, mein erzählendes Subjekt ist Herr Groll,
und der ist noch lange nicht mit mir fertig. Die Figur ist mir sehr nahe, sie
hat viele Züge von mir und ist meine Möglichkeit, Wirklichkeit zu
bewältigen.
Über das Buch
Der im Rollstuhl sitzende
Journalist, Ungarnkenner und Liebhaber der Donauschifffahrt Groll bekommt von
Giordano, dem Herausgeber des "Manhattan Wheeling Courier" den Auftrag,
einem Hilferuf aus einem ungarischen Behindertenheim nachzugehen und einen Artikel
darüber zu verfassen. Groll fährt mit seinem Freund, einem Soziologen,
nach Ungarn und deckt einen Pornoring, der Behinderte für sadistische Videos
mißbraucht, auf und wird um ein Haar selbst Opfer der Verbrecher. Mit
Hilfe eines Roma-Mädchens gelingt ihm die Flucht.
Erwin Riess. Giordanos
Auftrag. Elefantenpress, Berlin
2000, 284 Seiten, Hardcover, öS 280.— |