Unter den zahlreichen Professoren, die ihrer nationalsozialistischen
Vergangenheit zum Trotz auch nach 1945 an Österreichs Universitäten
lehrten, sorgte in den 60er Jahren einer für besondere Aufregung: Taras
Borodajkewycz, Professor an der Hochschule für Welthandel
(Wirtschaftsuniversität) - von Deborah Hartmann
Taras Borodajkewycz wurde am 1. Oktober 1902 in der Ukraine geboren.
Er wuchs streng katholisch in Baden bei Wien auf. Nach seinem Abitur
begab er sich an die Wiener Universität um Theologie zu studieren. Nach
zwei Jahren allerdings brach Borodajkewycz das Studium ab und widmete
sich der Philosophie. Doch auch dieses Studium beendete er nicht.
Seinen Abschluss machte Borodajkewycz 1932 in Geschichte und wurde kurz
darauf Assistent des deutschtümelnden Historikers Heinrich Ritter von
Srbik, "Alter Herr" der Wiener Burschenschaft Gothia.
Borodajkewycz hingegen war katholisch korporiert (CV) und wurde 1933
Sekretär des Katholikentages. Für sein diesbezügliches Engagement bekam
er das päpstliche Ehrenkreuz "Pro Ecclesia et Pontifice" ausgehändigt.
Im Jänner 1934 wurde er Mitglied der illegalen NSDAP. Trotz seiner
NS-Gesinnung blieb Borodajkewycz seiner CV-Mitgliedschaft treu. Er sah
sich als einer der "Brückenbauer" zwischen politischem Katholizismus
und Nationalsozialismus, eine Funktion, die er nach 1945 wieder
einnehmen sollte.1
1935 begann seine Tätigkeit in der NSDAP als Mitarbeiter des
NS-Nachrichtendienstes. "Schon damals verstand er es, als Staatsbeamter
- er war damals Staatsarchivar des Bundeskanzleramtes - 'Gesinnung' und
Beruf zu vereinen. Wie die Geschichte der 6. Wiener SA-Brigade lobend
erwähnt, verwahrte er 'wichtiges illegales Aktenmaterial' im Haus-,
Hof- und Staatsarchiv. Stolz berichtet er im Jahr 1938 über seine
illegale Tätigkeit: seine Privatwohnung hatte er der Stabsführung der
SA für Sitzungen zur Verfügung gestellt, er erstattete Gutachten für
die illegale Landesleitung, er verwahrte die Organisationspläne der SA.
Außerdem arbeitete er im Kulturreferat der SA und als Schulungsmeister
der SS."2
1937 wurde Borodajkewycz Dozent an der Universität Wien, 1942
unterrichtete er Allgemeine Neuere Geschichte an der Prager
Universität. Häufig wurde er aufgrund seiner religiösen Gesinnung von
der NSDAP ermahnt. Einige unaufmerksame Äußerungen Borodajkewycz', wie
z. B., dass der Krieg für Deutschland nicht mehr zu gewinnen sei,
führten 1943 zum Ausschluss aus der NSDAP. Sofort legte Borodajkewycz
Berufung gegen dieses Urteil ein und tatsächlich, aus einem Ausschluss
wurde eine Verwarnung. Borodajkewycz war also bis 1945 NSDAP-Mitglied.
Schon 1946 wurde Borodajkewycz als "Minderbelasteter" eingestuft und
erreichte somit seine Entnazifizierung. Aufgrund seiner guten
Beziehungen zur ÖVP, insbesondere zum damaligen Unterrichtsminister
Drimmel und dem späteren Bundeskanzlers Klaus, der sich in der Ersten
Republik als Spitzenfunktionär der antisemitischen Deutschen Studentenschaft
betätigte, schaffte es Borodajkewycz 1955 abermals zum
außerordentlichen Professor an der Wiener Hochschule für Welthandel.
Erst elf Jahre später sollte er zwangsweise pensioniert werden.
Zahlreiche Äußerungen Borodajkewycz' brachten Politiker und
Journalisten bereits in den Fünfzigern und Sechzigern in Aufruhr. In
Artikeln konnte man durchaus seine neonazistische Haltung erkennen, wie
zum Beispiel 1956 in der Zeitschrift Die Aktion: "Zu den
unerfreulichsten Überresten des an Gesinnungs- und Würdelosigkeit
reichen Jahres 1945 gehört das Geflunker von der 'österreichischen'
Nation. Es entstammt derselben moralischen und geistigen Haltung, die
die Besatzungsmächte als Befreier feierte und die dauernde Erinnerung
an ihr für unser Land so segensreiches Erscheinen in der Umbenennung
von Straßen und Plätzen festhalten wollte, der Haltung, die den
bisherigen Ehrenkodex der Menschheit umstülpte und Feigheit,
Fahnenflucht und Verrat als die wahren Tugenden des österreichischen
Mannes pries. Diese Sumpfblüten einer Zeit, der der Boden unter den
Füßen entzogen war, gehören glücklicherweise der Vergangenheit an."3
Dokumentiert ist auch eine Vorlesung über die Entstehung der Weimarer
Republik, die Borodajkewycz Anfang Februar 1961 hielt. Dabei schien es
ihm notwendig vom "jüdischen" Hugo Preuß zu sprechen. Als "jüdische
Massenaufpeitscherin" bezeichnete Borodajkewycz Rosa Luxemburg, die von
Leuten umgebracht wurde, die er "herrliches deutsches Freikorps"
nannte. Auch von der "jüdischen SPD" sprach Borodajkewycz gerne.
"Eine ganze Vorlesung widmete Borodajkewycz auch der brennenden Frage,
ob Adolf Hitler 'Vierteljude' gewesen sei oder nicht, wie überhaupt die
'Persönlichkeit' des 'Führers' eine noch immer nicht abgeschwächte
Anziehungskraft auf ihn ausübt. Auch über die 'Juden in der NSDAP' hat
er etwas zu sagen: 'Heydrichs Großmutter war Jüdin - und das war in der
SS bekannt -, obwohl er persönlich ein ausgezeichnet aussehender,
blonder, intelligenter und sympathischer Mensch war.'"4
Im Februar 1962 beschäftigte sich der frisch promovierte Jurist
Heinz Fischer mit der "Situation an Österreichs Hochschulen". Zu diesem
Thema verfasste er einen Artikel in der sozialistischen
Monatszeitschrift Die Zukunft, in dem es unter anderem heißt:
"Übereinstimmend stellen die Minister Afritsch und Dr. Broda fest, dass
die Bekämpfung des Neonazismus bei der Erziehung im Elternhaus und in
der Schule beginnen muss. (...) Sehr richtig! Aber wie sieht es in der
Praxis aus? An der Hochschule für Welthandel wird die demokratische
Gesinnung den Studenten unter anderen von Prof. Taras Borodajkewycz
beigebracht, der unter Schuschnigg Katholikentage organisierte, aber
1938 sofort zum Naziregime überging und der jetzt - akademischer Lehrer
und Vorbild sein soll."5
Im Juni schrieb Fischer: "Borodajkewycz war ein eifriger Verfechter des
Ständestaates (...); nach 1938 rühmte sich Borodajkewycz hingegen schon
lange Mitglied des illegalen Blocks gewesen zu sein (...) Heute mutet
man den Studenten zu, sich an der Hochschule für Welthandel von Herrn
Dr. Borodajkewycz ausgerechnet in Geschichte unterrichten zu lassen."6
Borodajkewycz klagte daraufhin Heinz Fischer und den zuständigen
Redakteur wegen Ehrenbeleidigung. Ferdinand Lacina, zu dieser Zeit
Student und Parteifreund von Heinz Fischer, fertigte dann Mitschriften
aus Borodajkewycz' Vorlesungen an, um die Unschuld seines Freundes zu
beweisen. Allerdings konnten diese vor Gericht nicht verwendet werden,
da Borodajkewycz in seinen Vorlesungen damit drohte, dass Studenten,
die gegen ihn aussagen würden, mit einem Ausschluss zu rechnen hätten.
Trotz der Tatsache, dass Borodajkewycz Teile dieser Äußerungen gar
nicht abstritt und der Justiz seine Vergangenheit bekannt war, wurden
Heinz Fischer und der Redakteur 1963 zu Geldstrafen verurteilt.
Und noch ein weiteres Mal halfen Borodajkewycz seine guten
Beziehungen zu ÖVP-Mitgliedern. Am 20. Jänner 1965 stellten die
sozialistischen Abgeordneten Karl Mark und Stella Klein-Löw eine
Anfrage an den Unterrichtsminister Piffl-Percevic, ob dieser bereit
sei, gegen Professor Brodajkewycz ein Disziplinarverfahren einzuleiten.
Grund dafür war ein Artikel von Borodajkewycz in der deutschen
Wochenzeitschrift Das Parlament zum Thema "Der Zweite
Weltkrieg". Dort schrieb er nämlich unter anderem: "Es ist nur ein Teil
der gesamtdeutschen Katastrophe, daß wir deutschen Österreicher zum
zweitenmal innerhalb einer Generation das größere Vaterland verloren
haben."7
Der Unterrichtsminister lehnte das Ansinnen der SPÖ-Anfrage kurzerhand ab.
Zum Auslöser der Affäre wurde schließlich die Pressekonferenz vom
23. März 1965: Diese wurde von der ÖH organisiert und fand im Audi Max
der Wiener Universität statt. Zahlreiche Studenten waren gekommen. Der
Grund für diese Veranstaltung war allen klar: Borodajkewycz wollte
Stellung beziehen gegenüber den Anschuldigungen der letzten Monate.
Schon beim Betreten des Saales empfing den Professor kräftiger Applaus.
Als er über seine Prozesse gegen Heinz Fischer und sozialistische
Parteizeitungen berichtete und dabei den jüdischen Anwalt Rosenzweig
erwähnte, brach das Publikum erstmals in Gelächter aus.
Dann versuchte Borodajkewycz zu erklären, weshalb er in seinen
Vorlesungen Juden und Jüdinnen immer als solche bezeichne: "Nun kennen
Sie meine Vorlesungen, und Sie wissen daß ich tatsächlich
Persönlichkeiten der Geschichte, die aus dem Judentum stammen, als
solche deklariere, und ich werde das auch weiterhin tun, weil es meine
Pflicht als Historiker ist, nicht wahr, und ich sehe nicht ein, warum
jemand darüber beleidigt sein sollte. Wenn mir jemand sagt: Herr
Borodajkewycz, Sie sind slawischer Abstammung - was mein Name eindeutig
sagt - , bin ich ja auch nicht beleidigt darüber. Ich kann nicht sagen,
daß Kelsen Israeli war, weil damals der Staat Israel noch nicht
existiert hat."
Den größten Beifall erreichte er, als er sich stolz dazu bekannte,
freiwillig der NSDAP beigetreten zu sein.
Die Arbeiter-Zeitung,
die von Borodajkewycz schon zuvor mit Klagen eingedeckt worden war,
schrieb über die Pressekonferenz: "Die Art, in der diese antisemitische
Kundgebung abgehalten wurde, indem bei der Nennung jüdischer Namen
Gelächter und Gejohle ausbrach und ein Bekenntnis zur
NSDAP-Vergangenheit mit stürmischem Beifall quittiert wurde, gibt zu
ernstester Besorgnis Anlaß und fordert rasche und wirksame Maßnahmen zu
Wiederherstellung des Ansehens der österreichischen Hochschulen."8
Schon am Tag nach der Pressekonferenz kam es zu ersten
Demonstrationen gegen Borodajkewycz und kurz darauf auch zu ersten
Rangeleien zwischen Borodajkewycz-GegnerInnen und -Anhängern. Die
Demonstrationen wurden von der Österreichischen Widerstandsbewegung, dem Antifaschistischen Studenten Komitee und von AktivistInnen linker ÖH-Fraktionen organisiert. Bald beteiligte sich auch die Katholische Hochschuljugend
und verschiedene Gewerkschaften am Protest gegen den Nazi-Professor.
Der Höhepunkt der Demonstrationen war der 31. März 1965. Tausende
versammelten sich an jenem Abend in der Wiener Innenstadt, um gegen
Borodajkewycz zu demonstrieren. Doch auch einige hundert
Borodajkewycz-Anhänger hatten sich zusammengefunden, um die
Demonstration zu stören. Auf der einen Seite erblickte man Transparente
wie "Österreichs Studenten dulden keine Antisemiten an ihren
Hochschulen" und "Borodajkewycz muss weg", auf der anderen Seite
ertönten Rufe wie "Heil Borodajkewycz", "Juden raus" und "Hoch
Auschwitz".
An diesem Abend kam es zu schweren Ausschreitungen.
Trotz massivem Polizeischutz und einer Ordnerkette kam es zum Tod eines
Antifaschisten. Der 67-jährige Kommunist und ehemalige
Widerstandskämpfer Ernst Kirchweger wurde vom 24-jährigen Neonazi und
Burschenschafter Günther K. niedergeschlagen und starb wenige Tage
später an den Folgen der Verletzung.
Günther K., geboren in Teheran, schloss sich schon mit sechzehn Jahren der rechtsextremen Szene an und wurde Mitglied des Bundes Heimatlicher Jugend.
Nachdem diese Organisation verboten worden war, wechselte er ins
unmittelbare FPÖ-Vorfeld über. Mit Beginn seines Chemiestudiums wurde
er schließlich Aktivist des Ringes Freiheitlicher Studenten und Mitglied der Burschenschaft Markomannia und der Olympia.
Bereits 1957 wurde K. aufgrund zahlreicher Hakenkreuzschmierereien
angezeigt. Am 1. Mai 1958 warf er Stinkbomben auf den Maiaufmarsch der
SPÖ. 1961 warf er eine Brandbombe gegen die italienische Botschaft,
1962 wurde er zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt, nachdem er auf das
Parlament geschossen hatte.
Im Oktober 1965 wurde K. in einem Prozess der Totschlag als
"Notwehrüberschreitung" ausgelegt. Er wurde zu einer zehnmonatigen
Haftstrafe verurteilt, wobei die Untersuchungshaft angerechnet wurde.
Das Begräbnis von Ernst Kirchweger am 9. April 1965 wurde zu einer
großen Manifestation des "demokratischen Österreichs": Mehr als 25.000
Menschen, voran höchstrangige PolitikerInnen von SPÖ, KPÖ und sogar
ÖVP, begleiteten den Zug vom Ring zum Zentralfriedhof. Zahlreiche
Redner appellierten an die Bevölkerung, einig und wachsam gegenüber der
neonazistischen Gefahr zu sein. Angerufen wurde wieder der "Geist der
Lagerstraße", nach welchem die AnhängerInnen der drei Gründungsparteien
der Zweiten Republik (SPÖ, ÖVP, KPÖ) ihre Differenzen angesichts der
(neo)nationalsozialistischen Bedrohung hintanstellen.
Was dieser "Geist" abseits von Sonntagsreden wert ist, belegte die
ÖVP mit ihrer anhaltenden Rückendeckung für Borodajkewycz. In der
Fragestunde des Nationalrates am 31. März 1965, hielt der
SP-Abgeordnete Neugebauer dem Unterrichtsminister eine Reihe von
Rechtsgutachten vor, die ihm die vorläufige Suspendierung von
Borodajkewycz ermöglichen würden. Piffl-Percevic lehnte dennoch ab, mit
der Begründung: "Ich kenne die Problematik der Frage, ob ich
unmittelbar dieses Suspendierungsrecht besitze oder nicht. Auch wenn
ich es besäße, würde ich es nicht ausüben, ohne konkrete amtliche
Berichte über die Vorkommnisse vorliegen zu haben (...)."9
Bezeichnend auch die Reaktion von Piffl-Percevic auf die Kritik der
SozialistInnen an seiner Untätigkeit: "Die Sozialisten werfen mir vor,
ich hätte in dem Fall Borodajkewycz, ein dem Unterrichtsminister
zustehendes Recht nicht wahrgenommen (...) Sie wollen damit über die
besorgniserweckende Tatsache hinwegtäuschen, dass in den von ihnen
betreuten Amtsbereichen gesetzliche Pflichten nicht wahrgenommen worden
sind (...) Ohne Ermittlungsverfahren aber zu handeln bedeute
undemokratische Willkür, wie wir sie in den Tagen der
nationalsozialistischen Herrschaft zur Genüge kennengelernt haben."10
Wie stets bei der Pardonierung und Integration von ehemaligen
Nationalsozialisten wurde auch hier der Antikommunismus in Anschlag
gebracht: "Die traurigen Vorfälle der Vorwoche dürfen zu keiner
Munition für die kommunistische Propaganda gegen die Demokratie in
Österreich werden, erklärte Generalsekretär Dr. Withalm heute dem ÖVP-
Pressedienst (...) Wer an den österreichischen Hochschulen lehren darf
und wer nicht, wird jedenfalls weder die Straße noch das Zentralkomitee
der Kommunistischen Partei Österreichs bestimmen, schloss
Generalsekräter Dr. Withalm."11
Nur wenige ÖVP-Politiker äußerten sich entschieden und direkt gegen
Borodajkewycz, so der Nationalratsabgeordnete Nemecz, der in einer
Plenumsdebatte meinte: "Es stehe aber außer Streit, dass der Beruf
eines Hochschullehrers neben Rechten auch Pflichten mit sich bringt
(...) Rassische Diskriminierung darf es nicht geben (...) der Fall
Borodajkewycz hat schon viel zu hohe Wellen geschlagen, als gut ist. Er
muss rasch bereinigt und dann die Debatte darüber abgeschlossen werden."12
Während die Aktivitas des Cartellverbandes (CV) mehrheitlich
im Borodajkewycz-Lager zu finden war, bezogen die CV-"Senioren"
deutlich gegen ihn Stellung. Unmittelbar nach der berüchtigten
Pressekonferenz gaben diese eine Erklärung ab, "in der aufs schärfste
jede Art von nationalsozialistischer Betätigung, Glorifizierung,
Gutheißung oder Verharmlosung des nationalsozialistischen Regimes an
den österreichischen Hochschulen verurteilt wird."13
Und die ÖVP-Kameradschaft der politisch Verfolgten
forderte in einem Telegramm an Piffl-Percevic: "Die Disziplinarkammer
möge rasch und konsequent entscheiden, um zu verhindern, dass sich auf
Hochschulboden NS-Gedankengut ausbreite."14
Aber auch in der SPÖ wurden Stimmen laut, die angesichts der damals
vorherrschenden Stimmung vor einer allzu deutlichen Positionierung auf
antifaschistischer Seite warnten. So räumt Ferdinand Lacina ein: "Das
war ja mitten in einem Wahlkampf, es war also auch für uns in der
Partei nicht ganz einfach, weil es da in der Partei Meinungen gegeben
hat, die gesagt haben, mitten in der Wahl für den Bundespräsidenten
brauch ma des net, da brauchen wir alle Stimmen, die wir bekommen
können."15
Die FPÖ verhielt sich eher ruhig und versuchte, die Affäre als rein
disziplinäres Problem darzustellen und aus dem Nationalrat zu halten.
Bei den Abstimmungen zum Fall Borodajkewycz stimmten freiheitliche
Mandatare dann entweder dagegen oder verließen den Saal.
Die rechte ÖH-Exekutive, gebildet aus konservativen und
freiheitlichen Fraktionen, bezog eindeutig für Borodajkewycz Stellung:
"Der Vorsitzende des Zentralausschusses der Hochschülerschaft, Peter
Thiel, bedauerte das Verhalten einiger Kollegen in der
Hörerversammlung. Gleichzeitig aber erklärte er im Namen der
Hochschülerschaft, die Vorwürfe gegen Professor Borodajkewycz seien
'unfair', 'unkorrekt' und 'in provozierender Weise' vorgebracht worden.
Unobjektive Zeitungsberichte hätten die Unruhen erst ausgelöst."16
Aufgrund der Ereignisse vom März/April 1965 beantragte Heinz Fischer
eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Ferdinand Lacina konnte nun als
Zeuge aussagen, da er sein Studium schon beendet hatte. Sowohl die
Mitschriften Lacinas, als auch Borodajkewycz' Pressekonferenz dienten
als Beweismaterial. Am 22. Juni 1965 wurden Heinz Fischer und sein
Redakteur tatsächlich freigesprochen.
Das Gericht begründete das Urteil folgendermaßen: "Der Hauptakzent ist
auf den beim Privatankläger tief eingewurzelten Antisemitismus zu
legen. (...) Wer gegen Teile der Bevölkerung eine feindselige Haltung
einnimmt, wer gegen andersrassische Gruppen ist, kann nicht als
Demokrat angesehen werden.(...) Er hat die Bemerkungen nicht am
Stammtisch, sondern vor Studenten gemacht, die er zu demokratischen
Staatsbürgern zu erziehen hatte."17
Bereits am 5. Juni 1965 betonte die Staatsanwaltschaft, dass
Borodajkewycz' Verhalten "hart an der Grenze des Tatbestandes nach
Paragraph 3g des Verbotsgesetzes nationalsozialistischer
Wiederbetätigung"18
liege. Trotzdem hielt sie es nicht für notwendig, in die Affäre
unmittelbar einzuschreiten. Die Staatsanwaltschaft überließ das den
zuständigen Universitätsbehörden.
Doch auch diese reagierten nicht. So richtete Borodajkewycz selbst am
2. Juni 1965 ein Ansuchen an die Hochschule für Welthandel, gegen ihn
ein Disziplinarverfahren einzuleiten. Kurz darauf wurde er beurlaubt.
Erst am 14. Mai 1966 wurde das Urteil dieser Untersuchung verkündet.
Borodajkewycz wurde zwangsweise pensioniert. Der Wortlaut des
Disziplinarverfahrens wurde nie veröffentlicht.
Während seiner weiteren Lebensjahre verfasste Borodajkewycz zahlreiche
Bücher und Artikel, auch für rechtsextreme Zeitschriften. Am 3. Jänner
1984 starb er im 82. Lebensjahr in Wien.
1 Bei einer "Geheimkonferenz" am 28. Mai 1949 in
Oberweis bei Gmunden schlugen frühere NSDAP-Mitglieder der ÖVP ein
Geschäft vor, das der ÖVP die Stimmen der Ehemaligen verschaffen
sollte, wenn sich diese für eine Abmilderung des NS-Verbotsgesetze
stark mache. Auf Seiten der (ehemaligen) Nationalsozialisten nahm
Borodajkewycz daran teil. → zurück
2 Schmidt, Erich; Konecny, Albrecht K.: "Heil
Borodajkewycz!" Österreichs Demokraten im Kampf gegen Professor
Borodajkewycz und seine Hintermänner. Wien, München 1966, S.16 → zurück
3 zit. nach ebd., S.10 → zurück
4 ebd., S. 7 → zurück
5 zit nach: Gehler, Michael; Sickinger, Hubert:
Politische Affären und Skandale in Österreich. Von Mayerling bis
Waldheim. Thaur, Wien, München 1996, S. 491 → zurück
6 zit. nach ebd. S. 491f → zurück
7 zit. nach Arbeiter-Zeitung, 14. 3. 1985, S. 5 → zurück
8 Arbeiter Zeitung, 25. 3. 1965, S. 2 → zurück
9 Gehler, Michael a.a.O., S. 494 → zurück
10 Zit. nach Fischer, Heinz: Einer im Vordergrund. Taras Borodajkewycz. Wien, Frankfurt a. M., Zürich, S. 284f → zurück
11 Vorarlberger Volkszeitung, 6. 4. 1965, S. 1 → zurück
12 Arbeiter-Zeitung, 1. 4. 1965, S. 3 → zurück
13 Zit. nach Fischer, Heinz a.a.O., S. 251 → zurück
14 ebd. → zurück
15 Zit. nach Gehler, Michael a.a.O., S. 495 → zurück
16 Zit. nach Fischer, Heinz a.a.O., S. 254 → zurück
17 Zit. nach Schmidt, Erich a.a.O., S. 8f → zurück
18 Zit. nach Gehler, Michael a.a.O., S. 500 → zurück |