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Zu den Bildern der Belgrad
Winterproteste, November/Dezember 1996
von Markus Kemmerling
Den NOTO
KOSOWAR-Kriegsbildern von Christian Helbock stellen wir in diesem Heft Fotos
aus einer Dokumentation der Wochenzeitung Vreme über die Winterproteste
1996/97 in Belgrad gegenüber. Mit täglichen Massenprotesten setzte
damals das Oppositionsbündnis Zajedno ("Gemeinsam") aus
Demokratischer Partei (Zoran Djindjic), serbischer Erneuerungsbewegung (Vuk
Draskovic) und der kleinen Bürgerlichen Allianz (Vesna Pesic) die Anerkennung
der Kommunalwahlen vom 17. November durch. Gleichzeitig entstand eine starke
studentische Protestbewegung, die dritte seit 1991 und vollkommen autonom von
Zajedno, die mit zahlreichen phantasievollen, aber letztlich erfolglosen Aktionen
insbesondere eine Demokratisierung der universitären Strukturen anstrebte. *
Die
Fotographien bezeugen, daß sich die Menschen in Serbien von der Furcht
befreien. Der therapeutische Effekt wird langfristig zu bedeutenden politischen
Konsequenzen führen. Politik wird demystifiziert. Ideologien und die Trennung
in Rechte und Linke (in diesem Zusammenhang meint rechts die Opposition
und links die Regierung, Anm. M. K.) hat einer Trennung in jene mit
Humor und in jene, die zu diesem niemals fähig wären, Platz gemacht.
(aus dem Vorwort zur Dokumentation)
*
Die Bilder
zeigen die Symbole dieser Protestbewegung: Pfeifen, Eier, die roten Studentenausweise,
Tafeln mit den Logos der oppositionellen Sender B92 und Radio Index, Fahnen:
die jugoslawische neben der britischen, der star-bangled Banner neben einer
Ferrari-Flagge. Bekannt war die Regenbogenfahne der "Frauen in Schwarz",
die auf ihren Transparenten und Flugblättern auf die Unterdrückung
der Kosovo-AlbanerInnen aufmerksam machten. Die offizielle Opposition stand
den Verhältnissen in Kosova bestenfalls indifferent gegenüber, so
wie die Kosovo-AlbanerInnen auf die demokratischen Bemühungen der SerbInnen
mit Gleichgültigkeit reagierten.
*
Allabendlich,
als im staatlichen Fernsehen die Hauptnachrichten liefen, gingen die BelgraderInnen
mit Kochtöpfen und anderen Lärminstrumenten vor die Häuser. Sie
verweigerten sich der Propaganda, indem sie demonstrierten, daß sie ihr
nicht mehr zuhörten. Gleichzeitig stieg die Zahl der HörerInnen von,
zum Beispiel, Radio Index von 100.000 auf eine Million.
Während
des Krieges in diesem Frühjahr wurden fast alle nichtstaatlichen Stationen
geschlossen, die technische Ausrüstung beschlagnahmt, die Betreiber vor
Gericht gestellt und eingesperrt. B92 sendet seit April nur mehr im Internet.
*
Die NATO
warf, nachdem sie Raffinerien, Elektrizitätswerke und Kommunikationseinrichtungen
zerbombt hatte, über Serbien Flugzettel ab: Kein Benzin / Kein Strom
/ Kein Handel / Keine Freiheit / Keine Zukunft / MILOSEVIC.
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Information
warfare: actions taken to achieve information superiority in support of national
military strategy by affecting adversary information and information systems
while leveraging and protecting our own information and information systems.
(US-Department of Defense)
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"Wir
sind", schreibt Christian Helbock, "auf der anderen Seite,
von Fotografien vertreten, hinter dem schützenden Objektiv, auf der Seite
der Sieger." 1993, während des Bosnienkrieges, ging ein Foto um die
Welt, welches einen ausgezehrten Menschen mit nacktem Oberkörper hinter
Stacheldraht zeigte, aufgenommen von einem britischen Fernsehteam auf der Suche
nach Greuelbildern "der Serben". Im jetzigen Krieg der Bilder wurde
es wieder verwendet, untertitelt mit "KZ in Bosnien". Doch nicht das
Lager war eingezäunt, sondern das Grundstück nebenan, von welchem
aus der Fotograf seine Aufnahmen machte. Das KZ war ein Auffanglager, in welches
die Menschen freiwillig kamen. Die Entstehungsgeschichte dieses Bildes ist seit
langem bekannt. Ihre Veröffentlichung wurde nicht unterdrückt. Es
genügt, sie zu ignorieren.
*
Die
Strategie läßt sich unter der Überschrift "Schaut Euch
diese Bilder an!" subsumieren. Gezwungen zuzugeben, daß man nicht
über Tatsachen berichtet, greifen die Medien zu dem Mittel der Erzeugung
partiellen Mitleids, das in der heutigen Zeit offenbar am wirkungsvollsten ist:
Mit Fotos von Elend und Schrecken, von Fluchtszenen wird Entsetzen über
das Leiden der Opfer, wird Betroffenheit hergestellt. … Es gibt kein
Tschinderassa-Bum, aber eine subtile Legitimierung dieses "humanitären"
Krieges. Wurden ehedem die Menschen durch Kriegspropaganda begeistert, so werden
sie in diesem Krieg ruhiggestellt. (Margret Jäger, Duisburger Institut
für Sprach- und Sozialfosrchung, über die Berichte in westlichen Medien
zum Krieg in Jugoslawien)
*
Die in
den letzten Monaten hier veröffentlichten Bilder vom Krieg zeigten zwei
Arten von Menschen. Den aus Kosova Flüchtenden gegenübergestellt waren
ausgelassene und singende Massen auf den Straßen und Brücken von
Belgrad oder Novi Sad. Sie trugen Tafeln mit dem Target-Symbol, mehreren
übereinanderliegenden konzentrischen Kreisen. Das profil, zum Beispiel,
übertitelte diese Bilder mit: Elektrischer Orgasmus. In Wien demonstrierende
Kosovo-AlbanerInnen nahmen diese Metapher auf. Auf ihren Transparenten stand:
NATO, just do it.
*
Die von
Christian Helbock dokumentierten KOSOWAR-Bilder sind "für uns gemacht.
Damit wir uns selbst kein Bild mehr machen müssen. Denn dieser Krieg, ob
wir es wollen oder nicht, wird in unserem Namen geführt." Die Fotos
vom Belgrader Winter 1996/97 wurden nicht für uns gemacht, die Proteste
wurden nicht in unserem Namen geführt, von ihnen haben wir uns kein Bild
machen müssen. Und wenngleich sie keine Bilder des Krieges sind, sind sie
doch Bilder der Zerstörung dieses Krieges. Sie dokumentieren, was NATO-Presseoffizier
Jamie Shea einen Kollateralschaden nennt.
*
Die
Bomben nur einer Nacht haben all das zunichte gemacht, wofür sich mutige
Menschen in serbischen Nichtregierungsorganisationen und demokratischen Gruppen
in zehn harten Jahren eingesetzt haben: Die Aktivisten haben nicht versucht,
irgend jemand zu stürzen — sie haben vielmehr versucht, zivilgesellschaftliche
Strukturen zu entwickeln, freiheitliche Werte zu fördern, gewaltfreie Konfliktlösungsstrategien
zu vermitteln. Die Ansätze sind jetzt dahin. (aus einer Erklärung
des Belgrader "Zentrum für Menschenrechte", April 1999)
*
Am 29.
Juni begannen neuerlich Massenproteste in Serbien. In Cacak demonstrierten 8.000
Menschen für einen Rücktritt des Präsidenen. Der Bürgermeister,
der sich 43 Tage lang versteckt gehalten hatte, trat erstmals wieder in
die Öffentlichkeit. Als der Krieg begann, hatte er das Militär der
Stadt aufgefordert, in der Kaserne zu bleiben, und Deserteure unterstützt.
In Österreich wurden serbische Deserteure auch während des Krieges
in Schubhaft genommen. |