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Im Islam sind die Wurzeln nicht zu finden |
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Auch wenn Gerhard Scheit in seiner Analyse gegenwärtiger Entwicklungen
in Zusammenhang mit den Selbstmordattentaten in Israel oder New York
weitgehend recht zu geben ist, so falsch sind seine Ausführungen, wo es
um die Suche nach den Wurzeln für die aktuellen Ereignisse in der
islamischen Geschichte oder Religion geht - von Thomas Schmidinger
Gerhard Scheit hält den Islam für „dem Christentum eng verwandt, was
die Abwehr des Judentums betrifft“. Genau darin unterscheiden sich
Islam und Christentum aber zur Gänze. Während das Christentum als
jüdische Sekte und Regression des Judentums, durch Abfall von den
religiösen Gesetzen und Rückfall in einen nichteingestandenen
Polytheismus, sich ständig vom Judentum abgrenzen muss, ja allein die
Existenz des Judentums die Existenzberechtigung des Christentums
ständig in Frage stellt, hatte dies der zwar von Juden- und Christentum
beeinflusste, aber in einer polytheistischen Umgebung entstandene,
Islam nie notwendig. Der Islam fiel nie vom Judentum ab und kannte auch
nie den Mythos der Allmächtigkeit des Judentums, der in der
christlichen Mythologie aus dem Vorwurf des Gottesmordes resultiert.
Wer Gott ermorden kann muss schließlich als allmächtig imaginiert
werden. Im Islam ist Jesus aber nur ein Prophet unter vielen und je
nach islamischer Richtung steht auch seine Hinrichtung keineswegs fest.
Auch die Freudsche These, dass Antisemitismus seine tiefste unbewusste
Wurzel in einem Kastrationskomplex der unbeschnittenen Christen habe,
der von den beschnittenen Juden ausgelöst werde(1), kann für die
ebenfalls beschnittenen Muslime nicht geltend gemacht werden. Der Islam
kann deshalb insbesondere was „die Abwehr des Judentums“ betrifft nicht
als mit dem Christentum verwandt betrachtet werden. Juden wurden im
Quran meist mit Christen und Mandäern gemeinsam als Ahl al-Kitab, als
Religionen des Buches, erwähnt. Nur in einer einzigen Sure, die im
Zusammenhang mit einer konkreten Auseinandersetzung Muhammads mit
jüdischen arabischen Stämmen in Yatrib, dem späteren Medina, stand,
werden Juden explizit negativer beurteilt als Christen.
Auch in Bezug auf Opfer und Märtyrer sind sich Islam und Christentum
historisch und theologisch keineswegs gleich. Tatsächlich war der
Märtyrerkult dem sunnitischen Islam, im Gegensatz zum Christentum, fast
völlig fremd. Interessant ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass
es im schiitischen Islam sehr wohl einen ausgeprägten Märtyrerkult gab,
der sich insbesondere zu Muharram zeigt, wenn die Schiiten dem Tod des
Prophetenenkels Hussein in der Schlacht bei Kerbala gedenken. Hier wäre
es sicher interessant der Frage nachzugehen wie weit ein Zusammenhang
zwischen der Ausbreitung eines Märtyrerkultes in den letzten
Jahrzehnten und der Tatsache besteht, dass gerade im schiitischen Iran
erstmals eine „islamische Revolution“ gelang und schließlich auch der
Versuch unternommen wurde diese etwa mit Hilfe der libanesischen Hizb
Allah zu exportieren.
In der Praxis waren die jüdischen Gemeinschaften in der islamischen
Geschichte ebenso wie Christen und andere Angehörige von Buchreligionen
als Dhimmis, als „Schutzbefohlene“ akzeptiert, ein Status minderer
Rechte und Pflichten, der zwar die Zahlung einer erhöhten Steuer
festschrieb, dafür aber auch eine gewisse innere Autonomie garantierte.
Tatsächlich führte dieser Status regional und zeitlich begrenzt zu
einer verstärkten Prekarisierung der Schutzbefohlenen. Es gab auch im
islamischen Herrschaftsbereich immer wieder Verfolgungen religiöser
Minderheiten. Sie trafen meistens sowohl ChristInnen als auch Jüdinnen
und Juden. Sowohl Verfolgungen, die sich ausschließlich gegen jüdische
Bevölkerungsgruppen richteten, aber auch Angriffe, die allein die
christlichen Minderheiten trafen, sind uns aus der islamischen
Geschichte bekannt. Eine spezifisch gegen Jüdinnen und Juden gerichtete
Verschwörungstheorie, die den Juden wie im Christentum Allmacht
zuschrieb, existierte in der islamischen Geschichte jedoch bis zum
Import derselben aus Europa nicht.
Erst im Zuge des europäischen Zugriffes auf die Arabische Welt im 19.
Jahrhunder konnten sich Ritualmordlegenden und Vorstellungen einer
jüdischen Weltverschwörung ausbreiten. Verschwörungstheorien richteten
sich im Nahen Osten zunächst eher gegen die christlichen Minderheiten.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wuchs der Einfluss
„christlicher“ europäischer Mächte im islamisch beherrschten Raum. Sie
drängten unter anderem auf eine ökonomische und politische
Besserstellung der christlichen Minderheiten, die sie als Verbündete
ihrer beginnenden Kolonialpolitik betrachteten. Für die jüdischen
Minderheiten interessierten sich die europäischen Mächte zunächst
nicht. Die durch die hegemoniale Politik ausgelösten Aggressionen
richteten sich daher eher gegen die arabischen Christen als gegen
Jüdinnen und Juden. So wurde im späten Osmanischen Reich die Verfolgung
der christlichen Armenier durch die nationalistischen „Jungtürken“
teilweise mit ähnlichen Stereotypen begründet wie sie der europäische
Antisemitismus benutzte. Die über das gesamte Land verteilten,
teilweise im Handel aktiven Armenier wurden mit Wucher und
Geldgeschäften in Verbindung gebracht, im Ersten Weltkrieg als
Verbündete Russlands betrachtet und 1915 durch Deportation in die Wüste
vernichtet.
Dies geschah jedoch zu einem Zeitpunkt, als die islamische Welt bereits
längst dem Zugriff europäischer Kolonialmächte ausgesetzt war und ist
nicht Teil einer ausschließlich genuin islamischen Entwicklung, sondern
Teil der Geschichte eines peripheren Kapitalismus im von
Kolonialmächten zerütteten und von europäischen Nationalismusexporten
zersetzten späten Osmanischen Reich. Auch der erste große moderne
Pogrom in der Arabischen Welt, der aufgrund eines Ritualmord-Vorwurfes
1940 in Damaskus stattfand, wurde von der Beschuldigung katholischer
Kapuzinermönche ausgelöst und mit der tatkräftigen Mithilfe des
französischen Konsuls durchgeführt. Die Entwicklung des Antisemitismus
in der arabischen Welt hat somit sehr wenig mit dem Islam, hingegen
sehr viel mit der modernen ökonomischen und politischen Entwicklung der
Region zu tun.
Gerhard Scheit bleibt auch eine Erklärung schuldig, warum die
„>Sharia< die optimale >Rechtsform< für Rackets ausgebildet
habe“. Was versteht er hier unter „Sharia“? Es gibt allein im
sunnitischen Islam vier verschiedene traditionelle Rechtsschulen, die
wiederum nie ein gesatztes Recht formuliert haben, sondern vielmehr als
Rechtstraditionen zu betrachten sind, so wie etwa das römische Recht
als Grundlage der europäischen Rechtsentwicklung zu betrachten ist.
Zwar ist es nicht völlig willkürlich was unter sharia (arab. Weg) zu
verstehen ist, der Interpretationsrahmen läßt aber einen Spielraum
offen, der sehr vieles ermöglicht.
Eine ähnliche Kritik hätte ich an der Verwendung des G'ihad-Begriffes.
Gerhard Scheit verwendet den Begriff hier so, wie ihn Bin Ladin oder
andere bewaffnete islamische Integralisten heute in der Praxis
anwenden, definiert ihn aber als Begrifflichkeit des Islam. Nun ist der
traditionelle G'ihad-Begriff jedoch eher mit dem christlichen Konzept
des „gerechten Krieges“, wie es von Thomas von Aquin entwickelt wurde,
zu vergleichen und nicht als „Kampf, der das Selbstopfer als
Selbstmordattentat immer schon einschloß“ der „immer der Erweiterung
der Gemeinschaft und der Ausdehnung ihrer Macht“ diente. Tatsächlich
war das islamische G'ihad-Konzept immer als Verteidigungskrieg gegen
einen Angriff aus dem dar al-harb, also dem nichtislamischen
Herrschaftsbereich, definiert. Gerade aufgrund dieser Definition müssen
sich moderne islamische Integralisten ihren G'ihad zum
Verteidigungskrieg umlügen und sich selbst bzw. die islamische
Zivilisation als Opfer aller möglicher zionistischer, amerikansicher,
westlicher oder eben jüdischer Verschwörungen begreifen, gegen die sie
sich mit Hilfe des G'ihads zur Wehr setzten.
Offen bleibt für mich auch die Frage ob Gerhard Scheits Annahme, dass
„die rassistische Festlegung auch dort am Werk ist, wo von Ungläubigen
statt von Rasse gesprochen wird“ wirklich eine völlige Identität des
rassistischen Vernichtungsantisemitismus mit dem religiösen
Vernichtungsantisemitismus eines Bin Ladin oder eines G'ihad Islamy
begründen kann. Selbstverständlich geht es auch einem religiösen
Antisemiten oder einer religiösen Antisemitin darum Jüdinnen und Juden
zu töten, allerdings eröffnet sich bei einem solchen religiösen
Antisemitismus immerhin noch die Möglichkeit der Konversion. Selbst für
die Hamas dürfen Jüdinnen und Juden in der Umma mitmachen, wenn sie
sich der islamischen Gemeinschaft anschließen und selbst auch beim
G'ihad mitmachen. Vom Nationalsozialismus verfolgte Jüdinnen und Juden
wurden vernichtet, egal ob sie konvertierten oder wie deutschnational
sie dachten. So wichtig dieser Unterschied für die Analyse und Kritik
auch ist, so wenig beruhigend ist er allerdings.
Fußnote
(1) In einer Fußnote in „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben“
äussert sich Sigmund Freud folgendermaßen zum Zusammenhang von
Kastrationskomplex und Antisemitismus: „Der Kastrationskomplex ist die
tiefste unbewußte Wurzel des Antisemitismus, denn schon in der
Kinderstube hört der Knabe, daß dem Juden etwas am Penis – er meint,
ein Stück des Penis – abgeschnitten werde, und dies gibt ihm das Recht,
den Juden zu verachten.“ (Freud, Sigmund: Gesammelte Werke Bd. VII, S.
271, Frankfurt am Main, 1999)
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