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Zur antisemitischen Abwehr der Moderne in Österreich - von Manfred Gmeiner
Das Buch von Gerhard Scheit und Wilhelm Svoboda behandelt die
Rezeptionsgeschichte Gustav Mahlers von 1918 bis in die 90er Jahre. Das
Werk kommt in den zahlreichen Zitaten der MusikkritikerInnen
ausführlich auf die Musik Mahlers zu sprechen, sodaß ein Interesse an
der Musik für eine Lektüre sicher sehr von Vorteil ist, doch ist das
eigentliche Thema, wie der Untertitel verdeutlicht, der antisemitische
Umgang mit dem Werk Mahlers und die damit verbundene Abwehr der Moderne
und damit auch ein Beispiel für das Wirken des Antisemitismus, der, wie
die Autoren zeigen, kein bloßes Vorurteil ist, sondern so etwas wie ein
„national integrierendes Moment im Kultur- und Musikverständnis“.
Die
beiden Autoren machen deutlich, wie sich die offen antisemitischen
Kritiken der Werke Mahlers in den Jahren 1934 bis 1945 in versteckter
vorgetragenen Kritiken nach dem Krieg fortsetzten. In den fünfziger
Jahren war es noch nicht möglich, in der Musikwissenschaft über
jüdische KomponistenInnen zu promovieren. Aber auch in den sechziger
Jahren verliefen Bemühungen, Mahler in Wien zu ehren, immer wieder im
Sand. Im Mahlergedenkjahr 1960/61 schrieb Die Presse: „Das offizielle
Österreich unserer Tage hielt sich jedoch von der Feier dieses großen
Österreichers geflissentlich fern. Auffallend klar war ferner das
äußere Arrangement der Feier. Es gab keine Blumen, kein Blattgrün,
keine Mahler-Büste. Nicht einmal Programme gab es. Sie seien, so hieß
es, im komplizierten Instanzenzug zwischen den Behörden entgleist oder
steckengeblieben. War tatsächlich nur die Tücke des Objektes schuld?
Oder wurde der Tücke subjektiv ein wenig nachgeholfen?“ Doch auch
die konkreten Aufführungskritiken folgen vielfach einer antisemitischen
Argumentationslinie, „wie sie zum ersten Mal Richard Wagner in seiner
Schrift über Das Judentum in der Musik gegenüber Felix Mendelsohn
Bartholdy entwickelt hat“, auch wenn die jüdische Herkunft nicht mehr
ausdrücklich erwähnt wird: „Juden seien unfähig zum schöpferischen
komponieren von Musik – im besten Fall reiche es bei ihnen zur
tragischen Einsicht in die eigene künstlerische Impotenz.“ Ganz in
diesem Sinne wurde der Musik Mahlers immer Zerrissenheit,
Überladenheit, Unoriginalität und Dilettantismus vorgeworfen. Aber
selbst in manchen positiven Kritiken sind ähnliche Vorurteile zu
finden, die lediglich ins Positive gewendet werden sollen. So schrieb
Max Brod 1920, als noch offen mit Mahlers Judentum gegen diesen
argumentiert wurde: „Von einem deutschen Blickpunkt aus erscheint
dieses Werk daher inkohärent, stillos, unförmig, ja bizarr, schneidend,
zynisch, allzu weich, gemischt mit allzu Hartem. Es ergibt deutsch
betrachtet keine Einheit. Man ändere die Perspektive, suche sich in
Mahlers jüdische Seele einzufühlen … sofort ändert sich das Bild, Form
und Inhalt stimmen, nichts ist vorlaut, nichts übertrieben.“ Der
Gegensatz zwischen Romantik und Moderne wird zu einem zwischen
deutscher und jüdischer Musik. Dieses Muster wird später auch von
nichtjüdischen Kritikern übernommen und solcherart dazu genützt, sich
nicht mit dem Antisemitismus auseinandersetzen zu müssen.
Die
Nicht-Auseinandersetzung mit der antisemitischen Abwehr der Moderne in
Mahlers Musik setzt sich zuletzt auch noch in die heutige Zeit fort, in
der Mahler wieder in die Spielpläne integriert ist, als ob nie etwas
gewesen wäre. Die Autoren zitieren am Anfang des Buches als Symbol
dieser Einstellung das Schicksal des Komponierhäuschens Malers am
Attersee, das bis 1985 als Toilettenanlage eines Campingplatzes diente.
Wurde zuerst die Erinnerung an Mahler durch diese Nutzung ausgelöscht,
fehlt heute jeglicher Hinweis auf diese „Kulturgeschichte“. „Diese
Auslöschung des Geschichtlichen, die zum beliebigen Nebeneinander der
Resultate des Geschichtlichen führt, wird mit dem Begriff der
Postmoderne nicht unpassend bezeichnet. … Der Reflexion bleibt damit
nichts anderes mehr übrig, als die Geschichte des Nichtbeliebigen vor
dem Vergessen zu retten“ – was dieses Buch sich zum Ziel gesetzt hat.
Gerhard Scheit/Wilhelm Svoboda
Feindbild Gustav Mahler
Zur antisemitischen Abwehr der Moderne in Österreich
Sonderzahlverlag, 2002, 337 Seiten, 25
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