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Wie ich, obwohl Jude, nicht Arzt wurde |
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Page 1 of 2 von Benno Weiser
Als ich 1932 an der medizinischen Fakultät Wiens immatrikulierte, sollte
die Unersetzlichkeit akademischen Bodens noch 18 Monate Bestand haben. Pasteur
und das Ehepaar Curie setzten ihr Leben in der Forschung aufs Spiel, ich meines
am ersten Tag, an dem ich akademischen Boden betrat.
Ich war darauf vorbereitet. Zwar hatte ich großen Respekt vor Märtyrern,
aber gleichzeitig großes Unbehagen beim Gedanken, selbst diese Laufbahn
einzuschlagen. Und so war ich ein Jahr vor meiner Matura einer jüdischen
Selbstverteidigungsgruppe beigetreten, welche denselben Namen trug wie die palästinensische
Untergrundorganisation: Haganah. Die Haganah hatte an allen Fakultäten
Zweigstellen, obwohl ihre Hauptaufgabe darin bestand, jüdische Versammlungen
und jüdische Bethäuser zu schützen, besonders an hohen Feiertagen.
Sie war als spezielle Bereitschaftsgruppe gedacht. Ich will ja niemandem etwas
nachsagen, aber die Haganah stand also dauernd in der Nähe von Synagogen
und jüdischen Versammlungen herum, voller Bereitschaft, einzugreifen, nur:
eine Gelegenheit dazu ergab sich nicht. Sie war wahrscheinlich schuldlos nie
dort, wo sie sich wirklich nützlich hätte machen können. Möglich,
daß sich ihre Leiter mit dem Gedanken trösteten, sie übe wie
die Atomwaffe eine abschreckende Wirkung aus. Nur ab und zu hegten ketzerische
Mitglieder den Verdacht, die Wiener Haganah böte in erster Linie einigen
Veteranen des l. Weltkrieges die Gelegenheit, Befehle zu brüllen und ein
bisserl Krieg zu spielen.
Den Umgang mit Waffen lernten wir nicht. Von der nazifreundlichen Wiener Polizei
mit einer Waffe erwischt zu werden, hätte Gefängnis bedeutet. In der
Universität mit einer Waffe erwischt zu werden, hätte den Verweis
von der Alma Mater bedeutet, wenn man Jude war. All das Exerzieren, das Ringen,
Jiu-Jitsu und Boxen, das man mir beigebracht hatte, stellte sich später
als völlig wertlos heraus.
Nur einen einzigen taktischen Kniff aus meinen Haganah-Tagen konnte ich verwerten:
Ich trug zwei schwere Schlüssel mit mir herum. Sie waren 15 cm lang und
mit einem Ring verbunden. Schlüssel galten nicht als Waffe, und lagen mit
ihrem Gewicht angenehm in der Hand (Ihre Wirkung in der Hosentasche stand auf
einem anderen Blatt. Sobald man sie losließ, zogen sie die Hose erdwärts,
sodaß man sich auf die Stulpen stieg und diese ausfranste.) Daß
ich meine Schlüssel bei mir hatte, als ich das erstemal in die Universität
ging, versteht sich daher von selbst.
Der Tag war nicht gut gewählt. Am Vorabend waren in Simmering drei Nazis
von Angehörigen des Schutzbundes erschossen worden. In meiner Unerfahrenheit
wußte ich nicht, daß ein Jude an so einem Tag besser zu Hause bleibt.
Als ich zur Erledigung der Immatrikulation das Hauptgebäude betrat, fühlte
ich mich vom ersten Moment an bedroht. Irgendetwas lag in der Luft. Burschen
in Schaftstiefeln standen grüppchenweise herum, einige von ihnen mit Mensuren
im Gesicht. Das Fehlen jüdischer Gesichter fiel mir auf. Obwohl ich nicht
die goldblonde Haarfarbe meines Vaters hatte, war ich doch genug hellfarbig
und blauäugig, um nicht sofort als Jude aufzufallen. Verraten hätte
mich die fehlende Hakenkreuzbinde können, aber schließlich gab es
genügend "Arier", die auch keine trugen. Die Leute schauten mich
flüchtig an und gleich wieder weg.
Ich ging durch die Eingangshalle, die Stiege hinunter und stellte mich vor der
Tür des Dekanats an. Erneut fühlte ich mich völlig fremd und
ohne Bezug zu den anderen, ausgenommen ein recht hübsches Mädchen,
über deren Gesicht bei meinem Näher treten ein Hauch des Erkennens
huschte. Sie stand ungefähr 15 Menschen vor mir in der Reihe und drehte
sich mehrere Male nach mir Um. Schließlich trat sie aus der Reihe und
kam zu mir: "Herr Weiser, darf ich Sie auf ein Momenterl sprechend?"
Etwas widerwillig gab ich meinen Platz in der Warteschlange auf. Daß sie
mich kannte, stimmte mich neugierig; ich hatte sie vorher nie gesehen. So ein
hübsches Gesicht wie ihres hätte ich nicht vergessen. Wir zogen uns
in eine Ecke zurück, und sie sagte: "Für Vorstellungen ist jetzt
keine Zeit. Ich kenne Sie, Sie mich nicht. Beim Anstellen habe ich ein Gespräch
einiger vor mir stehender Burschen mitverfolgt, und es scheint mir nicht ratsam,
wenn wir beide hierbleiben. Würden Sie mich bitte zum Ausgang begleitend?"
Heiser vor Aufregung antwortete ich: "Aber mit dem größten Vergnügen.
Nur glaube ich, daß Sie alleine sicherer wären. Die da werden doch
keine junge Dame insultieren!"
"Sie haben leider wenig Ahnung, Herr Weiser", gab sie zurück,
"und ich erwarte auch nicht, daß Sie mich beschützen, noch würde
mir solche Ritterlichkeit ratsam erscheinen. Aber ein Paar fällt weniger
auf als eine Einzelperson. Die da erkennen uns an der Angst in unseren Augen.
Zwei Menschen, die miteinander plaudern, können ihren Blicken unverfänglicher
ausweichen. Egal, weswegen Sie hierher gekommen sind: es kann nicht so dringend
sein."
Ich nickte und wir gingen zusammen in die Aula zurück. Meine Begleiterin,
sie gab sich mir als Lotte Frisch zu erkennen, und in späteren Jahren sollte
sie zu einer bedeutenden und hoch angesehenen Psychiaterin werden, sprach auffällig
lebhaft auf mich ein. Ihre Hypothese von der Unauffälligkeit eines Pärchens
stimmte. Obwohl ich ab und zu einen Blick auf meine Umgebung warf, hatte ich
gute Gründe, meine ungeteilte Aufmerksamkeit nur ihr zu schenken. Ohne
Eile strebten wir dem Ausgang zu und standen schon draußen auf der Rampe,
als drinnen ein tierisches Geheul losbrach. Wir konnten nicht verstehen, was
da gebrüllt wurde, nur den Rhythmus bekamen wir mit: eine sechssilbige
Phrase, die immer wieder und wieder skandiert wurde.
Es war genau zehn Uhr. Als wir zum Ring hinunterkamen, taumelten die ersten
zwei blutüberströmten Gestalten aus eben dem Hauptportal, das wir
gerade erst durchschritten hatten. Sofort heulte das Tatü-tata eines Rettungswagens
auf; das Rote Kreuz hatte wohl geahnt, was kommen würde, und hatte sich
vor der Universität postiert. Eine Horde von uniformierten Nazis ergoß
sich plötzlich aus der Aula. Sie besetzen den oberen Teil der Rampe und
brüllten. Und jetzt konnten wir verstehen, was:
Ra-che für Sim-me-ring!Ra-che für Sim-me-ring! .
Gegen den Rat von Fräulein Frisch ging ich zum Anatomischen Institut. Meine
Registrierung beim Dekanat konnte warten, aber an diesem Tag mußte man
sich zu den Sezierungen anmelden. Außerdem war das Anatomieinstitut nicht
dasselbe wie die Universität. In ihm hatte sich eine Art freiwilliger Segregation
vollzogen. Im linken Flügel regierte Prof. Hochstätter, ein Deutschnationaler.
Im rechten Flügel hingegen herrschte Prof. Tandler, ein jüdischer
Sozialdemokrat und eine der leuchtendsten Persönlichkeiten der Wiener Medizin.
Er war bei liberalen, sozial demokratischen und jüdischen Studenten sehr
beliebt. Und so war man als Jude im Anatomieinstitut nicht so hoffnungslos in
der Minderzahl wie an der Universität.
Aber dies war der Tag "nach Simmering". Ich stand gerade vor der Anschlagtafel
hinter dem Haupteingang, als über mir im Mezzanin eine Glastür sich
öffnete und aus dem Hochstättertrakt ungefähr dreißig Nazis
in ihren weißen Sezierkitteln hervorbarsten. Auch sie skandierten, "Rache
für Simmering!" Und eben in diesem Moment trat ein einzelner jüdischer
Student aus dem anderen Teil des Mezzanins, dem Tandlerflügel, heraus.
Er war klein, trug eine Brille und hielt in seinen Händen vier druckfrische
Bände von Tandlers Die menschliche Anatomie. Gierig schnappten sich ihn
die Nazis. Er wurde geprügelt, seine Brille zerbrach, und schließlich
trieben sie ihn mit Tritten die Stiege hinunter, direkt auf mich zu.
Niemand beachtete mich, und ich hätte einfach weitergehen können.
Aber meine Hand hatte sich um die Schlüssel in meiner Tasche geschlossen.
Ein riesenhafter Bursche mit Schaftstiefeln rannte dem blutenden Bürschlein
nach, zog ihn hoch und drosch ihm gnadenlos, immer und immer wieder, seine Faust
ins Gesicht. Als er einmal mehr zum Schlag ausholte, konnte ich der Versuchung
nicht widerstehen: hier stand ein einzelner Nazi mit seinem Rücken zu mir,
und der Ausgang war nur einen Sprung weit weg. Ich zog den Hünen, dessen
Stiefel mir schulterhoch vorkamen, am Kragen zu mir herunter und drosch ihm
mit aller Kraft die Schlüssel auf den Hinterkopf. Lautlos sackte er in
sich zusammen. Den Juden schubste ich aus der Türe und warf noch schnell
einen Blick zurück. Oben am Mezzanin standen alle wie erstarrt. In dem
Moment kam ein weiterer Korporationsstudent durch die Tür. Er warf sich
auf mich. Günstiger hätte er gar nicht kommen können. Meine Schlüssel
erwischten ihn mit voller Wucht mitten im Gesicht. Auch er fiel zu Boden, ohne
mir ein Haar gekrümmt zu haben. Im nächsten Moment war ich draußen
und sah einen Polizisten auf mich zurennen. Unwahrscheinlich, daß er mir
einen Orden anheften wollte. Wir waren nicht mehr auf akademischem Territorium,
und selbst wenn er mich nur verhören wollte, hätte das denen da drinnen
die Gelegenheit geboten, mich wieder ins Gebäude zu zerren und zu Brei
zu schlagen. Also gab ich Fersengeld. Von links kam eine Straßenbahn heran,
ich sprang wenige Meter vor ihr über eine Absperrung. Bremsen knirschten,
und während die drei Wagen meine Flucht deckten, rannte ich in eine Seitenstraße
hinein, nahm die erste Tür und lief drei Stockwerke eines Zinshauses hinauf.
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