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Mit pochendem Herzen wartete ich eine halbe Stunde lang und verließ dann
vorsichtig um mich spähend mein Versteck. Nach einem Fußmarsch von
drei km kam ich zu Hause an. Noch war ich zittrig, aber innerlich von Triumph
erfüllt. Mein erster Tag an der Medizinischen, und es stand zwei zu null!
Mensch beißt Hund! Ich hatte mich mit einem Riesen angelegt, und zwar
nur 50 Schritte von ca. 50 Nazis entfernt! Douglas Fairbanks pflegte solche
Risiken im Kino einzugehen, wenn er sich mit 15 Franzosen gleichzeitig anlegte.
Aber ich war in keinem Kino gewesen. Welchen Nutzen hatten Ringen, Boxen, und
Jiu-Jitsu? Alles, was man brauchte, war ein Eisentrumm und das richtige Timing.
Die Herrenknochen der Herrenrasse krachten, mit Eisen bearbeitet, genauso wie
alle anderen Knochen.
Zu Hause war ich in einem Zustand der Euphorie. Ich berichtete meiner Mutter;
irgendjemandem mußte ich berichten. Eigentlich hätte ich mir denken
können, daß sie für meine Heldentat kein Verständnis aufbringen
würde. Sie begann zu zittern und sorgte sich im Nachhinein um meine Sicherheit.
Hat sie mir das Versprechen abgerungen, solches nie mehr zu wagen? Ich kann
mich nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich nicht. Wie hätte sie können?
Als wir klein waren, erzählte sie uns Geschichten aus dem Alten Testament;
sie konnte sie so lebhaft darstellen. Und ihre Lieblingsgeschichte war die der
Makkabäer...
Diese Episode brachte mir das Amt des Anführers der studentischen Haganah
an der Medizinischen Fakultät ein. Zugegeben, es war niemand in der Lage,
meinen Bericht zu bestätigen. Der Student, dem ich zu Hilfe gekommen war,
war nicht aufzufinden; außerdem hatte er wahrscheinlich nicht viel mitbekommen.
Der Generalstab der Haganah konnte sich schwerlich an einen der Nazistudenten
wenden, die den Vorfall mitverfolgt hatten. Nichtsdestoweniger verdankte ich
meine Ernennung wohl kaum der Leichtgläubigkeit der Ernenner. Es gab einfach
keine Juden in Wien, die solche Geschichten anzubieten hatten, und außerdem
hielt sich der Andrang für das Amt sehr in Grenzen.
Bald kam ich darauf, daß die idealen Bedingungen meines ersten Überraschungsangriffes
sich nicht so einfach duplizieren ließen. Damals war alles so rasch gegangen,
daß sich keine Furcht einstellen konnte. Sich mit klarem Verstand in einen
Tumult am Institut für Physiologie oder andernorts zu werfen, und das als
Anführer eines Häufchens beherzter, aber nervöser Burschen, war
etwas ganz anderes. Ich mußte kühl und gefaßt wirken, mußte
Selbstvertrauen auch in den schwierigsten Lagen verströmen. Die Operationen
waren als solche nicht allzuoft erfolgreich, d.h. wir schafften es nur selten,
jüdische Kommilitonen zu "retten", die in einem Hörsaal
in der Falle saßen, auserkoren, sofort nach Ende der Stunde verprügelt
zu werden. Aber wir schlugen uns wacker, wenn wir Nazis angriffen, die vor einem
Hörsaal auf der Lauer lagen. (Leider gab es auch in den Hörsälen
genügend Nazis, die am Ende der Vorlesung mit ihren Attacken begannen,
währenddem der Professor nobel wegblickte.)
Meine Schlüssel aber kamen immer zu ihrer Entfaltung. Beim Betreten eines
Institutes gab es so etwas wie ein Ritual. Die Nazis stellten sich in einer
Phalanx auf, und wir taten dasselbe. Zuerst wurden verbale Unfreundlichkeiten
ausgetauscht. Mein Platz war immer in der ersten Reihe. Wenn ich bemerkte, daß
der Anführer der Nazirotte in seine Tasche griff, schlug ich ihm in die
Fotze, bevor er dazu kam. Ich bekam kein einzigesmal auch nur einen Kratzer
ab. Und dann kam uns der Austrofaschismus zu Hilfe, indem sich ab dem Februar
1934 die Polizei auch für die Sicherheit des akademischen Bodens zuständig
erklärte. Von da an konnten wir uns angstfrei auf unsere Studien konzentrieren.
Heute hat die Universität ihren ehemaligen Glanz verloren. Immerhin ist
sie wieder ein Ort des Studiums und nicht der Raufereien.
Apropos Angst: ich verlor die meine an dem Tag, da ich meinen ersten Nazi verdrosch.
Das daraus resultierende Gefühl physischen Selbstvertrauens hat mich mein
ganzes Leben lang begleitet. Dies war der einzige Profit, den ich aus meinem
5 1/2-jährigen Studium ziehen konnte; ansonsten waren die Jahre eine einzige
Zeitvergeudung. Allerdings: Für die Sorte Leben, die mir später zugedacht
war, sollte sich dieser Profit als eminent wichtig erweisen.
Aus dem Englischen von Adi Wimmer, Universität Klagenfurt
Der Autor und sein Bericht
Unser Text ist Teil einer längeren autobiographischen Erzählung mit
dem Titel How, though Jewish, I did not become a doctor, die im November 1978
in der Zeitschrift >Midstream< veröffentlicht wurde.
Benno Weiser-Varon ist eine jener vielfacettigen und brillianten Erscheinungen,
die Nazi-Österreich 1938 verjagte und die das Österreich der Zweiten
Republik, indem es von jedem Versuch einer Heimholung Abstand nahm, leichtherzig
entbehren zu können glaubte. 1938 stand Weiser-Varon kurz vor seinem Studienabschluß
in Medizin, als er vor den braunen Horden nach Quito in Ecuador fliehen mußte.
Nach einem gescheiterten Versuch in der Landwirtschaft wandte er sich der Journalistik
zu und wurde in unglaublich kurzer Zeit zum meistgelesenen Kolumnisten Ecuadors.
Seine Berichte und Kommentare zum Weltkrieg in Europa wurden darüber hinaus
in vielen anderen lateinamerikanischen Zeitungen nachgedruckt. Seine Nische
in der Weltgeschichte wurde ihm zuteil, als er 1947 im Auftrag Jerusalems in
ganz Zentral-, und Südamerika für die Anerkennung Israels warb. Die
Encyclopedia Judaica weist ihm und einem Kollegen das Verdienst zu, daß
bei der historischen UNO-Abstimmung alle 20 Nationen Lateinamerikas für
die Gründung des Staates Israels votierten. Nachfolgend war Weiser-Varon
Botschafter Israels in der Dominikanischen Republik, Jamaica und Paraguay am
Ende seiner diplomatischen Laufbahn war er leitendes Mitglied der israelischen
Delegation bei der UNO. In Paraguay versuchten ihn 1970 palästinensische
Terroristen zu ermorden. Sie drangen in die Botschaft ein, töteten eine
Sekräterin und verletzten eine zweite mit fünf Schüssen lebensgefährlich.
Als die jugendlichen Attentäter in Weisers Büro standen, hatten sie
ihre Munition verschossen und so entkam er dem Attentat.
Schon in Wien zeigte Weiser-Varon literarische Ambitionen. Seine Mitwirkung
an einem zionistischen Kabarett machte auf den jugendlichen Gerhard Bronner
solchen Eindruck, daß dieser beschloß, es ihm gleichzutun. Weiser-Varon
hat in drei Sprachen publiziert: einen Roman und einen Gedichtband auf Spanisch,
einen anderen Gedichtband auf Deutsch (Visitenkarte, New York, Marstin Press,
1957) und eine Vielzahl von Essays in englischer Sprache. Seine Autobiographie
Confssions of a Lucky Jew [erschien 1992]. Obwohl weit jenseits der 70, hält
er noch Lehrveranstaltungen an der Boston University ab, und zwar im Fach Comparative
Theology A.W.
Nachdruck FORVM März/April 1992 Nummer 458/459
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