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Einige Thesen am Beispiel
Jörg Haiders
von Gerhard Scheit* "Keine
Verstaatlichung des Menschen, sondern eine Vermenschlichung des Staates"
— Zeitung des Freiheitlichen Bildungswerkes 1995
1. Voraussetzungen Selbst das Wunder der Nachkriegszeit, die vom Vernichtungskrieg gezeugte Wohlfahrt,
währt nicht ewig. Mit dem Schrumpfen der Wachstumsraten, und vom Fall des
Eisernen Vorhangs beschleunigt, kehrt die große Krise zurück, die
vom großen Krieg entsorgt worden war. Das Subjekt wird sich nach der Entzauberung
des Wirtschaftswunders aufs Neue seiner wirklichen oder potentiellen Wertlosigkeit,
genauer: seiner Unfähigkeit, Wert (im Sinne des Kapitals) zu bilden, bewußt,
und es weiß mehr oder weniger deutlich, daß es, ohne das Kriterium
dieser Unfähigkeit — den Wert — in Frage zu stellen, nur als
fetischisierter Staatsbürger, d. h. als nationales Subjekt, diese Unfähigkeit
gutmachen, einzig in der "Volksgemeinschaft" den Ausstoß aus
der Gemeinschaft der Wertbildenden kompensieren kann. Das Subjekt der heutigen
Demokratie sehnt sich insofern nach dem Nationalsozialismus zurück, als
damals der Staatsbürger alles war, und der Warencharakter der Arbeitskraft
in ihm verschwand. Bewußt oder unbewußt ist die einstige Volksgemeinschaft
der Referenzpunkt der Demokratie geworden: Jörg Haider hat nur ausgesprochen,
was viele — niemand weiß wieviele — in Österreich und Deutschland
insgeheim oder offen meinen: "Im Dritten Reich haben sie ordentliche Beschäftigungspolitik
gemacht ..." Doch der Referenzpunkt kann nicht mehr erreicht werden; er erscheint vielmehr
als archimedischer Punkt der postfaschistischen Demokratie. Die ordentliche
Beschäftigungspolitik wird niemand machen können, dazu sind wohl die
Individuen als Geldmonaden und Arbeitskraftbehälter bereits zu sehr vereinzelt,
die Staaten als Standorte und Märkte zu sehr verflochten. Wer sollte also
den Arbeitern die Sorge um den Verkauf ihrer einzigen Ware abnehmen? Welcher
Staat wäre in der Lage, die Kaufkraft seiner Bevölkerung zu verstaatlichen,
Lohn- und Preisstops durchzusetzen und mit dem Wechsel auf künftige Beutezüge
ein Arbeitsbeschaffungsprogramm zu finanzieren? Eine Beute, auf die ein solcher
Wechsel ausgestellt werden könnte, gibt es nur mehr in einem Raum zu holen,
den der Staat nicht erobern kann: auf den Finanzmärkten. Was in dieser Situation entsteht, wäre als atomisierter Nationalismus oder
demokratischer Rassismus zu begreifen: Der Referenzpunkt wird in jede einzelne
Geldmonade eingesenkt. Da der Staat nicht imstande ist, die Individuen der Sorge
um den Verkauf ihrer Ware Arbeitskraft zu entheben, sieht sich jedes einzelne
vereinzelte vor der Aufgabe, in sich selbst und für sich selbst zu tun,
was der faschistische Staat einst für alle gemeinsam tat. Diese Atomisierung
der Volksgemeinschaft, die in den einzelnen Atomen — im Bewußtsein
der Warensubjekte — die Volksgemeinschaft bewahrt, läßt sich
ebenso an der Geburtenförderung wie an der "Sterbehilfe" ablesen.
Von den Nazis als staatliches Programm in Angriff genommen, um die eigene ‚Rasse"
"höherzuzüchten", wird heute vor allem die sozialdarwinistische
Selektion demokratisch neu organisiert: jeder sein eigener Staat. Es wird dem
einzelnen überlassen — dem einzelnen Behinderten oder der zukünftigen
Mutter eines möglicherweise Behinderten oder dem einzelnen "unheilbar"
Kranken und dessen Verwandten — zu erkennen, daß es sich bei ihm
selbst oder bei seinem Kind oder Verwandten um "unwertes Leben" handelt
(und im Sinne des zu realisierenden Werts handelt es sich tatsächlich um
unwertes Leben); der Druck, der dem einzelnen diese "Erkenntnis" vermittelt,
geht nun nicht mehr wie früher unmittelbar vom Staat aus, die Vernichtung
wird nicht autoritär durchgesetzt, sondern sollte nach Möglichkeit
von jedem einzelnen Betroffenen bejaht werden: hier ist nicht nur seine Opferbereitschaft
für den Staat, sondern ebenso sein Selbstbewußtsein als Arbeitskraftbehälter
und Warenvehikel gefragt. Eine Gesellschaft von potentiellen Selbstmördern,
von Menschen, die stets zum Suizid bereit sind: Das ist das neue Ideal, das
die demokratische Rassenhygiene bereithält. So könnte wohl auch von einer Verinnerlichung oder Subjektivierung der
Volksgemeinschaft gesprochen werden — allerdings nicht im ursprünglichen
psychoanalytischen Sinn. Denn dessen Voraussetzungen — die Introjektion
der väterlichen Autorität als Vergesellschaftung des Individuums und
die Spannung zwischen Ich und Über-Ich, die Innerlichkeit überhaupt
erst möglich werden läßt — können von der Durchsetzung
der Warenform, insbesondere in der individuellen Reproduktion der Arbeitskraft,
nicht unberührt geblieben sein. Werden doch nun die Staatsbürger gleichsam
en detail zu jenem Konsum motiviert, den einst für sie der Staat en gros
besorgte, und ist somit auch der "Miniaturstaat", wie Wilhelm Reich
die Familie nannte, aufgefordert, ein schlanker Staat zu werden: bei der alleinerziehenden
Mutter mit Teilzeitbeschäftigung etwa, aber auch überall sonst wird
ein gewisser Teil der Erziehung — mittels elektronischem und digitalem
Warenverkehr — ausgelagert. Statt der klassischen Neurosen entsteht hier
die ständige Frustration, zu wenig konsumiert zu haben — und die Angst,
zu wenig produktiv zu sein, weil Produktivität die Voraussetzung des Konsums
ist, das weiß bereits jedes Kind. Die Familie verschwindet unter solchen Bedingungen nicht einfach, sie verliert
jedoch an Eigengewicht gegenüber dem Verwertungsprozeß, indem sie
nun nicht allein auf die Arbeit vorbereitet, sondern vor allem den Konsum vermittelt,
die Ware in die Erziehung einspeist und die Reklame zur frühkindlichen
Erfahrung werden läßt. Ebensowenig verschwindet der "autoritäre
Charakter", wie ihn Adorno einstmals beschrieb. Er tritt lediglich variierter
in Erscheinung; Gehorsam und Unterordnung werden flexibler gehandhabt, um es
sachgemäß auszudrücken: diversifiziert.
2. Der aufhaltsame Aufstieg
des Jörg Haider? Solche Atomisierung der Volksgemeinschaft produziert einen neuen Führer-Typus,
der sich als Gegenpol zu den Parteiapparaten begreift und ein unmittelbares
Verhältnis zum ‚Volk", zu den "Bürgern" beansprucht.
Neben Silvio Berlusconi verkörpert ihn Jörg Haider bisher wohl am
überzeugendsten. Immer wieder fordert Haider mehr Demokratie — "mehr
Demokratie in Richtung Direktwahlrecht": "Wer die Rolle des Volkes
als dem obersten Souverän in Frage stellt, der stellt die Demokratie überhaupt
in Frage." Dieser Typus vermag die direkte Demokratie gegen die Mechanismen
der formalen Demokratie nur darum zu mobilisieren, weil die Medien dafür
den Boden bereiten — einerlei, ob diese ihm nun kritisch oder apologetisch
gegenüberstehen. Durch die Warenform, die jede politische Information annimmt,
besser: durch deren Degradierung zum Anhängsel eines umfassenden Reklameapparats,
wird sukzessive jene Distanz zurückgenommen, die in Form von Parlament,
Ausschüssen, Parteiapparaten und anderen zwischen Bevölkerung und
Exekutive geschalteten Institutionen geschaffen worden ist — eine Distanz,
die es immer wieder auch erlaubt, gewisse Möglichkeiten einer Erziehungsdiktatur
zu realisieren (etwa wenn Bruno Kreisky — Verkörperung des alten josephinisch-keynesianischen
Regenten-Typus — die Frage der Todesstrafe explizit von einer Volksabstimmung
ausschloß). Diese Möglichkeiten setzen allerdings eine relative Autonomie
von Parlament, Ausschüssen und Parteien voraus, die eben durch die Kapitalisierung
der Information schrittweise liquidiert wird. In ihrer Auseinandersetzung mit
Johannes Agnolis und Peter Brückners Buch über die Transformation
der Demokratie sprechen Stefan Vogt und Andreas Benl von einer neuen Art der
Verbürgerlichung: "Angesichts von Deregulierung und Krise verklären
sich die abhängig Arbeitenden selbst zunehmend zu "Bürgern".
Die Konjunktur dieses Begriffs entspricht der Verschiebung der Identitätssuche
auf den ideologisch-politischen Bereich und den panischen (weil vergeblichen)
Abkoppelungsversuchen von der Ökonomie. Die Individualisierungsthese hat
darin ihren wahren Kern, daß bei dieser Suche die intermediären Instanzen
zwischen dem Einzelnen und dem Staat, allen voran die Parteien, tendenziell
ausgeschaltet und damit überflüssig werden. Für die Staatstreue
und Unmündigkeit der Bürger, die schon Agnoli und Brückner feststellten,
sind dann andere Institutionen zuständig, die auch noch den vereinzeltsten
Einzelnen erreichen: die Medien."(1) Die Macht, die solchermaßen vom
"Volk" ausgeht, hat immer nur den eigenen Staat im Sinn. Denn dieses
Volk ist — wie der Name schon sagt: Kriegsschar, Heerhaufen — eine
nach den Schlachtplänen des Staats schon vorformatierte Bevölkerung:
Es ist umso mehr Volk, je mehr es den Souverän verinnerlicht, Staat und
Kapital in sich bereits versöhnt hat — und einzig in dieser Form geht,
wo Staat und Kapital existieren, von den Massen die Macht aus. Haider beschleunigt gleichsam die volksgemeinschaftlichen Atomteilchen; sein
ganzes Auftreten scheint weniger davon bestimmt, das voneinander Abgekapselte
zu vereinen zu einer großen homogenen staatstragenden Massenpartei, als
es in Gestalt lauter kleiner, irrsinnig und irregulär agierender, rassistischer
Banden und Einzeltäter zu akzelerieren. Im Unterschied zur alten nationalsozialistischen
Rhetorik mit ihrem endlosen Redeschwall und ihrem hysterisch-beschwörendem
Tonfall genügen Haider stets einige spitze Bemerkungen und eindeutige Anspielungen,
z.B.: "Wenn man heute an einer Baustelle (....) vorbeigeht und dort die
Ausländer bis hin zu Schwarzafrikanern Ziegel schneiden und tragen sieht,
dann denkt sich der österreichische Bauarbeiter schon etwas." Eben
damit sollen die Weißösterreicher motiviert werden, den Fetisch des
Kapitals und die rassistische Ideologie durchaus selbständig weiterzudenken.
Haider stachelt eher an, als in Trunkenheit zu versetzen. Er hat auch meist
keine Massen vor sich, sondern nur das Mikrophon und die Kamera der Journalisten. Wie die medialen Auftritte und Statements von Haider sich von den Massenkundgebungen
und Schauspielkünsten der Nazis abheben, so unterscheiden sich auch die
Partei, die er formiert, und der Staat, den er anbietet, von NSDAP und Drittem
Reich: Wenn er — ganz im Gegensatz zur "ordentlichen Beschäftigungspolitik
im Dritten Reich" immer wieder einen "schlankeren Staat", eine
"Verschlankung des Staates", fordert und in Aussicht stellt, so ist
darin nicht allein eine seiner taktischen Anleihen beim Neoliberalismus zu sehen,
sondern ein durchaus neues politisches Konzept: Der schlankeste Staat ist die
Verbrecherbande. Tatsächlich bietet die Partei Haiders in ihrer inneren Struktur wie in
ihrem öffentlichen Auftreten, in der politischen Aktion wie in der Physiognomie
ihrer Protagonisten — mitsamt den in letzter Zeit grassierenden Finanzaffären
— eine perfekte Illustration für die These, daß sich Staat und
Gesellschaft mehr und mehr in Gangland verwandeln, das von rivalisierenden Banden
oder Rackets beherrscht wird. Dabei handelt es sich freilich zunächst nur
um Analogien, die sich im einzelnen feststellen lassen — die Trennung zwischen
rechtsstaatlichem und kriminellem Raum aber nicht unbedingt aufheben. Auch die NSDAP trug in mancher Hinsicht und in mancher Phase die Züge einer
Gangsterbande — und es war nicht so weit hergeholt, daß Brecht gerade
ihren Aufstieg mit einem Stück aus dem Chicagoer Gangstermilieu porträtierte.
Und so hat die Durchsetzung des Nationalsozialismus bereits Horkheimer und Adorno
über den Ausgang der Geschichte als Bandenkrieg nachdenken lassen. Horkheimers
Analyse des Racket könnte sogar unmittelbar auf die Haidersche Partei angewandt
werden: Racket bedeutet Erpresserbande ebenso wie Selbsthilfegruppe und Wohltätigkeitsverein.
— "Die völlige Brechung der Persönlichkeit wird verlangt,
absolut bündige Garantien der künftigen Zuverlässigkeit. Das
Individuum muß sich aller Macht begeben, die Brücken hinter sich
abbrechen. Als der echte Leviathan fordert das Racket den rückhaltlosen
Gesellschaftsvertrag."(2) Solche Verträge schließen Haiders Gefolgsleute
ab. Entspricht das Individuum nicht dem absoluten Treuebund, und wird es etwa
unzuverlässig, droht es die Interessen der Bande zu verletzen, muß
es natürlich ausgeschaltet werden. Die Geschichte der Freiheitlichen ist
voll von solchen Aktionen, von denen in der Presse jeweils ausführlich
berichtet wird. Auch hier arbeitet die liberale Öffentlichkeit ganz im
Dienste der Haiderschen Politik: sie ist die große Verstärkeranlage,
durch die das Menetekel, das mit der Ausschaltung eines Parteifunktionärs
gesetzt wird, erst seine ganze Bedrohlichkeit bekommt. So schreibt etwa die
Wiener Presse, die sich auf ihre seriöse Berichterstattung etwas
zugute hält, über eine dieser Aktionen: "Der Henker kommt gern
in der Nacht. Haiders Mann für politischen Mord. Peter Westenthaler ist
Jörg Haiders ‚Handy-Mann’. In der FPÖ geht die Angst um,
wenn der Generalsekretär zu einer Strafaktion aufbricht. (...) Wenn der
große, schwere BMW mit quietschenden Reifen vor Beginn einer Parteisitzung
hält, dann wissen die blauen Funktionäre in Stadt und Land, wieviel
es geschlagen hat: Der weißen Luxuslimousine entsteigt mit breitem Grinsen
Jörg Haiders Rache-Engel."(3) Wie von selbst greift der Journalist nach
den entsprechenden Bildern und Jargonwörtern. Ein großer Teil der
Faszination Haiders und seiner Gruppe geht wohl auf diese offene Zurschaustellung
von Gangsterattitüden zurück. Insofern ist Haider der große
Gangsta-Rapper der europäischen Politik. Die jüngste Parteikrise nach der Affäre eines Haider-Abgeordneten,
der Gelder veruntreut hatte und ins Ausland geflüchtet war, nützte
Haider dazu, den Parteiapparat noch stärker nach dem Racket-Prinzip zu
straffen. Er zwang die Funktionäre nunmehr tatsächlich, einen Vertrag
zu unterschreiben — der eben nicht zufällig "Demokratievertrag"
heißt: "als für sie verbindlichen Ehrenkodex" verpflichten
sie sich zum "Schutz unserer Heimat Österreich", zum "Bekenntnis
zur demokratischen Republik" und zum "Ausbau der direkten Demokratie".
(Ganz im Sinne dieses Ehrenkodex legte der neue Chef der Freiheitlichen in Niederösterreich
dem flüchtigen Abgeordneten bereits den Selbstmord nahe.) Die Gang ist "primitive democracy" schrieb Frederic M. Thrasher in
seiner grundlegenden Studie über die amerikanischen Gangsterbanden der
zwanziger Jahre (4). Daß es sich bei Haiders "Buberlpartie" um
eine funktionierende Parteiendemokratie handelt, ist für jemanden, der
die inneren Strukturen von Verbrecherbanden kennt, keineswegs ironisch zu verstehen.
Jeder, und sei er noch so klein und unbedeutend, hat in ihnen die Chance aufzusteigen
— und anders als im bürokratisierten Staatsapparat kann er dies hier
sehr schnell (direkte Demokratie!); und er kann jederzeit das Recht auf umfassenden
Schutz beanspruchen — solange er sich mit der Macht identifiziert, die
ihn beherrscht. Es ist diese innerparteiliche Demokratie, von der die sogenannten Protestwähler
magnetisch angezogen werden: So wollen sie ihren Staat. Für die politischen
Schutzgelder, die der Staatsbürger und Wähler mit Steuern und Stimmen
zahlt, erklären sich ‚Partei’ und Staat bereit, in ihrem Revier
den Schutz der Bevölkerung und die Vertretung ihrer Interessen zu übernehmen
— den Standort zu sichern und den Arbeitsmarkt abzugrenzen. Die Transformation
der Partei alten Typs in eine Bande neuen Typs stellt demnach den Versuch dar,
Flexibilität des Kapitals und Fixierung der Arbeitskräfte neu zu vermitteln.
Gerade dies aber heißt, den Rassismus zu intensivieren: der nationale
Schutz des Arbeitsmarktes ist von umso größerer ideologischer Bedeutung,
je mehr das Kapital nationale Grenzen real überwindet.
3. Bande ist nicht Bande Der Begriff der Bande hat allerdings die Tendenz, sich zu verselbständigen
und alles zu verschlingen. In Wolfgang Pohrts neuem Buch Brothers in Crime
erscheint zuletzt Geschichte überhaupt nur als eine Abfolge von Rackets
in wechselndem Gewand. Die Frage von Gewaltmonopol und Wertgesetz droht durch
den Hinweis auf Waffen und Beute, Willkürherrschaft und Herrschaft von
Sachen, völlig ersetzt zu werden. Das Resultat löscht sein Gewordensein
aus — und die Theorie hält nur noch das Resultat fest, statt in der
Kritik des Resultats das Gewordensein sichtbar zu machen. Schon in Horkheimers
und Adornos Überlegungen aus den frühen vierziger Jahren treten Rackets
das Erbe der Marxschen Klassentheorie an, als hätten die Banden in Gestalt
von Monopolen den Wert nur als Mittel benutzt, um an die Macht zu kommen, und
ihn dann beseitigt. Fixiert diese These den historischen Moment, da der NS-Staat
das Wertgesetz sistierte, besser: dessen Kausalität zum Zerreißen
dehnte, wodurch der Verwertung des Werts schließlich neue Bahn gebrochen
wurde, so nehmen Adornos spätere Studien zur Negativen Dialektik (auch
unter dem Einfluß Sohn-Rethels) die Kritik des Werts als Inbegriff aller
Kritik wieder auf, ungeachtet der früheren Annahme, daß die Rackets
dessen ökonomische Apparatur längst zerschlagen hätten. Pohrt
hingegen hält an der Position der frühen vierziger Jahre krampfhaft
fest: Der Wert habe aufgehört zu bestehen, das Wertgesetz sei durch das
Gesetz des Stärkeren abgelöst worden, heißt es bereits in der
Theorie des Gebrauchswerts(5), und ohne sich die Frage zu stellen, ob solche Stärke
sich nicht fortwährend der Verwertung des Werts verdankt, malt der Theoretiker
als Satiriker sie nun in allen Facetten bloß aus. Lediglich für die
Vorgeschichte deutet er so etwas wie einen geschichtlichen Prozeß an,
wenn er den als Mafia-Jäger berühmt gewordenen und schließlich
ermordeten Untersuchungsrichter Giovanni Falcone zitiert, der erkannte, daß
die Mafia "der Ausdruck eines Verlangens nach Ordnung und damit nach Staat"
ist — und daran die Bemerkung anschließt, daß der "Staat
die Spätform der Bande ist und die Bande im Erfolgsfall die Frühform
des Staats"(6). (Hinzuzufügen wäre, daß man die geschichtlich
weiter zurückliegenden Banden gewöhnlich Adel nennt, die jüngeren
Mafia.) Näher denn je aber liegt es heute, die Bande auch als Spätform des
Staats zu begreifen. Als späte erscheint die Form angesichts ihrer offenkundig
reduzierten Möglichkeiten, die Krise des Werts zu entsorgen. Die Brechtsche
Satire über Arturo Ui trifft jedenfalls in viel höherem Maße
auf Haider zu als auf Hitler. Haiders Politik ist tatsächlich "das
Gangsterstück, das jeder kennt". Aber noch hier gilt der Unterschied:
die "Pest", die Arturo Ui wie alle normalen Gangster verbreitet, ist
immerhin nicht Rassismus und Antisemitismus.
1
Stefan Vogt/Andreas Benl: Der Parteienstaat als Volksstaat. Aktuelle Entwicklungen
und Tendenzen im deutschen Parteiensystem. In: Andreas Dietl u.a.: Zum Wohle
der Nation. Berlin 1998. S.116f.
2
Max Horkheimer: Die Rackets und der Geist [Aufzeichnungen und Entwürfe
zur Dialektik der Aufklärung]. In: Gesammelte Schriften. Hg.v. Alfred
Schmidt u. Gunzelin Schmid Noerr. Bd.12. Frankfurt am Main 1985. S.288
3
Die Presse, 14.2.1998
4
Frederic M.Thrasher: The Gang. Chicago 1947 [1. Aufl. 1927] S.3
5
Wolfgang Pohrt: Theorie des Gebrauchswerts. [1975] Berlin 1995. S. 249, 251
6 Wolfgang Pohrt: Brothers
in Crime. Berlin 1997. S.34
*) Gerhard
Scheit ist Publizist und Mitglied des Kritischen Kreises in Wien. |