Ein Redaktionsgespräch
Nachdem Hannah Fröhlich letzten Herbst eine kritische Besprechung
der Kramar/Leisch-Inszenierung von „Mein Kampf“ veröffentlicht hat,
kommt es in der Redaktion des Augustin zu einem handfesten Konflikt, in
dem sich Hannah massiv in ihrer jüdischen Identität angegriffen fühlt.
In einem längerfristigen Konflikt zwischen der Projektleitung, dem Team
und der Mitarbeiterin verschärft sich der Ton. Hannahs Ablehnung der
Inszenierung wird nicht ihrer Urteilsfähigkeit, sondern geheimen Rache-
und Machtgefühlen zugeschrieben, mit denen sie gegen ihre nichtjüdische
Umwelt vorgehe. Antisemitische Angriffe – zu denen die permanente
Diskussion, was antisemitisch ist und was nicht, selbst zu rechnen ist
– radikalisieren einen Beziehungs- und Teamkonflikt und führen dazu,
dass Hannah ihre Stelle kündigt.
Das Eingehen der Context
XXI-Redaktion auf Geschehnisse, die immer Gefahr laufen, als
„Einzelfall“ abgetan zu werden, und die Veröffentlichung unseres
Gesprächs mit Hannah gründet in dem Wunsch, Bewusstsein zu schaffen und
eine Reflexion anzuregen, die gerade auch bei fortschrittlichen
Projekten dringend nötig ist. Gruppenkonflikte greifen auf Praktiken
zurück, die sich Elemente des Antisemitismus, des Rassismus, des
Sexismus, der Homophobie und vergleichbarer Diskriminierungskulturen
bedienen. Der Verlauf solcher Konflikte ist – strukturell gesehen –
oftmals gleich: Es findet Diskriminierung statt, dies wird – oft erst
nach langer Zeit – von den Betroffenen artikuliert, darauf folgt eine
lange Beweisführung warum der Diskriminierungsvorwurf keineswegs
stimmen kann. Häufig richtet sich die Wut neuerlich gegen dieselbe
Person und ihre „Anschuldigungen“. Schließlich geht das „Opfer“ und
nimmt nicht nur das Leiden, sondern auch sämtliche – ganz materielle –
Kosten auf sich. Linke Kollektive und Projekte müssen sich Fragen nach
ihrem eigenen Umgang mit Minderheiten, nach latenter Aggression gegen
Einzelne oder Teile der Gruppe etc. stellen, nicht nur punktuell
sondern selbstkritisch und konsequent, sonst reproduzieren sie
beharrlich hegemoniales – und das heißt wohl auch: inkorporiertes –
diskriminierendes Verhalten.
Das Gespräch führten Eva Krivanec, Günter Hefler, Hannah Fröhlich und Thomas Schmidinger.
Eva: Hannah, wie hat der Konflikt begonnen?
Hannah:
Es sah zunächst so aus, als wäre das „nur“ ein Konflikt zwischen dem
Chefredakteur und mir. Es gab eine Sitzung, in der vor den anderen
Vorstandsmitgliedern deutlich wurde, dass wir uns bei einer bestimmten
Sache nur noch befetzen und zwar bei meinem Artikel zur Inszenierung
von Taboris Mein Kampf und der Platzierung der Folgereaktionen darauf.
Bei dieser Sitzung wollte sich sonst niemand inhaltlich einmischen und
wir bekamen den Auftrag, unsere Probleme im Rahmen einer Mediation in
den Griff zu kriegen. Trotzdem war es Sitzungsbeschluss, dass ich
solche Artikel in Zukunft nicht mehr schreiben soll, mit der
Begründung: die machen so viel Wind. Damit hatte sich die Gruppe
bereits gegen mich positioniert. Dass der Chefredakteur und ich auf
keinen grünen Zweig kommen würden, damit hat niemand gerechnet. Auch
ich nicht. Und ich glaube, dass ich letztlich gegangen bin, tut ihnen
allen leid.
Günter: Wie hat Deine Beziehung zum Chefredakteur begonnen?
Hannah:
Eigentlich wurde diese Arbeitsbeziehung sehr schnell eng und
freundschaftlich, ziemlich bald nachdem ich dort zu arbeiten angefangen
habe.
Eva: Spielte es eine Rolle, dass es sich um einen
linken Zusammenhang handelt, um ein Umfeld, wo es eher nicht darum
geht, irgendeinen Job runterzudrehen, sondern etwas zu bewegen?
Hannah:
Mir war das Politische anfangs gar nicht so bewusst. Ich hab in erster
Linie das Sozialprojekt gesehen, das hat mich angezogen. In das
Politische bin ich erst hineingewachsen, denn ich komme ja von einem
ganz anderen Eck. Auf diesem Weg war der Chefredakteur auch mein
„Lehrer“. Allerdings kam es im Februar 2000 zu einem Bruch. Damals
wurde der MUND (MedienUnabhängiger NachrichtenDienst) gegründet und
sehr bald gab es da antisemitische Postings. Ich war ganz entsetzt und
habe den Chefredakteur darauf angesprochen. Für mich war das
selbstverständlich, mit ihm über solche Dinge zu sprechen. Naja und ich
war mit seiner Antwort nicht zufrieden. Ich hab’ das dann verdrängt und
mir gedacht, da wird wohl was mit mir nicht stimmen, bis ich dann
gemerkt habe, dass es Leute gibt, die auch nicht zufrieden wären mit so
einer Antwort. Und dieses Bewusstsein hat mir Stück für Stück genug
Kraft gegeben, auch einmal was dagegen zu sagen. Das waren
Konfrontationen, die sehr respektlos waren. Wir haben das dann wieder
gelassen, unsere Arbeit gemacht und verdrängt, was uns entzweit hat.
Nach und nach ist der zeitliche Abstand zwischen Verdrängung und
Konfrontation immer kürzer geworden. Also man kann die ganze
Geschichte auch so sehen, dass irgendwann der Zeitpunkt kam, an dem ich
mich von meinem „Lehrer“ gelöst habe und er konnte damit nicht umgehen.
Es war ja auch so, dass ich als 25-Stunden-Kraft angefangen habe, dann
in die Vollzeit gewachsen bin und letztlich ihn ersetzt habe, wenn er
nicht da war. Er hat gewusst, das Werk‘l läuft, auch wenn er nicht da
ist.
Günter: Deine KollegInnen haben Deine Vertretungsposition akzeptiert?
Hannah:
Das Redaktionelle hat gut funktioniert. Ich habe versucht, ein bisschen
anders zu arbeiten als er, gemeinsame Diskussionen und Feedback
einfließen zu lassen und das war für alle angenehm. Aber es war
natürlich immer klar, dass er die „graue Eminenz“ ist. Das ist jetzt
noch mal deutlicher geworden, sodass niemand mehr dran vorbei kann.
Eva: Das ist aber in dem Projekt, so wie es entstanden ist und sich entwickelt hat, nie in Frage gestanden?
Hannah:
Nein, das war nie eine Frage. Er hat mit seiner Lebensgefährtin, die
als Sozialarbeiterin dort arbeitet, das Projekt gegründet. Es gab
Versuche, das zu thematisieren und wir haben ein ganzes Wochenende
Supervision mit diesen Fragen verbracht: Welche Strukturen gibt’s und
welche Strukturen wollen wir haben? Aber leider ist die Wurzel von
diesen Fragen nicht behandelt worden, denn im Grunde geht’s um
Vertrauen. Als Mitarbeiterin brauche ich das Vertrauen, dass
Entscheidungen, die mich betreffen, mit mir rechtzeitig besprochen
werden. Darum geht es eigentlich.
Günter: Das ist jetzt nur
eine vorläufige Vermutung: Es ergibt natürlich einen Konflikt, wenn
jemand von dir sehr starke Anerkennung erwartet und Du ihm diese nicht
mehr gibst. Ich denke, dass der Chefredakteur deine Bewunderung sehr
genossen hat, es genossen hat, dass du ihn fragst, ihm vertraust, seine
politische Meinung respektierst und diese bis zu einem gewissen Grad
auch übernimmst. Das soll dann plötzlich alles verloren sein. Ich frage
mich, ab wann dieses einfache Verhältnis – aus seiner Position heraus –
sich zu transformieren begonnen hat. Ich mag den Begriff aus der
Psychotherapie vom „Honeymoon“, also der ersten Phase einer Therapie,
in der alles ganz wunderbar erscheint, weil es eine so starke positive
Übertragung gibt. Ähnliches gibt es in vielen anderen Kontexten: Man
beginnt zu arbeiten, ist unheimlich motiviert, findet die andere Person
ganz toll und schreibt ganz stark positiv zu und die andere Person ist
ganz stark angesprochen, genießt die Anerkennung ungemein. Und
irgendwann bricht das Ganze...
Hannah: Die grundsätzliche
Relativierung – das ist ein Mensch und der hat Stärken und Schwächen –
fand schon lang vorher statt. Was ich hier mit Februar 2000 meine, war
zunächst wirklich ein politischer Konflikt, unterschiedliche Ansichten
über die Gefahr von Antisemitismus. In der Mediation hat er gesagt,
dass ich für ihn immer die einzige war, mit der er diskutieren konnte,
und das hätte er an mir so geschätzt. Als ich ihm dann zu verstehen
gab, dass ich nicht mit ihm diskutieren will, war das eine Enttäuschung
für ihn. Bloß, für mich waren das keine Diskussionen, sondern Kämpfe,
angehört zu werden. Abgesehen davon haben mir seine Statements weh
getan. Mich betrifft Antisemitismus eben persönlich, genauso wie
Israelpolitik. Er konnte nicht akzeptieren, dass mich manche Themen
in einer anderen Art und Weise betreffen als ihn. Heute weiß ich, dass
das auch schon mit Abwehr zu tun hat. Damals aber war es einfach das
Gefühl, völlig ignoriert zu werden. Ein Beispiel: Ich habe Verwandte
in Amerika, eine Tante lebt in New York City, und der Chefredakteur
wusste das. Nach den Anschlägen vom 11. September haben wir die ersten
Tage nichts von ihr gehört, es gab keine Verbindung. Wir wussten nicht,
was mit ihr ist. Wie gesagt, es war ein sehr enges Arbeitsverhältnis.
Wäre die Situation umgekehrt gewesen, hätte ich ihn sicher gefragt, ob
mit seiner Familie alles in Ordnung ist. Er hat das nicht getan, er hat
nur verbal auf Amerika hingehauen. In der Mediation habe ich ihn
gefragt, warum das so war, warum er nicht auf die Idee kam, mir sein
Mitgefühl zu signalisieren, wie es möglich war, dass er mich nach
viereinhalb Jahren dermaßen „übersieht“. Er hatte auf diese Frage keine
Antwort. Ich denke, dass er mich auch davon überzeugen wollte, dass
Israel das menschenverachtendste Land mit der schlimmsten Regierung
überhaupt ist. Was aber für mich das Schlimmste war: Er hat wiederholt
die seiner Meinung nach „guten Juden“ angeführt und mir vorgehalten.
Namen wie George Tabori, Peter Zadek, Woody Allen und andere. Dahinter
stand, dass ich in seinen Augen keine „gute Jüdin“ bin, weil ich dem
nicht entspreche, wie er mich haben möchte, wie ich sein und was ich
denken soll. Gleichzeitig war er nie im Stande, mir eine einzige Frage
zu stellen. Einfach mal zu sagen: „Du, wie ist das eigentlich für
dich?“, „Wie siehst du das?“ oder „Wie gehst du damit um?“ Auch in zehn
Stunden Mediation gab es keine Frage.
Günter: Ich suche nach
möglichen konkreten Motiven, warum dich der Redakteur antisemitisch,
also durch die Nutzung des Instrumentariums, das ein kulturell
verankerter Antisemitismus bereitstellt, angreift, warum er Akte der
Aggression setzt, warum es diese Vergegenständlichungen von unbewusster
Wut gibt. Das ist natürlich spekulativ... Also, er hat ja „nur“ mit dir
über Israel gesprochen, obwohl er weiß, dass er Dir damit weh tut (das
hast Du ihm gesagt), aber seine politische Meinung, die darf er doch
wohl sagen, das kann ihm doch niemand verbieten. Das Ausagieren seiner
Wut hat auch noch eine „Rechtfertigung“. Ich mache jetzt einen nicht
ganz angebrachten Vergleich, aber in einer anderen Konstellation hätte
ein Vorgesetzter plötzlich beginnen können, lauter Fehler zu entdecken.
Auf einmal überall ein Beistrichfehler oder: „Wir haben doch sonst die
Briefe immer anders gefaltet.“ Plötzlich gibt es eine Unzahl von
Zurechtweisungen und wenn er oder sie gefragt wird, warum sie denn so
gemein ist, antwortet sie: „Nein, ich nehme nur meine Arbeit ernst!“
Obwohl es doch ganz offensichtlich ist, dass da viel Wut im Spiel ist.
Hannah:
Das hat mit dem Tabori-Artikel angefangen. Da war mein Stil dann auf
einmal untragbar und am Schluss hat es geheißen, ich sei nicht
kompetent, um über Antisemitismus zu schreiben.
Schmidi: Ja,
wir dürfen nicht vergessen, dass dieser Konflikt erst seit dem Artikel
über Tina Leischs und Hubsi Kramars Tabori-Inszenierung so eskaliert
ist und damit vor allem auch eine politische Komponente besitzt. Euer
Chefredakteur sah sich da plötzlich, vielleicht nicht einmal mit seinem
eigenen Antisemitismus, aber zumindest seinem eigenen ungeklärten
Verhältnis zum Täterkollektiv und dessen Nachkommen konfrontiert. Und
er wollte es sich mit diesen nicht verscherzen. Er ist da mit seinem
Projekt, das zuvor von allen bejubelt worden ist, in einen Konflikt
gekommen, in dem er mit deinem Artikel keine Pluspunkte sammeln konnte.
Hier zeigt sich dann die politische Komponente des Konfliktes.
Hannah: Ja, der Vorstand hat sich de facto gegenüber der Öffentlichkeit
positioniert und das war eine Stellungnahme gegen mich. Der
Chefredakteur hat genau gewusst, warum er das alles so drin stehen
lässt, was Hubsi Kramar geschrieben hat, und wieviel Platz er ihm dafür
einräumt. Er hat mir auch gesagt, dass er zwar den Begriff
‚Antisemitismuskeule’ selbst nicht verwenden würde, aber das, was
dahinter steht, hätte seine Berechtigung. Mein Artikel war eine
Übertreibung und eine Denunziation von einem Menschen, der nur „Gutes“
will.
Schmidi: Ja, und es ist insofern auch ein
Nicht-Wahrhaben-Wollen von Antisemitismen und Rassismen bei den
„Guten“, zu denen sich der Augustin zählt, zu denen sich Hubsi Kramar
zählt, Tina Leisch und alle anderen „guten Menschen“. Ein solches
Nicht-Wahrhaben-Wollen kann es durchaus auch bei uns selbst geben.
Hannah:
Genau. Jetzt ist das aber normalerweise auch noch kein Problem, wenn es
unterschiedliche Sichtweisen auf eine Inszenierung gibt: Für mich war
die Sache schlecht, für jemand anderen war sie toll, wo ist das
Problem? Aber meine Sicht auf die Inszenierung hat offenbar Ängste
ausgelöst, die es abzuwehren galt.
Schmidi: Ich glaube, dass
die Tatsache, dass es bei der Diskussion um Antisemitismus gegangen
ist, diesen Konflikt noch zusätzlich verschärft hat – insofern, als der
Vorwurf des Antisemitismus seit Auschwitz so monströs ist, dass jene
Antisemitismen, die nicht gleich im Vergasen von Jüdinnen und Juden
bestehen, nicht mehr als solche wahrgenommen werden, sondern nur mehr
Auschwitz als Antisemitismus gedacht wird. Sekundärer Antisemitismus
oder ein sich als Antizionismus gebender Antisemitismus kann als
solcher gegenüber sich selbst oder innerhalb einer Gruppierung kaum
eingestanden werden und wird somit auch nicht bearbeitbar. Stattdessen
wird dann jenen, die Kritik am Antisemitismus „der Guten“ äußern,
vorgeworfen, sie würden "Antisemitismuskeulen" schwingen.
Günter:
Ein Problem dabei ist, dass es kein Eingeständnis gibt, dass wir alle
an einer Kultur aufgewachsen sind, in der Antisemitismus existiert, und
damit Motive übernommen, in unsere Phantasmen eingeordnet und mit allen
möglichen Gefühlen besetzt haben. Und das es damit die Aufgabe gibt,
all das zu bearbeiten und durch eine angemessene Gegenkultur zu
ersetzen. Das gelingt nicht durchgängig, bedarf viel Aufmerksamkeit und
oftmaliges Durcharbeiten. Das heißt, wir können bei unser Aufarbeitung
Fehler machen, und es geht darum zu lernen, diese Fehler zu sehen und
über sie betroffen zu sein – aber auch darum, dass die Fehler nicht
einem unveränderbaren Wesenszug entspringen. Das ist ja in der
gesamten Charakterlehre des Antisemitismus so. Wenn du ihn – den
Antisemitismus – überhaupt hast, dann sitzt er so tief und ist so
zusammengeballt, dass er dich völlig bestimmt. Auf einen so
fundamentalen Vorwurf antwortest du immer nur mit völliger Abblockung,
weil „so ein Mensch“ bist du nicht. Wenn die andere Person sagt, du
bist doch so ein Mensch, dann setzt das alles frei, was du nur an
Aggression, an Wut in dir aufbringen kannst. Ohne zu merken, was du
tust und dass du einen zumeist relativen, bescheidenen Vorwurf – es
geht ja oft nur um Kleinigkeiten, um die Wortwahl, um Rücksichtnahmen –
zum Anlass nimmst, dich völlig infrage gestellt zu sehen, und es
deshalb du bist, der zu einem haltlosen Gegenangriff übergeht. Was wären für dich jetzt mögliche Reaktionsformen, was wünschst du dir?
Hannah:
Einerseits wünsche ich mir, dass sich der Vorstand des Projekts
öffentlich zu meinem Abgang positioniert. Ich bin jetzt weg und damit
ist es sehr einfach, das, was passiert ist, unter den Tisch zu kehren.
Es gibt eine Kollegin, die verstanden hat, was da abgeht und mir auch
den Rücken gestärkt hat, so gut sie konnte. Ihr ist es ein Anliegen,
die Sache aufzuarbeiten, aber sie weiß so gut wie ich, dass sie das
nicht mehr durchbringen wird. Mit einer öffentlichen Stellungnahme
müssten sich die Beteiligten zumindest noch einmal damit beschäftigen.
Aber das ist nur eine Ebene, denn für mich persönlich gibt es noch
viele ungelöste Fragen. Ich kämpfe damit, was ich mit diesen
Erlebnissen jetzt mache: Wie kann ich sie sinnvoll verarbeiten, welche
Konsequenzen haben sie für mich und meinen Umgang mit Menschen, was
bedeuten sie für einen zukünftigen Arbeitsplatz? Dieser Prozess wird
noch dauern. Nicht zufällig habe ich mich bei Organisationen beworben,
von denen ich glaube, dass ich dort Verständnis für religiöse
Interessen finde. Zusätzlich nehme ich an einer psychoanalytischen
Großgruppe teil und ich merke, dass mir das hilft. Einmal wöchentlich
konfrontiere ich mich mit dem absoluten Wahnsinn.
Eva: Dort geht es auch um Antisemitismus oder um Auseinandersetzung von JüdInnen und Nicht-JüdInnen?
Hannah:
Antisemitismus und Nationalsozialismus sind das Thema und das zieht
Leute von beiden Seiten an – Opfer- und Täterseite. Dort sehe ich, dass
alles, was ich an meinem ehemaligen Arbeitsplatz durchgemacht habe,
jedes Element des sekundären Antisemitismus wiederkehrt: das Abstreiten
von deklariert jüdischer Identität durch Nicht-Juden, die
Zuschreibungen Macht, Verführung, Rache, Manipulation, Diktatur der
Opfer, die völlige Gefühlskälte und Arroganz gegenüber
„Betroffenheit“ im weitesten Sinn bis hin zum Vorwurf „betroffen“ zu
sein, Täter-Opfer-Umkehr, alles das. Und dann immer neue Versuche, mit
rationaler Erklärung und persönlichen Geschichten darzustellen, was es
ist, was uns Juden schmerzt, wie es sich anfühlt, hier zu leben, woraus
der Graben besteht, der Juden von Nicht-Juden trennt – was größtenteils
völlig sinnlos ist, weil die Abwehr nicht mit rationalen Mitteln
durchbrochen werden kann. Dort sind 80 TeilnehmerInnen und alle diese
Elemente kehren wieder und wiederholen sich, wenn neue Personen
dazustoßen. Das hat mir geholfen, von dem Gedanken wegzukommen, dass
ich nicht fähig war, dem Vorstand verständlich zu machen, worum es
geht. Ich wundere mich jetzt nicht mehr, wie das passieren konnte und
ich suche keine Teilschuld mehr bei mir selbst. Das ist ganz einfach
die Gesellschaft, in der wir leben.
Günter: Wie hat sich dein Verhältnis dazu in den letzten Wochen geändert?
Hannah:
Ich denke, ich habe mich auf eine gewisse Art distanziert. Als der
Konflikt zu eskalieren begann, habe ich zu einem lieben Freund gesagt:
„Du, ich brauch’ was über sekundären Antisemitismus.“ Diese Unterlagen
habe ich an einem Wochenende durchgeackert und war völlig von den
Socken, als ich entdeckte, dass das, was ich erlebe, nachzulesen ist,
einen Namen hat, wissenschaftlich dokumentiert ist. Ich konnte
anfangen, den Schmerz von mir persönlich wegzuschieben. Natürlich ist
es trotzdem ein Schmerz und auch wenn in der ‚Großgruppe’ bestimmte
Sätze fallen, tut das weh, aber es ist anders, weil ich jetzt weiß,
dass diese Sätze fallen, egal ob ich selbst anwesend bin oder nicht.
Das passiert unabhängig von mir.
Günter: Ich wollte Dich zum
Abschluss noch fragen, ob Du Wut verspürst. Zu unserer Wut haben wir ja
ein ganz ambivalentes Verhältnis: Einerseits brauchen wir sie, damit
wir lernen, uns selbst zu schützen, und uns trennen können. Zum anderen
widerspricht sie völlig unserem Selbstbild und dem Anspruch, den wir an
uns haben. Wir haben das Gefühl, dass unsere Wut uns selbst ganz stark
ins Unrecht setzt und wir unsere Wut deshalb nicht eingestehen dürfen.
Hannah:
Wut war natürlich da, die war massiv da. Wut, Ohnmacht, Trauer. Es ist
schon besser geworden. Ich mache viel Sport... Aber das, was ich für
mich selber mitnehme aus dem Ganzen, ist was anderes. Sollte einmal
jemand in meiner Umgebung derartig behandelt werden, dann hoffe ich,
dass ich das Richtige tun kann. Denn wenn jemand sagt: „Ich fühle mich
diskriminiert.“, dann lautet der Auftrag herauszufinden, was ich tun
kann, damit es demjenigen besser geht, und zu fragen: „Was brauchst du,
damit du dich wieder wohl fühlst?“ Und nicht: „Das ist blöd von dir, du
übertreibst!“, oder: „Das stimmt nicht, du wirst nicht diskriminiert!“
Das habe ich jetzt begriffen. |