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Eine Antwort auf Thomas Schmidingers kritische Bemerkungen - von Gerhard Scheit
Es wäre ganz und gar absurd zu leugnen, daß der Ursprungsort des
Antisemitismus das Christentum ist. Und bei diesem Ursprung spielt
gerade die unmittelbare, aber perhorreszierte Nähe zum Judentum eine
entscheidende Rolle. Dennoch konstituiert sich auch der Islam – wie
immer vermittelt – unter den Voraussetzungen des Judentums
(Gemeinsamkeit der Mythen des Alten Testaments, vieler Gebote etc.) und
damit zugleich in der Gegnerschaft zum Judentum, wobei wie bei den
Christen eine Anpassung an polytheistische Traditionen der jeweiligen
Umgebung erfolgt. Vermittelt heißt: es gibt zwar nicht den Vorwurf des
Gottesmordes als zentralen Bestandteil der Mythen, aber immerhin den
des versuchten Mordes am Propheten Jesus sowie mehrere Bezichtigungen
der Wortverdrehung, der Lügenhaftigkeit (z.B. Sure 4 48-49; Sure 2
70-73; ich stütze mich auf die Übersetzung von Lazarus Goldschmidt,
Berlin 1920; Neuaufl. Wiesbaden 1995); es gibt zwar im Ursprung keine
innere Abstoßung vom Judentum, die wie die christliche auf eine frühe
Abspaltung gefolgt wäre, aber eine äußere in der Auseinandersetzung mit
den jüdischen Stämmen, die sich offenbar nicht bekehren lassen wollten.
Im Koran taucht dann bereits der Vorwurf auf, manche Juden würden sich
nur zum Schein bekehren, und vielleicht nicht zufällig in diesem
Zusammenhang die physische Assoziation, daß einige Juden von Gott in
Affen und Schweine verwandelt worden seien (Sure 5 64-69). Diese frühe
Abwehr des Judentums, wie sie in den Offenbarungen Mohammeds
festgehalten wird, verhinderte nicht Perioden einer jüdisch-islamischen
Symbiose, die spätere Übernahme des europäischen Antisemitismus ist
durch sie jedoch erleichtert worden. Der Islam, der den
Kreuzestod Jesu zurücknahm, konnte dennoch auf das Selbstopfer nicht
verzichten – und das hängt mit seinem Bekehrungsdrang zusammen, der
großräumig mit dem Christentum konkurriert. (Hier müßten natürlich die
unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen solcher Konkurrenz
erläutert werden – die frühe Staaten- und Kapitalbildung betreffend. Es
erwies sich der Islam als die Religion einer vom Handelskapital
dominierten gesellschaftlichen Struktur; der Durchbruch zum
industriellen Kapital und zum Nationalstaat unterblieb; die schlagartig
entstandene Bedeutung des Handelsguts Erdöl sorgte aber schließlich für
ungeahnte Finanzierungsmöglichkeiten.)
G'ihad – wie Thomas
Schmidinger – mit „Verteidigungskrieg“ zu übersetzen kann nur für ganz
bestimmte historische Konstellationen sinnvoll sein, kaum für die
großen Expansionsbestrebungen und den immer wieder ausgeübten Druck zur
Konversion. Die buchstäbliche Bedeutung ins heutige Deutsch zu
übertragen, wird sinnlos, wenn das Verhältnis der heiligen Worte zu den
gesellschaftlichen Taten nicht zur Sprache kommt. Daß der Märtyrerkult
dem sunnitischen Islam – im Unterschied zum schiitischen – „fast völlig
fremd“ gewesen sei, wie Schmidinger schreibt, erinnert daran, daß es
auch im Christentum große Unterschiede gibt, was die Bedeutung dieses
Kults betrifft (Protestantismus – Katholizismus etc.). Die Frage des
Selbstopfers läßt sich auch nicht auf den Kult einzelner Märtyrer
reduzieren, denn sie beinhaltet zuallererst ein bestimmtes Verhältnis
zu Gott und Jenseits und eine bestimmte Haltung zum Andersgläubigen
bzw. „Ungläubigen“. Glaubensinhalte wie die Verheißung, durch den Tod
sofort ins Paradies zu gelangen, oder Glaubensziele, wie die
Ausbreitung der umma über die Welt, finden sich nun einmal auch im
sunnitischen Islam. Es kann aber bei solchen Überlegungen zur
Geschichte des Islam nicht um die „Wurzeln“ der Selbstmordattentate
gehen, da stimme ich Thomas Schmidinger ganz zu. Diese Anknüpfung an
den Vernichtungswahn des Nationalsozialismus läßt sich nur im
Zusammenhang des Ganzen analysieren und ist nicht einfach auf eine
bestimmte historische Tradition zurückzuführen. (Insofern betrachte ich
meine Formulierung, daß der G'ihad „das Selbstopfer als
Selbstmordattentat immer schon einschloß“, tatsächlich als
mißverständlich.) Es bleibt jedoch die Frage, auf welche Weise
bestimmte Traditionen Vorschub leisten, den europäischen Antisemitismus
sich anzueignen.
Problematisch erscheint mir hier die
Differenzierung, die Thomas Schmidinger einführt, wenn er von der
Möglichkeit der Konversion spricht, die für Juden angesichts einer
Organisation wie der Hamas bestehe. Für die fundamentale Zweideutigkeit
des „religiösen Antisemitismus“, hinter dem der auf Physis und „Rasse“
zielende lauert, hätte doch allein die spanische Inquisition genügend
Anschauungsmaterial geliefert. Und die Möglichkeit als „Ehrenarier“ zu
überleben, gab es in einigen ganz wenigen Fällen auch im Dritten Reich.
Problematisch erscheint mir die Differenzierung, weil sie eben nicht
die Differenz in der veränderten gesellschaftlichen und politischen
Lage des Judentums reflektiert. Eine Rassentheorie ist für den
Antisemiten in einer bestimmten Konstellation vonnöten - etwa, wenn er
sich einer zur Assimilierung bereiten, größeren Masse von Jüdinnen und
Juden unmittelbar gegenüberfindet, wie in Deutschland und in der
Habsburgermonarchie im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sie ist aber
nicht vonnöten angesichts eines jüdischen Staats. Denn hier kann der
Antisemit an diesem Staat selbst bereits die nötigen Kriterien und
Anhaltspunkte gewinnen, um die Juden zu identifizieren. Und zugleich
zeigen die Anschläge auf Einrichtungen jüdischer Gemeinschaften
weltweit, daß diese Identifizierung ebenso die Juden betrifft, die gar
keine Israelis sind! Auch ohne Rassentheorie und unmittelbar
rassistisches Vokabular handelt es sich durchaus um einen rassistischen
Begriff vom Judentum. Jüdische Religion und jüdischer Staat dienen ihm
als Hinweise auf Name und Adresse jeder einzelnen Jüdin, jedes
einzelnen Juden, auf deren physische Existenz er es abgesehen hat. |