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Context XXI
Magazin zur Alpenbegradigung

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Home arrow Contextarchiv arrow Jahrgang 2002 arrow 7-8/01 - 1/02 arrow Wie ich, obwohl Jude, nicht Arzt wurde

Wie ich, obwohl Jude, nicht Arzt wurde | Print |
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Wie ich, obwohl Jude, nicht Arzt wurde
Page 2

Mit pochendem Herzen wartete ich eine halbe Stunde lang und verließ dann vorsichtig um mich spähend mein Versteck. Nach einem Fußmarsch von drei km kam ich zu Hause an. Noch war ich zittrig, aber innerlich von Triumph erfüllt. Mein erster Tag an der Medizinischen, und es stand zwei zu null! Mensch beißt Hund! Ich hatte mich mit einem Riesen angelegt, und zwar nur 50 Schritte von ca. 50 Nazis entfernt! Douglas Fairbanks pflegte solche Risiken im Kino einzugehen, wenn er sich mit 15 Franzosen gleichzeitig anlegte. Aber ich war in keinem Kino gewesen. Welchen Nutzen hatten Ringen, Boxen, und Jiu-Jitsu? Alles, was man brauchte, war ein Eisentrumm und das richtige Timing. Die Herrenknochen der Herrenrasse krachten, mit Eisen bearbeitet, genauso wie alle anderen Knochen.
Zu Hause war ich in einem Zustand der Euphorie. Ich berichtete meiner Mutter; irgendjemandem mußte ich berichten. Eigentlich hätte ich mir denken können, daß sie für meine Heldentat kein Verständnis aufbringen würde. Sie begann zu zittern und sorgte sich im Nachhinein um meine Sicherheit. Hat sie mir das Versprechen abgerungen, solches nie mehr zu wagen? Ich kann mich nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich nicht. Wie hätte sie können? Als wir klein waren, erzählte sie uns Geschichten aus dem Alten Testament; sie konnte sie so lebhaft darstellen. Und ihre Lieblingsgeschichte war die der Makkabäer...
Diese Episode brachte mir das Amt des Anführers der studentischen Haganah an der Medizinischen Fakultät ein. Zugegeben, es war niemand in der Lage, meinen Bericht zu bestätigen. Der Student, dem ich zu Hilfe gekommen war, war nicht aufzufinden; außerdem hatte er wahrscheinlich nicht viel mitbekommen. Der Generalstab der Haganah konnte sich schwerlich an einen der Nazistudenten wenden, die den Vorfall mitverfolgt hatten. Nichtsdestoweniger verdankte ich meine Ernennung wohl kaum der Leichtgläubigkeit der Ernenner. Es gab einfach keine Juden in Wien, die solche Geschichten anzubieten hatten, und außerdem hielt sich der Andrang für das Amt sehr in Grenzen.
Bald kam ich darauf, daß die idealen Bedingungen meines ersten Überraschungsangriffes sich nicht so einfach duplizieren ließen. Damals war alles so rasch gegangen, daß sich keine Furcht einstellen konnte. Sich mit klarem Verstand in einen Tumult am Institut für Physiologie oder andernorts zu werfen, und das als Anführer eines Häufchens beherzter, aber nervöser Burschen, war etwas ganz anderes. Ich mußte kühl und gefaßt wirken, mußte Selbstvertrauen auch in den schwierigsten Lagen verströmen. Die Operationen waren als solche nicht allzuoft erfolgreich, d.h. wir schafften es nur selten, jüdische Kommilitonen zu "retten", die in einem Hörsaal in der Falle saßen, auserkoren, sofort nach Ende der Stunde verprügelt zu werden. Aber wir schlugen uns wacker, wenn wir Nazis angriffen, die vor einem Hörsaal auf der Lauer lagen. (Leider gab es auch in den Hörsälen genügend Nazis, die am Ende der Vorlesung mit ihren Attacken begannen, währenddem der Professor nobel wegblickte.)
Meine Schlüssel aber kamen immer zu ihrer Entfaltung. Beim Betreten eines Institutes gab es so etwas wie ein Ritual. Die Nazis stellten sich in einer Phalanx auf, und wir taten dasselbe. Zuerst wurden verbale Unfreundlichkeiten ausgetauscht. Mein Platz war immer in der ersten Reihe. Wenn ich bemerkte, daß der Anführer der Nazirotte in seine Tasche griff, schlug ich ihm in die Fotze, bevor er dazu kam. Ich bekam kein einzigesmal auch nur einen Kratzer ab. Und dann kam uns der Austrofaschismus zu Hilfe, indem sich ab dem Februar 1934 die Polizei auch für die Sicherheit des akademischen Bodens zuständig erklärte. Von da an konnten wir uns angstfrei auf unsere Studien konzentrieren.
Heute hat die Universität ihren ehemaligen Glanz verloren. Immerhin ist sie wieder ein Ort des Studiums und nicht der Raufereien.
Apropos Angst: ich verlor die meine an dem Tag, da ich meinen ersten Nazi verdrosch. Das daraus resultierende Gefühl physischen Selbstvertrauens hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Dies war der einzige Profit, den ich aus meinem 5 1/2-jährigen Studium ziehen konnte; ansonsten waren die Jahre eine einzige Zeitvergeudung. Allerdings: Für die Sorte Leben, die mir später zugedacht war, sollte sich dieser Profit als eminent wichtig erweisen.

Aus dem Englischen von Adi Wimmer, Universität Klagenfurt


Der Autor und sein Bericht

Unser Text ist Teil einer längeren autobiographischen Erzählung mit dem Titel How, though Jewish, I did not become a doctor, die im November 1978 in der Zeitschrift >Midstream< veröffentlicht wurde.
Benno Weiser-Varon ist eine jener vielfacettigen und brillianten Erscheinungen, die Nazi-Österreich 1938 verjagte und die das Österreich der Zweiten Republik, indem es von jedem Versuch einer Heimholung Abstand nahm, leichtherzig entbehren zu können glaubte. 1938 stand Weiser-Varon kurz vor seinem Studienabschluß in Medizin, als er vor den braunen Horden nach Quito in Ecuador fliehen mußte. Nach einem gescheiterten Versuch in der Landwirtschaft wandte er sich der Journalistik zu und wurde in unglaublich kurzer Zeit zum meistgelesenen Kolumnisten Ecuadors. Seine Berichte und Kommentare zum Weltkrieg in Europa wurden darüber hinaus in vielen anderen lateinamerikanischen Zeitungen nachgedruckt. Seine Nische in der Weltgeschichte wurde ihm zuteil, als er 1947 im Auftrag Jerusalems in ganz Zentral-, und Südamerika für die Anerkennung Israels warb. Die Encyclopedia Judaica weist ihm und einem Kollegen das Verdienst zu, daß bei der historischen UNO-Abstimmung alle 20 Nationen Lateinamerikas für die Gründung des Staates Israels votierten. Nachfolgend war Weiser-Varon Botschafter Israels in der Dominikanischen Republik, Jamaica und Paraguay am Ende seiner diplomatischen Laufbahn war er leitendes Mitglied der israelischen Delegation bei der UNO. In Paraguay versuchten ihn 1970 palästinensische Terroristen zu ermorden. Sie drangen in die Botschaft ein, töteten eine Sekräterin und verletzten eine zweite mit fünf Schüssen lebensgefährlich. Als die jugendlichen Attentäter in Weisers Büro standen, hatten sie ihre Munition verschossen und so entkam er dem Attentat.
Schon in Wien zeigte Weiser-Varon literarische Ambitionen. Seine Mitwirkung an einem zionistischen Kabarett machte auf den jugendlichen Gerhard Bronner solchen Eindruck, daß dieser beschloß, es ihm gleichzutun. Weiser-Varon hat in drei Sprachen publiziert: einen Roman und einen Gedichtband auf Spanisch, einen anderen Gedichtband auf Deutsch (Visitenkarte, New York, Marstin Press, 1957) und eine Vielzahl von Essays in englischer Sprache. Seine Autobiographie Confssions of a Lucky Jew [erschien 1992]. Obwohl weit jenseits der 70, hält er noch Lehrveranstaltungen an der Boston University ab, und zwar im Fach Comparative Theology A.W.

Nachdruck FORVM März/April 1992 Nummer 458/459

 
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