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Diskussion zur Situation der unabhängigen Medien in Jugoslawien
Am 10. Juni fand —
während in der Zeit im Bild das Ende des Kosovo-Krieges verkündet
wurde — eine Podiumsdiskussion zum Thema "war, web & the media"
statt. Wie ist die Situation der unabhängigen Medien in Jugoslawien, wie
können sie unterstützt werden? So die angekündigten Fragestellungen,
die von Medien- und NGO-VertreterInnen diskutiert wurden. Eine Zusammenfassung
von Marion Kremla* B92 ist
entgegen dem in vielen Ländern entstandenen Eindruck mehr als eine kleine,
oppositionelle Sendestation. Dies präzisierte Branislav Zivkovic von B92
bereits in seinem Eingangsstatement. Erstens ist bzw. war B92 bis zu seiner
Schließung am 2. April nicht unbedingt klein, sondern hatte eine beachtliche
Reichweite. Zweitens ist B92 im Internet sehr aktiv und fungiert drittens auch
als Herausgeber von Büchern und Zeitschriften. Und viertens ist B92 nicht
das unabhängige Medium schlechthin, sondern Teil eines umfangreichen Netzwerks.
Und jetzt? Nach der Schließung des Senders, nach den Zerstörungen
und den zeitgleich mit dem Beginn des Kosovo-Krieges verschärften Mediengesetzen?
Die Gruppen des Netzwerks sind soweit wie möglich aktiv, z.B. über
Internet. Die Situation ist schwierig, aber die Rolle der bestehenden oppositionellen
Medien kann auf keinen Fall durch Radio free Europe oder andere wie auch
immer gut gemeinte Projekte ersetzt werden.
Christine von Kohl ging daran anschließend auf die Problematik ein, daß
nicht nur in Österreich, sondern in den westlichen Medien generell nur
marginal über das tatsächlich vorhandene Spektrum oppositioneller
Gruppen berichtet wird. Ihre Vermutung betrifft die Form des Widerstands, der
— kommt er nicht als politische Partei einher — im westlichen Europa
nicht als solcher erkannt wird. Weiters sieht Christine von Kohl den aus dem
Kommunismus tradierten Trend, einer patriarchalen Vaterfigur bedingungslos zu
folgen, als weiteres Erschwernis für das Entstehen organisierter Opposition,
die über verschiedene "intellektuelle" Kreise hinausgeht.
Ebenfalls eine Art Bestandsaufnahme fügte U. Lindenberg von Index on
Censorship hinzu. Sie betonte die Rolle der neuen Technologien, die es den
JournalistInnen ermöglicht hatten, Netzwerke sowohl untereinander als auch
nach außen zu knüpfen — und dies ohne westliche Hilfe. Zivkovic
ergänzt später, wie es durch den Umweg über Telefonleitung und
Satelliten möglich war, auch weiterhin zu senden. Diese Methode machten
sich nach dem Angriff auf das Belgrader Funkhaus auch die staatlichen Sender
zu eigen, weshalb von der NATO schließlich auch Satellitenanlagen bombardiert
wurden. Womit das Feld für die Debatte der möglichen Formen des Widerstands
und damit der Rolle der Medien eröffnet war.
Um es vorwegzunehmen: Die Diskussion entfernte sich rasch vom Anlaßfall
Jugoslawien hin zu generellen medienethischen Fragen. Und sie kehrte wieder
zum Anlaßfall zurück, schnell und emotional aufgeladen, wenn in welcher
Form auch immer ein Abwägen von Schuld und Leid in diesem Krieg begonnen
wurde.
Zunächst ging es um die berichteten Wahrheiten. Für Peter Vujica vom
Standard ist "das jeweilige Datum das einzige, was in allen Zeitungen
stimmt." Der Rest sei mit Mißtrauen zu genießen. Neben den
berichteten existieren die verschwiegenen Wahrheiten. Zum Beispiel, daß
am fünften Juni in Washington 12.000 Menschen gegen die NATO-Bombardements
demonstrierten — nicht eine einzige amerikanische Zeitung berichtete darüber.
Zum Beispiel die Fußnote, die NATO-Vertreter einigen JournalistInnen in
Rambouillet sinngemäß mitteilten, off-records freilich: Wir haben
die Bedingungen dieses Vertrages absichtlich so hoch gesteckt, daß die
Serben sie nicht erfüllen können. Denn sie verdienen es, bombardiert
zu werden "and we are going to do that."
Die Lücke zwischen der Wahrheit des global village und den anderen
Wahrheiten ließe sich demnach nur durch höchst aufwendige individuelle
Recherchen im Internet schließen. Denn es gibt sie ja, die Gegenstimmen,
doch keiner will sie hören bzw. drucken.
Aus dem Publikum wird diese Darstellung der westlichen Medien kritisiert, nein,
es gäbe objektive Berichterstattung. Einspruch vom Podium, denn Objektivität,
so Christine von Kohl, gibt es nicht und kann nicht das Ziel sein, jedoch eine
faire und seriöse Berichterstattung.
Zurückgekehrt zu einer Beschreibung der Medienfreiheit in Jugoslawien,
zeichnen die DiskussionsteilnehmerInnen ein einhellig erschreckendes Bild, das
Melitta Sunjic als einen Versuchsgarten der Medienunterdrückung bezeichnet,
dessen Artenvielfalt von Vertriebsverboten bis zu Prügel und auch Mord
reicht. Irgendwann in der Debatte um die Zerstörung von B92 durch das jugoslawische
Regime und die Zerstörung der jugoslawischen Sendeanlagen durch die NATO,
mitten in der Diskussion über die Angemessenheit des ausgeprägten
westlichen Selbstbewußtseins in Sachen Demokratie und Medienfreiheit,
spricht Branislav Zivkovic von "Censorship from the sky." Zu den bekannten
Formen der Zensur kam eine neue hinzu. Und welche Zensur gibt es, die stärker
ist als Bomben, so Zivkovic. Soviel zur Demokratieförderung seitens der
NATO.
Zu einer anderen Art der Demokratieförderung, nämlich zum Aufbau bzw.
zur Stärkung einer unabhängigen Medienszene werden derzeit umfangreiche
EU-Projekte entwickelt, die von allen Anwesenden heftig als nicht bedarfsbezogen,
die exisiterenden unabhängigen Medien ignorierend und aufgesetzt kritisiert
werden.
Aus alledem ergibt sich für die Suche nach Strategien, für die Kanalisierung
der Hilfsbereitschaft eine Leitlinie, wie sie Zivkovic formuliert: "try
to listen to us." Zuhören, statt über die Bedürfnisse der
unabhängigen Medien in Belgrad zu phantasieren. Zuhören und berichten
über die demokratische Bewegung, die bereits existiert.
*) Marion Kremla ist Mitarbeiterin
der Deserteurs- und Flüchtlingsberatung sowie des Integrationshauses in
Wien. |