Zum deutschnationalen Korporationswesen1 in Österreich - von Heribert Schiedel und Martin Tröger
Im Jahreslagebericht 1999 des BM für Inneres heißt es, dass von
mehreren österreichischen Burschenschaften "ein unterschwelliger und
verklausulierter Rechtsextremismus ausgeht. Die Agitation dieser
Studentenverbindungen lässt auch den Versuch erkennen, auf Umwegen eine
gewisse Akzeptanz für nationalsozialistisches Gedankengut zu schaffen."2
Ein Jahr später kündigen die Behörden an, dass der von mehreren
"Burschenschaften unterschwellig ausgehenden rechtsextremen
Ideologieverbreitung (...) im Sinne des Sicherheitspolizeigesetzes
weiterhin besonderes Augenmerk zugewendet (wird)."3
Auch der Innsbrucker Historiker Michael Gehler kommt zum Schluss, dass
Österreichs Burschenschaften in Teilen von einer "bis ins
Neonazistische reichenden Gesinnung"4 geprägt sind.
Einer pauschalen Charakterisierung aller deutschnationalen
Korporationen Österreichs als rechtsextrem oder gar neonazistisch soll
hier aber nicht das Wort geredet werden. Vielmehr müssen Publikationen
und Veranstaltungspolitik der jeweiligen Verbindung analysiert werden.
Daneben ist die Anzahl von (ehemaligen) Neonazis und deren Stellenwert
in den Korporationen zu berücksichtigen. Über den Grad des Extremismus
sagt auch die Mitgliedschaft in den Dachverbänden viel aus. So verließ
das gemäßigtere Corps Symposion im Wintersemester 1983/84 den Wiener
Korporationsring (WKR) aufgrund dessen "einseitiger Politisierung".
Umgekehrt trat die Innsbrucker Universitätssängerschaft Skalden, bei
welcher übrigens der FPÖ-Politiker Ewald Stadler Mitglied ist, 1992 aus
der Deutschen Sängerschaft (DS) aus. Dieser Dachverband erlaube es
nämlich, dass "auch ein Chinese, falls er sich zur Pflege deutschen
Kulturgutes verpflichtet", in eine DS-Verbindung aufgenommen werden
kann. Die Skalden erachten dies als "unakzeptabel" und wollen ihre
völkische "Tradition (...) nicht auf dem Altar einer 'multikulturellen'
Verwirrungsideologie opfern".5
Und als sich die berüchtigte Wiener Burschenschaft Olympia Anfang 1996
anschickte, erneut den Vorsitz im deutsch-österreichischen Dachverband
Deutsche Burschenschaft (DB) zu übernehmen, traten einige gemäßigtere
deutsche Burschenschaften aus.
Grundsätzlich findet die Bereitschaft von KritikerInnen, das
Korporationswesen differenziert zu betrachten, seitens
nicht-rechtsextremer Verbindungen jedoch kaum eine Entsprechung:
Korpsgeist und Bunkermentalität verhinderten bis dato eine
Ausdifferenzierung der Szene. Somit sind auch jene, die gemeinsam mit
rechtsextremen Burschenschaften in Dachverbänden organisiert sind oder
Veranstaltungen durchführen, von der Kritik nicht auszunehmen.
Zwischen Macht und Kriminal
In den zu Beginn der 90er Jahre eingeleiteten und dem verstärkten
behördlichen Druck geschuldeten Umstrukturierungsprozessen im
Rechtsextremismus kommt den deutschnationalen Korporationen hoher
Stellenwert zu. Ähnlich der Situation 1933, als nach dem Verbot der
NSDAP zahlreiche Burschenschaften neben Turnvereinen als deren
Tarnorganisationen dienten, bieten sie auch heute Unterschlupf. Das
martialische Auftreten und die offene Agitation militanter
Rechtsextremer wurde zugunsten der ideologischen wie personellen
Wühlarbeit weitgehend aufgegeben. Der Erfolg gesellschaftlicher
Durchdringungsstrategien wird befördert durch den Charakter von
Korporationen als männliche Solidargemeinschaften und Seilschaften.
Daneben bieten sie aufgrund rigider Aufnahmekriterien6
und zum Teil exklusiver Veranstaltungspolitik Schutz vor lästigen
Einblicken. Neben der ideologischen Nähe zieht die Schutzfunktion7
militante Rechtsextremisten auf die Buden der Burschenschaften, welche
sich vom Durchlauferhitzer zum Auffangbecken gewandelt haben. Denn
während sich zuvor Burschenschafter wie Franz Radl jun. von ihren
Bünden entfernten oder von diesen "unehrenhaft" entlassen wurden,
treten seit geraumer Zeit zum Teil amtsbekannte und verurteilte
Neonazis den Korporationen bei. So las sich etwa die Aktivenliste der
Wiener aB! Teutonia zu Beginn der 90er Jahre wie ein Auszug aus dem
Mitgliederverzeichnis der Volkstreuen Außerparlamentarischen Opposition
(VAPO).
Der Bedeutungszuwachs deutschnationaler Korporationen für den
Rechtsextremismus wird auch durch schon länger anhaltende Versuche,
diesen zu intellektualisieren, begünstigt. Eine vorschnelle
Etikettierung des Milieus als "neurechts" erscheint aber nicht
angebracht. Gerade die Burschenschaften zeigen sich weitgehend
resistent gegenüber Erneuerung. Dies wird auch von Jürgen
Hatzenbichler, einem prominenten Vertreter der modernisierungsbereiten
Rechten, eingestanden. Er meint resignierend, dass die "Positionen der
Alten Rechten (...) leider auch im Bereich der Korporationen vielfach
noch heruntergeleiert (werden)"8.
Die Radikalität des Deutschnationalismus in Österreich, die jede
mäßigende Innovation sofort als Verrat am "deutschen" Gedanken
erscheinen lässt, steht tatsächlich einem Abrücken von der "Alten
Rechten" im Wege. Daneben binden Männertreue und Lebensbundprinzip die
Generationen aneinander und verhindern eine selbstkritische
Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zahlreicher "Alter Herren".
So hält die Grazer aB! Arminia das Andenken an Bundesbruder Ernst
Kaltenbrunner - als einer der Haupttäter des NS-Vernichtungswerkes in
Nürnberg hingerichtet - bis heute hoch. Der Euthanasiearzt und erste
Kommandant des Vernichtungslagers Treblinka, Irmfried Eberl, wird immer
noch als "Alter Herr" der Innsbrucker aB! Germania geführt.9
Ein anderer Kriegsverbrecher, der zu lebenslanger Haft verurteilte
Rudolf Heß, wurde 1987 vom Dachverband Deutsche Burschenschaft in
Österreich (DBÖ) gar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.
Doch erschöpft sich die Bedeutung der Burschenschaften nicht in der
Funktion einer Kaderschmiede oder eines Auffangbeckens für den
militanten Rechtsextremismus, auch die entliberalisierte FPÖ rekrutiert
ihr Führungspersonal wieder vorrangig im korporierten Milieu. Es waren
vor allem dessen Angehörige, die Jörg Haider (pB! Albia, Bad Ischl und
aB! Silvania, Wien) 1986 als FPÖ-Obmann durchsetzten. Mit der
Eskalation rassistischer Gewalt Ende 1993 setzte seitens der FPÖ-Spitze
jedoch nach außen hin eine gewisse Absetzbewegung vom eigenen
korporierten Umfeld ein. Haider selbst distanzierte sich Anfang 1995
vom Burschenschafter-Zentralorgan Aula, die damals als
Bestimmungstäterin des Terrors der Bajuwarischen Befreiungsarmee (BBA)
durch die Medien ging. Nun legte das "freiheitliche Magazin" unter der
Verantwortung des ehemaligen NSDAP-Mannes und FPÖ-Nationalrates Otto
Scrinzi (VDSt, Innsbruck) jede Rücksichtnahme ab. In der Aula wird
schon mal für Publikationen geworben, in welchen die Shoah geleugnet
wird. Auch ist dort die Rede vom "auf uns lastende(n) althebräische(n)
Zinseszinssystem", von Hitler als "unerwünschte(n), weil
erfolgreiche(n) Sozialrevolutionär", dessen durchgesetztes "Primat der
Politik über die Wirtschaft (...) gewissermaßen das Todesurteil der
kapitalistisch geführten Welt heraus(forderte)."10
All das und vieles mehr kann jedoch hochrangige FPÖ-Funktionäre nicht
davor abhalten, weiter in der Aula zu publizieren. Nach wie vor
bezeichnet die FPÖ selbst die Freiheitlichen Akademikerverbände (FAV)
und die von diesen herausgegebene Aula als ihre "Vorfeldorganisationen".11
Das Verhältnis der FPÖ zum burschenschaftlichen Vorfeld wurde
vorübergehend auch durch programmatische Auseinandersetzungen getrübt.
Nachdem schon das von Haider im Sommer 1996 verordnete Abrücken der FPÖ
von jeder Deutschtümelei12
auf Widerstand gestoßen war, taten sich Burschenschafter auch in der
jüngsten Programmdebatte hervor. Insbesondere der Passus vom
"wehrhaften Christentum" erschien den Antiklerikalen in der Tradition
eines Georg Ritter von Schönerer, bis heute "Ehrenbursch" zahlreicher
Verbindungen, als Affront. Als Kompromiss fand schließlich ein
"Christentum, das seine Werte verteidigt" Eingang in das neue
Parteiprogramm.
Die Bedeutung des korporierten Milieus wuchs mit der
Regierungsbeteiligung der FPÖ weiter an. Im Gefolge der freiheitlichen
Regierungsmitglieder rückten Burschenschafter verstärkt zu den Hebeln
der politischen Macht vor. Unmittelbar dem Milieu verbunden ist
Justizminister Dieter Böhmdorfer (aB! Südmark, ein Ableger der aB!
Silvania13),
Sozial- und Frauenminister (!) Herbert Haupt (akad. Landsmannschaft
Kärnten zu Wien), Staatssekretär Reinhart Waneck (AV! Wartburg),
Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer (Gatte Michael Passer ist "Alter
Herr" der aB! Suevia) und Staatssekretärin Mares Rossmann (Pächterin
des Grazer Burschenschafterlokals "Wartburg"). Das hebt das
Selbstbewusstsein: Die vormaligen Opfer des NS-Verbotsgesetzes sehen
die Sterne für dessen Aufweichen offenbar jetzt günstig stehen. In der
Wochenzeitung Zur Zeit, dem von Andreas Mölzer (C! Vandalia, Graz)
redigierten und mitherausgegebenen Ableger der deutschen Jungen
Freiheit, stößt man sich etwa an der Tatsache, dass das BM für Inneres
in seinem Rechtsextremismus-Bericht 1999 "30 schlagende
Studentenverbindungen unter die Lupe genommen" habe. Die oben zitierte
Einschätzung der Staatsschützer werden als diffamierende
"Unterstellungen" abgetan. Demgegenüber ruft Zur Zeit die beiden
korporierten FPÖ-Regierungsmitglieder Böhmdorfer und Waneck auf, "mit
ihrem Regierungskollegen im Innenministerium ein Einvernehmen
herzustellen, um diese Gesinnungsschnüffelei in korporierten Kreisen
und diese Diffamierung der studentischen Korporationen (...)
abzustellen."14
Das dürfte nun auch geschehen sein. Nachdem Burschenschaften auch im
Jahreslagebericht 2000 Erwähnung gefunden hatten, intervenierten
FPÖ-Politiker wütend im Innenministerium. Mit Erfolg: In Zukunft wird
kein gesonderter Rechtsextremismus-Bericht erscheinen...
Der FPÖ-Nationalrat Martin Graf (aB! Olympia) geht noch einen
Schritt weiter und lehnt das NS-Verbotsgesetz grundsätzlich ab: "Es muß
in einer demokratischen Welt zulässig sein, ein Gesetz, das die
Meinungsfreiheit und die politische Tätigkeit einschränkt, zu
kritisieren."15
Damit liegt der Politiker voll auf der Linie seiner Verbindung,
bezeichnet diese doch die behördlichen Schritte gegen die Leugnung der
Shoah und andere Geschichtsfälschungen als "Rückfall in eine längst
überwunden geglaubte Zeit der geistigen Unfreiheit". Die Olympen
weiter: "Wenn ein Deutscher über einzelne 'sensible' Fragen der
Geschichte nur in den von den Umerziehern und ihren deutschen Helfern
vorgegebenen Bahnen denken und sprechen darf, stellt dies eindeutig
einen Mangel an Meinungs- und Redefreiheit und somit auch ein Fehlen
der Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre dar."16
Völkischer Nationalismus
Die Aktivitäten heimischer Burschenschafter werden tatsächlich in
einem zentralen Punkt eingeschränkt: Staatsvertrag und NS-Verbotsgesetz
verbieten jede Propaganda und Handlung, welche die Selbständigkeit der
Republik untergräbt und auf den Anschluss an Deutschland zielt. Damit
trifft die Verfassung den Kern burschenschaftlichen
Selbstverständnisses - den Deutschnationalismus. Seine Propagandisten
sind daher angehalten, ihre Ablehnung der österreichischen Nation mit
einem Bekenntnis zur staatlichen Unabhängigkeit zu verbinden. Die
Behauptung, bei den ÖsterreicherInnen handle es sich einerseits um
BürgerInnen eines souveränen Staates, andererseits um Angehörige der
"deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft", ist nur dann richtig zu
bestimmen, wenn der unterschiedliche Stellenwert von Staat und "Volk"
im burschenschaftlichen Diskurs mitgedacht wird.
Im Mittelpunkt dieses Diskurses steht das völkische Menschen- und
Weltbild, wie es im Zusammenhang der "Befreiungskriege" gegen die Heere
Napoleons (1813/14) entworfen wurde. Basierend auf den Schriften von
Fichte, Jahn, Fries und Arndt und in militanter Opposition zur
aufgeklärten Idee der Nation als politische Willensgemeinschaft wurde
das "Volk" zur natürlichen Abstammungsgemeinschaft erhoben. Schon die
Gründerväter der burschenschaftlichen Bewegung definierten ihr
"Deutsches Volk" in Abgrenzung zum "Judentum". Die von den
französischen Heeren aus dem Ghetto befreiten Juden und Jüdinnen wurden
als Fünfte Kolonne Frankreichs identifiziert.
Gleichzeitig erwuchs
insbesondere unter der akademischen Jugend aus der enttäuschten
Hoffnung auf staatliche Einigung jenes rebellische Ressentiment gegen
die adelige Obrigkeit, das bis heute mit revolutionärem Freiheitsdrang
verwechselt wird. Die kollektive Enttäuschung der Studenten, die in
"Freikorps" gegen die französischen Truppen gezogen waren und sich
danach in Burschenschaften organisierten, verschaffte sich 1817 am
Wartburgfest erstmals Luft. Das Treffen wurde von Jahn initiiert und
gipfelte nicht umsonst in der ersten deutschen Bücherverbrennung. Dabei
kommt die spezifische Verbindung von romantischem Freiheitsdrang,
nationalem Einigungswunsch und völkischem Reinheitswahn zum Ausdruck.
Denn verbrannt wurden nicht nur Symbole und Schriften der verhassten
Diktatur, sondern auch das kodifizierte bürgerliche Recht, der
Code-Napoleon, und Saul Aschers "Germanomanie". Geradezu mit
prophetischem Weitblick warnte Heinrich Heine angesichts dieser
symbolischen Ermordung eines jüdischen Autors: "Dies war ein Vorspiel
nur; dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen."
Entgegen aller korporierten Legenden war der Antisemitismus von
Anfang an fixer Bestandteil burschenschaftlichen Lebens. Bereits die
"Urburschenschaft" bestimmte, dass "nur ein Deutscher und Christ"
Mitglied werden dürfe. Bei der Vereinigung der bereits bestehenden
Burschenschaften zur Allgemeinen Deutschen Burschenschaft (1818) stritt
man um den "Arierparagraphen". Dieser fand 1820 am geheimen Burschentag
in Dresden eine Mehrheit, wobei sich zunächst nicht alle an diesen
Beschluss hielten. Dass er 1831 wieder zurückgenommen wurde, ist
Ausdruck einer Kräfteverschiebung. Denn neben der völkischen Gruppe
existierten tatsächlich demokratisch-jakobinische Strömungen. Diese
erhielten unter dem Eindruck der Pariser Julirevolution von 1830
Aufwind. Jahn und seine Germanomanen sahen darin zurecht ein Abrücken
von den Idealen der "Urburschenschaft". Sie wetterten gegen die
"Verjudung" und "Verwälschung" der Bewegung, die am Vorabend der 48er
Revolution tief gespalten war.
Nach dem Scheitern der Revolution,
das gleichbedeutend ist mit der endgültigen Niederlage demokratischer
Positionen innerhalb der Burschenschaften, gewann die völkische
Richtung, die 1848 im Abseits war, wieder Oberhand. Nun stimmte man ein
in den Chor der Reaktion, welche die Revolution von Anfang an als
"jüdisch" und das Werk "ausländischer Rädelsführer" denunziert hatte.
Wenn Burschenschafter sich heute in die Tradition der bürgerlichen
Revolutionäre stellen, welche die politischen Rechte der Männer nicht
mehr an die Konfession banden, beziehen sie sich auf jene liberale,
bürgerlich-demokratische Position, gegen die gerade die
"Urburschenschaft" gegründet wurde. Angesichts derartig dreister
Kontinuitätsbezüge wirkt die Offenheit der Aula geradezu erfrischend.
Dort wird die militante Frontstellung der Burschenschaften zum
"jakobinisch-freimaurerischen Gedankengut der französischen Revolution"17 betont.
Ausgestattet mit kollektiven Eigenschaften und Interessen wurde das
"Volk" nicht nur gegen innere (Juden und Jüdinnen) und äußere Feinde
(Frankreich), sondern auch gegen das Individuum als politisches Subjekt
konstruiert. Der völkische Antiliberalismus ordnet die irrationale
Kategorie des "Volkes" jedem politischen Denken und Handeln über. Damit
verbunden ist eine Geringschätzung des Individuums, welches sich voll
und ganz den "volklichen Interessen" zu unterwerfen habe.
Gerade die österreichischen Burschenschaften, die sich ab den 50er
Jahren des 19. Jahrhunderts konstituierten, lehnten schon lange vor dem
Nationalsozialismus die Gleichsetzung von Staats- und Volksgrenzen, von
StaatsbürgerInnen und Angehörigen eines "Volkes" (den späteren
"Volksgenossen") ab. In ihrem "volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff",
in welchem die "deutsche Nation unabhängig von staatlichen Grenzen
(existiert)"18,
lebt diese Anschauung bis heute fort. Unter den gegenwärtigen
politisch-rechtlichen Bedingungen ist dieser völkische Nationalismus
aber nicht mehr unmittelbar in Forderungen nach einer neuerlichen
"Wiedervereinigung" übersetzbar. Das Ziel burschenschaftlichen
Engagements in Österreich wird daher heute kryptisch damit umschrieben,
"den Gedanken an die deutsche Einheit wachzuhalten"19.
Gleichzeitig wird versucht, mit Hinweisen auf das
Selbstbestimmungsrecht und die angebliche Willkürlichkeit der
gegenwärtigen Grenzen, die großdeutsche Option offen zu halten. So
meint der Olympe und FPÖ-Nationalrat Graf: "Die heutigen Staatsgrenzen
wurden willkürlich gezogen; das deutsche Volkstum muß sich frei in
Europa entfalten können."20
Wie sich die Olympia eine freie Entfaltung des Deutschtums vorstellt,
geht auch aus Flugblättern hervor, die noch in den 80er Jahren zum "Tag
der deutschen Einheit" verteilt wurden: Diese zeigen ein Deutschland in
den "Reichsgrenzen" vom 1. September 1939.
Männliche Eliten
Den Korporationen kommt seit dem späten 19. Jahrhundert die soziale
Funktion einer männlichen Elitenreproduktionsstätte zu. Als Männerbünde
perpetuieren sie den Ausschluss der Frauen von universitärer Bildung.
In Uniformierung und stolzer Zurschaustellung der "Schmisse" heben sich
Korporierte von der Masse der Studierenden ab.
Die streng
reglementierte und hierarchisierte Gemeinschaft auf den
Verbindungshäusern erzieht daneben den Einzelnen zu jenen Denk- und
Verhaltensweisen, die gemeinhin autoritären Charakterstrukturen
zugeschrieben werden. Norbert Elias hat die Ausbildung dieser
Charaktere präzise beschrieben: "Der Mensch, der durch das Training der
Mensuren ging, benötigte zur Zähmung seiner sozial verstärkten
Kampfimpulse eine unterstützende Gesellschaft mit einer klaren Über-
und Unterordnung, mit einer Hierarchie des Befehlens und Gehorchens. Er
entwickelte eine Persönlichkeitsstruktur, bei der die Selbstzwänge,
also auch das eigenen Gewissen, der Unterstützung durch den Fremdzwang
einer starken Herrschaft bedurften, um funktionieren zu können. Die
Autonomie des individuellen Gewissens war begrenzt."21
Über das Erziehungsinstrument der Mensur werden nicht nur
Sekundärtugenden wie Tapferkeit oder Gehorsam eingeübt, sondern auch
jene Härte und moralische Indifferenz, die Elias als "menschlichen
Habitus ohne Mitleid"22 beschrieb.
Über das (burschenschaftliche oder "deutsche") Erziehungsideal der
Härte meinte Adorno: "Die Vorstellung, Männlichkeit bestehe in einem
Höchstmaß an Ertragenkönnen, wurde längst zum Deckbild eines
Masochismus, der - wie die Psychologie dartat - mit dem Sadismus nur
allzu leicht sich zusammenfindet. Das gepriesene Hart-Sein, zu dem da
erzogen werden soll, bedeutet Gleichgültigkeit gegen den Schmerz
schlechthin. Dabei wird zwischen dem eigenen und dem anderer gar nicht
einmal so sehr fest unterschieden. Wer hart gegen sich ist, erkauft
sich das Recht, hart auch gegen andere zu sein, und rächt sich für den
Schmerz, dessen Regungen er nicht zeigen durfte, die er verdrängen
mußte."23
In der burschenschaftlichen Beschreibung der Mensur kommt darüber
hinaus die schon angedeutete Geringschätzung des Individuums zum
Ausdruck: "Wird in einem Ritual absichtlich Blut vergossen, so bedeutet
das in der Regel, daß der Wert, zu dessen Ehren das Blut fließt, höher
geachtet wird als das Leben des Blutenden."24 Als jener "Wert", dem das Leben des Einzelnen zu opfern ist, erscheint stets das (deutsche) "Vaterland".
Antisemitismus
Neben dem völkischen Nationalismus und einem spezifischen Männerbild
stellt der eliminatorische und bald auch exterminatorische
Antisemitismus ein konstituierendes Moment der Burschenschafterbewegung
gerade in Österreich dar. Während in Deutschland noch über einen
"Arierparagraphen" diskutiert wurde, nahmen ihn die "Ostmärker" in
ihrer Praxis bereits vorweg. Die aB! Libertas (Wien), die den
oberösterreichischen FPÖ-Obmann Hans Achatz zu ihren "Alten Herren"
zählt, hat 1878 als erste österreichische Verbindung Juden die
Mitgliedschaft verwehrt, und bereits um 1890 fanden sich unter den
aktiven Burschenschaftern in Österreich keine jüdischen Studenten mehr.
1896 wurde diesen am Waidhofener Verbandstag auch das Recht auf
"Genugtuung" im Duell abgesprochen. Die Wiener aB! Silesia begründete
diesen Schritt nicht nur mit einer "angeborenen Feigheit der Juden",
sondern auch mit dem Grundsatz, "daß man eine unsere nationale Existenz
und germanische Moral gefährdende Rasse isolieren müsse."25
Es waren in der Folge vor allem österreichische Burschenschafter, die
versuchten, den nunmehr rassistisch argumentierenden Antisemitismus in
den Dachverbänden durchzusetzen. Mit Erfolg: Die DB verlieh am
Burschentag 1920 der "Überzeugung" Ausdruck, "daß die ererbten
Rasseeigenschaften der Juden durch die Taufe nicht berührt werden"26.
Dass der korporierte Antisemitismus gerade in Österreich eine
Kontinuität über 1945 hinaus aufweist, wird vereinzelt sogar von
Angehörigen des Milieus eingeräumt. So bedauert der Korporierte Harald
Seewann, dass "auch heute noch in der Auffassung einzelner die
Waidhofener Beschlüsse nicht überwunden scheinen"27.
Tatsächlich verteidigten österreichische Burschenschafter den
"Arierparagraphen" auch nach 1945. Noch in den 60er Jahren rühmten sich
Verbindungen "die jüdischen Elemente entfernt" zu haben oder "seit 1882
judenrein"28
zu sein. Der "Pauk-Comment" der Wiener pennalen Waffenstudenten legt in
Û4 fest: "Genugtuungsfähig auf Schläger ist jeder ehrenhafte arische
Mensch."29
Und die Suevia argumentierte 1960 gegenüber deutschen Kameraden: "Wir
müssen (...) betonen, daß es für die Deutsche Burschenschaft in
Österreich unmöglich ist, Nichtdeutsche aufzunehmen. Wir (...) stehen
auf dem allein burschenschaftlichen Standpunkt, daß somit auch der Jude
in der Burschenschaft keinen Platz hat."30
Angesichts eines derartigen Standpunktes überrascht es kaum, wenn auch
mal Taten folgen. So verwüsteten im November 1961 zwei Burschenschafter
den jüdischen Friedhof in Innsbruck. Einer der Täter, Aktivist der
Suevia, zwängte seinen Antisemitismus zuvor in holprige Reimform:
"...der einzige Feind, den es Wert ist zu hassen/und unter Umständen
auch zu vergasen/ist doch der ewige Jude, der heute/wie früher die
dummen, weil ehrlichen Leute bestiehlt/und uns allen die Frischluft
wegsaugt/nicht ahnend, daß er nur zum Einheitzen taugt./Die Zeit wird
bald kommen, darauf ist Verlaß/daß man ihn zum letztenmal setzt unter
Gas./Dann werdet auch Ihr, trotz Aktiven-Allüren,/das Feuer von
Auschwitz behüten und schüren./Wir werden, wenn auch ohne Mütze und
Band,/die Gasöfen füllen bis an den Rand."31
"Heim ins Reich"
Den "Anschluss", noch 1988 in einer von Herwig Nachtmann (aB!
Brixia, Innsbruck) verantworteten Aula-Broschüre als
"Wiedervereinigung" bezeichnet, feierten die Burschenschaften mit dem
Aufziehen von Hakenkreuzfahnen. Die Machteinsetzung der NSDAP wurde
zuvor im Organ der DB bejubelt: "Was wir seit Jahren ersehnt und
erstrebt und wofür wir im Geiste der Burschenschaft von 1817 jahraus,
jahrein an uns gearbeitet haben, ist Tatsache geworden."32 Bis aber "der Traum der Deutschen Burschenschaft vom großen Reiche aller Deutschen Wirklichkeit wurde"33,
mussten die korporierten Nazis in Österreich noch durch die
Widrigkeiten der Illegalität. Über die Bedeutung der Burschenschaften
nach dem Verbot der NSDAP 1933 meinte der Rektor der Universität Wien
im März 1938: "Das große Verdienst der deutsch eingestellten
studentischen Korporationen Österreichs besteht darin, daß sie sich in
der Zeit des Kampfes restlos in den illegalen politischen Aufbau
eingefügt haben. Jede Körperschaft bildete einen in sich geschlossenen
Kampftruppenteil."34
Als Entlastungsargument führen Burschenschafter heute dennoch gerne
an, ihre Verbindungen seien 1938 unter Zwang aufgelöst worden. Diese
Behauptung hat seine Berechtigung nur für das katholische
Verbindungswesen und einige Corps, hingegen lösten sich auch die
österreichischen Burschenschaften feierlich selbst auf und gliederten
sich zum Großteil als Kameradschaften in den Nationalsozialistischen
Deutschen Studentenbund ein. Von gedrückter Stimmung angesichts dieses
Schrittes ist zumindest bei der Olympia nichts zu bemerken: "Bei der
eindrucksvollen Feier im großen Konzerthaussaal anläßlich der
Überführung der waffenstudentischen Korporationen in die Gliederungen
der NSDAP wurden die Farben das letzte Mal in der Öffentlichkeit
getragen."35
Neben der Behauptung, von den Nazis "verboten" worden zu sein, dient
der vereinzelte Widerstand von deutschnational Korporierten der
Reinwaschung des ganzen Milieus. Diese Selbstverleugnung war nicht
immer vorherrschend: 1955 wurde es noch abgelehnt, "'Widerständler' aus
unseren Reihen zu benennen und sie als Schild zu mißbrauchen"36. Auch in der Aula verschloss man sich zunächst den Versuchen, "einen nationalen Widerstand zu konstruieren"37.
Kontinuität und Neuanfang
Stellvertretend formuliert die Olympia die Ablehnung der
nachfaschistischen Umwälzungen: "Gleich nach Kriegsende setzte die von
den Siegern betriebene systematische Umerziehung (reeducation) ein, die
einen intensiven Wandel des Denkens, der Empfindungen und
Verhaltensweisen erreichen wollte und auch erreichte. Alle Ideen und
Überzeugungen, die nach Meinung der Sieger zu der politischen,
moralischen und charakterlichen Korrumpierung der Deutschen geführt
hatten, sollten ein für allemal ausgerottet werden. (...) Die
entstandene geistig-kulturelle Bewußtsseinslücke wurde durch die
Etablierung der westlich-pluralistischen Gesellschaftsform
'ausgefüllt'."38
Tatsächlich sehen sich Burschenschafter bis heute als Besiegte und den 8. Mai 1945 als "totale Niederlage"39.
Als Gliederungen der NSDAP wurden die Burschen- bzw. Kameradschaften
1945 aufgelöst, das Schlagen von Mensuren wurde genauso verboten wie
der Aufzug mit Mütze und Band auf Universitätsgelände. Die
deutschnationalen Männerbünde waren zunächst angehalten, die
Kontinuitäten mittels Auftreten unter unverfänglichem Namen zu
verdecken. So rekonstituierte sich etwa die Olympia 1948 als
Akademische Tafelrunde Laetitia. Als mehr oder weniger belastete
NS-Kader hatten zahlreiche Korporierte mit der Entnazifizierung zu
kämpfen: "Ein Großteil der Überlebenden," heißt es bei der Olympia,
"war politisch verfolgt und mit Berufsverbot belegt."40
Aber bald verspürte man das Nachlassen des Entnazifizierungseifers und
somit wieder Aufwind. Mit dem gesamten "Dritten Lager", das spätestens
1938 fast zur Gänze in der NSDAP aufgegangen war, reorganisierte sich
ab 1948 auch das burschenschaftliche Milieu. Die Mensuren wurden 1952
wieder erlaubt, zwei Jahre später durften die deutschnational
Korporierten wieder mit Mütze und Band an die Hochschulen. Diese
glichen spätestens ab 1955 dem Bild zwischen 1920 und 1938 - Hochburgen
des Antisemitismus und Rassismus.
Die Renaissance der Burschenschaften war begleitet von Gewalt: So
kam es 1961 in Innsbruck zu Übergriffen auf US-amerikanische Studenten,
die dabei als "Juden" beschimpft wurden. 1965 stürmten rechtsextreme
Schläger unter "Hoch Auschwitz!"-Rufen eine Demonstration gegen einen
antisemitischen Professor. Dabei erschlug ein Olympe den ehemaligen
KZ-Häftling Ernst Kirchweger.
Zu Beginn der 60er Jahre stiegen Burschenschafter in den Südtirolterror
ein und ließen diesen eskalieren. Richtete sich dieser ursprünglich
gegen Sachen, so nahmen die "Volkstumskämpfer" rund um Norbert Burger
(aB! Olympia) den Tod auch von ZivilistInnen bewusst in Kauf. Diese
mörderische Terrorkampagne wird nach wie vor als "Einsatz für das
bedrohte Grenzlanddeutschtum"41
verharmlost. Und FPÖ-Nationalrat Graf meint noch heute über den 1991
verstorbenen Neonazi: "Ich habe Norbert Burger immer geschätzt und tue
das auch über den Tod hinaus."42
Dieser Verbundenheit unter dem Dach einer Burschenschaft kann offenbar
auch nicht die Tatsache Abbruch tun, dass Burger in Italien wegen
mehrfachen Mordes in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt worden
war. Als eine der spärlichen Reaktionen wurde die Olympia, die das
organisatorische Zentrum des Neonazi-Terrors darstellte, 1961
behördlich aufgelöst. Bis zur Wiederzulassung 1974 fanden die Olympen
Unterschlupf bei der verübergehend reaktivierten Vandalia.
1952 gründeten Burschenschafter den Ring Freiheitlicher Studenten
(RFS), welchem ein Jahr später Burger vorstand. Nachdem sich die FPÖ zu
Beginn der 60er Jahre an ihrer Spitze zu liberalisieren begonnen hatte,
entfernten sich die Mannen rund um Burger mehr und mehr von der
Mutterpartei. 1967 gründeten sie schließlich die Nationaldemokratische
Partei (NDP). Die Kontakte rissen jedoch nie ganz ab: Neben dem RFS
stellten vor allem die bereits erwähnten Freiheitlichen
Akademikerverbände (FAV) - eine Vereinigung "Alter Herren" im Vorfeld
der FPÖ - das Bindeglied zwischen NDP und FPÖ dar. Nach der Kür Haiders
zum FPÖ-Obmann 1986 war wieder Einheit angesagt. Bei einem von Otto
Scrinzi arrangierten geheimen Treffen zwischen Haider und dem
NDP-Vorsitzenden Burger besprachen diese im Juli 1987 eine mögliche
Zusammenarbeit. Als dann 1988 die NDP endlich behördlich aufgelöst
wurde, war sie ohnehin schon überholt: Ein Großteil der Mitglieder und
Kader hatte den Weg zurück zur FPÖ bereits gefunden.
Heute laufen die Kontakte zur Nationaldemokratischen Partei
Deutschlands (NPD) ebenfalls über das burschenschaftliche FPÖ-Vorfeld:
In der Aula häuften sich etwa mit dem Einstieg von Jürgen Schwab (aB!
Thessalia zu Prag, Bayreuth und Germania, Graz)43
ab 1998 die Lobeshymnen auf die deutschen Neonazis. Das "freiheitliche
Magazin" bot darüber hinaus dem NPD-Vorsitzenden Platz zur
ausführlichen Selbstdarstellung.44
Die FAV Wien, Burgenland und Niederösterreich luden im Herbst 1999 den
NPD-Kader Horst Mahler zu einem Vortrag nach Wien. Dabei gab dieser
seiner Bewunderung des "Führers" unverholen Ausdruck: "Hitler hat die
nationalrevolutionären und sozialrevolutionären Kräfte dieses Volkes
aufgegriffen und gebündelt." Dann wandte sich Mahler aktuellen
Bedrohungen zu: den "Türken", welche sich anschickten, Deutschland "von
innen her" zu übernehmen, der "Umerziehung", die dafür verantwortlich
sei, dass "unser Volk es nicht mehr wagt, sich der Auslöschung durch
Überfremdung zu widersetzen" und dem "jüdischen Volk", das der "Feind"
der Deutschen sei. Auf dem Weg zur "Volksgemeinschaft" müssten sich die
"Deutschen", zu welchem Mahler und seine korporierten Zuhörer auch die
ÖsterreicherInnen zählen, von den "negativen jüdischen Prinzipien" wie
dem "Mammonismus" befreien. Aber noch würden "unsere Feinde" (die Juden
und Jüdinnen, Anm.) "über unsere Gedanken (herrschen)". Mahler
versuchte in Wien auch, die antisemitische Verfolgung zu legitimieren:
"Den Juden wurde der Hass auf andere Völker auferlegt. Die anderen
Völker haben diesen Hass nur erwidert."45
Schließlich konnten Burschenschafter im Juni 2000 niemanden geringeren
als Frank Rennicke begrüßen. Der Neonazi-Barde und NPD-Aktivist trug
seinen germanomanen Singsang auf dem "Innenhoffest" der Olympia vor.
Doch vermögen auch die stimmungsvollsten Treffen nicht über die
anhaltende Schwäche hinwegtäuschen: Das deutschnationale
Korporationswesen hat nach seiner Hochblüte in den 50er und 60er Jahren
bis heute mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen. Denn mit der partiellen
Öffnung (i.e. dem Anwachsen des Anteils von Frauen und Angehörigen
unterer sozialer Schichten) und Demokratisierung der Universitäten zu
Beginn der 70er Jahre ging der Einfluss des Rechtsextremismus auf
akademischem Boden nach und nach zurück. Deutlicher Ausdruck dieser
Kräfteverschiebung ist der Niedergang des RFS: Der hochschulpolitische
Arm von Burschenschaften und FPÖ sank in der studentischen
WählerInnengunst von 32% (1953) auf gerade 2% (1987) ab. Wenn sich auch
das völkische Milieu an den Universitäten im Zuge
gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen konsolidiert zu haben scheint,
ist es von alter Stärke nach wie vor entfernt. Heute tummeln sich nach
unseren Schätzungen in knapp 60 deutschnationalen (akademischen und
pennalen) Korporationen rund 3000 Aktive und "Alte Herren". Und der RFS
vermag es nach wie vor nicht, bei ÖH-Wahlen bundesweit über 4%
hinauszukommen.
Deutsch-"deutsche" Verbundenheit
Gemäß ihrer Ideologie versuchen deutsche und österreichische
Burschenschaften, die staatliche "Wiedervereinigung" in ihren
Dachverbänden vorwegzunehmen. 1919 vereinigte sich die Burschenschaft
der Ostmark mit der DB. Um einem Verbot zu entgehen, schieden jedoch
die heimischen Verbindungen im Juni 1933 aus dem gemeinsamen, nun auch
offiziell nazifizierten Dachverband aus. 1938 vereinigte man sich
wieder - diesmal unterm Dach des Nationalsozialistischen Deutschen
Studentenbundes. Sieben Jahre nach der Befreiung vom Faschismus schloss
der österreichische Allgemeine Delegiertenconvent (ADC) mit der DB ein
"Arbeits- und Freundschaftsabkommen" ab. Der ADC, 1959 in Deutsche
Burschenschaft in Österreich (DBÖ) umbenannt, scheiterte 1961 zunächst
in seinen Bestrebungen nach erneuter Fusion mit der DB am
beiderseitigen Misstrauen. Ein Mainzer Burschenschafter brachte die
Vorbehalte gegenüber den "Ostmärkern" auf den Punkt: "Auf Grund
persönlicher Gespräche, schriftlicher Dokumente und den Erfahrungen von
den Burschentagen müssen wir leider feststellen, daß in den
österreichischen Burschenschaften ein radikaler Geist herrscht, dem wir
uns verschließen müssen. Wir lehnen ganz entschieden jede Form von
politischem Extremismus und Antisemitismus ab. Die Geschichte lehrt
uns, daß diese Geisteshaltung die deutsche Burschenschaft ins Unglück
führen würde und uns an unserem Volke schuldig werden ließe."46
Die unterlegene Fraktion schloss sich darauf zur Burschenschaftlichen
Gemeinschaft (BG) zusammen. Im Gründungsprotokoll der aus 42
österreichischen und deutschen Burschenschaften bestehenden BG47
bekennt sich diese "zum volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff" und
fordert "die geistige und kulturelle Einheit aller, die dem deutschen
Volke angehören und sich zu ihm bekennen." Hochgehalten wird von der BG
ein Großdeutschland in den Grenzen vom 1. September 1939.48
Die völkischen Fundamentalisten konnten am Burschentag von 1961
jedoch einen Etappensieg einfahren: Ein Antrag der Münchener Danubia,
die DB möge gegenüber der DBÖ feststellen, dass es die "wichtigste
politische Aufgabe der Gegenwart" sei, für die "Wiedervereinigung"
Österreichs mit Deutschland zu kämpfen, wurde mit deutlicher Mehrheit
angenommen. Für die anwesenden Olympen fragt sich der Berichterstatter,
"mit welchem Recht sich die 48 Bünde", welche gegen den Antrag stimmten
und somit "Österreich und Südtirol nicht mehr als einen Teil ihres
Vaterlandes anerkennen wollen, noch als Burschenschaft bezeichnen."49
Die jahrelangen Streitereien zwischen den Fraktionen wurden 1971 am
Burschentag in Landau kurzfristig beigelegt. Der geschlossene
Kompromiss beinhaltet zwar die Freistellung der Mensur, doch setzten
sich die Hardliner aus DBÖ und BG mit der Verankerung ihres
"volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriffes" durch.50
Darüber hinaus wurden den DBÖ-Verbindungen Einzelbeitritte zur DB
gestattet. Die Wiener Burschenschaften Libertas und Vandalia (i.e
Olympia) traten umgehend bei, bis heute haben sich 18 heimische
Burschenschaften der DB angeschlossen.51
Die DB verdankt ihre Radikalisierung, welche 1995 erstmals zu einer
Erwähnung im deutschen Verfassungsschutzbericht führte, vor allem dem
erfolgreichen Entrismus der "Ostmärker". Jedoch wurde deren Auftreten
nicht immer gutgeheißen: So erntete Norbert Burger bei der
175-Jahr-Feier der DB in Jena 1990 für seine "extremen Grußworte"52
Pfiffe. Im selben Jahr sah sich die DB gezwungen, "sich bei
Staatssekretär Kroppenstädt (...) wegen der globalen Beschimpfungen und
Verleumdungen (...), die durch ein Mitglied der vorsitzenden
Burschenschaft in der DB, B! Olympia Wien, in einem Interview
ausgesprochen worden sind, in geeigneter Form zu entschuldigen."53
In besagtem Interview wurde die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze
seitens der deutschen Regierung kritisiert und betont, "daß auch die
Ostgebiete, Südtirol usw. alles deutsche Länder sind"54.
Ein Jahr darauf forderten die Olympen am Burschentag: "Die
Unterwanderung des deutschen Volkes durch Angehörige von fremden
Völkern bedroht die biologische und kulturelle Substanz des deutschen
Volkes (...) Das deutsche Volk ist vor Unterwanderung seines
Volkskörpers durch Ausländer wirksam zu schützen."55
Angesichts derartiger Urlaute überrascht es nicht, dass gemäßigtere
deutsche Verbindungen die neuerliche Wahl der Olympia zum Vorsitzenden
der DB 1996 mit ihren Austritten quittierten. Als Grund für diesen
Schritt wurde unter anderem angegeben, die Wiener Fundis hätten
gefordert, "Österreich und Teile Polens in die Wiedervereinigung
Deutschlands miteinzubeziehen"56.
1 Unter dem Begriff deutschnationale oder
nationalfreiheitliche Korporationen werden Burschenschaften, Sänger-,
Jäger- und (Grenz-)Landsmannschaften sowie akademische Turnvereine,
Vereine Deutscher Studenten (VDSt) und die diversen Corps
zusammengefasst. Diese formal als Vereine organisierten "Lebensbünde"
unterscheiden sich bei allen Gemeinsamkeiten in der männerbündischen
Struktur von den katholischen Verbindungen (CV, MKV, kath.
Landsmannschaften) durch ihren Deutschnationalismus, ihre Skepsis
gegenüber der liberalen Parteiendemokratie, ihr Verhältnis zum
Nationalsozialismus und durch das weitgehende Festhalten am schlagenden
Prinzip (Pflichtmensur). Im Folgenden beschränken wir uns weitgehend
auf die Burschenschaften. Dies gehorcht neben deren Stärke und
Stellenwert im Milieu vor allem deren explizit politischer Ausrichtung,
die eine ideologische Verortung erleichtert. → zurück
2 BM f. Inneres, Gruppe C, Abteilung II/7: Rechtsextremismus in Österreich. Jahreslagebericht 1999. Wien 2000, S. 10 → zurück
3 BM f. Inneres, Gruppe C, Abteilung II/7: Rechtsextremismus in Österreich. Jahreslagebericht 2000. Wien 2001, S. 12 → zurück
4 Gehler, Michael: Studentenverbindungen und Politik an
Österreichs Universitäten. Ein historischer Überblick unter besonderer
Berücksichtigung des akademischen Rechtsextremismus vom 19. Jahrhundert
bis heute, in: Reinalter, H.; Petri, F.; Kaufmann, R. (Hg.): Das
Weltbild des Rechtsextremismus. Die Strukturen der Entsolidarisierung.
Innsbruck 1998, S. 390 → zurück
5 Mitteilungen der US! Skalden, Februar 1993; Die
übrigen Sängerschaften in Österreich - mit Ausnahme der Wiener Barden -
traten in der Folge ebenfalls aus der DS aus. → zurück
6 Die Mitgliedschaft in einer Korporation wird erst
nach Ablauf einer längeren Probe- und Bewährungsfrist gewährt. Neben
der "Burschung" erfolgt die Aufnahme in den "Lebensbund" über
ritualisierte Fechtduelle ("Mensuren"). → zurück
7 Den offensten Ausdruck findet diese Schutzfunktion
bei NS-Wiederbetätigungsprozessen, welche von Burschenschaftern
geleitet oder vorbereitet werden. So sorgte etwa Hans Peter Januschke
(VDSt Sudetia, Wien) mit seiner Prozessführung 1996 für einen mittleren
Skandal: Nachdem sich Januschke im Verfahren gegen einen Wiener
Berufsschullehrer mehrmals als "Nationaler" zu erkennen gegeben und
dies auch mit einschlägigen Sprüchen ("...das KZ Dachau war für
Asoziale, Zigeuner und dergleichen") verdeutlicht hatte, wurde er wegen
Befangenheit abgelöst. Auch Staatsanwalt Heinrich Steinsky (aB! Suevia,
Innsbruck) geriet aufgrund seines Verhaltens während der Vorerhebungen
gegen mutmaßliche Neonazis wiederholt zum Gegenstand parlamentarischer
Anfragen an den Justizminister. → zurück
8 Hatzenbichler, Jürgen: Korporation, Tradition und
Neue Rechte, in: Mölzer, Andreas (Hg.): Pro Patria. Das deutsche
Korporations-Studententum - Randgruppe oder Elite? Graz 1994, S. 262f → zurück
9 vgl. Gehler, Michael: Studentenverbindungen ...a.a.O., S. 361f → zurück
10 Aula 2/99, S. 20 → zurück
11 vgl. Parlamentarische Anfrage, XX GP-NR, 5310/J, 1998-12-02 → zurück
12 Über die Ernsthaftigkeit dieses Abrückens von einem
konstituierenden Moment des nationalfreiheitlichen Lagers gab Haider
selbst Auskunft: Am 120. Stiftungsfest der Silvania bekräftigte er,
weiter "für die Erhaltung des deutschen Volkstums zu stehen". (Junge
Freiheit 47/96, S. 7) → zurück
13 Der ehemalige Burschenschafter und liberale
Politiker Helmut Peter meint über die Südmark: "Dort herrschte (...)
ein rabiater Antisemitismus, das waren richtiggehende Extremisten."
(zit. nach: Joachim Riedl: Der Dominator von Bad Goisern. Über die
Versuchungen des jungen H., in: Scharsach, Hans-Henning (Hg.): Haider.
Österreich und die rechte Versuchung. Reinbek b. Hamburg 2000, S. 158) → zurück
14 Zur Zeit Nr. 19/00, S. 1 → zurück
15 Format 21/00, S. 50 → zurück
16 Wiener akademische Burschenschaft Olympia (Hg.):
Wahr und treu, kühn und frei! 130 Jahre Burschenschaft Olympia. Wien
1989, S. 2 → zurück
17 AAula 1/98, S. 25ff → zurück
18 Interview mit der Wiener Burschenschaft Olympia, in: Junge Freiheit 4/90, S. 8 → zurück
19 Wiener Coleur-Szene, Oktober 1991, S. 5 → zurück
20 zit. nach Der Spiegel 24/97, S. 54 → zurück
21 Elias, Norbert: Studien über die Deutschen.
Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert.
Frankfurt a. M. 21989, S. 128 → zurück
22 ebd., S. 144 → zurück
23 Adorno, Theodor W.: Erziehung nach Auschwitz, in:
ders.: "Ob nach Auschwitz noch sich leben lasse". Ein philosophisches
Lesebuch, hrsg. v. Rolf Tiedemann. Frankfurt a. M. 1997, S. 56 → zurück
24 Wiener akademische Burschenschaft Olympia...a.a.O., S. 113 → zurück
25 zit. nach Knoll, Curt: Die Geschichte der wehrhaften Vereine deutscher Studenten in der Ostmark. Wien 1924, S. 321 → zurück
26 zit. nach Heither, Dietrich et al.: Blut und Paukboden. Eine Geschichte der Burschenschaften. Frankfurt a. M. 1997, S. 92 → zurück
27 Aula 9/94, S. 5 → zurück
28 Österreichischer Hochschulführer, zit. nach Volksstimme, 8. 4. 1965→ zurück
29 zit. nach Kartell-Chargen-Konvent des MKV (Hg.):
Die schlagenden Mittelschulverbindungen Österreichs. o.O.
Wintersemester 1963/64 → zurück
30 zit. nach Gehler, Michael: Rechtskonservativismus,
Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreichischen
Studentenverbindungen von 1945 bis in die jüngste Zeit, in: Bergmann,
W.; Erb, R.; Lichtblau, A. (Hg.): Schwieriges Erbe. Der Umgang mit
Nationalsozialismus und Antisemitismus in Österreich, der DDR und der
Bundesrepublik Deutschland. Frankfurt a. M./New York 1995, S. 243 → zurück
31 zit. nach Tribüne, Nr. XI/62 → zurück
32 Burschenschaftliche Blätter 6/1933, S. 130 → zurück
33 100 Jahre Wiener Akademische Burschenschaft Bruna Sudetia, in: Akademisches Leben, 7./8. Folge, Juli/August 1971, S. 22 → zurück
34 zit. nach Lichtenberger-Fenz, Brigitte: Österreichs
Hochschulen und Universitäten und das NS-Regime, in: Talos, E.;
Hanisch, E.; Neugebauer, W. (Hg.): NS-Herrschaft in Österreich
1938-1945. Wien 1988, S. 271 → zurück
35 Wiener akademische Burschenschaft Olympia...a.a.O., S. 30→ zurück
36 Burschenschaftliche Blätter 7-8/55, S. 218 → zurück
37 Wrabetz, Peter: Das nationalfreiheitliche Lager in Österreich, in: Aula 5/73, S. 6 → zurück
38 Wiener akademische Burschenschaft Olympia...a.a.O., S. 76f → zurück
39 ebd., S. 79 → zurück
40 ebd., S. 1 → zurück
41 ebd., S. 4 → zurück
42 Format 21/00, S. 50 → zurück
43 Schwab ist Leiter des "Arbeitskreises Volk und Staat" beim NPD-Parteivorstand. → zurück
44 Aula 9/98, S. 15f → zurück
45 Die Presse, 25. 11. 1999; profil 48/99, S. 66f → zurück
46 zit. nach Gehler, Michael: Studentenverbindungen...a.a.O., S. 380 → zurück
47 Österreichische BG-Mitglieder: Allemannia, Arminia,
Carniola, Cheruskia, Germania, Marcho-Teutonia (alle Graz), Suevia
(Innsbruck), Leder, Cruxia (Leoben), Alania, Albia, Aldania, Bruna
Sudetia, Gothia, Libertas, Moldavia, Oberösterreicher Germanen, Olympia
(Wien), Altherrenverband der aB! Südmark (Perg) → zurück
48 vgl. Perner, Markus; Zellhofer, Klaus:
Österreichische Burschenschaften als akademische Vorfeldorganisationen
des Rechtsextremismus, in: Stiftung Dokumentationsarchiv des
österreichischen Widerstandes (Hg.): Handbuch des österreichischen
Rechtsextremismus. Wien 21996, S. 275f → zurück
49 Bericht über den Burschentag der DB in Nürnberg von Günter Höllerl, S. 3 (Kopie im DÖW) → zurück
50 vgl. Acta Studentica, 3. Jg., Folge 1+2, Oktober 1972, S. 9 → zurück
51 Albia, Aldania, Bruna Sudetia, Gothia, Libertas, OÖ
Germanen, Olympia, Moldavia, Silesia (alle Wien), Allemannia, Arminia,
Carniola, Germania, Marcho Teutonia (Graz), Brixia und Suevia
(Innsbruck), Cruxia und Leder (Leoben) → zurück
52 Acta Studentica, 21. Jg., Folge 82, Juni 1990, S. 7 → zurück
53 ebd., 22. Jg., Folge 86, Juni 1991, S. 8 → zurück
54 Interview mit der Wiener Burschenschaft Olmpia, in: Junge Freiheit 4/90, S. 8 → zurück
55 zit. nach Perner, Markus...a.a.O., S. 275 → zurück
56 Junge Freiheit 18-19/96, S. 4 → zurück |