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Suicide Bombing |
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Über die neuen Formen des Antisemitismus - und ihren Zusammenhang mit den alten - von Gerhard Scheit
Für die Analyse der neuen Formen wie für die der alten gilt eine Art
Antinomie, die immer mitzudenken wäre: Antisemitismus soll zwar
durchsichtig werden - seine ideologischen Mechanismen und
psychologischen Voraussetzungen -, aber die Tatsache, dass einer
Antisemit ist, hat so unerklärlich zu bleiben, wie der Umstand, dass es
das falsche Ganze überhaupt gibt, das den Antisemitismus stets aufs
Neue hervorbringt. So wie sie im Innersten zusammengehören - der
Antisemit und die Gesellschaft, die ihn hervorbringt -, darf ihnen
keine Gelegenheit gegeben werden, sich wechselseitig zu entlasten.
Auf Exkulpierung läuft jedoch fast alles hinaus, was heute über die
Selbstmord-Anschläge gesagt wird. Sie werden meist als bloßes Mittel
betrachtet, das mit bestimmten Zwecken nicht unbedingt etwas zu tun
habe. Etwa mit dem Zweck, die Juden zu vernichten. Sie seien ein
Mittel, zu dem die Attentäter eben in ihrer Verzweiflung über die
soziale und politische Lage greifen würden. So fragt man also auch, was
an den Anschlägen auf das World Trade Center beweisbar antisemitisch
gewesen sein könne? Man fragt: Wie denn diese Attentate mit jenen in
Israel, nur weil sie sich derselben Mittel bedienen, auf einen Nenner
zu bringen wären? Schließlich hätten die beiden Türme des World Trade
Centers ja nicht in Tel Aviv gestanden. Beziehungen zwischen al-Qaida,
Hamas und Hisbollah werden als Spekulationen bezeichnet und die
Hinweise auf die Weltanschauung eines der Selbstmord-Piloten von New
York über die Juden einfach ignoriert. Für Mohammed Atta - so wird von
einem, der ihn kannte, berichtet - waren die Juden „die reichen
Strippenzieher der Medien, der Finanzwelt, der Politik, und natürlich
steckten auch hinter dem Einsatz der Amerikaner am Golf die Juden,
hinter den Kriegen auf dem Balkan, in Tschetschenien, überall. Wer
waren die Täter in Ägypten, die die Architektur, die Kultur, letztlich
den gesamten Islam ausrotten wollten? Klar, die Juden. Und ,das Zentrum
des Weltjudentums‘, so sah es Atta, war New York. Atta wünschte sich
einen Gottesstaat vom Nil bis zum Euphrat, frei von Juden, und sein
Befreiungskrieg musste in New York beginnen.“2
Soweit solche Aussagen überhaupt zur Kenntnis genommen werden, setzt
sich die Meinung durch, die Attentate seien gewissermaßen eben auch ein
bisschen antisemitisch. Aber über die Täter und ihre Motive, wisse man
im übrigen viel zu wenig, außer dem natürlich, dass die bittere
Erfahrung von Ohnmacht und Unterlegenheit ausschlaggebend sei für die
Tat, Ohnmacht und Unterlegenheit zu beseitigen ihre Absicht. Nur
bediene man sich eben falscher Mittel. Wenn auch ich hier von solchen
unmittelbaren Hinweisen auf die Weltanschauung der Attentäter und die
Zusammenhänge der Gruppen einmal absehe, so behaupte ich dennoch: Die
Annahme, dass die Menschen, die im World Trade Center arbeiteten oder
an der Ostküste leben, den Tätern darum als Feinde gelten, weil sie –
in den Augen der Täter - entweder zum Judentum gehören oder das
Judentum unterstützen, ist prinzipiell nicht zu widerlegen.
So wie man abwehrt, die Anschläge vom 11. September als antisemitisch
zu bezeichnen, so wenig hat sich – trotz aller zeitgeschichtlichen
Forschungsarbeit – durchgesetzt, den Angriff des Dritten Reichs auf die
Sowjetunion als antisemitisch zu bezeichnen – und dennoch war er es in
doppeltem Sinn: ideologisch, weil der Bolschewismus nach dem Muster
einer jüdischen Weltverschwörung als Feindbild geprägt war – praktisch,
weil im Zuge diese Angriffskrieges die Vernichtung der europäischen
Juden vollständig in die Tat umgesetzt werden konnte. Es kommt auf den
gesamten Zusammenhang an, aus dem die einzelne Tat resultiert.
NGOs der Vernichtung
Was zunächst aber herausgearbeitet werden kann, ist ein bestimmtes
Verhältnis von Täter, Mittel und Opfer. Die Selbstmord-Attentate folgen
einer Logik – der nicht gerecht wird, wer bloß von Attentaten oder gar
Terrorismus spricht. (Die Bezeichnung Terrorismus ist überhaupt
Abstraktion im schlechtesten Sinn: wie geschaffen, um von dem
abzusehen, was für die Selbstmord-Massaker konstitutiv ist. Darum ist
es für die Feinde Israels ein leichtes, den Spieß umzudrehen und von
Staatsterrorismus zu sprechen.) Die verschiedenen Gruppen, die sich der
neuen Form der Gewalt bedienen, mögen im einzelnen durchaus
unterschiedliche Ziele haben. Das Ziel, das sich aus dem Mittel ergibt,
ist aber immer dasselbe: mit dem eigenen Tod möglichst viele Menschen
zu vernichten – nicht irgendwelche, obwohl es auf den einzelnen nicht
ankommt, sondern Menschen, die im Kopf der Attentäter auf einen
bestimmten Punkt bezogen werden. Dieser Bezug kann direkter oder
indirekter sein: das tschetschenische Selbstmord-Kommando, das da in
Moskau aus einem Theater blitzschnell ein Lager gemacht hat, ist von
diesem Punkt weiter entfernt als der Suicide Bomber in Tel Aviv; aber
der Bezug selbst ist auch hier vorhanden: die Russen seien „die Brüder
der Juden“ lassen die Tschetschenischen Freiheitskämpfer sich
vernehmen3 – und die Befreiung Tschetscheniens hat wie die von
Afghanistan in letzter Instanz den Fluchtpunkt in der Zerstörung
Israels als der Zufluchtsstätte aller Juden.
Die Logik, um die es beim Selbstmord-Attentat der Massenmörder geht,
kann im einzelnen als Fortsetzung des Pogroms mit anderen Mitteln, im
ganzen als Privatisierung staatlicher Vernichtungsaktionen betrachtet
werden; die Intention wird ohne direkte Verfügung über das
Gewaltmonopol des Staates verfolgt – so hat die Aktion selbst den
Anschein von Ohnmacht und bietet sich der Deutung als
„Verzweiflungstat“ an. (Auch die ‚klassischen‘ Pogrome wurden übrigens
stets als Handlungen von desperaten, verschuldeten und hungernden
Handwerkern und Bauern gedeutet, wobei die Betonung des verzweifelten
Charakters der Taten deren tiefes Einverständnis mit den repressivsten
Interessen des Staats verdecken sollte.) Das moderne Selbstmord-Racket
braucht auch – von kleinen Sendern und Videoproduktionen abgesehen –
kein Propagandaministerium, denn seine Taten sind selbst identisch
geworden mit Propaganda und nutzen nach außen die internationalen
Medien als Reklameapparat. Über 90 Prozent der Kameraleute, die in Gaza
und Westbank arbeiten, sind Palästinenser; sie arbeiten im Auftrag
westlicher Stationen und Agenturen, die sich auf diese Weise die
gefährliche und teure Recherche vor Ort ersparen.4
Der Sender al-G'azira, der diese Aufgabe im arabischen Raum mit
besonderem, an CNN geschultem Geschick erfüllt, realisiert auf diese
Weise eine Einheit, die im eigentlich Politischen allen panarabischen
und pan-islamistischen Bewegungen immer misslang. Diese Rackets des
heutigen Islamismus sind von der Hoffnung auf Vernichtungswaffen
förmlich beseelt: vom Sprengstoff, den die Märtyrer der
Massenvernichtung am Körper tragen, basteln sich ihre vielen Anhänger
Attrappen aus Pappkarton, die sie sich und ihren Kindern umhängen als
wären es Glücksbringer; ebenso sind die Massenvernichtungswaffen für
ein Staats-Racket wie das Baath-Regime im Irak geradezu
identitätsstiftend: sie heimlich herzustellen und vor der
internationalen Öffentlichkeit erfolgreich zu verstecken – mit all den
Unternehmungen, die dazu kontinuierlich notwendig sind und
Mobilisierung bedeuten: der ständige Transport von einem Ort zum
anderen, die stets neu zu entwerfenden Pläne zur Tarnung usw. –, all
das verschafft dem Regime eine Art Aura der Illegalität inmitten des
eigenen Staats. Der permanente Ausnahmezustand erscheint hier in einer
„karnevalistischen Atmosphäre“ (Kanan Makiya)5; der baathistische Staat
tritt als fortwährender „Ereignisschöpfer“ auf (Bachtyar Ali).6
Die Existenz der Massenvernichtungswaffen und die gegen die Kurden,
Schiiten und Iraner bewiesene Bereitschaft, sie einzusetzen, sind
Garant dafür, dass der permanente Ausnahmezustand aufrecht bleibt; die
Fixierung auf sie stiftet die Einheit des Ganzen: „Komplizenschaft ist
der Beweis, den ein Iraker erbringen muss, um zum ‚Volk‘ zu gehören,
das im ba’thistischen Idealfall über allen anderen Loyalitäten steht,
Stämme, politische Organisationen und selbst Familien durchschneidet.“7
In bestimmter Weise gilt das natürlich auch für die Volksgemeinschaft
des Dritten Reichs und die Rackets der Nazis – nur dass hier in der
Herstellung der Vernichtungswaffen, mit denen man über die Welt
herfiel, die ganze Bevölkerung sich integrierte, die Arbeitslosigkeit
aufgesogen und die Krise bewältigt werden konnte – und zwar in der
Vorbereitung von totalem Krieg und Massenmord an den Juden. Im Irak
machen die Vernichtungswaffen auf andere Weise Arbeit, handelt es sich
doch hier um einen schlanken Staat der Elendsverwaltung – noch
perfektioniert durch die notwendig gewordene Einstellung auf die
Sanktionen nach dem zweiten Golfkrieg.8
Der permanente Ausnahmezustand, in dem sich der Irak gegenüber den USA
und der UNO einrichtet, ist ein anderer als der im Dritten Reich: Er
schafft keine Arbeitsplätze, sondern soll sie ersetzen; er erlaubt
nicht die Mobilisierung zum totalen Vernichtungskrieg, sondern nur die
zum regionalen Vernichtungskrieg; er lässt den Staatsführer nicht an
der Spitze einer Macht auftreten, die Weltherrschaft glaubhaft
beanspruchen kann, sondern nur als heroischen Partisanenführer im Kampf
gegen die Globalisierung. Saddam Hussein zeigt sich gerne mit der
Knarre in der Hand und schießt in die Luft: auf seinem Kopf der Hut des
Zivilisten (ein Modell wie es etwa der Spießer in Mitteleuropa gerne
trägt). Ein passendes Bild für die privatisierte Form, die der
Vernichtungswahn angenommen hat. Ein Staat wie der Irak scheitert
darin, die Vernichtung als Gewaltmonopol auch nach außen zu tragen und
den totalen Krieg nicht nur anzukündigen und anzuzetteln, sondern auch
zu Ende zu führen. Dort wo er scheitert, treten die
Selbstmord-Attentäter in Aktion. Sie realisieren jeder für sich,
eingebunden in Gruppen, aber relativ unabhängig von den wirklich
existierenden Staaten, was einmal die deutsche Volksgemeinschaft mit
dem eigenen Staat vollkommen verwachsen umzusetzen wusste: Vernichtung
um jeden Preis als Antwort auf die Krise.
Die Voraussetzungen jedoch könnten verschiedener nicht sein – und hier
liegt eben auch das Wahrheitsmoment jenes von den vernichtenden
„Märtyrern“ am eigenen Leib vorgeführten Ausdrucks von Ohnmacht, es
liegt im Vergleich zur totalen Macht des nationalsozialistischen
Vernichtungsapparats: auf der einen Seite eine im Ökonomischen
einzigartig homogen strukturierte Nation auf dem Sprung zur Weltmacht,
mit einem industriellen Potential und einer Produktivität ohnegleichen:
Deutschland vor den beiden Weltkriegen – auf der anderen Seite: eine
kaum zu überschätzende Heterogenität in und zwischen Staaten, die
allesamt außerhalb der Metropolen des Kapitals situiert sind – von
denen jedoch einige vor allem aufgrund der Bedeutung der
Erdölproduktion ziemlich weit oben, die anderen aber weit unten auf der
Stufenleiter des Reichtums stehen. So sehr die gesellschaftliche Lage
in den Heimatländern von politischem Islamismus und deutscher Ideologie
differiert, so sehr hat sich die Konstellation von Weltmarkt und
Nationalstaat überhaupt gewandelt. Gemeinsamkeit und Differenz ließen
sich vielleicht mit diesem, schon verwendeten, aber noch nicht
bestimmten Begriff des Rackets aufschlüsseln. Er bedeutet ursprünglich
„Erpresserbande“ ebenso wie „Selbsthilfegruppe“ und
„Wohltätigkeitsverein“. Was aber Max Horkheimer (in seinen
Aufzeichnungen zur Dialektik der Aufklärung) bewogen hat, den Begriff
auf die mit dem Nationalsozialismus anbrechende Ära anzuwenden, ist die
Politisierung dieser Bandenstruktur, ihre Legierung mit staatlicher
Herrschaft – „als der echte Leviathan“. Er war so etwas wie das missing
link für die kritische Theorie des Staats: Der Nationalsozialismus, der
auf der einen Seite wie ein monolithisch strukturiertes „Staatssubjekt
Kapital“ (Heinz Langerhans) erscheint, ein vollkommen integriertes und
alles integrierendes Gebilde totaler Durchstaatlichung, entpuppt sich
auf der anderen Seite als in sich vollkommen Zerfallenes, als ein
„Unstaat“ und „Chaos“ (Franz Neumann), worin die Rackets in rasenden
Konkurrenzkämpfen die Vernichtung vorantreiben.
Im Suicide bombing kulminiert hingegen eine gesellschaftliche Ordnung,
in der jene Seite des integrierten Staatssubjekts zur Gänze weggefallen
scheint: das macht es den westlichen Ideologen so schwer, den
Totalitarismusbegriff weiter anzuwenden wie einst im Kalten Krieg;
darum muss George Bush dumpf moralisierend vom Krieg gegen das „Böse“
schwadronieren, wenn er Bin Ladens al-Qaida-Racket ins Auge fasst, und
angesichts von eher disparaten, statt homogenen autoritären
Gesellschaften von „Schurkenstaaten“ sprechen. Aber in Wahrheit handelt
es sich um eine Art Inversion: was einmal als totaler Staat behauptet
werden konnte, ist in den Rackets aufbewahrt: als gemeinsames
inhaltliches Telos jeder einzelnen Handlung, die nunmehr aber in
privatisiert vereinzelter Form vollzogen wird – sei’s von Hisbollah,
Hamas, al-Qaida oder wie die Selbstmord-NGOs alle heißen. Soweit sich
die Rackets überhaupt zum Gewaltmonopol des Staats zusammenschließen
und verallgemeinern können, fehlt ihnen das ökonomische Potential, die
Vernichtungsanstrengung als Staat nach außen hin fortzusetzen – und so
sieht sich ein solcher Staat längerfristig darauf reduziert, wieder nur
einzelne Rackets zu unterstützen – mit Geld und Waffen –, die außerhalb
des eigentlichen Gewaltmonopols, aber in z.T. sehr enger Verbindung mit
der Bevölkerung („Wohltätigkeitsverein“!) operieren. Nur den
Islamexperten erscheint es „paradox“, dass „ausgerechnet jene Gruppen,
die das umfassendste Sozialprogramm bieten auch jene sind, die
Selbstmordattentate forcieren.“9
Jede Bande organisiert ein kleineres oder größeres Netzwerk der
Wohlfahrt, das sich ökonomisch aus verschiedenen Quellen speist: von
den Einnahmen aus dem Ölgeschäft der reicheren arabischen Staaten, von
Spendengeldern der NGOs und GOs aus aller Welt und Beiträgen aus dem
Topf der EU- und UNO-Organisationen. Auf dieser Basis verwirklichen die
Rackets relativ unabhängig vom Staat die Anforderungen, die heute aus
der Sicht der Finanzmärkte und der Weltbank an den Staat in einer
Armutsregion gestellt werden: Sie verwalten die Armut und bleiben
privat. Der schlankeste Staat ist die Verbrecherbande. Aber Bande ist
nicht gleich Bande – so wie Religion nicht gleich Religion. Die NGOs
der Vernichtung, die im arabischen und islamischen Raum in Aktion
getreten sind, verbinden die Organisation der Wohlfahrt, die sie im
kleinen gewähren können, mit dem Selbstopfer im Großen. Während etwa
die Mafia von den Leuten Schutzgeld verlangt, verbunden mit
Morddrohungen, die auch wahrgemacht werden, treiben die
Selbstmord-Rackets umgekehrt in den Familien das Recht auf das Leben
der Söhne und Töchter ein, und zahlen hinterher dafür ganz beachtliche
Summen; organisieren aber auch einen regelrechten, massenmedial wie
traditionell vermittelten Kult, um den Verlust des Familienmitglieds
wie einen Kredit zurückzuzahlen: in Zeitung, Rundfunk, Fernsehen werden
die Namen der Märtyrer gepriesen und von ihren Taten und ihrem Tod
berichtet; die Prediger in den Moscheen halten sie den Lebenden als
Beispiel vor, eigene Formen der Feier werden institutionalisiert, eine
besondere Kleidung entworfen und spezielle Begriffe geprägt, so
erhalten die Witwen der Märtyrer eigens geschaffene offizielle Titel.
Zugleich wissen sich die Hinterbliebenen und alle, die sich mit der
Vernichtungstat identifizieren in einem Netz von sozialen
Organisationen aufgehoben, zu dem ebenso Kindergärten und Schulen wie
Krankenhäuser und Verbraucher-Genossenschaften zählen.
Ohne die Einheit von Partei und Staat schaffen diese weitverzweigten
Gruppen, was im Dritten Reich KdF und Arbeitsfront, Wehrmacht und HJ
leisteten: die Unterordnung aller Aspekte der individuellen
Reproduktion unter das gemeinsame Ziel der Vernichtung. Je mehr sie von
der individuellen Reproduktion in ihre Hand bekommen, desto schwieriger
ist es für den einzelnen, dem auf Vernichtung ausgerichteten
gesellschaftlichen Zusammenhang zu entgehen – ganz abgesehen von der
unmittelbaren Gewalt, die rücksichtslos gegen diejenigen angewandt
wird, die als Verräter, Kollaborateure gelten oder auch nur andere
Lebensformen als die von den politischen Banden vorgeschriebenen für
sich selbst durchsetzen möchten. Die Rackets versprechen eine
individuelle Krisenlösung für die jeweilige Familie, wenn deren
Mitglieder bereit sind, dafür zu geben, worauf der Staat immer schon
Anrecht erhob: „Die politische Einheit muß gegebenenfalls das Opfer des
Lebens verlangen.“ (Carl Schmitt) Bei einem technischen Standard, der
kleine Massenvernichtungswaffen herzustellen erlaubt, ist jedoch diese
Verschlankung des Vernichtungsstaats auf Dauer wenig beruhigend. Wie
die Shoah nicht auf die industrielle Menschenvernichtung reduziert
werden darf (Goldhagens Studie hat darauf nachdrücklich aufmerksam
gemacht), so falsch wäre es, prinzipiell davon auszugehen, dass eine
mögliche Wiederholung von Auschwitz in denselben Formen stattfände –
und das heißt auch: im selben Zeitraum.
Gerade der schleichende Charakter, für den das Selbstmord-Attentat
steht, verdunkelt alles. Alltagsreligion des Selbstmordattentats Der
Konstellation des Selbstmord-Attentats gegenüber erscheint die
islamische Religion selbst eigenartig untergeordnet. Das vielberedete
Paradies mit den Jungfrauen, wohin sich der Selbstmord-Attentäter qua
Vernichtung transferieren möchte, ist sekundär. Primär ist das Mittel:
die Vernichtung – gemeinsames Programm aller Rackets im Kampf gegen
Israel, seien sie nun ursprünglich religiös motiviert oder säkular
ausgerichtet. Der Erlösungsglauben ist, ähnlich wie im Verhältnis von
Christentum und Nationalsozialismus, von der positiven Religion in
gewisser Weise verselbständigt – und geht in der Vernichtungsaktion
auf: suicide bombing müsste sacrifice bombing heißen. Um aus dem
gegenwärtigen Zustand der Not erlöst zu werden, gilt es dem Wahn
zufolge, einen metaphysischen Feind physisch zu vertilgen, denn dieser
Feind verkörpert die ungreifbare Herrschaft des Kapitals, die als
Verhältnis nicht zu Bewußtsein kommen darf. Der positive Zustand, der
erreicht werden soll, verliert demgegenüber an Gewicht: die physische
Vernichtung wird wichtiger als der metaphysische Zweck: darin haben die
neuen Märtyrer den historischen Islam hinter sich gelassen.
Dass die Vernichtung keine Grenzen kennt, die Erlösung nichts als
Vernichtung beinhalten könnte, kalkuliert diese negative Form der
Heilserwartung von Anfang an ein und bestätigt es in der Bedeutung, die
der Planung bei der Opferung der eigenen Person zukommt: statt ins
Paradies kommt sie aufs Videoband. Allah ist nur mehr eine Arabeske für
das Nichts. Der Islam ist aber nicht zufällig geeignet, zur
Alltagsreligion des suicide bombing zu werden. In seiner Genese dem
Christentum eng verwandt, was die Abwehr des Judentums betrifft, aber
dafür disponiert, die Religion von Gemeinwesen zu werden, die
massenhafte Armut nicht mildern oder gar beseitigen, sondern nur
verwalten und legitimieren können, bietet der Islam die besten
Voraussetzungen für den Export des Antisemitismus aus dem Abendland an
die Peripherie. So gemäßigt ursprünglich sein antisemitisches Potential
im Vergleich zum Christentum erscheint, so wenig Widerstand kann er in
seiner fundamentalen, das Christentum (ab einem bestimmten historischen
Zeitpunkt) noch übertreffenden Entwertung des Diesseits dem
Vernichtungswahn entgegensetzen, der ihm vom Nationalsozialismus
angetragen wird. Der Islam kann auch insofern als Alltagsreligion des
Suicide bombing sich behaupten, als er mit der Kriegsvorstellung des
Gùihad die geeignete Ideologie und mit der Sharia die passende
‚Rechtsform‘ für die Rackets ausgebildet hat – in einem ähnlichen Sinn,
wie das Christentum (in seiner europäisch-katholischen und
deutsch-lutherischen Ausprägung) als ideologische Voraussetzung des
Nationalsozialismus zu begreifen ist.
Der „Heilige Krieg“ des Islam meint keinen Krieg im gewöhnlichen,
traditionellen Verständnis, obwohl er diesen nicht ausschließt. Der
Staat ist für die konkrete Durchführung des G'ihad nicht unbedingt
erforderlich – zu ihm können Privatleute ebenso wie Repräsentanten des
Gewaltmonopols aufrufen. Der Kampf, der das Selbstopfer als
Selbstmordattentat immer schon einschloss, dient immer der Erweiterung
der muslimischen Gemeinschaft und der Ausdehnung ihrer Macht. Das
islamische Recht wiederum entwickelten die Theologen und Gelehrten, die
ulama, im Unterschied zu den Rechtsgelehrten des Okzidents in relativer
Unabhängigkeit von staatlichen Autoritäten. Darum ist das System der
Sharia besonders stark in allen Bereichen des Alltagslebens ausgeprägt
(Familie und Ehe, Sittlichkeit im engeren Sinne, Gebräuche des Alltags
etc.), weniger jedoch in den im engeren Sinn staatlichen Domänen, die
in der Moderne maßgebend geworden sind: Verwaltung und Fiskus. In
modernen Termini ausgedrückt: es konzentriert sich auf das Gebiet des
Privatrechts. Auf diese Weise ist prinzipiell ein Nebeneinander mit dem
modernen europäischen Recht relativ reibungslos möglich.
Das Recht der Sharia wurde als Privatsache nicht wie Privatrecht,
sondern gewissermaßen wie Religion gehandhabt. So konnte es im
Religiösen überwintern, musste auch nicht von staatlicher Seite
reformiert werden, da es jederzeit sich sozusagen ins ganz Private
zurückziehen konnte, wo es vom Gewaltmonopol nicht als wirkliche
Konkurrenz wahrgenommen werden musste – um von da aus erneut ins
Öffentliche des Staatslebens vorzudringen. Die Sharia richtet die
Individuen im Alltag zum Selbstopfer zu. Das beinhaltet die besondere
Erniedrigung der Frauen, die in geschlechtliche Leibeigenschaft
gezwungen sind, und die absolute Ächtung der Homosexualität. Die
bekannten Strafen, die für Frauen und Homosexuelle vorgesehen sind und
in immer umfangreicherer Form praktiziert werden, haben wie die
Verhältnisse, für die sie einmal erfunden worden waren, ihren
barbarischen Charakter durchaus gewandelt: Die Menschen, die der Sharia
zuwiderhandeln, werden nicht mehr allein darum verstümmelt und zu Tode
gebracht, weil sie gegen ein Recht verstoßen haben, das ist
gewissermaßen der Anlass; sie werden gefoltert und müssen sterben, weil
an ihrem Leid und ihrem Tod die Gemeinschaft erlebt, der kollektive
Narzissmus ausagiert werden kann. Ein Erlebnis, das die durch die
bürgerliche Gesellschaft verwandelten staatlichen Formen nicht mehr
ohne weiteres bieten können. So organisiert die Sharia im Alltagsleben
unmittelbare Identität auf andere Weise als der Nationalsozialismus:
Während dieser unmittelbar in die Arbeitsgesellschaft eingreift (auf
dem Markt das Recht des Warenhüters, seine Ware frei zu verkaufen,
schrittweise zurücknimmt, im Arbeits- und Wehrdienst einerseits und in
der Einführung der Zwangsarbeit andererseits ganz aufhebt), setzt der
Islamismus bereits jenseits der bürgerlichen Gesellschaft und der
Warenzirkulation, auf der Ebene der Elementarform des Staates, der
Familie, an. Während der Nationalsozialismus noch gewaltige Massen von
Arbeitern integrieren musste und integrieren konnte, um sein
Vernichtungswerk in Gang zu setzen, brauchen diese politischen Banden
bloß Nachwuchs für permanentes Sucide bombing. Der Arbeitsdienst
entfällt: von der Familie direkt in den G'ihad. Die Volksgemeinschaft
erlebt der vereinzelte G'ihad-Genosse nur noch, wenn er Gelegenheit zum
Lynchmord an einer Ehebrecherin bekommt oder wenigstens bei ihrer
öffentlichen Hinrichtung zusehen kann – oder eben wenn al-G'azira über
ein Selbstmord-Attentat berichtet. Die Zugehörigkeit zur islamistischen
Gemeinschaft ist – im Unterschied zur nationalsozialistischen
Volksgemeinschaft – vom Einsatz der Arbeitskraft von vorneherein so gut
wie unabhängig. In ihr fühlt sich gebraucht und nicht überflüssig, wer
keinerlei Aussicht mehr auf einen Arbeitsplatz hat: Was ihn aber
außerhalb dieser ideellen Gemeinschaft und reellen Bande bedroht und
der Überflüssigkeit preisgibt, die kapitalistischen Verhältnisse, oder
besser gesagt: das Kapitalverhältnis, also das, was heute mit dem
Begriff der Globalisierung verschleiert wird, projiziert er auf eine
andere ‚Rasse‘, ein Gegen-Volk.
Und hier trifft sich die islamistische Gemeinschaft wieder mit der
nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Wie sah es doch Mohammed
Atta, der Selbstmord-Pilot vom 11. September: die Juden, das seien „die
reichen Strippenzieher der Medien, der Finanzwelt, der Politik, und
natürlich steckten auch hinter dem Einsatz der Amerikaner am Golf die
Juden, hinter den Kriegen auf dem Balkan, in Tschetschenien, überall.“
Sie stecken dahinter und sie sind überall. Wie im Nationalsozialismus
die rückwärtsgewandte Blut- und Boden-Ideologie durchaus mit der
Verherrlichung und Anwendung von modernster Technologie zusammengehen
konnte, wenn nur die abstrakte, ungreifbare Seite des
Kapitalverhältnisses in der Gestalt des Juden personifiziert wurde, so
konformiert die Blut- und Öl-Ideologie des Islamismus einschließlich
Sharia durchaus mit einer konkreten Beteiligung der Rackets an den
Finanzmärkten, soweit die Juden als Personifikation jeder negativen
Auswirkung dieser Märkte auf die Länder des Islam phantasiert werden.
Zur Geschichte des Suicide Bombing
Das reale Bündnis zwischen Nationalsozialismus und Islam blieb aber
bekanntlich ein prekäres Bündnis – und das hat mit der strukturellen
und ideologischen Verschiedenheit der Bewegungen zu tun. Die Nazis
konnten nicht über ihren eigenen Schatten springen und ihre
Rassentheorie im Falle der Araber aufgeben, die nun einmal als
minderwertige ‚Rasse‘ festgeschrieben waren: Für sie stellten die
Araber kaum mehr als eine Manövriermasse im Kampf gegen die Juden dar;
die Islamisten wiederum hatten immer einen religiösen Begriff von
Volksgemeinschaft: die umma als Gemeinschaft aller gläubigen Muslime,
der die Deutschen eben nicht angehörten. Was beide vereinte, war
derselbe Begriff von einem Gegenvolk: wenn dieses Volk vernichtet
würde, wäre die eigene Gemeinschaft erlöst. Im Koran sind die Juden
zwar zusammen mit den Polytheisten als die feindlichste Gruppe der
Ungläubigen gekennzeichnet – aber sie sind eben nur eine feindliche
religiöse Gruppe, so wie sie in Palästina zunächst nur eine bestimmte
Gruppe von Einwanderern und Kolonisatoren waren. Der Kampf gegen sie
mag eine Priorität gebildet haben – er war aber nicht die Voraussetzung
für die Erlösung der Muslime aus der Knechtschaft. Dazu wurde er erst
in einer bestimmten Konstellation, worin sich die ideologischen
Prozesse im Europa der frühen Neuzeit auf der Grundlage des modernen
Kolonialismus – unter dem direkten Einfluss deutscher Ideologie –
wiederholten: der Konfrontation mit der Obrigkeit –
feudalabsolutistischer Staat oder britische Kolonialmacht – konnte
ausgewichen werden, indem man die Juden als Verkörperung dessen
phantasierte, was hinter den negativ empfundenen Erscheinungen der
neuen Verhältnisse steckt.
Das Bündnis zwischen Islamismus und Nationalsozialismus war darum am
festesten dort, wo es um die Vernichtung der Juden ging. Dafür steht
der seit Beginn der zwanziger Jahre amtierende Mufti von Jerusalem Amin
el-Husseini, der ebenso mit der Muslimbrüderschaft wie mit den
irakischen Putschisten verbrüdert war. Er ist – und darauf macht
Matthias Küntzel nachdrücklich aufmerksam – die zentrale politische
Integrationsfigur des Islamismus von der Gründung der
Muslimbrüderschaft bis zum Werdegang Jassir Arafats. Seine direkte
Beteiligung an der Judenvernichtung ist inzwischen gut dokumentiert10
(- was aber nichts daran ändern konnte, dass sie innerhalb der Linken
und der deutschen Islamwissenschaften weiterhin ignoriert wurde11) –
weniger gut ist dokumentiert, dass er dafür nach dem Untergang des
Nationalsozialismus weder von der westlichen noch von der östlichen
Siegermacht zur Rechenschaft gezogen wurde. Beim Mufti von Jerusalem
war es die konventionelle religiöse Funktion seines Amtes, die ihm
seine Unabhängigkeit von den real existierenden Staaten ermöglichte und
darum auch erstaunliche politische Flexibilität in der kontinuierlichen
Verfolgung antisemitischer Ziele.
In Organisationen des Gùihad wie der Muslimbrüderschaft aber wuchs eine
Form des Rackets heran, die gerade auf jene Unabhängigkeit und
Flexibilität hin strukturell ausgerichtet war. Die Muslimbrüderschaft
ging nicht im Staat auf wie die NSDAP, sie operierte unabhängig vom
Gewaltmonopol mit ihrer eigenen Rechtssprechung. So stellte sie zwar
aus ihren Reihen die Mehrheit der Offiziere, die in Ägypten putschten,
darunter den neuen Staatsführer Nasser selbst. Als dieser aber unter
den Einfluss der Sowjetunion geriet, konnten die islamistischen Kräfte
ihre NGO-Strukturen weiter entwickeln, ihre Racketformen erproben und
ihre Unterwanderungsaktivitäten entfalten. Diese Konstellation von
Bruderschaft und Staatsführung, NGO und GO, kehrt ständig wieder: im
Verhältnis von Fatah und PLO ebenso wie in dem von Hamas und PLO: immer
aber trägt längerfristig die NGO den ideologischen Sieg davon und
prägte die wenigstens ansatzweise säkular orientierte Organisation um.
Das sacrifice bombing, mit dem die Hamas 1994 begann, war das
entscheidende Mittel, sich gegenüber der PLO zu profilieren: Es wurde
von den anderen, ursprünglich nicht unbedingt religiös dominierten
Organisationen übernommen. So ist es nur logisch, dass sich die
PLO-Kämpfer Fida’ijjin nennen: die Sich-Opfernden.
Ähnliches gilt in modifizierter Form sogar für das Verhältnis der
beiden Staaten Iran und Irak: Während dieser seit dem Machtantritt der
Baath-Partei am nationalsozialistischen Führerstaat ausgerichtet war,
erschien jener zunächst wie eine kurzfristig unter der Leitung des
Ayatollah Khomeinis zustande gekommenes Arrangement verschiedener
Rackets. Keinem der beiden gelang es, im konventionellen Sinn zu
triumphieren und den Gegner niederzuzwingen. Dafür aber gewannen beide
mehr und mehr Halt darin, einerseits die Formen des Selbstopfers und
des Einsatzes von Vernichtungswaffen ideologisch zu verwerten und
andererseits die NGOs der Vernichtung mit Geld und Waffen im Kampf
gegen Israel zu unterstützen. Aus den Gegnern wurden Konkurrenten im
Kampf gegen den Zionismus. Selbstopfer und Antisemitismus Wenn also
Attentate, wie die von New York, Moskau und Bali, in letzter Instanz
ihren Fluchtpunkt in der Zerstörung Israels als der Zufluchtsstätte
aller Juden haben, so sind sie doch nicht gleichzusetzen mit den
Anschlägen auf und in Israel selbst.12
Das ist das Zentrum, und wer sich hier befindet oder wer, weil er Jude
oder Jüdin ist, mit Israel identifiziert wird, sieht sich dem
Vernichtungswahn unmittelbar wie niemand sonst ausgeliefert. Und
insofern unterscheiden sich die Anschläge in New York und Tel Aviv dann
doch, obwohl sie im Innersten zusammengehören: Dieser steht ganz für
sich selbst, während jener immer erst auf das Judentum bezogen werden
muss und auf verschiedene Weise auch bezogen werden kann: So ist ja
auch die Legende weitverbreitet, der israelische Geheimdienst habe den
Anschlag verübt und rechtzeitig alle Juden gewarnt, die im World Trade
Center arbeiteten. Es war immer ein Kennzeichen des Antisemitismus,
dass er einerseits in der Praxis der Verfolgung ganz präzise auf seine
Opfer zielt, andererseits aber nur sehr undeutliche Hinweise auf deren
Identität gibt, die jeder als Anregung zur Weiterentwicklung des Wahns
aufgreifen soll.
Mit der Gründung des Staates Israel hatte sich die Konstellation des
Antisemitismus gewissermaßen verkehrt und war doch identisch geblieben:
denen man immer vorwarf, dass sie keinen Staat hatten und auch nicht
haben könnten, weil sie zum Opfer für den Staat nicht fähig seien,
gerade sie bauten nunmehr einen einheitlichen Staat auf, den sie auch
erfolgreich gegen alle Angriffe von außen verteidigten; die den Hass
auf die Juden jetzt am meisten schürten, konnten hingegen das erstrebte
homogene, alle Antisemiten der Region umfassende Staatsgebilde nicht
hervorbringen, sondern immer nur einzelne Staaten, die entweder mit
äußerster innerer Gewalt zusammengehalten werden oder in Bandenkriegen
zerfallen, und untereinander kein stabiles Bündnis zusammenbringen. Im
Vergleich zum deutschen Nationalismus kommt es zu keiner wirklichen
Homogenisierung. (Jenes nationale ‚Sein‘, das unabhängig von der
staatlichen Verfassung und den legalen Institutionen gedacht und
gefühlt wird, bleibt in sich selbst deutlich gespalten: Sunniten und
Schiiten bilden im islamischen Raum einen unvergleichlich schärferen
Gegensatz als Protestanten und Katholiken innerhalb Deutschlands oder
Europas; die Gemeinschaft des Glaubens hat es auch nicht vermocht,
arabische und nichtarabische Nationalismen zu verschmelzen: Araber,
Perser und Türken stehen sich entschieden fremder gegenüber als einmal
Bayern, Preußen und Österreicher - und heute Deutsche, Franzosen und
Italiener.) Gerade das in sich Zerfallene, das Nation nicht erreichen
und Homogenität nicht herstellen kann, aber auf Homogenität und Nation
umso fanatischer zielt, ist auf eine neue, intensive Weise auf
Antisemitismus ausgerichtet. Diese eine Projektion ist noch imstande,
die entscheidende Vermittlung zu leisten. Das als metaphysischer Feind
phantasierte Judentum ermöglicht die innigen Beziehungen der
konkurrierenden Banden zueinander und zu den existierenden Staaten, der
Rackets und Regierungen zur jeweiligen Staats-Bevölkerung, der reichen
Bürger zu den armen Massen, der stabilen Staatsgebilde zu den
zerfallenden Semi-Staaten. Mit einem Wort: Der Antisemitismus schafft
jene Identität, die alle Gegensätze der Region unter sich vereint, die
Einheit in der Zersplitterung. Er schafft sie, indem er sie wie ein
Waffe auf Israel und dessen Schutzmacht ausrichtet. Diese eigenartige
Konstellation im Islamismus führt umgekehrt auch dazu, dass jenes
absolute Feindbild, das allein Einheit stiften kann, selbst nicht mehr
so homogen erscheint und genau definiert wird, wie es den modernen
europäischen Antisemitismus kennzeichnet.
Es gibt keinen „Arierparagraphen“ und keine „Nürnberger Gesetze“ – denn
auf dieser organisatorisch kodifizierten und staatlich rechtlichen
Ebene operieren die islamistischen Rackets gar nicht. Der Feind ist
derselbe, die Bedrohung wird anders phantasiert: Die Not führt man
nicht auf die Assimilation der Juden zurück wie im europäischen
Antisemitismus, denn die Juden haben inzwischen einen eigenen Staat.
Was immer dieser Staat auch unternimmt, er ist es, der die Not in der
Region und in der ganzen Welt herbeiführt. Aber dieser phantasierte
Staat wird sozusagen in jedem einzelnen Juden verfolgt und bekämpft.
Durch die Zuordnung zu Israel erübrigt sich jede weitere Definition des
Judentums. Rassenkunde wird eingespart; nebenher bezeichnet man die
Juden des öfteren als Affen und Schweine, das genügt. Von einem rein
religiösen Judenhass zu sprechen, worin sich die Islamisten von den
Nationalsozialisten positiv unterscheiden würden, verkennt damit das
Wesentliche: die Ausrichtung islamistischer Ideologie auf die physische
Vernichtung der Juden, die an den Nationalsozialismus unmittelbar
anschließt.13 Sie allein lehrt, dass die rassistische Festlegung auch
dort am Werk ist, wo von Ungläubigen statt von Rasse gesprochen wird;
dass hier vielmehr die frühen religiösen Formen des Judenhasses mit den
eliminatorischen unmittelbar zusammenfallen.
Die Selbstmord-Rackets wollen – im Unterschied zum traditionellen Islam
– nur noch mit dem Tod missionieren. Wenn Carl Schmitt 1932 formuliert,
dass die „politische Einheit gegebenenfalls das Opfer des Lebens
verlangen“ müsse, dann enthält dieser Satz bereits die Drohung der
Vernichtung: Wer zum Opfer nicht bereit ist, dessen Vernichtung wird
dem Selbstopfer Sinn geben, wenn die politische Einheit gewaltsam
geltend gemacht werden soll. Festgestellt muss da nur noch werden, wer
im einzelnen zum Opfer nicht bereit ist und genauer auch: warum.
Religiöse Denkformen haben längst bestimmt, um wen es sich hier
handelt. Die Juden gelten dem Christentum als das Volk, das sich nicht
mit dem sich selbst opfernden Jesus identifizieren wollte; die
emanzipierten Juden gelten der deutschen Nation als jene
Individualisten, die sich auch dem Anspruch des Staates auf das Leben
seiner Bürger entziehen.
Soviel Juden auch von den Freiheitskriegen gegen Napoleon bis zum
Ersten Weltkrieg ‚für Deutschland‘ gefallen sind, die in der religiösen
Denkform eingebrannte Projektion konnte von solchen Tatsachen nicht
korrigiert werden, bildete sie doch bereits das einheitsstiftende
Prinzip der Nation. Der Deutsche, der sich opfert, wird nach Fichtes
Reden an die Nation erst zum wahren Staatsbürger – er geht damit aber
in jene Ewigkeit des Volkes ein, in die er schon immer hineingeboren
ward. „Dies ist seine Liebe zu seinem Volke (...) mit der Abstammung
daraus sich ehrend.“14 Es ist „Göttliches“ in ihm erschienen, und „das
Ursprüngliche hat dasselbe gewürdigt, es zu seiner Hülle und zu seinem
unmittelbaren Verflößungsmittel in die Welt zu machen; es wird darum
auch ferner Göttliches aus ihm hervorbrechen. Sodann tätig, wirksam,
sich aufopfernd für dasselbe. Das Leben, bloß als Leben, als Fortsetzen
des wechselnden Daseins, hat für ihn ja ohnedies nie Wert gehabt, er
hat es nur gewollt als Quelle des Dauernden; aber diese Dauer
verspricht ihm allein die selbständige Fortdauer seiner Nation; um
diese zu retten, muß er sogar sterben wollen, damit diese lebe, und er
in ihr lebe das einzige Leben, das er von je gemocht hat.“15 Im
„Gemüte“ dieses Bürgers „lebt die Liebe des Ganzen, dessen Mitglied er
ist, des Staates und des Vaterlandes, und vernichtet jede selbstische
Regung.“16
In der Verweigerung des Opfers aber, die man den Juden unterstellte,
sah man nicht zuletzt das Beweisstück, dass die Juden nicht konkrete
Deutsche werden konnten, dass die Assimilation scheitern musste. Die
Juden erfüllten nach ihrer politischen Emanzipation als einzige Gruppe
in Europa die Bestimmung von Staatsbürgerschaft als rein politischer
Abstraktion – denn ihnen wurde das Entscheidende abgesprochen, das sie
einzig zu konkreten Deutschen machen konnte: der Wille zum Nichts.
Christentum und Islam unterscheiden sich wesentlich vom Judentum gerade
in der Frage des Opfers – in der Frage, den Opferkult am eigenen Leib
und zugleich vergeistigt zu reaktivieren: im Christentum durch die
Gestalt des Sohn Gottes, der sich opfert und dessen Opferung die
christlichen Märtyrer und Asketen nacheifern. Im Islam, der ja den
Status von Jesus als Sohn Gottes nicht anerkennt, kehrt dessen
Selbstopfer unter anderem Namen wieder im Märtyrertod des Gùihad, der
die sofortige Erlösung des sich Opfernden bringt und die Entwertung des
irdischen Lebens voraussetzt.17 Die Schwäche der Juden, so hört man aus
den Reihen der Hamas, bestehe darin, dass sie das Leben mehr als
irgendwelche anderen Leute lieben und es vorziehen, nicht zu sterben.18
Die Märtyrer der Suicide-Rackets und die Soldaten der Israel Defense
Army, islamistische Selbstmordattentate und israelische
Verteidigungspolitik markieren demnach den äußersten Gegensatz – und
darin spitzt sich die Geschichte der politischen Gewalt zu: Während die
einen die Erlösung aus der irdischen Not für sich selbst wie für ihr
„Volk“ in der Vernichtung suchen, suchen die anderen nichts, als das
Schlimmste zu verhindern. Und das Schlimmste zu verhindern ist die
unbedingte Voraussetzung dafür, dass einmal im Konkreten und Irdischen
wirkliche Versöhnung möglich wäre.
Fußnoten
1 Gerhard Scheit lebt als freier Autor in Wien. Zuletzt erschien von ihm das Buch Die Meister der Krise (Freiburg 2001).
2 Spiegel 36/2002, S. 117
3 „(...) Wir versprechen, daß, inschallah, man bald davon hören wird,
was wir mit den Brüdern der Juden, den Russen, tun werden als Rache für
al-Aqsa. (...)“ Statement des Militärkommandos der tschetschenischen
Mudschaheddin vom 7. 10. 2001; in: Reuven Paz: The Chechen Islamists
and the Palestinian Intifada. Herzliya 2000; zit. n. Christoph Reuter:
Mein Leben ist eine Waffe. Selbstmordattentäter – Psychogramm eines
Phänomens. München 2002, S.339
4 Vgl. Esther Schapira: Wer erschoß den Jungen Mohammed Al Dura? In. Frankfurter Rundschau, 12.1.2002
5 Kanan Makiya: Republic of Fear. London 1990 [91 ???], S. 52; Zit. n.
Arras Fatah: Der postkoloniale Staat Irak und der Ba’thismus als
Nationsbildungsprojekt. In: Thomas von der Osten Sacken/Arras Fatah
(Hg.): Saddam Husseins letztes Gefecht? Der lange Weg in den III.
Golfkrieg. Hamburg 2002, S.66
6 Bachtyar Ali: Vom Willen des Mordens zum Willen der Vernachlässigung.
Eine Untersuchung über die Quellen der Anfal-Operationen. In: Rahand.
Zeitschrift für Theorie, Kultur und Analyse. (Stockholm) 7/1999, S.175
7 Thomas von der Osten-Sacken/Thomas Uwer: Ideologie und Terror. In:
Thomas von der Osten Sacken/Arras Fatah (Hg.): Saddam Husseins letztes
Gefecht? Der lange Weg in den III. Golfkrieg. Hamburg 2002, S.118
8 „Während eine atomisierte und durch Sanktionen ausgepumpte
Bevölkerung den Großteil ihrer Zeit mit der Jagd nach Brot verbringt,
funktioniert ein ineffektiver Verwaltungsapparat dank der Sanktionen zu
niedrigen Kosten; ein Zeichen der Flexibilität und Anpassungsfähigkeit
des irakischen Staats an die veränderten Zeiten und Umstände. Diese
Flexibilität ist nicht das Produkt irgendeiner bewußten staatlichen
Politik. Sie ist eine Überlebensstrategie. Zum einen hat die drastische
Reduzierung des Einkommens der Beamten zu weitverbreiteter Abwesenheit
und Landesflucht geführt. Das Resultat ist eine weniger kostspielige
Verwaltung (...) Außerdem hat der Revolutionäre Kommandorat, unter dem
Vorwand, sich auf die Sanktionen einzustellen, die Praxis der
Selbstfinanzierung eingeführt, selbst für solche Institutionen wie
staatliche Krankenhäuser und Kliniken, weiterführende Schulen und
Institutionen, die grundlegende Dienste bereitstellen.“ (Isam
al-Khafaji: Der Mythos vom Ausnahmefall Irak. In: Thomas von der Osten
Sacken/Arras Fatah (Hg.): Saddam Husseins letztes Gefecht? Der lange
Weg in den III. Golfkrieg. Hamburg 2002, S.171f.
9 Christoph Reuter: Mein Leben ist eine Waffe. Selbstmordattentäter – Psychogramm eines Phänomens. München 2002, S.108
10 Vgl. hierzu Klaus Gensicke: Der Mufti von Jerusalem Amin el-Husseini und die Nationalsozialisten. Frankfurt am Main 1988
11 Vgl. hierzu Matthias Küntzel: Djihad und Judenhaß. Über den neuen antijüdischen Krieg. Freiburg 2002, S.151 ff.
12 Auf diese notwendige Differenzierung haben mich Simone Dinah Hartmann und Florian Markl nachdrücklich aufmerksam gemacht.
13 Vgl. hierzu die vielen Fakten, die Robert Wistrich bereits in seinem
Buch Der antisemitische Wahn. Von Hitler bis zum Heiligen Krieg gegen
Israel (Ismaning bei München 1987) gesammelt hat.
14 Johann Gottlieb Fichte: Reden an die deutsche Nation. [1808] Johann
Gottlieb Fichtes sämmtliche Werke. Berlin 1845/46, Bd. VII, S.383
15 Ebd.
16 Ebd. S.431
17 „Und glaubet nicht, die für den Pfad Gottes getötet worden sind,
seien tot; nein, sie sind lebend, bei ihrem Herrn werde sie versorgt.“
(Sure 2, 163) „Den Tod kostend ist jede Seele und euer Lohn soll euch
vergolten werden am Tag der Auferstehung (...) Nichts weiter ist das
Leben hinieden als ein trügerisches Gerät.“ (Sure 2, 182) El Koran das
heißt Die Lesung. Die Offenbarungen des Mohammed ibn Abdallah des
Propheten Gottes. Zur Schrift gebracht durch Abdelkaaba Abdallah
Abu-Bekr übertragen durch Lazarus Goldschmidt im Jahre der Flucht 1334
oder 1916 der Fleischwerdung. 2. Aufl. Wiesbaden 1995, S.82f.
18 So der Hamas-Sprecher Ismail Haniya gegenüber der Washington Post.
Zit. n. Thomas Friedman: Suicidal Lies. New York Times, 31.3.2002 |
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