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Schnelles Einlenken der bündnisfreien
EU-Mitglieder
Am Berliner Regierungsgipfel
wurde die Verschmelzung von EU und WEU fixiert. Offen ist noch, ob die NATO
Kern der EU-Militärpolitik bleibt — beziehungsweise wie sich die EU
in militärpolitischen Fragen gegenüber den USA positioniert.
von Gerhard Klas* Als Konsequenz
aus dem Krieg im Kosovo, der das zweitägige Treffen der EU-Regierungschefs
dominierte, haben die EU-Staaten den Ausbau ihrer außen- und sicherheitspolitischen
Zusammenarbeit beschlossen. Die Krisenbewältigung für das Kosovo habe
bereits gezeigt, daß die EU aus dem Schatten der USA herausgetreten sei,
kommentierte ein Diplomat die Pläne für eine Militarisierung der EU
gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Weitere Schritte zu einer
eigenen "Verteidigungsidentität" hat der Regierungsgipfel im
Rahmen seiner Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) in Angriff
genommen. Bis Ende 2000 soll die Verschmelzung des eng mit der NATO verbundenen
Militärbündnisses Westeuropäische Union (WEU) mit der EU unter
Dach und Fach sein. Der deutsche Staatsminister im Auswärtigen Amt, Günter
Verheugen, dankte dafür ausdrücklich den "neutralen" Staaten
Österreich, Schweden, Finnland und Irland, die "ihre Bedenken schnell
hintenan" gestellt und damit eine schnelle Einigung ermöglicht hätten.
"Es gibt die Möglichkeit für Neutrale mitzuwirken, ohne die Verfassung
ändern zu müssen", freute sich der österreichische Bundeskanzler
Viktor Klima. In der Tat ist es den EU-Mitgliedsstaaten freigestellt, selbst über den
Einsatz ihrer nationalen Streitkräfte zu entscheiden. Das ändert jedoch
nichts daran, daß auch die "neutralen" Staaten ihren Beitrag
für "ein glaubwürdiges operatives Potenial" leisten müssen.
An der "EU-geführten Krisenbewältigung" sollen sich auch
"neutrale und bündnisfreie EU-Mitgliedsstaaten in vollem Umfang und
gleichberechtigt" beteiligen können. Klima stimmte auch der Ernennung Javier Solanas zum außenpolitischen Vertreter
und zukünftigen Oberbefehlshaber der europäischen Streitkräfte
zu. Solana, der Ende des Jahres sein Amt als Generalsekretär der NATO abgeben
wird, hat während des Balkankrieges alle Appelle für eine Waffenpause
abgelehnt. Selbst NATO-Sprecher Jamie Shea verglich die Hartnäckigkeit
seines Vorgesetzten mit der eines Terriers. "Wenn er einmal etwas zwischen
die Zähne bekommt, läßt er nicht mehr los." Das Lied der Menschenrechte singt der Spanier Solana ebenso gut wie viele andere
Bellizisten aus dem sozialdemokratischen Lager Europas. Die NATO sei eine Wertegemeinschaft,
ihr gehe es nicht um Eroberungen oder wirtschaftliche Interessen, sondern um
die Sicherung fundamentaler Menschenrechte, betonte Solana immer wieder als
Kriegsziel im Kosovo. Österreichs Außenminister Wolfgang Schüssel
verneinte die Frage eines Journalisten bei der abschließenden Pressekonferenz
der österreichischen Regierung auf dem EU-Regierungsgipfels, ob er die
Verlagerung von Kompetenzen an Solana befürchte. "Wir geben nicht
ab, sondern erzeugen einen europäischen Mehrwert", so Schüssel
weiter. Um die Produktion von Mehrwert geht es auch bei der "effizienteren Zusammenarbeit
der Rüstungsunternehmen" in Europa. Die "Stärkung der industriellen
und technologischen Verteidigungsbasis" soll nach den Vorstellungen des
Europäischen Rates "wettbewerbsfähig" sein.
Auch die "Gemeinsamen Strategien" der EU für Rußland entbehren
nicht einer militärischen Komponente. Eine "Beteiligung" Rußlands
in Fällen der Krisenintervention, bei denen die EU die WEU in Anspruch
nimmt, soll "geprüft" werden. Die nächste Gemeinsame Strategie
will die EU für die Ukraine festgelegen. Bereits am 10. und 11. Mai trafen sich in Bremen die Verteidigungs- und Außenminister
der Westeuropäischen Union (WEU)*. Sie beschlossen eine Verschmelzung des
Militärbündnisses WEU mit der Europäischen Union bis Ende des
Jahres 2000, um eine "Stärkung der europäischen militärischen
Kapazitäten für eigene Krisenmissionen und humanitäre Einsätze
sowie die Beseitigung von militärischen Defiziten" zu erreichen, erklärte
Verteidigungsminister Rudolf Scharping. Der Amsterdamer Vertrag, der seit dem
ersten Mai in Kraft ist, liefert im Rahmen der Gemeinsamen Außen- und
Sicherheitspolitik (GASP) weitere Grundlagen für den Ausbau der Verteidigungspolitik.
Er verankert die Perspektive, die WEU in die EU zu integrieren.
Im Ergebnis soll der Europäische Rat gegenüber der WEU eine "Leitlinienkompetenz"
erhalten. Mit Hilfe einer neuen "Strategieplanungs- und Frühwarnungseinheit"
hat der EU-Regierungsgipfel einstimmig eine "gemeinsame Strategie"
für sicherheits- und verteidigungspolitische Angelegenheiten festgelegt,
deren Durchführung durch den Ministerrat einer qualifizierten Mehrheit
unterliegt. Zudem sieht die GASP die Möglichkeit einer "konstruktiven
Enthaltung" vor. Mitgliedsstaaten, die sich bei einer geplanten Militäraktion
enthalten, sind nicht verpflichtet, daran teilzunehmen.
Die 1948 als Brüsseler Pakt gegründete WEU hat eine Doppelrolle inne.
Für Frankreich, im geringeren Umfang auch für Deutschland, liegt die
Betonung auf dem "europäischen Sicherheitsbündnis". Für
Großbritannien ist es vor allem der "europäische Pfeiler der
NATO", der ausgebaut werden soll. Im Dezember 1998 kamen sich Frankreich
und Großbritannien näher und verabschiedeten die Erklärung von
St. Malo, in der sie die autonome Handlungsfähigkeit der Union befürworten. Bereits in ihrem Gründungsvertrag ist die WEU auf eine enge Zusammenarbeit
mit der NATO festgelegt. In der Zeit des Kalten Krieges schenkten die Regierungen
der WEU jedoch kaum Beachtung. Erst im Juni 1992 stärkte die Petersberger
Erklärung die operative Rolle. Gemäß dieser Erklärung gehören
Konfliktverhütung und Krisenbewältigung, "friedenserhaltende
und humantitäre Maßnahmen" sowie Kampfeinsätze bei der
Krisenbewältigung zum Aufgabenkatalog. 1996 beschlossen die NATO-Außenminister
in Berlin, daß die WEU künftig unter Rückgriff auf die Infrastruktur
der NATO militärische Operationen in eigener Verantwortung durchführen
könne — auch ohne aktive Beteiligung der USA. Die politische Entscheidung
halten die USA allerdings fest in ihren Händen: Auf dem Berliner Treffen
haben die USA ihr Vetorecht durchgesetzt und können eine militärische
Mission der europäischen Staaten jederzeit verhindern. Das deutsch-französische Eurocorps legte mit seiner Gründung 1992
den Grundstein für einen EU-eigenen militärischen Körper, dem
mittlerweile auch 12.000 spanische Soldaten angehören. Nach dem jüngsten
deutsch-französischen Gipfeltreffen soll das Kontingent des Eurochors auf
60.000 Soldaten erhöht werden. Zwei weitere multinationale Truppenverbände
sind der WEU unterstellt: die 1995 von Frankreich, Italien und Portugal gegründeten
"Eurofor" und "Euromarfor". Ergänzt werden sollen die
Truppen durch eine "Europäische Rüstungsagentur". "Die transatlantische Partnerschaft und die Präsenz der Vereinigten
Staaten in Europa bleiben auch in Zukunft Garant für Sicherheit und Stabilität
auf unserem Kontinent. Aber ebenso ist eine europäische Sicherheitsarchitektur
ohne die Beteiligung Rußlands undenkbar", erklärte Bundeskanzler
Gerhard Schröder im Februar auf einer Sicherheitspolitischen Tagung in
München. In Rußland stehen noch mehr als 1,2 Millionen Soldaten unter
Waffen, und das Nuklearpotential wird gerade einer Modernisierung unterzogen.
Deshalb, und weil Rußland im UNO-Sicherheitsrat über einen Sitz verfügt,
"müssen wir der Tatsache Rechnung tragen, daß Rußland
eine Führungsrolle beansprucht", meint General Klaus Naumann, bis
vor wenigen Wochen Vorsitzender des Militärausschusses der NATO. Auch wenn
der NATO-Rußland-Rat dem "besonderen Verhältnis zu Rußland
Rechnung" tragen soll, ist Naumann besorgt über die "tiefgreifenden
wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten" und die daraus resultierende
politische Instabilität, die "wir in unserer Sicherheitsanalyse berücksichtigen"
müssen. Der NATO-Rußland-Rat wurde eingerichtet, um zu verhindern, daß die
NATO-Osterweiterung die Beziehungen insgesamt vergiftet. Im Mai 1997 unterzeichnete
die russische Regierung das entsprechende Abkommen in Paris. Dieses sieht zwar
einen ständigen gemeinsamen Rat von Allianz und Rußland vor. Bei
wesentlichen Entscheidungen und in einer Krisensituation verhandeln und agieren
jedoch die NATO-Partner, ohne daß Rußland sich dagegen stellen kann
und auf seine Interessen Rücksicht genommen werden müßte. Die
Intervention im Kosovo stellte das nachdrücklich unter Beweis.
USA und Europa
Seit dem Ende des Kalten Krieges sind aus Amerika häufig die gleichen Mahnungen
zu hören — von einer republikanischen ebenso wie von einer demokratischen
Administration: Amerika will bei der Lösung globaler Aufgaben stärkere
europäische Beteiligung. Naumann zeigt sich zwar erfreut darüber,
daß der Wegfall des Ost-West-Konflikts zu einer deutlichen Entlastung
der Haushalte geführt hätte. Genau dies kritisiert jedoch der Botschafter
der Vereinigten Staaten in Deutschland, John C.Kornblum. Er bezeichnet die "anhaltenden
Kürzungen der europäischen Verteidigungshaushalte" als ein "äußerst
besorgniserregendes Zeichen". Deshalb begrüßt er die "europäische
Bereitschaft, mehr Verantwortung zu übernehmen und mit uns bei der Verteidigung
gemeinsamer Interessen zusammenzuarbeiten". Die USA haben in ihrem 1997 veröffentlichten Wolfovitz-Bericht klar herausgestellt,
daß sie künftig verhindern wollen, daß erneut eine Macht auf
den Plan tritt, die — wie seinerzeit die Sowjetunion — in der Lage
wäre, die Vormachtstellung der USA zu gefährden. Als potentielle Gegner
zählen die USA Rußland, China und Japan, aber auch Europa auf. "Zwar
sollen die Waffen", so Marie De La Gorce in der Le Monde diplomatique,
"die jene angenommenen Gegner ausschalten sollen, in erster Linie wirtschaftlicher,
politischer und kommerzieller Natur sein. Es wird aber stets daran erinnert,
daß die militärische Stärke ein wesentlicher Faktor für
die Vormachtstellung der USA bleibt."
"Die größte Herausforderung für Europa wird darin bestehen,
erneut die visionäre Kraft zu entwickeln, die seine Völker mehrere
Jahrhunderte lang geleitet hat", meint Kornblum. "Vision bedeutet
in diesem Falle", so der Botschafter weiter, "mit den Vereinigten
Staaten bei der Definition von Problemen zusammenzuarbeiten und Wege für
ihre Lösung zu finden´." Den globalen Anspruch der NATO, auch
mit "out of area" — Einsätzen militärisch einzugreifen,
begründet Kornblum mit Sicherheitsinteressen. "Es wäre gefährlich
anzunehmen, die einzige, die Aufmerksamkeit der NATO verdienende Bedrohung der
Mitglieder des Bündnisses käme von Orten nahe der Grenzen der NATO." In Europa ist es vor allem Frankreich, das sich den amerikanischen Plänen
für eine Globalisierung der Allianz entgegenstellt. Nach wie vor möchte
Frankreich die Regel möglichst umfassend akzeptiert sehen, daß ohne
Mandat des UNO-Sicherheitsrates die NATO, außer im Falle "kollektiver
Verteidigung", nicht militärisch eingreifen solle. Anders als die
übrigen NATO-Partner hat Frankreich bis heute keinen Truppenteil ständig
der NATO zugewiesen und ist deshalb auch nicht an der permanenten Kommandostruktur
der Allianz beteiligt. Die in Makedonien stationierte französische "Extraction
Force" gehorchte trotzdem unzweideutig dem Kommando des amerikanischen
NATO-Oberbefehlshabers in Europa. Auch der 1996 unternommene Versuch der französischen
Regierung, den Kommandobereich Europa-Süd einem europäischen Oberbefehlshaber
zu unterstellen, scheiterte an dem Veto der USA. Bei der Militärpolitik geht es nie ausschließlich um geostrategische
Interessen, sondern auch um gigantische Geschäfte. Mehr als 250 Millarden
Dollar jährlich gibt allein die US-amerikanische Regierung für Rüstungsprodukte
aus. Die Aufträge gehen fast vollständig an Firmen in Nordamerika.
Der europäische Rüstungshaushalt ist zwar weitaus geringer, stellt
für DASA, Thyssen, British Aerospace, Siemens, Thomson, Diehl, Alcatel
und Preussag dennoch ein beträchtliches Auftragsvolumen dar. In diesem
Zusammenhang spielt eine europäische Rüstungsagentur eine zentrale
Rolle. Arno Neuber, Beirat der Informationsstelle Militarisierung spricht sogar
vom "zweiten Standbein neben der Armee". Die Rüstungsindustrien
Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens wollen sich die in Europa
vorhandenen Rüstungskapazitäten unterordnen. Seit jeher sind Rüstungsindustrien,
die in erster Linie von öffentlichen Aufträgen leben, eng mit der
militärischen und politischen Führung verflochten. Eine europäische
Beschaffungsbehörde wird analog zu der in den USA peinlich darauf achten,
daß die Rüstungsaufträge bei den Eurokonzernen bleiben.
* WEU:
Zehn Vollmitglieder (Belgien, Deutschland, Spanien, Frankreich, Großbritannien,
Griechenland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Portugal), sechs assoziierte
Mitglieder (Island, Norwegen, Türkei, Polen, Tschechische Republik, Ungarn),
sieben assoziierte Partner (Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien,
Slowakei, Slowenien), fünf Staaten mit Beobachterstatus (Dänemark,
Finnland, Irland, Österreich, Schweden). |