|
Der verdammte Baumeister
von Alexander Schürmann-Emanuely Die Stadt
und einer der sie liebt, der sie träumt, der für sie kämpft,
stehen im Zentrum des "Verdammten Baumeisters". Bogdan Bogdanovic
ist poète maudit der urbanen Welt, er ist ein maudit — ein
Verdammter, der als Exilant aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus Belgrad, seit
1993 in Wien lebt, wo er nicht aufgehört hat, zuerst im Wieser1 und dann
im Paul Zsolnay Verlag, die Gefahr, die eine Auflösung der Stadt, durch
Entmenschlichung und durch direkte Zerstörung, mit sich bringt, aufzuzeigen.
Doch was genau ist nun die Stadt? Für Bogdan Bogdanovic kann die Stadt
nur nach Maß des Menschen sein, symbolisch gesprochen, nach dem Maß
der menschlichen Stimme. Die Stadt ist eine Metapher, ein Abbild des Menschen,
sie hat wie er ein Selbstbewußtsein, ein Gedächtnis und eine Kontinuität,
die man lesen kann, in der Architektur, der Geschichte, in einem System aus
Artefakten, in der Stimmung, die man in ihr verspürt. Der globale Stadtmensch,
so wie Bogdanovic ihn sieht, ist der, der das urbane Manuskript entziffern
kann.
Diese Stadt, die schon in den diversen "heiligen" Schriften oft als
unheimlicher und auszulöschender Feind galt, weil ihr eine eigene Magie
zugeschrieben wurde, fand lange bei den meisten Nichtstädtern kein Verständnis,
hingegen aber Verachtung, Feinde und Zerstörer. Doch genauso wie in der
Antike die Urbanophobie die Städte bedroht hatte, vernichtet sie heute,
wo fast der Großteil der Menschheit in Städten wohnt, eine eigenartige
Urbanophilie, die immer mehr Leute in die Ballungszentren lockt und diese zu
einem "architektonischen Magma in ständigem Zerfall"2
der Hoffnungen heranwachsen läßt, was nicht selten unfähigen
Planern zu verdanken ist. Aber nicht nur Wucherung oder Verplanung sind heute
Gründe für Städte- und Zivilisationsbedrohung und -zerstörung,
auch der antike Städtehaß kennt, und zwar in den Kriegen im ehemaligen
Jugoslawien, wieder seine Renaissance.
Als 1982 Bogdan Bogdanovic der Posten des Belgrader Bürgermeisters angeboten
wurde, schien ihm dieser "Vorschlag [...] zunächst sinnlos, ja
lächerlich", doch geschah dies zu einem Zeitpunkt, da in Jugoslawien
die auflebende Aufklärung und der ebenfalls auflebende Nationalismus beiderseits
versuchten, die bisherige Staatsideologie abzulösen. Bogdanovic, der vehementer
Gegner von jedem Nationalismus ist und deshalb einige Zeit vor seiner Ernennung
zum Bürgermeister aus der Serbischen Akademie der Wissenschaft und Künste
wegen deren immer krasserem Abrutschen ins nationale Lager ausgetreten war,
sah jedoch bald ein, daß dieses von ihm verlangte politische Engagement
unumgänglich war, um seiner Gegnerschaft zur Barbarei effektiv Ausdruck
zu verleihen.
Viele Jugoslawen und Belgrader stimmten den Reformen, die unter anderen auch
Bogdanovic mittrug, zu. Doch für den Großteil der politischen Eliten,
für das Establishment war einfacher Nationalismus besser zu handhaben als
eine komplexe, pluralistische Gesellschaft. Der aufgeklärte serbische Präsident
Stambulic wurde gestürzt, die meisten Reformer mit ihm. Als Mitglied des
ZK der serbischen kommunistischen Partei attackierte Bogdanovic noch einmal
in einem offenen Brief, dem Lamento über Serbien, das neue Regime
unter Milosevic, die Folge war das Exil des Kritikers.
Doch neben diesem politischen Engagement versuchte Bogdan Bogdanovic, der ab
den sechziger Jahren rund 20 Jahre Professor für Architektur an der technischen
Fakultät der Belgrader Universität war, schon lange sein Stadtbild
zu vermitteln, und zwar nicht nur an der Universität selbst, sondern für
einen ausgewählten Kreis interessierter Studenten in der in Eigeninitiative
gegründeten "Dorfschule für Architektur" in Mali Popovic,
womit er ganze Generationen jugoslawischer ArchitektInnen beeinflußt haben
dürfte, ArchitektInnen, die ihre Tätigkeit spätestens aber nach
der Machtübernahme der nationalen Lager in die australische oder Pariser
Emigration verlagert haben. Er lehrte das Stadtlesen, denn nur wer stadtlesen
kann, kann schlußendlich auch stadtschreiben. Bogdanovics Erzählung
folgend, fühlt man sich nicht selten in diese Dorfschule von Mali Popovic
versetzt.
Doch die autobiographische Collage "Der verdammte Baumeister" initiiert
nicht nur in das Leben, Lesen, Lernen der Stadt, sie ist nicht nur Zeitdokument
der jugoslawischen Gesellschaft und ihrer Herrschaftsstrukturen, sie schenkt
auch den Einblick in die Arbeitsweise eines Architekten, der in erster Linie
Gedenkstätten errichtet hat, Orte der Erinnerung an Krieg und Faschismus.
Bogdan Bogdanovics Kenotaphe für die Opfer des Faschismus haben nichts
mit stalinistischer Monumentalität oder banaler Symbolik zu tun, sie sind
Steine, die in einer surrealistischen, mythischen Inszenierung den Betrachter
bannen, mit ihren phantastischen Symbolen tief in sein allgemeines Unterbewußtsein
eindringen, ihn erschaudern, erfreuen, kindisch neugierig betrachten lassen.
Der verdammte Baumeister hat mit seiner Arbeit von Anfang an, seit seinem ersten
gehauenen Werk 1952, verstanden, der Architektur der Erinnerung eine poetische,
grenzüberschreitende Kraft zurückzugeben.
Und wenn sich Bogdan Bogdanovic schlußendlich auch als "Verdammter"
sieht, weil hilflos in Anbetracht des inhumanen Wandels der Gesellschaften,
entdeckt man beim Durchwühlen seiner Erinnerungen, seiner "Rumpelkammer
der Vergangenheit" keinen Fatalismus, sondern viel eher Poesie, viel eher
den Widerstand eines Phantasten und Formeln, die jeden anderen Verdammten irgendwie
weiterhelfen können.
1 Bei
Wieser erschienen: Die Stadt und der Tod (1993), Architektur und Erinnerung
(1994), Die Stadt und die Zukunft (1997).
2
Die Stadt und der Tod. Klagenfurt-Salzburg: Wieser Verlag, 1993. S. 17 |