IWF und Weltbank sind keine Dämonen,
sondern Institutionen, die einer wertverwertenden Gesellschaft adäquat
sind, und "ungleicher Tausch" ist nicht der Grund für das Elend
in der Welt, sondern eine problematische Kategorie.
von Stephan Grigat
Bei aller
Richtigkeit und Notwendigkeit der Schelte von personalisierender Kapitalismuskritik,
die fast immer dazu tendiert, Kritik in Ressentiment aufzulösen und nicht
selten in die Nähe antisemitischer Projektionen gerät, liegt man nicht
völlig falsch, wenn man jene Leute, die sich in Prag zur IWF- und Weltbanktagung
treffen, für das Elend dieser Welt mitverantwortlich macht. So wahr es
ist, daß die warenproduzierende Gesellschaft von subjektloser Herrschaft
geprägt ist und Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnisse über
weite Strecken keine unmittelbaren, sondern dinglich vermittelte, keine personalen,
sondern sachliche sind, so richtig ist es doch auch, immer wieder darauf hinzuweisen,
daß die Exponenten von IWF und Weltbank mit ihrem Handeln ziemlich unmittelbar
den Tod von unzähligen Menschen verursachen. Auch wenn sie mit ihrer Tätigkeit
nur Systemimperative erfüllen, selbst keineswegs autonom Handelnde sind,
sondern sowohl in ihrem Tun als auch in ihrem Denken dem automatischen Subjekt
Kapital und seiner staatlichen Organisation nicht nur verpflichtet, sondern
geradezu untergeordnet sind, sind solche Leute keineswegs von der Kritik auszunehmen.
Jemanden in einer Gesellschaft, die auf Geld und Tausch basiert und deshalb
auch Kapital und Staat kennt, vorzuwerfen, daß er oder sie mit Geld in
irgendeiner Form umgeht, wie es einigen durchgedrehten Ökos und Subsistenzbauern
immer mal wieder einfällt, ist lächerlich. Aber seine Unterschrift
unter Beschlüsse zu setzen, die im Rahmen wertvermittelter Gesellschaften
den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen — das muß niemand
machen und das unterscheidet den Gesellschaftskritiker in der Regel auch vom
Funktionär des Kapitals und des Staates. Das heißt aber überhaupt
nichts. Solch eine Selbstverständlichkeit kann nicht zur Grundlage der
Kritik werden. Wer an Tausch, Geld, Kapital und dem Staat nichts auszusetzen
hat, der braucht auch nicht gegen IWF und Weltbank anzuschreien. IWF und Weltbank
sind Organisationsinstitutionen, die der weltweiten staatlich organisierten
und wertvermittelten, sich hinter dem Rücken der Menschen und doch durch
ihr Handeln durchsetzenden, fetischistischen wie ruinösen Vergesellschaftung
adäquat sind. Als solche sind sie anzugreifen.
Einigen
Linken geht es aber offensichtlich um etwas ganz anderes. Menschen, die sich
selbst Kommunisten nennen, wettern in Aufrufen mit auf Anschlußfähigkeit
bedachten Titeln wie "Nein zur Globalisierung" gegen die "großen
Hexenmeister", schwafeln von einem "drogenbetäubten Frieden",
der nun endgültig vorüber sei und glücklicherweise durch einen
"instinktiven, ursprünglichen Antikapitalismus" ersetzt werde,
der sich gegen den "politisch-kulturellen Amerikanismus, der Europa und
Japan erwürgt" richtet und sich folgerichtig die Frage stellt: "Wie
dem sinnlosen Chaos einen Sinn geben?" Nun haben nicht alle Gruppen eine
derart nazikompatible Diktion drauf wie die Revolutionäre Kommunistische
Liga (RKL), die Veranstaltungen mit Gruppen mit so passenden Namen wie "Treue
zu Mensch und Erde" organisiert und inzwischen offenbar auch mit der Hizbollah
zusammenarbeitet. Aber auch bei anderen AktivistInnen finden sich zahlreiche
Ungereimtheiten.
Obwohl
es seit den 70er Jahren eine imperialismustheoretische Debatte gibt, in der
versucht wird, befreit von den imperialismustheoretischen Dogmen Lenins und
seiner Epigonen, die empirische Ebene, also die Fixierung auf die an der Oberfläche
der kapitalistischen Gesellschaften erscheinenden Phänomene, hinter sich
zu lassen und die Durchsetzung des Wertgesetzes auf dem Weltmarkt zu analysieren,
um die Modifizierungen, die dieses allgemeine Gesetz kapitalistischer Warenproduktion
dabei erfährt, aufzuzeigen,1 bewegen sich die meisten der heutigen Diskussionen
auf dem Niveau von entwicklungspolitischen Foren auf Kirchentagen. Vielen AktivistInnen
gilt es als gesicherte Wahrheit und zugleich als moralische Legitimation des
eigenen politischen Handelns, daß zwischen den Ländern der sogenannten
1. und 3. Welt ein "ungleicher Tausch" und daher ein Werttransfer
stattfindet, woraus dann die Forderung nach "fairen Preisen", "gerechtem
Tausch", "alternativem Handel" und ähnlichem entsteht. Man
kennt das aus jeder Werbebroschüre von Dritte-Welt-Läden.
Hinter
dem Gerede vom "ungleichen Tausch" verbirgt sich einer der Grundfehler
von Weltmarktanalysen, die im wertfetischistischen Bewußtsein verhaftet
bleiben. Unabhängig davon, daß es "faire Preise" ohnehin
nicht geben kann, da der Preis nicht der Ausdruck moralischen Wollens, sondern
ökonomischen Zwangs ist, müssen gegen die Behauptung vom "ungleichen
Tausch" ganz prinzipielle Einwände erhoben werden. In einer Hinsicht ist
Tausch immer ungleich. Nämlich dadurch, daß beim Tauschakt zwei stofflich-sinnlich
völlig unterschiedliche Dinge aufeinander bezogen werden; sprich: zwei
unterschiedliche, ungleiche Gebrauchswerte werden getauscht. Die These vom ungleichen
Tausch bezieht sich aber gerade nicht auf die stoffliche, die Gebrauchswertseite
des Austauschs, sondern auf die Wertseite. Auf den ersten Blick scheint es auch
so, als wenn da irgendetwas ungleich wäre. Ist es aber nicht. In der Tat
erhält das weniger produktive Land nie den Gegenwert für die real
aufgewendete Arbeitszeit. Nur ist es eben so, daß, sobald für den
Weltmarkt produziert wird, die im Land verausgabte Arbeit, die über dem
gesellschaftlich notwendigen Durchschnitt im globalen Maßstab liegt, keinen
Wert schafft. Waren, die auf dem Weltmarkt als gleich getauscht werden, mögen
zwar die Vergegenständlichung unterschiedlicher nationaler Arbeitsquanten
sein,2 auf dem Weltmarkt haben sie dennoch den gleichen Wert, da sie in ein
anderes Bezugsystem eintreten, in dem ein anderes Wertniveau gilt. So kommt
es zwar auf der stofflichen Seite zu einem Güter- oder allgemein Ressourcentransfer,
aber nicht zu einem Werttransfer. Auf der Wertebene herrschen Gerechtigkeit
und Gleichheit.
Durch die
endgültige Internationalisierung des Kapitalverhältnisses — euphemistisch
Globalisierung genannt — werden die bis Mitte der siebziger Jahre eindeutig
existierenden unterschiedlichen Wertniveaus, die mittels staatlicher Gewalt
zum Teil noch aufrechterhalten werden können, nivelliert und es kommt zur
Herausbildung eines einheitlichen globalen Wertniveaus. Die Differenz zwischen
nationalem Warenwert und Weltmarktwarenwert, die vorher zwar auch nicht als
materielles Substrat, sondern eben als Nicht-Wert existierte, aber doch analytisch
aufgezeigt werden konnte, verschwindet durch das globale Wertniveau.3 War der
Weltmarkt im Sinne des Wertgesetzes schon immer gerechter als seine idealistischen
KritikerInnen meinten, so kann man, um dem Zynismus der Sache gerecht zu werden,
sagen, durch jene Entwicklungen, die als "Globalisierung" bezeichnet
werden und die damit einhergehenden Deregulierungen, die sich unter anderem
gegen bestimmte Formen staatlichen Protektionismus richten, die eine Möglichkeit
zur Aufrechterhaltung unterschiedlicher Wertniveaus waren, wird die Gerechtigkeit
des Weltmarkts endgültig vollstreckt.
Wer sich
an dem Elend in der Welt stört, sollte nach wie vor für die klassen-
und staatenlose Weltgesellschaft eintreten und nicht, wie es zahlreiche linke
und auch linksradikale Gruppierungen in sozialdemokratischer Pfaffenmanier vorexerzieren,
für Schuldenstreichungen. Im übrigen wird die Kampagne gegen IWF und
Weltbank vielen Gruppen in Österreich natürlich ein willkommener Anlaß
sein, noch mehr über Neoliberalismus, Sozialraub und die Knechtung des
Volkes zu schwadronieren, was die hervorragende Möglichkeit bietet, auch
das österreichische Volk endlich wieder vorbehaltlos als Opfer von IWF
und Weltbank in den Blick zu rücken, anstatt die Rassisten und Antisemiten
hierzulande anzugreifen.
1 Vgl.
Grigat, Stephan: Die Haltbarkeit Lenins. Zur marxistischen Imperialismustheorie.
in: Weg und Ziel, Nr. 3, 1996, S. 15 ff.
2 Vgl.
Neusüss, Christel: Imperialismus und Weltmarktbewegung des Kapitals.
Erlangen 1972,
S. 137
ff.
3 Vgl.
Trenkle, Norbert: Die Entwertung des Werts. in: Weg und Ziel, Nr. 3, 1996,
S. 19. ff.
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