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Körper & Geschlecht |
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Feministische Körper-Konzeptionen anno 2002 - von Eva Krivanec
Spätestens seit Judith Butlers „Gender Trouble“ (1990) und der teils
heftigen Reaktionen anderer feministischer Theoretikerinnen darauf, ist
der Körper ins Zentrum feministischer Theoriebildung gerückt und bildet
einen zentralen Fluchtpunkt der Trennungen und Kontroversen zwischen
den von ihren KritikerInnen als „Essentialistinnen“ gekennzeichneten
Feministinnen und jenen, die einer dekonstruktivistischen Position
folgend, die Binarität der Geschlechterdifferenz zu subvertieren
versuchen.
Mehr als zehn Jahre später wird diese Kontroverse vielfach als
„sinnlose Opposition“ (K.Pewny, 53) wahrgenommen. Dennoch sind die
Fragen, was den „vergeschlechtlichten Körper“ ausmache, wie er zu
fassen sei, welche kulturellen Imaginäre sich aus ihm speisen und wie
aus feministischer Sicht auf die verschiedensten gesellschaftlichen –
administrativen, rechtlichen, medizinischen, technologischen – Zugriffe
auf den (weiblichen) Körper zu reagieren sei, keineswegs einheitlich
beantwortet. Im letzten Jahr sind im deutschsprachigen Raum eine ganze
Reihe von Büchern – Sammelbänden und Monographien – zu feministischen
Körperkonzeptionen erschienen, deren Autorinnen gerade in Detailfragen
ausgesprochen spannende Ansätze entwickeln, die vielleicht insgesamt zu
einer Weiterentwicklung materialistischer Theorien symbolischer
Ordnungen und semiotischer (die Bedeutung analysierender) Theorien des
Materiellen beitragen können.
Die Herstellung von Körpern
Karin Ludewig fasst die oben angedeutete Debatte innerhalb der
feministischen Theorie in „Die Wiederkehr der Lust. Körperpolitik nach
Foucault und Butler“ in Form einer Diskursanalyse zusammen, bevor sie
selbst zu einem Vermittlungsversuch ansetzt, der m.E. gerade durch die
völlige Ausblendung psychoanalytischer Theorieangebote nicht aufgeht,
aber hierzu später. Ihre Synopsis jedoch geleitet uns ein Stück des
Weges durch wesentliche theoretische Annäherungen an jene „Körper von
Gewicht“, an bedeutungsvolle, durch Bedeutung konstituierte und
Bedeutungen konstituierende Körper. „Alles ist Text – dieses Motto des
Dekonstruktivismus fasst – etwas verkürzt – die theoretischen
Bemühungen zusammen, das Gegebene, Naturhafte, das An-Sich-Seiende, das
einfach Vorhandene als Produziertes, als Ergebnis kultureller
Überformung und als menschliche Interpretation zu erweisen.“
(K.Ludewig, 38) Dem formelhaften dieser Darstellung steht jedoch eine
weit genauere und das Materielle keineswegs einfach ver- und
unterwerfende Analyse des Körpers gegenüber, wie sie etwa Foucault 1971
im Bezug auf die Methode der „Genealogie“ formuliert: „Als Analyse der
Herkunft steht die Genealogie also dort, wo sich Leib und Geschichte
verschränken. Sie muß zeigen, wie der Leib von der Geschichte
durchdrungen ist und wie die Geschichte am Leib nagt.“ Gleichzeitig
spricht Foucault von dem Körper, der, von ihm als „menschlicher“
bezeichnet, sich aus seinen Untersuchungen heraus aber schnell als
„männlicher“ entpuppt. Körper von Frauen unterliegen nicht denselben
disziplinierenden Institutionen wie jene von Männern, der
gesellschaftliche Zugriff auf Frauenkörper – gerade im Bezug auf
Reproduktion – ist jedoch in einer Weise machtvoll und unmittelbar, die
Disziplinierung über seine Sexualisierung, seine wissenschaftliche
Objektivierung, die Technisierung von Schwangerschaft und Geburt, die
Verhaltensmaßregelung zum „Schutz des Kindes“ so wirkungsvoll, dass
Foucaults Ansätze – trotz aller Kritik an seiner „Geschlechtsblindheit“
– einen außerordentlich wichtigen Impuls in der feministischen
Patriarchats- und Gesellschaftskritik gesetzt haben.
Sehr konkret und höchst anschaulich zeigt Felicia Heidenreich in dem
Aufsatz „Der offene Körper – Körperbilder im Lebenszyklus von
Seereer-Frauen“(1) was die diskursive und praktische, jedenfalls durch
und durch soziale, Herstellung der „weiblichen Körper“ bedeutet, so wie
sie die Autorin über Gespräche und teilnehmende Beobachtung bei
mehreren Aufenthalten in einem kleinen Seereer-Dorf in Senegal
kennengelernt hat. „Frauen haben viel Arbeit zu erledigen, jonglieren
zwischen Haushalt, Markt, Kindern und der Feldarbeit.“ (F.Heidenreich,
145) Dennoch ist ihr Körperbild sehr eng an die Rolle als Gebärerin und
Mutter und an dessen „Funktionieren“ gebunden. „Unfruchtbarkeit wird
meist mit Waschungen oder Reinigungsritualen behandelt, weil eine
Verunreinigung des Frauenkörpers als Grund gilt.“ (147) Während der
Empfängnis, während der Menstruation, während der Schwangerschaft und
unmittelbar nach der Geburt gilt der Frauenkörper als „offen“, das
heißt (v.a. schädlichen) Einflüssen von außen ausgesetzt. Daraus
ergeben sich eine Fülle von Verhaltensregeln und Verboten für die
Frauen in diesen Zeiten, z.B. was das unterwegs sein betrifft. „Zur
Mittagszeit sind bestimmte Geister aktiv und können in den Bauch der
Frau eindringen und dort das Kind austauschen; [...]“ (148) „Geburt
wird als ein Übergang von einem Zustand in einen anderen, als das
Überschreiten einer Grenze gesehen, [...]“ (149) Erst nach dem
siebenten Tag nach der Geburt dürfen das Kind und die Mutter aus dem
Haus, an diesem Tag findet auch die Namensgebung, und somit die
„soziale Geburt“ statt. Die Muttermilch wird in diversen Verfahren
geprüft, ob es sich auch tatsächlich um „gute Milch“ handelt. Auch das
Abstillen erfolgt in ritualisierter Form: „Opfer an die Ahnengeister
der Familie, Gebete in die Ohren des Kindes geflüstert, geknotete
Schnüre um den Hals des Kindes. Um es dem Kind zu erleichtern, die
Brust der Mutter zu vergessen, werden abschreckende Dinge auf die
Brustwarzen der Mutter gegeben.“ (151) Der gesellschaftliche Zugriff
auf die Körper der Frauen, auch im internalisierten „Körperwissen“ der
Frauen selbst ist offensichtlich, dennoch sind es die Frauen, die
dieses Wissen generieren und transformieren – etwa im Kontakt mit
europäischen medizinischen Techniken – und es ist ein Wissen, das die
Weise „den Körper zu leben“ unmittelbar bestimmt. „Das Wissen ist
praktisch und es wird praktiziert.“ (155).
Das Verschwinden der Körper
Das Dilemma, dem Frauen in westlich geprägten patriarchalen
Gesellschaften unterliegen, nämlich zum einen auf ihren Körper - in
naturalisierter oder sexualisierter Weise - reduziert zu werden und zum
anderen an einer androzentrischen Kultur der Verdrängung und
Verleugnung des Körperlichen zu partizipieren, trifft auch die
feministische Theoriebildung. So geraten Versuche, das
„Weiblich-Leibliche“ in den Vordergrund zu rücken - es gegen die
„geschlechtslose Subjektivität“ der Männer zu (ver)wenden, leicht in
das Fahrwasser einer Übernahme patriarchaler Bestimmungen des
„Weiblichen“. Auf der anderen Seite spielen allzu optimistische
Verweise auf die „soziale Konstruiertheit“ von Körpern und der an ihnen
sich manifestierenden Geschlechterdifferenz und damit ihrer
vermeintlich „einfacheren“ Subvertierbarkeit das Spiel einer
technizistischen Logik der beliebigen Eingriffsmöglichkeit in
materielle Bedingungen mit und können in der Praxis letzten Endes einer
Rhetorik des „Was wollt ihr denn noch? Ihr könnt doch alles erreichen.“
den Weg bereiten.
Katharina Pewny greift auf die feministische Rezeption der
Psychoanalyse, insbesondere ihrer strukturalistischen Variante (Lacan)
zurück, um Theorien von Subjektivität auf ihre „geschlechtliche“
Dimension zurückzuführen. Sie zitiert Luce Irigaray: „Jede bisherige
Theorie des Subjekts hat dem ‚Männlichen’ entsprochen. [...] Die
schweigende Ergebenheit des (der) einen garantiert die
Selbst-Gefälligkeit, die Autonomie des anderen, solange keine
Notwendigkeit besteht, diese Stummheit als Symptom - einer historischen
Verdrängung - zu prüfen. Wenn nun aber das ‚Objekt’ zu sprechen
anfinge? Und zu sehen etc.? Bedeutete das nicht eine Zersetzung des
‚Subjekts’?“ Eine solche (männlich gedachte) „Subjektwerdung“ ist durch
den Eintritt in die symbolische Ordnung, die - so Lacan - dem „Gesetz
des Vaters“ untersteht, markiert. „Dabei muß etwas zurückgelassen
werden: die allzu mächtig scheinende Gebundenheit an den mütterlichen
Körper.“ (K.Pewny, 31) Diese - als Subjektkonstituens imaginierte -
Abtrennung vom Körper der Mutter produziert zum einen jenes
Verschwinden des Körperlichen aus der Sphäre der „Subjektivität“, zum
anderen die Zertrennung von weib-weiblichen Verbindungen und
Genealogien, wie sie Katharina Pewny für eine feministische Praxis -
gerade im wissenschaftlichen Raum - fordert. „Die politische Praxis
einer affirmierenden Konstitution weib-weiblicher Genealogien [...] ist
auch aktuell nach wie vor notwendig. [...] Ob als Alltagspraxis von
gegenseitiger Vermittlung an Expertinnen, als Bezugnahme aufeinander im
Denken oder als Zusammenarbeit mehrerer Initiativen, Projekte oder
Künstlerinnen, immer geht es in diesem Entwurf um Herstellung und
Sichtbarmachung von weiblicher Autorität und Freiheit [...]“ (36) Der
akademische Raum ist nicht zufällig bis heute so männlich dominiert.
„Als Frau in dieser Welt zu sprechen, ist keine Selbstverständlichkeit.
Als Wissenschafterin schon garnicht [...]“ (61) „Symbolische und reale
Verdrängung von Körperlichkeit aus dem Bereich des Geistes, der
Linearität und der Askese des Forschers (ganz zu schweigen von den
Reproduktionstätigkeiten) konstituieren die ‚hehren
Herrenwissenschaften’“ (61) Interessant im Zusammenhang mit dem
Verschwinden der Körper ist auch die Frage von Monika Klinkhammer in
dem Aufsatz „Der weibliche Körper in der akademischen Arbeit und Welt -
Bericht über einen Workshop“(2), nach der - konkreten, praktischen -
Beziehung von Wissenschafterinnen zu ihrem Körper, mit der These, dass
eine Vielzahl von Wissenschafterinnen ein funktionales bzw.
überforderndes, zur Erschöpfung führendes Verhältnis zu ihrem Körper
entwickelt haben.
Veruneindeutigungen
Während Karin Ludewig den Begriff der „Natur“ im Sinne eines
„Durch-sich-selbst-sein des Materiellen“ (K.Ludewig, 217) gegen eine
vermeintliche „Virtualisierung“ des Körpers, einer „Auflösung ins
Begriffliche“ durch poststrukturalistische Theoretikerinnen wie Judith
Butler wiedereinführen will und sich damit in eine ganze Reihe von
problematischen und widersprüchlichen Aussagen verstrickt - „Das
sexuelle Begehren kommt, wie der Hunger und der Schlaf, von sich aus
auf uns zu“ (224), „Der Körper, sein Sex, seine Gelüste sind, so wie
sie sind und wie sie oft genug als Zumutung ans Bewusstsein [...]
herantreten, natürlich.“(225) - versuchen die meisten Theoretikerinnen
mit Begriffen wie „Repräsentation“, „Mimesis“, „Maskerade“ -
interessanterweise alle dem Bereich des Theaters entlehnt - Spielräume
eines Verschiebens von Geschlechtergrenzen oder der Auflehnung gegen
Hierarchien auszuloten.
Antke Engel zeichnet in „Wider die Eindeutigkeit. Sexualität und
Geschlecht im Fokus queerer Politik der Repräsentation“ die zentralen
Motive der „queer theory“ nach und entwickelt sie mit dem Ziel einer
VerUneindeutigung und Destabilisierung von geschlechtlichen und
sexuellen Identitäten, womit sie eine Alternative zu den ebenfalls
innerhalb der „queer theory“ verhandelten Strategien der Auflösung oder
Vervielfältigung von Geschlechtern bieten möchte. „Eine Auflösung der
Kategorie Geschlecht ist deshalb problematisch, weil damit deren
analytisch-herrschaftskritische Funktion verloren geht. Es ist jedoch
möglich die Notwendigkeit der Binarität in Frage zu stellen, und
zugleich die fortdauernde Relevanz binär-hierarchischer Geschlechter-
und Sexualitätsdiskurse für die Organisation von Kultur, Gesellschaft
und Subjektivität anzuerkennen.“ (A.Engel,14) Eine wichtige und präzise
Kritik an Judith Butler formuliert Antke Engel mit Verweis auf die
Filmtheoretikerin Chris Straayer, die darauf hinweist, dass Butler in
ihrer Fassung des Intelligiblen - jene Körper, die sich innerhalb einer
heteronormativen, binären Matrix befinden - die zentrale Grenze
zwischen dem Repräsentierten und dem Nicht-Repräsentierbaren zieht,
während das - historisch oder aktuell - Nicht-Repräsentierte und damit
der Prozess des „zur Repräsentation komm[ens]“(25) bzw. dessen
Verhinderung nicht zur Sprache kommt. Gerade die Fragen, „wie die
Prozesse der Herstellung sozialer Intelligibilität und produktiver
Repräsentationen politisch zu wenden sind“ bezeichnet Antke Engel als
zentralen Fokus ihres Textes. Ein wesentlicher Schritt ist dabei die
grundsätzliche Kritik an Identitätslogiken und identitärer Politik.
„Mit dem Begriff queer/feministisch möchte ich nicht nur auf die
Verschränkung der Regime normativer Heterosexualität und
hierarchisierter Geschlechterbinarität verweisen, sondern auch das
feministische Anliegen aufgreifen, eine irreduzible Komplexität
struktureller Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu erfassen.“(41) Das
Konzept der „Repräsentation“ „im Sinne einer Materialisierung von
Signifikationsprozessen in kulturellen Produkten und Praxen“(127) soll
es ermöglichen, die Opposition zwischen Materialität und Diskurs zu
unterlaufen und eine „Verflochtenheit semiotisch-materieller Formen und
Prozesse zu denken“(128). In der konkreten Ausformulierung „queerer
Politik der Repräsentation“ greift sie zum einen auf Ansätze der
Birmingham Cultural Studies (insb. Stuart Hall), aber auch auf Teresa
de Lauretis zurück, die die – psychoanalytisch gefasste – „Phantasie“
als zentralen Artikulationsmodus zwischen dem Sozialen und dem
Psychischen herausarbeitet und für eine feministische Filmtheorie
nutzbar macht. Als ein Beispiel für Repräsentationspolitiken beschreibt
Engel Formen der Aneignung und Umarbeitung von „Maskulinität“ in
lesbischen/transgender- Subkulturen und Lebenspraxen. „Es wird Abschied
genommen von der Verabsolutierung eines imaginären Frauenkörpers,
dessen Einheitlichkeit aufgebrochen und der nicht mehr bereitwillig als
Norm akzeptiert wird.“(185).
Das visuelle Regime
Die enge und „überaus beladene“ (S.Fuchs, 47) Beziehung des
Körperlichen und des Visuellen wird in vielen Texten benannt und
behandelt. Im Aufsatz „Lesbische Repräsentation und die Grenzen der
‚Sichtbarkeit’“(3) scheint Sabine Fuchs „direkt“ an Antke Engel
anzuschließen. Sie kritisiert an einem Großteil der lesbischen/queeren
Analysen – und darunter fiele wohl auch Antke Engels
Repräsentationsbegriff – dass die – wie wir noch sehen werden als
androzentrisch interpretierbare – Privilegierung der visuellen
Repräsentation einfach übernommen wurde und „Verkörperungen, die keine
visuelle Evidenz für ihre geschlechtliche/sexuelle Devianz liefern,
ignoriert oder marginalisiert“ wurden. So benennt Sabine Fuchs die
femme als „lesbische Verkörperung von Feminität“(49) als jene, der man
die lesbische Identität nicht ansieht, als blinden Fleck von lesbischer
Theorie und Subkultur und sie beginnt die Suche nach „Alternativen zu
verkürzten und verkürzenden visuellen Repräsentationsmodellen“(52) –
dabei könnte eine Vervielfältigung und Verschiebung der sinnlichen
Wahrnehmungsformen, eine Betonung auch der taktilen Aspekte von Er- und
Anerkennung – des Tastens und Suchens - nicht die Sichtbarkeit
ersetzen, wohl aber ihre Ausschließlichkeit angreifen und
Mehrdeutigkeiten zulassen, die das Regime des Visuellen tendenziell zu
vereindeutigen sucht.
Eine besonders interessante Analyse der „visuellen Apparate“, der
„Techniken des Betrachtens“ , im speziellen der „Zentralperspektive“,
innerhalb der westlichen Kultur entwickelt Linda Hentschel in dem
Aufsatz „Pornotopische Techniken des Betrachtens – Gustave Courbets
‚L’origine du monde’ (1866) und der Penetrationskonflikt der
Zentralperspektive.“(4) Ausgehend von Courbets skandalträchtigem Bild,
das einen weiblichen Akt, besser gesagt den Torso, mit gespreizten
Beinen zeigt, den Blick auf das Geschlecht der Frau „freigibt“ und
damit die Grenzen zwischen Kunst und Pornografie überschreitet, zeigt
Linda Hentschel, dass sich hier ganz anderes, nämlich „die verdeckten
Voraussetzungen des Kunstsystems“(65) enthüllen. „Der
zentralperspektivische Apparat dachte sich selbst als unsichtbar und
transparent, denn er gab vor, ein Abdruck des Netzhautbildes und damit
Analogon des Auges zu sein.“(66) Es sollte ein einheitlicher, ganzer,
vollkommener Raum im Bild repräsentiert werden, der sich dem
distanzierten Auge des Betrachters öffnet. „Für die Fragestellung nach
der Überlagerung von Körperkonstruktionen und Raumwahrnehmung bietet es
sich an, den zentralperspektivischen Apparat als eine visuelle
Raumpenetrationsmaschinerie zu beschreiben.“(67) Die Lust am
perspektivischen Sehen in die Tiefen des Raumes bezeichnet Linda
Hentschel als „pornotopisch“, als Ausgleich für einen Mangel, den der
sexualisierte weibliche Körper beim männlichen Betrachter hervorruft:
„[D]as weibliche Geschlecht gibt nichts zu sehen, genau dadurch aber
repräsentiert es die ‚Wunder einer nie gesehenen Welt’.“(69) „[D]ie
Zentralperspektive arbeitet an dem geheimnisvollen Ort weiter, an dem
die pornografische Lust an der visuellen Penetration an ihre Grenzen
stößt.“(71).
Auch Antonia Napp lotet den Grenzbereich zwischen Pornographie und
Kunst in ihrem Text „Dilemma Pornografie: Ohnmacht und Macht der
feministischen Kunstgeschichte und Kunstkritik“(5) aus. Sie beschreibt
anhand mehrerer (zeitgenössischer) Beispiele bildlicher
Repräsentationen des weiblichen Körpers, die – wenn auch zögerlich – in
den künstlerischen Kanon aufgenommen wurden, dass was pornografisch ist
oder nicht, sich nicht aus dem Objekt selbst ergibt, sondern sehr stark
kontextabhängig ist. Auch „[u]rsprünglich subversive Intentionen können
verloren gehen, bestimmte Kontexte verhindern subversive
Lesarten.“(A.Napp, 311). „In diesem Zusammenhang ist wesentlich, dass
sich die bildlichen Repräsentationen an eine kollektive Öffentlichkeit
richten, deren Individuen die Repräsentationen in Bezug auf die
herrschende symbolische Ordnung lesen.“ (313) Die Entscheidung, ob ein
Bild, das sich im Grenzbereich von Pornografie und Kunst bewegt,
Geschlechterhierarchien hinterfragt oder affirmiert, wird viel eher
über den kontextuellen Rahmen, in dem es öffentlich wird als über das
Bild selbst zu fällen sein.
„Körper der Nation“
Bilder des weiblichen Körpers haben aber noch ganz andere Funktionen in
einer Vielzahl von kulturellen Imaginären oder – expliziter und bewusst
eingesetzt – im Kontext von Ideologie und Propaganda. Eine zentrale
Funktion ist die „weibliche Ikone der Nation“, wie sie von Figuren wie
Britannia, Columbia, Germania oder Marianne eingenommen wird. Sumathi
Ramaswamy beschreibt dieses Phänomen sehr präzise und pointiert für den
tamilischen Nationalismus in Indien. Ihr Aufsatz „Körpersprache: Die
Somatik des Nationalismus im tamilischen Teil Indiens“(6) beginnt mit
der zentralen Feststellung, „dass die Nation nicht nur eine politische,
ökonomische und ideologische Größe, sondern auch, und dies ist von
entscheidender Bedeutung, eine somatische Formation ist, in der der
Körper der Frau, und vor allem der Körper der schutzbedürftigen,
geschändeten Frau, eine wesentliche Rolle spielt.“(S.Ramaswamy, 209)
Gerade typisch „weibliche“ Körperflüssigkeiten wie Blut, Milch und
Tränen, aber auch die Gebärmutter, der „Mutterleib“ werden als Bilder
einer gemeinschaftsstiftenden und vor allem gegen „feindliche Angriffe“
zu schützenden „nationalen Identität“ im tamilischen Teil Indiens
verwendet. Es handelt sich dabei namentlich um Tamilttay, „Mutter
Tamil“ – „Apotheose der tamilischen Sprache als Gründungsmutter und
Schutzgottheit der tamilischsprachigen Gemeinschaft“(212), diese
entsteht Ende des 19. Jh. im Kontext eines gegen den aufkommenden
indischen Nationalismus gerichteten tamilischen Nationalismus.
Tamilttay macht jedoch im Zuge ihrer Popularisierung einen – keineswegs
untypischen – Wandel durch: von der hohen Göttin oder souveränen
Königin zur schwachen und bedrohten Mutter. Die Missachtung der
tamilischen Sache und Sprache wurde als Missachtung der Mütter, ja als
Muttermord bezeichnet. Seinen Höhepunkt erreichte der tamilische
Nationalismus während der Anti-Hindi-Proteste Mitte des 20.
Jahrhunderts als die ‚indische nationale Kongresspartei’ die Einsetzung
von Hindi als künftiger Nationalsprache Indiens vorantrieb. „[D]ie
Tamilisch Sprechenden wurden daran erinnert, wo und in welchem Zustand
sie sich auch immer befinden mochten, nicht zu vergessen, dass sie
‚Kinder ein und desselben Schoßes’ seien.“(214) Tamilttay wurde als
Jungfrau, ihr Leib aber gleichzeitig als unermesslich fruchtbar
imaginiert. „Für die Nationalisten war Tamilttays Milch für das Projekt
der Konstruktion einer nationalen Körperpolitik und der Einverleibung
der tamilischsprachigen Bürger ebenso bedeutsam wie ihre Gebärmutter.“
Die Tränen Tamilttays waren aber „das deutlichste Zeichen für ihren
gegenwärtigen Notstand.“(215) - die tränenüberströmte „Mutter“, deren
„Söhne“ zu Hilfe eilen mussten. Interessant ist auch Ramaswamys
Ergänzung, dass es im Kontext dieser nationalistischen Ideologie zu
einer allgemeinen „Aufwertung“ der „Gebärfunktion der Frau“ kam – die
Erhöhung der „Mutter Nation“ parallel zu einer Funktionalisierung der
Frauen innerhalb der Gesellschaft lief – und diese „Mutterbilder“ aber
von den Frauen, „die ihre Stimme für die tamilische Sache erhoben“,
dafür auf die Straße und teilweise ins Gefängnis gingen, nicht
kritisiert, sondern im Gegenteil als „ermächtigend für die tamilischen
Frauen, die vereint mit ihren männlichen Mitbürgern für den
Machtzuwachs ihrer Sprache, Gemeinschaft und Nation arbeiteten“(218),
begrüßt wurden. Ramaswamy folgert aus der Häufigkeit und Beständigkeit
solcher „weiblicher Ikonen der Nation“: „Sie tragen die Tiefe und die
Macht des konkret Unmittelbaren mit sich und liefern hochgradig
sichtbare und visuelle Merkzeichen schwer fassbarer Abstraktionen wie
‚Sprache’, ‚Nation’ oder ‚Gemeinschaft’.“(220).
Einschreibungen
In allen diesen Texten erweisen sich Körper, und gerade Körper von
Frauen, als Oberflächen, die geeignet scheinen – ähnlich den Seiten
eines Buches – eine Fülle von Einschreibungen „auf sich zu nehmen“.
Deshalb ist das Nachdenken über Körper nie „nur“ ein Nachdenken über
Körper, sondern eine Perspektive, die in die Gesellschaftstheorie
„einzuschreiben“ ein ganz besonderes Verdienst der feministischen
Theorie ist.
Rezensierte Literatur:
Insa Härtel, Sigrid Schade (Hg.innen): Körper und Repräsentation. – Opladen: Leske & Budrich 2002. 250 S. ¤ 22,50
Body Project (Hg.): KorpoRealitäten. In(ter)ventionen zu einem
omnipräsenten Thema. – Königstein/T.: Ulrike Helmer Verlag 2002. 448 S.
¤ 29,90
Antke Engel: Wider die Eindeutigkeit. Sexualität und Geschlecht im
Fokus queerer Politik der Repräsentation. – Frankfurt, N.Y.: Campus
Verlag 2002. 256 S. ¤ 34,90
Karin Ludewig: Die Wiederkehr der Lust. Körperpolitik nach Foucault und Butler. – Frankfurt, N.Y.: Campus 2002. 280 S. ¤ 34,90
Katharina Pewny: Ihre Welt bedeuten. Feminismus – Theater –
Repräsentation. – Königstein/T.: Ulrike Helmer Verlag 2002. 274 S. ¤
22,90
Fußnoten
1 Felicia Heidenreich: Der offene Körper – Körperbilder im Lebenszyklus von Seereer-Frauen. – in: KorpoRealitäten. S.142-158.
2 Monika Klinkhammer: Der weibliche Körper in der akademischen Arbeit
und Welt – Bericht über einen Workshop. – in: KorpoRealitäten. S.
100-119.
3 Sabine Fuchs: Lesbische Repräsentation und die Grenzen der ‚Sichtbarkeit’. – in: Körper und Repräsentation. S.47-54.
4 Linda Hentschel: Pornotopische Techniken des Betrachtens – Gustave
Courbets L’Origine du monde (1866) und der Penetrationskonflikt der
Zentralperspektive. – in: Körper und Repräsentation. S.63-71.
5 Antonia Napp: Dilemma Pornographie: Ohnmacht und Macht der
feministischen Kunstgeschichte und Kunstkritik. – in: KorpoRealitäten.
S.300-316.
6 Sumathi Ramaswamy: Körpersprache: Die Somatik des Nationalismus im
tamilischen Teil Indiens. – in: Körper und Repräsentation. S.209-221. |
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