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Home arrow Contextarchiv arrow Jahrgang 2003 arrow 8/02 - 1/03 arrow Feindbild Mahler

Feindbild Mahler | Print |

Zur antisemitischen Abwehr der Moderne in Österreich - von Manfred Gmeiner

Das Buch von Gerhard Scheit und Wilhelm Svoboda behandelt die Rezeptionsgeschichte Gustav Mahlers von 1918 bis in die 90er Jahre. Das Werk kommt in den zahlreichen Zitaten der MusikkritikerInnen ausführlich auf die Musik Mahlers zu sprechen, sodaß ein Interesse an der Musik für eine Lektüre sicher sehr von Vorteil ist, doch ist das eigentliche Thema, wie der Untertitel verdeutlicht, der antisemitische Umgang mit dem Werk Mahlers und die damit verbundene Abwehr der Moderne und damit auch ein Beispiel für das Wirken des Antisemitismus, der, wie die Autoren zeigen, kein bloßes Vorurteil ist, sondern so etwas wie ein „national integrierendes Moment im Kultur- und Musikverständnis“.

Die beiden Autoren machen deutlich, wie sich die offen antisemitischen Kritiken der Werke Mahlers in den Jahren 1934 bis 1945 in versteckter vorgetragenen Kritiken nach dem Krieg fortsetzten. In den fünfziger Jahren war es noch nicht möglich, in der Musikwissenschaft über jüdische KomponistenInnen zu promovieren. Aber auch in den sechziger Jahren verliefen Bemühungen, Mahler in Wien zu ehren, immer wieder im Sand. Im Mahlergedenkjahr 1960/61 schrieb Die Presse: „Das offizielle Österreich unserer Tage hielt sich jedoch von der Feier dieses großen Österreichers geflissentlich fern. Auffallend klar war ferner das äußere Arrangement der Feier. Es gab keine Blumen, kein Blattgrün, keine Mahler-Büste. Nicht einmal Programme gab es. Sie seien, so hieß es, im komplizierten Instanzenzug zwischen den Behörden entgleist oder steckengeblieben. War tatsächlich nur die Tücke des Objektes schuld? Oder wurde der Tücke subjektiv ein wenig nachgeholfen?“
Doch auch die konkreten Aufführungskritiken folgen vielfach einer antisemitischen Argumentationslinie, „wie sie zum ersten Mal Richard Wagner in seiner Schrift über Das Judentum in der Musik gegenüber Felix Mendelsohn Bartholdy entwickelt hat“, auch wenn die jüdische Herkunft nicht mehr ausdrücklich erwähnt wird: „Juden seien unfähig zum schöpferischen komponieren von Musik – im besten Fall reiche es bei ihnen zur tragischen Einsicht in die eigene künstlerische Impotenz.“ Ganz in diesem Sinne wurde der Musik Mahlers immer Zerrissenheit, Überladenheit, Unoriginalität und Dilettantismus vorgeworfen.
Aber selbst in manchen positiven Kritiken sind ähnliche Vorurteile zu finden, die lediglich ins Positive gewendet werden sollen. So schrieb Max Brod 1920, als noch offen mit Mahlers Judentum gegen diesen argumentiert wurde: „Von einem deutschen Blickpunkt aus erscheint dieses Werk daher inkohärent, stillos, unförmig, ja bizarr, schneidend, zynisch, allzu weich, gemischt mit allzu Hartem. Es ergibt deutsch betrachtet keine Einheit. Man ändere die Perspektive, suche sich in Mahlers jüdische Seele einzufühlen … sofort ändert sich das Bild, Form und Inhalt stimmen, nichts ist vorlaut, nichts übertrieben.“ Der Gegensatz zwischen Romantik und Moderne wird zu einem zwischen deutscher und jüdischer Musik. Dieses Muster wird später auch von nichtjüdischen Kritikern übernommen und solcherart dazu genützt, sich nicht mit dem Antisemitismus auseinandersetzen zu müssen.

Die Nicht-Auseinandersetzung mit der antisemitischen Abwehr der Moderne in Mahlers Musik setzt sich zuletzt auch noch in die heutige Zeit fort, in der Mahler wieder in die Spielpläne integriert ist, als ob nie etwas gewesen wäre. Die Autoren zitieren am Anfang des Buches als Symbol dieser Einstellung das Schicksal des Komponierhäuschens Malers am Attersee, das bis 1985 als Toilettenanlage eines Campingplatzes diente. Wurde zuerst die Erinnerung an Mahler durch diese Nutzung ausgelöscht, fehlt heute jeglicher Hinweis auf diese „Kulturgeschichte“. „Diese Auslöschung des Geschichtlichen, die zum beliebigen Nebeneinander der Resultate des Geschichtlichen führt, wird mit dem Begriff der Postmoderne nicht unpassend bezeichnet. … Der Reflexion bleibt damit nichts anderes mehr übrig, als die Geschichte des Nichtbeliebigen vor dem Vergessen zu retten“ – was dieses Buch sich zum Ziel gesetzt hat.

Gerhard Scheit/Wilhelm Svoboda
Feindbild Gustav Mahler
Zur antisemitischen Abwehr der Moderne in Österreich
Sonderzahlverlag, 2002, 337 Seiten, 25


 
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