Rassismus und Universität in Guatemala - von Carlos Guzmán Böckler, übersetzt von Mary Kreutzer
Die Ursprünge von Rassismus in Lateinamerika
Die unterschiedlichen Erscheinungsformen von Rassismus in Guatemala
sind Teil einer Ideologie, die in ganz Lateinamerika im Zuge des
europäischen Kolonisierungsprozesses (Ende des fünfzehnten bis zum
ersten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts) Strukturen entwickelte,
die bis heute in den Republiken des Kontinents aufrechterhalten werden.
Der Aggressionskrieg der Spanier und Portugiesen begann mit relativ
kurzen Eroberungsetappen, wirkte sich jedoch umso effektiver auf die
Zerstörung des kollektiven Lebens der militärisch besiegten
Bevölkerungen aus, die, niedergerafft durch von den Aggressoren
mitgeschleppte infektiöse Krankheiten (Pocken, Grippe, etc.) gezwungen
wurden, die christliche Taufe anzunehmen. Parallel zur Etappe des
Raubfeldzuges an Land, Reichtümern und Freiheiten, eigneten sich die
Aggressoren als wichtigen Teil der Kriegsbeute auch die Frauen der
Besiegten an. Die ersten Kontakte zwischen europäischen Männern und Indígenas1
bestanden in der Vergewaltigung der Frauen, und später in der zeitlich
unbegrenzten Vergewaltigung als ein Ausdruck der unterschiedlichen
Formen von persönlicher Unterjochung, denen die Totalität der
Bevölkerung ausgesetzt war und welche ihren Anfang in der Sklaverei
hatten, sich jedoch fortpflanzten in den Systemen der encomienda2, des repartimiento3, der mita4, der Zwangsarbeit, des Tributes, usw. Dem aus brutaler Gewalt entstandenen mestizaje5
folgte somit jener, der sowohl aus der Situation ökonomischer
Ausbeutung und gesellschaftlicher Ausgrenzung als auch der absoluten
Wehrlosigkeit der jungen Indígenas gegenüber ihren zuerst spanischen oder portugiesischen, später auch mestizischen Herren resultierte.
Die Reiseroute des Rassismus
Als Zentren und Ausgangspunkte der kolonialen Aggression bestimmten
Häfen, Städte und kleinere Ortschaften, sowie Plantagen, Minen und
Ansiedlungen rund um die Haciendas, die geografische Gestaltung der
neuen Provinzen und zwangen die Bevölkerung in bestimmten
Niederlassungen zu leben, die ab nun als Orte der Arbeit, des mestizaje
und der permanenten Ungleichheiten funktionierten. Die aus solch
ungleichen Beziehungen geborenen Kinder litten unter der
Geringschätzung oder Ablehnung ihrer Eltern, da sie mit ihrem Äußeren
an die Unterschiede erinnerten, die Leid für die Eltern und für die Mestiz@s bedeuteten. Mit der Zeit versetzte der Zustand, im gesellschaftlichen Niemandsland gestrandet zu sein, die Mestiz@s
in einen Gefühlszustand ständiger Unzufriedenheit mit ihrer sozialen
Umgebung, welche sie nicht genau verstehen konnten, sowie mit sich
selbst und vor allem mit ihrem Äußeren, wenn die Ähnlichkeit mit ihrer
indigenen Mutter überwiegte.
Als Konsequenz der hohen Sterberate
der lokalen Bevölkerung, welche die Spanier mit ihren brutalen Methoden
auf den Antillen auslösten, führten die Europäer als Lösung dieses
Problems und als weitere Bereicherungsquelle den Sklavenhandel ein. In
großer Zahl wurden AfrikanerInnen vom Golf von Guinea in
Äquatorialafrika bis zu den Häfen und Sklavenmärkten der Karibik und
der brasilianischen Küsten gebracht, von wo aus sie an verschiedenste
Orte des amerikanischen Kontinents verteilt wurden. Die tragische
Situation dieser gewaltsam verschleppten und in Handelsware
verwandelten Bevölkerung stellte sie auf die unterste Stufe der
sozialen Hierarchie. Ihr massiver Einsatz auf den Zuckerrohr- und
Tabakfeldern, sowie in den Minen und für gewisse persönliche
Dienstleistungen öffnete den Herren und ihren Zwischenhändlern die
Türen, um die Sklavinnen zu vergewaltigen, aber auch um in Kontakt mit
der ebenfalls ausgebeuteten indigenen Bevölkerung zu kommen, was auch
sexuelle Beziehungen zwischen Frauen und Männern beider Gruppen
ermöglichte. Die Früchte dieser Beziehungen erhielten unterschiedliche
Bezeichnungen: Mulattinnen und Mulatten (Kinder aus Verbindungen weißer
Männern mit afrikanischen Frauen) und Zambos
(Kinder von Indígenas mit AfrikanerInnen). Nach der Selbstbeschreibung
basierte die koloniale Gesellschaft auf drei menschlichen Säulen: die
sogenannten Weissen, Indios und Schwarzen. Es
unterschieden sie die drei Hautfarben sowie die Gesamtheit der
somatischen Eigenheiten (Größe, Muskulatur, Art und Farbe der Haare,
der Haut und der Augen, usw.). Zu diesen objektiven körperlichen
Unterschieden summierten sich jene der Stellung innerhalb der sozialen
Hierarchie entsprechend dem Grad der Ausbeutung, dem jede Gruppe und
jede Person indigener oder afrikanischer Herkunft unterworfen war, laut
Kriterien, die sich je nach geografischer Region änderten, je nach
Überfluss oder Mangel an verfügbarer Arbeitskraft und der Art der
benötigten Arbeit, nach Nähe oder Ferne von Nahrungsquellen, nach
Entfernung zu den wichtigen Städten und den Häfen, so wie je nach
Schwierigkeitsgrad der Verkehrswege und Kommunikationsmittel, etc.
Der Maßstab der sozialen Schande
Ausgehend von den vorhin aufgezählten Punkten gab es eine Reihe von
Überzeugungen, die Maßstäbe und Unterschiede festschrieben, die heute
nicht nur irrational sondern absurd erscheinen. Jedoch waren sie damals
unanfechtbare und fixe Bestandteile der gesellschaftlichen
Überzeugungen. Was soweit ging, dass im gesamten Territorium unter
spanischer Herrschaft eine Skala der gesellschaftlichen Stellung
eingeführt wurde, basierend auf den Hautfarben weiß, dunkel und schwarz,
wovon man in einigen Regionen bis zu 16 mögliche Kombinationen
ableitete, die andere unzählige koloniale Kasten innerhalb der
Hierarchie der globalen Gesellschaft bezeichneten (vergl. P³rez de
Barradas, J., Los mestizos de Am³rica, Cultura Clàsica y Moderna, Madrid, 1948) und sie in ein Regime der pigmentocracia6 (vergl. Lipschutz, Alejandro, El problema racial en la conquista de Am³rica, Siglo XXI Editores, S.A., M³xico, 1975) einspannte. Entsprechend dieser Vorstellungen war die Farbe der Weißen ein Symbol für Güte, Reinheit und Schönheit und wurde beschmutzt und verdunkelt, wenn sie sich mit der kupfernen Farbe der Indígenas vermischte, und/oder ging unter mit der schwarzen Farbe der Schwarzen.
Chronisten und Reisende des 17., 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts
beschreiben die Vehemenz, mit der die Mitglieder aller Kasten ihre
Position über jene, die sie für minderwertiger hielten, bestätigten und
mit allen Kräften vorzutäuschen versuchten, jenen anzugehören, die sich
auf dieser Skala über ihnen befanden. Auch wenn am Ende der spanischen
Herrschaft unter der Bevölkerung die strengen Kastenunterschiede ihren
Sinn verloren - es waren die Unabhängigkeitskriege, die dazu beitrugen,
viele der Trennlinien aufzuheben - so überlebten die Entfernungen
zwischen Weißen, Mestizen, Indígenas und Schwarzen,
da jede dieser Kategorien innerhalb einer grundlegenden Aufteilung zwei
gesellschaftlichen Blöcken angehörte. In der ersten Gruppe zählte die
konkrete Position, welche auf sozio-ökonomischem, politischem,
kulturellem und religiösem Terrain sowohl die kolonialen Eliten,
bestehend aus Spaniern, ihren direkten, indirekten oder imaginierten
(aber einkommensstarken) Nachkommen (in Mexiko und in Zentralamerika
"Criollos" genannt) und aufgestiegene Mestizen oder die schwachen
Mittelschichten, sowie die armen urbanen und ruralen Sektoren,
einnahmen.
Im zweiten gesellschaftlichen Block befanden und befinden sich nach wie
vor die Mitglieder der zahlreichen unterschiedlichen
ethno-linguistischen Gruppen Amerikas sowie die Nachfahren jener
afroamerikanischen Kulturen, die von den USA ausgehend bis Uruguay und
Argentinien zerstreut wurden, mit einer sehr starken Präsenz in den an
die Karibik angrenzenden Gebieten, sowie an den Atlantikküsten
Brasiliens und jenen des Pazifiks von Kolumbien bis Peru. Die
Segregation der Mehrheit der Indígenas und Schwarzen ist zum Großteil
wirtschaftlichen, soziokulturellen, religiösen, technologischen und vor
allem informativen Charakters. Ich verwende den Begriff "Information"
als weit gefassten Begriff, er umschließt somit nicht nur die
Ereignisse lokalen, regionalen und globalen Charakters, sondern auch
die kulturelle, künstlerische und technologische Produktion der
verschiedenen Zivilisationen und besonders der westlichen, die, obwohl
sie die unmittelbarste globale Herrschaft darstellt, mit Vorliebe die
trivialsten, brutalsten und inkonsistentesten Aspekte ihrer Produktion
verbreitet.
Die kolonialen Spuren in den zeitgenössischen Universitäten
Die Anfänge und die ersten universitären Erfahrungen
Die "Real y Pontificia Universidad de San Carlos de Guatemala"7
wurde per königlichem Dekret von Karl dem II. am 31. Jänner 1676
gegründet und war somit nach Santo Domingo, Mexico und San Marcos de
Lima die vierte Universität Amerikas. Ihre Funktion bestand in der
Produktion qualifizierten Personals für die Bereiche Administration,
Judikatur sowie Kanonisches- und Zivilrecht für die spanische
königliche Bürokratie und die kolonialen Eliten im gesamten Gebiet des
Generalkapitanats "Goathemala", welches von den gegenwärtigen
mexikanischen Staaten Chiapas und Tabasco bis zu den Grenzen Costa Ricas mit den Gebieten Veraguas und des Darién in der gegenwärtigen Republik Panama reichte.
Die San Carlos Universität wurde von Mönchen des Dominikanerordens
geleitet, die mittels der Lehre von Theologie und kanonischen Rechts
für die Erhaltung und Verbreitung der Ideologie der
spanisch-katholischen Monarchie sorgten. Gleichzeitig konnte sie sich
auf eine überstaatliche und unantastbare Instanz berufen: das Tribunal
des Heiligen Amts der Inquisition.
Somit waren ihre Lehrer und Schüler die Träger des kolonialen Status
Quo, der sowohl sie als auch die sie beschützende Institution mit
Privilegien versah. Erst gegen Ende der Kolonialzeit erreichte
Guatemala ein Hauch von Aufklärung. Lehrer und Schüler verlangten und
erreichten eine Reform, die die Einführung von Lehrstühlen der
Naturwissenschaften ermöglichte, für deren Lehre erstmals
experimentelle Methoden angewandt wurden.
Die der Unabhängigkeit vorausgegangenen Schritte stützten sich auf die
Ideen der französischen Enzyklopädisten und der Gründer der Vereinigten
Staaten von Amerika, welche wichtigen Teilen der intellektuellen
universitären Elite entsprachen. Diese Ideen wanderten zunächst durch
das Sieb der Klasseninteressen und -vorurteile und wurden dann von den
erwähnten Eliten ihren politischen Projekten angepasst. In diesem Sinn
akzeptierte man für das neue, im Entstehen begriffene Land nur gewisse
Änderungen und war überzeugt davon, dass die soziale Struktur in den
althergebrachten Bedingungen verbleiben müsse. Sowohl die konservative
als auch die liberale Partei entsprachen in vielen Aspekten den
jeweiligen Interessen und Ambitionen der Criollo- oder Mestizen-Führer.
Beide wurden von zivilen Notabeln oder hohen Militärs geführt, die nach
der Erreichung der Unabhängigkeit von Spanien (ab dem 15. September
1821) das neue Land, "Vereinigte Provinzen Zentralamerikas", in einen
aussichtslosen Bürgerkrieg stürzten, der es schwächte und in die fünf
aktuellen zentralamerikanischen Republiken fragmentierte.
Die wirtschaftlichen und ideologischen Grundlagen des Rassismus
Als Konsequenz der Trennung von Spanien verlor die Universität San
Carlos die Attribute "königlich" und "päpstlich". Kurzfristig wurde sie
zu einer laizistischen Institution, verfiel jedoch ab Mitte des 19.
Jahrhunderts unter den konservativen Diktaturen in die intellektuelle
Stagnation. Die liberalen Diktaturen, die mit nur kurzen
Unterbrechungen zwischen 1871 und 1944 folgten, förderten zwar eine
universitäre Ausbildung, die verspätet und fragmentiert einige der
wissenschaftlichen und technischen Fortschritte des Auslandes
einführte, ließen jedoch keinerlei Änderungen betreffend
gesellschaftlicher Aspekte und somit des kolonialen Schemas zu.
Das
ist v.a. darauf zurückzuführen, daß seit dem Ende des 16.Jahrhunderts
das Generalkapitanat "Goathemala" und, seit Anfang des 19. Jahrhunderts
die Republik Guatemala von den Exporten eines oder sehr weniger
Agrarprodukte, die mit wenig oder gar keiner Veränderung von Indígenas
erzeugt wurden, abhängig war. Auf den internationalen Markt gelangten
die Produkte über die Metropolen, die sich das Recht reservierten, die
Quoten und die Einkaufspreise festzusetzen. Der Export von Kakao, Anilin8 und Grana9 hielt die Beziehungen zu Spanien aufrecht.
Für die ab 1871 an die Macht gekommenen liberalen Regierungen wurde
Kaffee zum Exportgut Nummer eins. Um eine massive Produktion zu
erreichen, wurde die indigene Bevölkerung zu Zwangsarbeit, sowohl in
der Landwirtschaft als auch im Straßenbau gezwungen. Exportiert wurde
in erster Linie nach Hamburg und Bremen, bis diese Handelsbeziehungen
durch die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts zunächst eingeschränkt
und später gänzlich unterbrochen wurden. Die niedrigen Gehälter der Indígenas,
auf deren Arbeit sich der gesamte Reichtum des Landes begründete, und
ihre gewaltsame Diskriminierung führten zu sozialen Spannungen. Um das
politische Überleben zu sichern, verließ sich das System auf die
Diktaturen der konservativen und liberalen Ladino-Eliten, die
sich den mächtigen Abnehmern ihrer Produkte politisch und kulturell
unterordneten, auch wenn die politischen Verfassungen Guatemala als
einen freien, demokratischen und unabhängigen Staat deklarierten.
In jenen Jahren wurden mehrere Abschlussarbeiten an der öffentlichen
Universität San Carlos geschrieben, in denen die These verteidigt
wurde, dass die Indígenas
in jedem Sinn minderwertig seien und einen Stolperstein für den
Fortschritt des Landes darstellten. Die europäische Immigration solle
gefördert, Indígena-Frauen von europäischen Männern geschwängert und ein produktiverer Mestizaje erreicht werden. Zwei dieser Arbeiten wurden sogar ausgezeichnet. 10 Das geschah in den 1920er und 1930er Jahren, als die US-Präsenz mit verschiedenen Unternehmen, wie z.B. des Bananenkonzerns United Fruit Company immer stärker wurde und bis 1960 ganz Zentralamerika politisch und wirtschaftlich dominierte.
Revolution und Konterrevolution
Zwischen 1944 und 1954 erlebte Guatemala ein politisches Erwachen
und begann einen demokratischen Prozess der Suche nach besseren
Möglichkeiten sowohl für eine zahlenmäßig eher geringe Arbeiterklasse,
da die Industrie kaum entwickelt war, als auch betreffend einer
Agrarreform, die in den kurzen zwei Jahren ihrer Gültigkeit
grundlegende Veränderungen im Landbesitz hervorbrachte und somit dem
Großteil der Bauern, mehrheitlich Indígenas, zugute kam. Ein
weiteres Kapitel des Kalten Kriegs bestand in den gemeinsamen
Verschwörungen -intern - der Rechten und - extern - der United Fruit Company und des US-State Departements, die 1954 im Sturz der demokratischen Regierung von Jacobo Arbenz Guzmán gipfelten.
Die folgenden Regierungen der Rechten und des Militärs versperrten alle
Wege der politischen Partizipation der verschiedenen städtischen und
ländlichen Bevölkerungssektoren und öffneten somit das Tor für den
Guerillakampf. Dieser Krieg dauerte 36 Jahre, und die Ursachen, die ihn
auslösten, sind auch heute noch - trotz der Friedensabkommen - nicht
beseitigt. Die Universität San Carlos (autonom und staatlich seit 1944)
machte zwar betreffend ihrer akademischen Qualität enorme Fortschritte,
bewahrte jedoch Abstand gegenüber Themen von gesellschaftlicher
Relevanz.
Seit Ende der 50er Jahre wurden im Land Privatuniversitäten von
verschiedenen rechten, religiösen (Jesuiten und Protestanten), und
anderen an US-Interessen gebundenen Sektoren gegründet, welche die
StudentInnen der Mittelschicht der öffentlichen Universität San Carlos
erfolgreich köderten. Letztere erlebte in den schlimmsten Jahren der
Repression (1975 - 1985) die Ermordung, Folter, und das
Verschwindenlassen durch das Militär sowie das Exil ihrer besten
StudentInnen und ProfessorInnen, was auch den Niedergang ihrer
akademischen Effizienz und ihres Prestiges mit sich brachte. Heute, im
Jänner 2002, ist die San Carlos im wissenschaftlichen und technischen
Bereich unfähig die Bedürfnisse ihrer 75.000 StudentInnen zu decken und
gravierende Korruptionsfälle zu lösen. Für die ehrgeizigsten Sektoren
der Mittelschicht gibt es auch eine rechtsextreme Universität, in der
das neoliberale Modell gepredigt wird, und die eindeutige faschistische
und militaristische Merkmale aufweist.
Die Diskussion ist offen
Die Analysen der Rechten ab 1954 fallen auf. Darunter befindet sich
z.B. eine Arbeit von Richard N. Adams, die zeitgleich mit jener von
Joaquín Noval, Mitglied des Zentralkomitees des PGT (Kommunistische
Partei Guatemalas), im universitären Verlag der Universiät San Carlos
(1967) erschien. Beide wollen einen langsamen und unaufhaltsamen
Prozess des Sterbens der indigenen Kultur und deren Aufgehen in einer
angeblich existenten lateinamerikanische Kultur erkennen. Dies geschehe
über einen Prozess der "Ladinisierung"11, der die industrialisierten und - zumindest für Adams - offen kapitalistischen Gesellschaften zum Vorbild habe.
Ab 1962 begannen die Guerillakämpfe und die Militärrepression und damit
wurde die Suche nach kohärenten Erklärungsmodellen der sich dramatisch
zuspitzenden sozialen Situation vorrangig. Im April und im Juni 1970
erschienen "Guatemala: una interpretación histórico-social" (Siglo XXI Eds., México) von Carlos Guzmán Böckler und Jean Loup Herbert und "La Patria del Criollo"
(Editorial Universitaria, Guatemala) von Severo Martínez Peláez. Da
alle drei Autoren zu dieser Zeit an der San Carlos unterrichteten und
forschten, begannen die Diskussionen innerhalb derselben, erreichten
bald wichtige Teile der gesamten Gesellschaft und schlossen zum ersten
Mal auch Indígena-Intellektuelle der verschiedenen
ethnolinguistischen Gruppen mit ein. Martínez´ Erklärungsversuche,
beginnend mit der kolonialen Gesellschaft, weisen trotz ihres angeblich
marxistischen Ansatzes immer wieder Rassismen auf. Er bestätigt die
angebliche Minderwertigkeit der indigenen Kultur und Lebensform ab der
ersten Konfrontation mit den spanischen Erobererbanden und glaubt - wie
auch Noval - dass ihre Situation der Unterdrückung durch einen Prozess
der Proletarisierung überwunden werden würde, mit dem Ziel ihrer
Teilnahme an der Revolution, welche die Bourgeoisie stürzen werde.
Guzmán Böckler und Herbert gehen ihrerseits von der Analyse der
grundlegenden Elemente aus, welche die indigenen Gruppen Guatemalas mit
dem zivilisatorischen Prozess Mesoamerikas und mit den radikalen
Brüchen, die als Konsequenz des europäischen Angriffes erlitten wurden,
verbinden. Sie analysieren die Dualismen, welche bei der
Gegenüberstellung von IndÕgenas und Ladin@s als zwei verfeindete
Geschwister erscheinen, die jedoch das gemeinsame Produkt des
kolonialen Regimes sind. Jedoch ist sich die/der IndÕgena ihrer/seiner
historischen Identität, Lebensform und cosmovisión(12) bewusst, während
die/der Ladin@ ein gesellschaftlicher Paria auf der Suche nach einer
Identität ist, die sie/er nicht finden kann, da sie/er im Versuch dem
Indio und allem indianischen zu entkommen, in Wirklichkeit vor sich
selbst flieht und in fremden, fernen und unerreichbaren Modellen jenes
authentische Wesen sucht, das ihr/ihm das System verweigert. Guzmán
Böckler und Herbert versuchen nicht, die Tiefe der sozialen Spaltungen
und die Klassendifferenzen abzustreiten, jedoch sehen sie es als
unentbehrlich an, die Variablen zu analysieren, welche durch die
Ethnizität in all ihren Verwicklungen und Abgründen genauer zu
betrachten sind, vor allem in jenen Gesellschaften, in denen die
Kolonialzeit tiefe Spuren hinterlassen hat. Diese Debatte ist in
Guatemala nach wie vor nicht abgeschlossen und sie wird heute mit einer
immer größeren Teilnahme der Mayas der Gegenwart geführt.
Guatemala, 3.1.2002
Anmerkungen der Übersetzerin:
* "Wach auf, Volk, du Hurensohn!" schrie 1980
verzweifelt ein als Che Guevara verkleideter Student während der
traditionellen studentischen Protestaktionen der sogenannten "Huelga de
Dolores", dem "Streik der Schmerzen". Jorge Ramón Gonzáles-Poncianos
führt das als krasses Beispiel der Irrtümer des "Leninismus à la
guatemalteca" an, demnach der Intellektuelle die Massen zu ihrer
endgültigen Befreiung führt. "Obwohl die universitäre Linke die "Huelga
de Dolore" immer als phantasievollen Ort der Kritik an der herrschenden
Macht bewahren konnte und dafür auch Risiken einging, traf sie sich
doch oft, in einem Land, wo eine gebildete Minderheit den Vorteil über
eine Mehrheit von AnalphabetInnen ausnützt, was das Weiterbestehen von
ungleichen Beziehungen der Unterwerfung betrifft, mit der Rechten."
(Jorge Ramón Gonzáles-Poncianos: "Esas sangres no están limpias. Modernidad y pensamiento civilizatorio en Guatemala. (1954 - 1997).":
S.43, in "Racismo en Guatemala? Abriendo el debate sobre un tema tabú"
von Clara Arenas, Gustavo Palma und Charles Hale (Hrsg.), Avancso,
Guatemala 1999. Neben dem Sexismus, der an der "Huelga de Dolores" oft
kritisiert wird, ist auch das rassistische Element im "hijo de la gran
puta" enthalten. In Mexiko ist es noch offensichtlicher, dort wird das
Schimpfwort "hijo de la chingada" verwendet: "Sohn der Vergewaltigten",
in Anspielung auf die vergewaltigten Indígena-Frauen.
1 Indígenas: indigene Bevölkerung. In Guatemala
ist der Begriff "Indi@" abwertend konnotiert und wird im rassistischen
Sprachgebrauch gleichgesetzt mit: schmutzig, faul, hinterlistig, usw.
Der Autor verwendet Begriffe des kolonialen Sprachgebrauchs für alles,
was mit dieser Zeit und damit auch mit der Gegenwart zusammenhängt. "Um
eine rassistische Gesellschaft zu analysieren, muss ich die
rassistischen Begriffe verwenden. Ich kann nicht von Musik sprechen
ohne die Noten zu erwähnen." schreibt er und verwendet auch Begriffe
wie "Schwarze" in diesem Sinn. In der Selbstbezeichnung gibt es auch
innerhalb der Indígenas verschiedene Termini, beispielsweise
wird die Bezeichnung "Maya" vor allem von indigenen Organisationen
verwendet, wobei dieser Bezeichnung je nach Zusammenhang auch "und
Xinca" beigefügt werden muss, da die Xinca eine eigene ethno-linguistische Bevölkerungsgruppe in Guatemala darstellen, die keine der 22 Mayasprachen sprechen, sondern xinca.
Einige interessante Beiträge zu dieser Diskussion wurden in einem 1999
erschienen Sammelband: "Racismo en Guatemala? Abriendo el debate sobre
un tema tabú" von Clara Arenas, Gustavo Palma und Charles Hale in
Guatemala herausgegeben. → zurück
2+3 Die encomienda bestand in der Konzession der BewohnerInnen eines bis mehrerer Dörfer oder gar einer Mikroregion für ein Individuum: den encomendero. Dieser erhielt dadurch das Recht auf Tributzahlungen "seiner" Indígenas:
Textilien, Agrarprodukte, Metalle usw., später auch Geld und direkte
Arbeitskräfte. Der spanische König verlangte im Gegenzug vom encomendero ein Pferd, Waffen und Militärdienst. Außerdem hatte dieser die Bevölkerung zu christianisieren. Die Aufteilung (repartimiento) von Indígenas in encomiendas war integraler Bestandteil der conquista und der "Pazifizierung" der eroberten Gebiete. Encomienda und repartimiento stellen gemeinsam eine der verschiedenen kolonialen Formen der Ausbeutung dar. → zurück
4 Die mita bestand zu Kolonialzeiten in einer Auslosung und Zuteilung, welche bestimmte, wieviele Indígenas an öffentlichen Arbeiten mitwirken mussten. In Perú wurden als mita die von den Indígenas zu leistenden Tribute bezeichnet. → zurück
5 Mestizaje beschreibt die (gewaltsame) "Mischung" von Indígenas und Spaniern. Die Mestiz@s,
also das "Produkt" der gewaltsamen Kolonisation beschreibt Guzmán
Böckler als doppelte Flüchtlinge: sie flüchten nicht nur vor sich
selbst, sondern auch vor der Mutter, die Indígena ist. Die Trennung zwischen Mestiz@s, in Guatemala und Teilen Mexikos auch Ladin@s genannt, und Indígenas
ist Teil der kolonialen Ideologie um 1820/21
(Unabhängigkeitserklärung). Ein dritte kleine Gruppe definiert sich
heute noch selbst als "weiß", als Criollos. Marta Casaús hat
dazu 1992 eine exzellente Studie veröffentlicht: "Guatemala: Linaje y
Racismo". (Interview mit Guzmán Böckler am 21.11.2001 in Guatemala
Ciudad).
"Die/der Ladin@ definiert die Unterschiede zu den Indígenas
als naturgegeben und somit als unveränderbar; sie sind das unantastbare
Erbe, das ihre Überlegenheit und die Minderwertigkeit der "Indios"
festschreibt. Der Trost der/des armen Mestiz@s ist es, wenigstens kein Indio zu sein. Das ist schmerzvolle akutuelle Realität. Über diese Basisideologie stülpt die Gruppe der Ladin@s
je nach Epoche, die liberalen oder konservativen, linken oder rechten,
neoliberale oder neu-linken Ideologien." (Guzmán Böckler)→ zurück
6 Pigmentocracia: "Die Verarmung, die durch die
Wirtschaftskrise des 18. Jahrhunderts ausgelöst wurde, verschärft die
sozialen Kämpfe; in diesem Jahrhundert kristallisiert sich die "pigmentocracia"
heraus [Lipschütz], d.h., dass jede Stufe der sozialen Funktionen mit
einem Spektrum an rassischen Farben korrespondiert." (aus: Guatemala:
una interpretación histórico-social" Carlos Guzmán-Böckler, Jean Loup
Herbert, Siglo XXI, 3. Ausgabe 1972, S:135). → zurück
7 Königliche und päpstliche Universität San Carlos von Guatemala → zurück
8 Anilin: Ausgangsstoff für viele Verbindungen, wie Farbstoffe (z.B. Anilin-Blau), Arzneimittel, Kunststoffe, Photochemikalien. → zurück
9 Grana: Blattläuse zur Gewinnung eines scharlachroten Farbstoffes. → zurück
10 Gemeint sind die Magisterarbeiten von Miguel Angel
Asturias, dem guatemaltekischen Literaturnobelpreisträger, und von
Jorge del Valle Matheu → zurück
11 Ladinización: Ablehnung der indigenen Herkunft, Kultur, Sprache und Identität → zurück
12 Cosmovisión: Weltanschauung der Mayas, die
jedoch auch religiöse, gesellschaftliche und ökologische Aspekte
miteinschließt und nicht nur im engeren Sinn von Ideologie zu verstehen
ist. → zurück |