von Alex Demirovic
Die im folgenden vorgestellte Untersuchung wurde 1996 abgeschlossen.
Die Ergebnisse könnten deswegen veraltet erscheinen. Doch handelt es
sich um breit erhobene Daten, die auf grundlegende Muster der
Meinungsmilieus unter Studierenden hinweisen. Insbesondere neuere,
allerdings nicht so intensive Befragungen der Konstanzer Arbeitsgruppe
Hochschulforschung bestätigen diese Vermutung und lassen erkennen, dass
es weiterhin und sogar zunehmend in der Studierendenschaft in
Deutschland eine relativ starke Gruppe von rechts orientierten
Studierenden mit nationalistischen und rassistischen Tendenzen gibt.
Nach wie vor gilt, dass diese Gruppe nicht, wie manche erwarten
könnten, rechtsradikal organisiert ist und als solche auftritt. Das
aber macht den Sachverhalt als solchen keineswegs harmloser. Es gilt
immer noch die Überlegung von Adorno aus den fünfziger Jahren, dass
gefährlicher als die Feinde gegen die Demokratie die Feinde in der
Demokratie sind. Das gilt auch für diese Kategorie rechter
Studierender. Sie stellen ein Potential demokratieablehnenden
Verhaltens dar, das mit um so besserem Gewissen auftritt, als es für
sich in aller Patzigkeit und Großsprecherei in Anspruch nimmt,
demokratisch zu sein und mit demokratischem Recht auch das einer freien
und selbstbestimmten Praxis Entgegenstehende, die Zensur, die
Repression, das Vorurteil, die Dumpfheit, die Heuchlerei, die
Korruption und die Manipulation, auszuüben.
Die fremdenfeindlichen Attacken und Mordanschläge, die Pogromstimmung
und die Hetzmeuten in der Bundesrepublik seit 1991 bestimmten und
bestimmen immer noch die politische, publizistische und politische
Diskussion über das Phänomen des Rechtsextremismus. Das öffentliche
Bild war und ist geprägt von den aktuell etwa 6.000 gewaltbereiten
Neonazis und Skins, die durch ihre spezifischen Symbole, die Glatze,
die Reichskriegsflagge, den "deutschen Gruß" und ihre brutalen
Handlungsweisen die mediale Aufmerksamkeit fesseln. Es schien zunächst
so, als handelte es sich um Jugendliche, die aufgrund ihrer miserablen
sozialen Situation und Perspektive sich in die Gewalt flüchteten, aber
alles nicht so meinten. Doch vieles von dem, was hier brutal und in
kurzen Parolen gebrüllt wurde und wird, findet sich in feineren
Formulierungen und subtileren Umgangsformen in allen sozialen
Schichten. Der nuanciert auftretende Antisemitismus und die abwägende,
sich mutig als freie Meinungsäußerung gerierende Fremdenfeindlichkeit
lässt sich in großen meinungsbestimmenden Zeitungen wie in lokalen
Anzeigenblättchen lesen, in akademischen Schriften finden oder dient in
der Politik der autoritär-populistischen Stimmungsmache. Die
Rechtsextremismusforschung weist deswegen darauf hin, dass sich der
Blick auf die Konfiguration von materiellen Bedingungen und politischen
Konstellationen, Einstellungen und Deutungsmustern in der Bevölkerung,
auf Wähler- und Politikerverhalten, Organisationsnetzwerke und den
Bereich zivilgesellschaftlicher Zusammenhänge, also die Zirkel von
rechten Intellektuellen und ihre Praxis, die Zeitschriften und Verlage,
die Musikszene und die Sportclubs richten muss. Denn es ist die
gesellschaftliche Normalität, in der sich die rechtsextremen
Orientierungen ausbilden.
Solche Überlegungen legen es nahe, auch die Hochschulen und die
Studierenden näher zu betrachten. Auf den ersten Blick mag dies abwegig
erscheinen. Denn seit der Protestbewegung der späten sechziger Jahre
kann die Mehrheit der Studierenden an den deutschen Hochschulen als
demokratisch und linksorientiert gelten. In jener damaligen
demokratischen Aufbruchstimmung wie in den darauf folgenden neuen
sozialen Bewegungen waren die Studierenden eine treibende Kraft,
unkonventionelle politische Beteiligungsformen waren unter ihnen sehr
verbreitet, der Campus wurde als ein Forum des gemeinsamen
Experimentierens mit alternativen Lebensentwürfen und neuen,
emanzipatorischen Lebens- und Verkehrsformen betrachtet. Damit ging
unverhofft etwas in Erfüllung, was in der hochschulpolitischen
Diskussion der fünfziger Jahre von vielen Seiten gewünscht worden war.
So bat der damalige Rektor der Universität Frankfurt, Max Horkheimer,
in einer zum Wintersemester 1952/53 gehaltenen Immatrikulationsrede die
Studierenden, mit kompromisslosem Willen an "einer besseren Einrichtung
der Welt" mitzuarbeiten und sich an der studentischen Selbstverwaltung
in Fachschaften, StudentInnenparlament und Asta zu beteiligen
[Horkheimer 1988, S. 418f]. Der Hintergrund für diese Aufforderung war,
dass unter den StudentInnen und in vielen Studentenverbindungen in den
zwanziger Jahren völkische, antisemitische und antidemokratische
Orientierungen sehr weit verbreitet waren. Der zu Beginn der fünfziger
Jahre beobachtete Mangel an politischem Engagement und der Zulauf zu
den häufig nationalistisch orientierten und autoritär organisierten
Burschenschaften ließ erneut, so wurde befürchtet, auf eine enorme
Distanz gegenüber den demokratisch verfassten politischen Institutionen
erkennen. Es bestand die Sorge, dass eine bedeutende Teilgruppe der
Studierenden, aus denen sich die zukünftigen Eliten der Bundesrepublik
rekrutierten, die Demokratie nur so lange akzeptieren würde, wie diese
von wirtschaftlichem Erfolg getragen war. Ansonsten schienen jene
Studierenden aber durchaus disponiert, eine schleichende Unterhöhlung
demokratischer Spielregeln hinzunehmen und eine Diktatur zu
unterstützen. Eine Ende der fünfziger Jahre durchgeführte Befragung kam
zu dem Ergebnis, dass 66 Prozent der Befragten politisch nicht
festgelegt seien und diejenigen, die auch im Fall einer Krise
demokratisch handeln würden, eine Minderheit von 9 Prozent war, der
eine Gruppe von 16 Prozent gegenüberstand, die als definitiv autoritär
betrachtet werden konnte [vgl. Habermas u.a. 1961, S. 232].
Im Vergleich nun zu einer verbreiteten und intensiven studentischen
Politisierung und Partizipation seit den Protesten der sechziger Jahre,
in der die kritische Auseinandersetzung mit den autoritär-etatistischen
Traditionen und den Fortwirkungen des Nationalsozialismus in der
deutschen Gesellschaft eine entscheidende Rolle spielte, wird in den
vergangenen fünfzehn Jahren ein deutlicher Rückgang des politischen und
hochschulpolitischen Interesses und Engagements sowie eine allmähliche
Veränderung der politischen Orientierung festgestellt.
Tino Bargel [1994] von der Konstanzer Arbeitsgruppe Hochschulforschung,
die seit 1982/83 regelmäßige StudentInnensurveys durchführt, bezeichnet
die Studierenden des ersten Drittels der neunziger Jahre als im
Vergleich zu früheren StudentInnengenerationen konventioneller und
pragmatischer, politisch apathischer und abstinenter, desinteressierter
und gleichgültiger. Diese verbreitete Haltung gründe jedoch keineswegs
in Zufriedenheit, sondern in Resignation. Ähnlich beobachtet auch
Rainer Brämer eine Entpolitisierung der Studierenden und stellt einen
Rückzug aus der institutionalisierten Politik auf allen Ebenen fest
[vgl. Brämer 1993, S. 195]. Er betont allerdings, dass es sich nicht um
das in Deutschland traditionell anzutreffende Muster des Unpolitischen
handele, der letztlich antidemokratisch und rechtsorientiert sei. Ein
nennenswerter Trend nach rechts sei nicht auszumachen. Ein Rückgang des
politischen Interesses wird zwar von der 1995 im Auftrag der "Zeit"
durchgeführten StudentInnenstudie bestritten. Doch bestätigt auch sie
die abnehmende Bereitschaft, sich im Rahmen etablierter
(hochschul-)politischer oder gesellschaftlicher Institutionen zu
engagieren. Darüber hinaus aber stellt sie fest, dass ein gutes Viertel
der Befragten sich in einer autoritären und antidemokratischen
Gedankenwelt bewege [vgl. Infratest Burke 1995, S. 33f].
Die Entwicklung der Orientierungen der Studierenden ist also
uneindeutig, Anlass zur Beunruhigung gibt es durchaus. Dies bestätigen
auch einzelne Vorgänge. In einem an der Universität Münster
durchgeführten Experiment wurde beobachtet, dass zahlreiche Studierende
bereit waren, der Aufforderung Folge zu leisten, für "Ausländer" und
"Deutsche" getrennte Eingänge in die Mensa zu benützen [vgl. FR vom
21.4.1994]. In Hochschulgebäuden ließen sich zahlreiche antisemitische
und fremdenfeindliche Wandschmierereien feststellen. An der Universität
Duisburg machte im November 1993 ein "Nationaler Studentenbund
Deutschlands - Kampfgruppe Duisburg" mit einer schwarzen Liste von sich
reden, die "volksschädliche Elemente" und solche "Emanzen" erfasste,
die abgetrieben hatten. Von Mitarbeitern der Zeitschrift "Junge
Freiheit" wurde an den Universitäten München und Mannheim eine
studentische Liste "LUST" gegründet, die dem Kulturbolschewismus den
Kampf ansagte. Aus dem Umfeld der Zeitschrift und in Zusammenarbeit mit
großdeutsch orientierten Burschenschaften wird auch versucht,
Lesezirkel, Diskussionsgruppen und jungkonservative Arbeitskreise zu
organisieren. Die "Junge Freiheit" - die mit "Jedes Abo eine
konservative Revolution" für sich warb - ist Teil eines Netzwerks von
rechtskonservativen Kreisen, Zirkeln und Zeitschriften, die das Projekt
einer nationalen Revolution verfolgen [vgl. auch Greß 1993]. Innerhalb
dieses Netzwerks hat sie ausdrücklich die Funktion, die Studierenden
als Mitglieder der zukünftigen Eliten der Bundesrepublik für dieses
Ziel zu gewinnen. Es geht den Jungkonservativen darum, die von
ihnen kritisierte linke Hegemonie an den Universitäten zu brechen, so
dass die im Geiste der westlichen Demokratie und der Alliierten
umerzogenen Studierenden wie frühere StudentInnengenerationen wieder
national denken. In einem an der Frankfurter Universität verteilten
Flugblatt eines Jungkonservativen Arbeitskreises hieß es zur
Emeritierung von Jürgen Habermas: "Jahrzehntelang hast Du versucht, die
reine Lehre der Umerziehung zu bewahren. Kein Wunder bei Deinem Faible
für die amerikanische Krüppelphilosophie der Nachkriegszeit. Nation
hast Du zum Unwort des Jahrhunderts gemacht." Gedroht wird mit einer
tiefgreifenden Veränderung der Universitäten durch die Rechten. Wie sie
erreicht werden soll, sagt ein anderes Flugblatt: Widerstand gegen die
Diskriminierung von Eliten, gegen den Terror der 68er Opas, gegen die
Linksextremisten und gegen die "AntiFa".
Die Autoren der "Jungen Freiheit" - häufig Akademiker und Studierende -
nehmen für sich in Anspruch, demokratische Rechte zu sein. Sie
distanzieren sich von "Bierhallen-Chauvinisten", rechtsextremen Kadern
sowie kurzhaarigen Gewalttätern und versuchen, ein Lebensgefühl zu
vermitteln, das sich auszeichnen soll durch die Bereitschaft zu
nonkonformem, wagemutigem Denken, das aus dem Mainstream ausschert
[vgl. dazu die Selbstdarstellungen in Bubik 1995]. Wenn sie von den
Ideen der konservativen Revolution sprechen, meinen sie - ohne es so zu
sagen - das faschistische Denken der zwanziger und dreißiger Jahre. Sie
beziehen sich auf Schriften der Neuen Rechten und vor allem auf die
Schriften Carl Schmitts, der mittlerweile den Ruf genießt, ein
bedeutsamer Klassiker des politischen Denkens zu sein, obwohl er
entschieden für eine völkische Staats- und Rechtsauffassung, die
Beseitigung der Gewerkschaften und die Vernichtung der als Feinde des
deutschen Volkes betrachteten jüdischen Deutschen und für eine
imperiale Expansionspolitik Deutschlands eintrat sowie die
diktatorische Willkür des Führers als Rechtssetzungspraxis verteidigte.
Da die junge rechte Intelligenz aus den Universitäten kommt und auf die
Studierenden einwirken will, stellt sich die Frage, ob die von ihr
vertretene Mischung von oberflächlich-taktischen demokratischen
Bekenntnissen und jungkonservativer Ideologie mit den für den
Rechtsextremismus charakteristischen Elementen des Antidemokratismus,
der elitären Haltung, des Nationalismus und des Rassismus unter den
Studierenden verbreitet oder zustimmungsfähig ist? Auf alle Fälle kann
nicht angenommen werden, dass sie nur von außen durch Propaganda an die
Studierenden herangetragen wird.
In einer empirischen Untersuchung, die das Institut für
Sozialforschung 1994/95 an den fünf hessischen Hochschulen durchgeführt
hat, sollte diese Frage weiter geklärt werden. Einige der Ergebnisse
dieser Studie möchte ich im folgenden darstellen [vgl. ausführlich
Demirovic/Paul 1996]. Das Interesse der Studierenden an
studentischer Politik ist gering. Etwa ein Viertel bekunden Interesse.
Dem entspricht, dass die Beteiligungsquote an den Wahlen zu
StudentInnenparlamenten an hessischen Hochschulen bei etwa 20 Prozent
liegt und wohl noch weiter sinkt. Die Mitarbeit an den Gremien der
studentischen Selbstverwaltung ist gering. Etwa zwei Prozent der
Studierenden in Hessen sind in politischen StudentInnengruppen
engagiert, knapp vier Prozent arbeiten in Fachschaften mit. Nur zwei
Fünftel der Befragten äußern ein starkes politisches Interesse, das
damit etwas weniger ausgeprägt ist als in der Bevölkerung im
allgemeinen. Drei Viertel der Studierenden halten sich für teilweise
oder sehr politikverdrossen. Die Politikverdrossenen befürworten
häufiger als der Durchschnitt der Befragten das Ziel einer
selbstorganisierten Gesellschaft und die Vorgabe, dass Demokratisierung
nicht nur Mitbestimmung, sondern auch selbstbestimmtes Handeln meint.
Es handelt sich bei der Politikverdrossenheit also nicht um Apathie,
sondern eher um politische Politikdistanz und vor allem um eine
Ablehnung der Parteien und des politischen Personals. Die
grün-alternative Politikpräferenz schwächt diese Vorbehalte nicht, im
Gegenteil neigen diejenigen, die sie haben, zu einem lockeren
Engagement in Bürgerinitiativen und selbstorganisierten Gruppen. Die
verfassungsmäßigen politischen Institutionen werden von der großen
Mehrheit der Befragten (78 Prozent) bejaht.
Doch angesichts einer verbreiteten düsteren Zukunftserwartung vor allem
hinsichtlich der Umweltzerstörung und einer zunehmenden sozialen
Polarisierung aufgrund des Abbaus des Sozialstaats besteht vielfach
eine Enttäuschung über die mangelnde Bereitschaft der Politik,
Veränderungen herbeizuführen. Entsprechend groß ist die Zustimmung zu
Reformen, die auf eine Erweiterung der Beteiligung an den politischen
Entscheidungen zielen. Unter der Mehrheit der Befragten lässt sich eine
Bereitschaft zur Förderung von Minderheiten, die Zustimmung zu
sozialstaatlichen Maßnahmen für sozial Schwache sowie die Sympathie für
gesellschaftliche Oppositionsgruppen wie Kernkraftgegner,
Kriegsdienstverweigerer und Frauengruppen feststellen.
Ihrem Selbstverständnis nach nehmen die Studierenden, wenn sie sich auf
der Links-rechts-Achse mit der Bevölkerung vergleichen, mehrheitlich
(61 Prozent) eine Position links von der Mitte ein. Weder diese
politische Positionsbestimmung noch die deutliche Wahrnehmung von
sozialen und ökologischen Problemlagen führen allerdings zu eigenem
Engagement. Wie in ausführlichen Interviews zum Ausdruck gebracht wird,
stehen dem der Zeitmangel und die erwartete Einflusslosigkeit entgegen.
Auch wird - realistisch oder nicht, für eine Demokratie ist es kein
gutes Zeichen - befürchtet, dass politisches Engagement berufliche
Nachteile mit sich bringen könnte. Viele setzen ihre Hoffnung auf einen
staatlich herbeigeführten ökologischen Umbau der Industriegesellschaft
und vor allem auf eine Verstärkung der "Kompetenz von Experten" (64
Prozent). Die Konsequenzen für die demokratische Willensbildung und
Kontrolle werden dabei nicht immer mitbedacht, ein dezisionistisches
Moment lässt sich feststellen. Immerhin 30 Prozent der Befragten
bejahen die Ansicht, dass eine starke politische Führung und/oder ein
starker Staat zur Lösung politischer Probleme notwendig sei.
Die demokratische Orientierung eines Teils der Befragten ist also
durchaus brüchig. Werden die Studierenden nach ihrem Verhältnis zu
grundlegenden demokratischen Prinzipien befragt und die Zustimmungen
auf vier Vorgaben zusammengefasst, so kann ein Viertel der Antworten
als antidemokratisch, weitere 40 Prozent können als labil demokratisch
bewertet werden. Nach ihren politischen Präferenzen beurteilt,
antworten häufiger diejenigen antidemokratisch, die sich konservativen
Richtungen zurechnen.
Für eine Einschätzung der antidemokratischen Orientierung unter
Studierenden und der möglichen Erfolge der jungkonservativen Strategie
ist auch von Bedeutung, dass etwa ein Viertel der Befragtengruppe der
Notwendigkeit einer starken Führungselite zustimmt, häufig verbunden
mit naturalisierenden Argumenten: die Individuen werden als passive
Masse und kopflose Herde betrachtet, die von Führern geleitet werden
muß. Festzustellen ist auch in diesem thematischen Zusammenhang eine
von den in Einzelinterviews Befragten betonte Haltung, die beansprucht,
sich mutig über gesellschaftliche Tabus hinwegzusetzen. Früher nämlich
sei es nicht möglich gewesen, sich positiv über die Notwendigkeit einer
starken Führung zu äußern - sei es wegen des Einflusses der
'68er-Revolution, sei es wegen der negativen Assoziationen, die der
Elitebegriff mit dem NS-Regime verbinde. Nun sei es wieder möglich,
etwas Neues zu denken. Demokratietheoretische Einsicht in die
Problematik erscheint nun plötzlich als Manipulation, als Trick,
während die Anpassung in die Macht als Erkenntnis und Eigenständigkeit
des Denkens präsentiert wird.
Eine solche historisierende Neubewertung von gesellschaftlichen und
politischen Verhältnissen könnte sich mit einem Revisionismus der
deutschen Vergangenheit insgesamt verbinden. Denn die Wiederbelebung
eines positiven deutschen Nationenverständnisses und eine daraus
folgende großdeutsche Politik wird nach Auffassung der Rechten - und
wie die jüngsten Debatten nach der Rede Martin Walsers gezeigt haben,
einer deutlich nach rechts verschobenen deutschen Öffentlichkeit, die
selbst noch den Massenmord an den europäischen Juden noch
instrumentalisiert, um das nationale Kollektiv herzustellen - blockiert
durch ein schlechtes Gewissen, einen "nationalen Selbsthass", der den
Deutschen mit Hinweis auf NS-Verbrechen von den alliierten Siegern,
ihren linken Helfern, dem Ausland und den Israelis eingeredet wurde.
Deswegen halten sowohl die alten Rechten wie die Jungkonservativen es
für geboten - wenn sie nicht ohnehin offen damit sympathisieren -, das
NS-Regime nicht als die Konsequenz einer langen und in Teilen noch
fortbestehenden gesellschaftlichen Dynamik in Deutschland zu verstehen,
sondern als eine kurze Periode zu relativieren, die nicht weiterhin als
negative Folie der deutschen Politik betrachtet werden dürfe. Es müsse
vielmehr auf der einen Seite auf die geschichtliche Kraft des
volkhaften Instinkts der deutschen Stämme zurückgegriffen werden, um
die deutsche Einheit herzustellen, auf der anderen die
selbstquälerische Vergangenheitsbewältigung beendet werden. Der Vorgabe
"Unter die deutsche Vergangenheit gehört ein Schlussstrich" stimmten 28
Prozent der Befragten zu. Interviews bestätigen, dass auch unter
Studierenden eine Vielzahl der revisionistischen Argumente verbreitet
sind, die in der rechten Ideologiebildung eine zentrale Bedeutung
haben: die Rede davon, dass auch andere Völker und Nationen ihre
Leichen im Keller haben oder dass sie nicht mehr bereit seien, sich vom
Ausland ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen. Etwa die Hälfte
derer, die einen Schlussstrich unter die deutsche Vergangenheit
befürworten, stimmen auch einer Stärkung der nationalen Identität der
Deutschen zu, nicht ganz so viele sind auch fremdenfeindlich
orientiert. Insgesamt beträgt der Anteil derjenigen, deren Antworten
eine deutliche fremdenfeindliche oder kulturrassistische Tendenz haben,
14 Prozent der von uns Befragten. Eine etwa ähnlich große Gruppe
betrachten wir aufgrund ihres Antwortverhaltens als nationalistisch.
Insgesamt, so lässt sich zusammenfassen, finden sich bei den
Studierenden Orientierungen, die es erlauben, von einer bemerkenswert
großen Gruppe zu sprechen, die auf rechte Ideologeme positiv
ansprechen. 11 Prozent der Studierenden lassen sich als tendenziell
autoritär und weitere vier Prozent als deutlich autoritär
charakterisieren. Bei ihnen kommen in unterschiedlich stark
ausgeprägter Weise die Ablehnung von Demokratieprinzipien,
Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit bzw. Rassismus zusammen. Als
rechts sollen sie zunächst deswegen nicht bezeichnet werden, weil sie
sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auf der Links-rechts-Skala
weitgehend in der rechten Mitte sehen. Dieser Gruppe der Autoritären
steht allerdings eine Gruppe von 24 Prozent Demokraten und weiteren 20
Prozent tendenzieller Demokraten gegenüber. Diejenigen, die sich
politisch kaum festlegen, besteht aus 25 Prozent. Auch wenn ein
Vergleich zu den späten fünfziger Jahren nur mit großen Vorbehalten
möglich ist, lässt sich doch festhalten, dass die Zahl der
Unprofilierten sich deutlich zur Seite der Demokratie hin orientiert,
während die Zahl der Autoritären sich nicht verändert hat.
Die Zahl autoritärer Studierenden entspricht etwa dem, was auch in der
Wahlbevölkerung insgesamt beobachtet wird. Es wird angenommen, dass es
unter den Wahlberechtigten etwa fünf Prozent "harte" und 15 Prozent
tendenzielle Rechtsextremisten gibt [vgl. Falter 1994]. Offensichtlich
immunisiert die akademische Bildung nicht grundsätzlich, wie noch in
den sechziger Jahren gehofft wurde, gegen antidemokratische Ideologeme.
Bemerkenswert sind die festgestellten Werte für die Studierenden nach
drei Hinsichten. Erstens handelt es sich bei den Studierenden mit
autoritärer Tendenz in überwiegendem Maße um Männer. Im allgemeinen
wird dieser Aspekt in der Diskussion zum Rechtsextremismus kaum in dem
Maße beachtet wie er es verdienen würde [vgl. Demirovic_ 1997], denn
sowohl die Ursachenanalyse wie Maßnahmen gegen Fremdenfeindlichkeit
könnten hier spezifischer ansetzen. Zweitens sind autoritäre Ideologeme
weniger häufig unter den Studierenden der Sozial- und
Kulturwissenschaften zu finden - also in den Fächern, die sich seit
Mitte der sechziger Jahre und der Hochschulreform in besonderer Weise
verändert haben, durch die bildungspolitischen Restriktionen aber auch
in besonderem Maße betroffen sind - sondern überdurchschnittlich häufig
in den Fachgebieten Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften sowie
Jura. Aus diesen Fächern wird in der Bundesrepublik nach wie vor das
Führungspersonal der Verwaltungen, der Politik und der Wirtschaft
rekrutiert. Es soll nun nicht behauptet werden, dass diese Fächer die
Ursache für solche Orientierungen sind, doch immerhin lässt sich
festhalten, dass die Fachausbildung auch nicht per se autoritäre
Orientierungen neutralisiert, und dies um so weniger, wie
sozialwissenschaftliche Komponenten in der Aufbildung keine Rolle mehr
spielen. Können diejenigen, die autoritäre Orientierungen aufweisen,
sich also aufgrund ihrer Studienwahl durchaus berechtigte Hoffnung
darauf machen, zu den zukünftigen Verantwortungsträgern und
meinungsbildenden Multiplikatoren der deutschen Gesellschaft zu
gehören, so ist diese Hoffnung in ihrem Fall um so berechtigter, wenn
drittens berücksichtigt wird, dass die Gruppe der Autoritären auch über
ein beachtliches symbolisches Kapital verfügen muss, insofern sie
häufiger aus Familien mit der höchsten Statusposition abstammen, ihr
Elternhaus also akademisch geprägt ist und über hohe Einkünfte verfügt.
Diese Tatsache weist ein weiteres Mal darauf hin, dass eine autoritären
Orientierung, die tendenziell zu einer rechten werden kann, keineswegs
auf die unteren Schichten der von Anomie Bedrohten begrenzt ist.
Zum Schluss möchte ich noch prüfen, wieweit eine solche autoritäre
Orientierung zu einer komplexen rechten Position werden kann. Um dies
zu bestimmen, wurde geprüft, wieweit das Antwortverhalten der Befragten
spezifische Muster erkennen lässt. Die Antworten auf insgesamt 61
Vorgaben erlaubt es, modellartig acht Meinungsmilieus unter den
Studierenden zu unterscheiden: linke Basisdemokraten (14%), linke
Pessimisten (10%), unsichere Linke (16%), optimistische Linksliberale
(18%), Unpolitische (9%), pluralistische Konservative (7%),
Neokonservative (10%) und schließlich Rechte (13%). Das Meinungsklima
an den Universitäten ist nach dieser Einteilung deutlich links,
linksliberal und grün-alternativ geprägt. Doch gibt es in den linken
Meinungsgruppen erhebliche Unsicherheiten in ihren Orientierungen.
Bemerkenswert ist auf der anderen Seite, dass die Gruppe der Rechten
doch relativ groß ist. In ihr findet sich fast die Hälfte der
Autoritären und ein Drittel der tendenziell Autoritären. Als rechts
wird diese Meinungsgruppe bezeichnet, weil sie den höchsten Anteil von
Befragten versammelt, die sich in der rechten Mitte und rechts sehen.
Für die Mitglieder dieser Gruppe haben beruflicher Aufstieg und ein
hohes Einkommen überdurchschnittliche Bedeutung, ebenso fällt das
Bekenntnis zu Führung und Leistung überdurchschnittlich aus. Dass
Wettbewerb die Solidarität unter den Menschen zerstört, wird von ihnen
besonders häufig bestritten. Die Unterstützung der Marktwirtschaft
fällt bei dieser Gruppe besonders stark aus, die gegen den Sozialstaat
gerichtete neoliberale Formel, Leistung müsse sich wieder lohnen, wird
von über 90 Prozent dieser Gruppe befürwortet. Findet der Sozialstaat
und die Förderung sozial benachteiligter Gruppen nur geringe
Unterstützung, ist demgegenüber der Wunsch nach einem starken Staat
sehr ausgeprägt, und die innere Sicherheit wird überdurchschnittlich
häufig als bedroht empfunden. Wie auch in anderen Untersuchungen zum
Rechtsextremismus [vgl. Rippl u.a. 1998] führen diese Beobachtungen zu
dem Ergebnis, dass eine starke Marktorientierung mit weiteren
Orientierungen wie Durchsetzungswille, der starken Befürwortung von
Leistung und Konkurrenzbereitschaft, Ablehnung sozialer Gleichheit und
vordemokratischer Befürwortung von Sicherheit und Ordnung und eines
starken Staates verbunden ist. Es handelt sich um in die
Marktgesellschaft eingelassene selbstdestruktive Tendenzen, die
gefährlich werden können, wenn sie sich gerade unter denen, die
potentiell zu den Eliten der Gesellschaft gehören, ungehemmt entfalten
können. Bemerkenswert an dieser Gruppe der Rechten ist schließlich
noch, dass sie sich politisch überdurchschnittlich interessiert zeigt
und zu einem starken Engagement in Parteien neigt. Das
Handlungspotential ist in dieser Gruppe also erheblich. Dies erklärt
möglicherweise auch das während des studentischen Streiks im Herbst
1997 zu beobachtende Phänomen, dass bei einer insgesamt breiten
Streikbereitschaft die Streikziele und -formen doch sehr
unterschiedlich waren: einem Teil der Studierenden ging es allein um
eine Effizienzsteigerung ihres Studiums, die Professoren wurden für
ihre zu starke akademische Orientierung kritisiert, die
Universitätsleitungen dafür, nicht die relevanten Ausbildungsfächer wie
Wirtschaftswissenschaften und Jura zu stärken, es gab - zumindest in
Frankfurt - durchaus die Bereitschaft, die Polizei gegen die ebenfalls
streikenden Kommilitonen an die Universität zu rufen; ein anderer Teil
der Studierenden betonte hingegen eher den Mangel an wissenschaftlichen
Inhalten und die resignative und larmoyante Haltung vieler
Hochschullehrer, beklagt die Überlastung der Hochschulen und die
Ungleichgewichte der öffentlichen Haushalte, die zu einer
systematischen Benachteiligung der Bildung geführt hatten. Es zeichnet
sich ab, dass sich die Studierenden polarisieren, ohne dass dies ihnen
selbst bewusst wird, weil sie aufgrund von Erwerbsarbeit, Studien- und
Wohnverhalten sowie sich fremd bleibenden Fachkulturen auf dem Campus
kaum in Berührung kommen. Verstärkt wird dies durch den Mangel an
öffentlichen Diskussionen, der bedingt ist durch das deutlich gesunkene
politische Engagement der Studierenden und verstärkt wird durch starke
und juristisch sanktionierte Vorbehalte gegenüber dem politischen
Mandat der Studierendenschaften.
Literatur:
Bargel, Tino, 1994: Student und Politik im vereinten Deutschland, Bonn
(hrsg. vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft)
Brämer, Rainer, 1993: Studis in Vakuum; in: WSI Mitteilungen 4
Bubik, Roland, 1995: Wir '89er. Wer wir sind und was wir wollen, Berlin
Demirovic, Alex/Paul, Gerd, 1996: Demokratisches Selbstverständnis und
die Herausforderung von rechts. Student und Politik in den neunziger
Jahren, Frankfurt - New York
Demirovic, Alex, 1997: Die Kategorie Geschlecht und rechte Ideologeme
unter Studierenden; in: Barbara Danckwortt/Claudia Lepp (Hg.), Von
Grenzen und Ausgrenzung, Marburg
Greß, Franz, 1993: Die Neue Rechte - Zur ideologischen Erneuerung der Rechten in Europa; in: Forschung Frankfurt 1/1993
Infratest Burke, 1995: Student '95. Eine repräsentative Umfrage von
Infratest Burke GmbH Berlin im Auftrag der Wochenzeitung Die Zeit,
Hamburg, Hamburg/Berlin
Falter, Jürgen W., 1994: Wer wählt rechts?, München
Habermas, Jürgen/Friedeburg, Ludwig v./Oehler, Christop/Weltz, Friedrich, 1961: Student und Politik, Neuwied
Horkheimer, Max, 1988: Begriff der Bildung; in: ders.: Ges. Schriften, Bd. 8, Frankfurt am Main
Rippl, Susanne/Boehnke, Klaus/Hefler, Gerd/Hagan, John, 1998:
Individualistische Werthaltungen und rechtsextreme Einstellungen; in:
Politische Viertelsjahresschrift, Dezember 1998, H. 4 |