|
Michael Pittwald: Ernst Niekisch - Völkischer Sozialismus, nationale
Revolution, deutsches Endimperium; PapyRossa Verlag - von Marc Zannoni
Mit diesem Buch legt Michael Pittwald das Resultat seiner intensiven
Beschäftigung mit Niekisch im Rahmen einer Dissertation vor. Der
Großteil besteht in der Darstellung der "Widerstandsideologie"
Niekischs und seiner Beeinflussung durch Lassalle und Fichte.
Demgegenüber nehmen die Ausführungen zu Niekischs Rolle innerhalb der
Linken, während seiner Zeit in der Münchner Räterepublik und nach `45
in der DDR, mit 25 Seiten einen relativ geringen Platz ein. Während
Pittwald einerseits korrekterweise die Fehler eines
totalitarismustheoretischen Zuganges aufzeigt - nicht zuletzt jene
einer Relativierung des Nationalsozialismus mit gleichzeitiger
Auflösung seiner Einmaligkeit - läuft er andererseits Gefahr die
Gemeinsamkeiten der Niekischschen Gedankenwelt mit der von Teilen der
Linken herunterzuspielen. Denn der Autor beschränkt sich in diesem
Punkt oft nur auf Andeutungen, deren theoretische Herausarbeitung
wünschenswert gewesen wäre. Abgesehen davon kann die Arbeit jedoch als
eine umfassende und interessante Abhandlung bewertet werden.
Bereits während Niekischs Zeit in der Räterepublik ging es ihm um die
"Erhaltung der Reichseinheit und um den nationalen Zusammenhalt" und
ließ u.a. mit der Ernennung Gesells zum "Volksbeauftragten für
Finanzen" seine strukturell antisemitische Opposition gegen die
"Zinsknechtschaft" durchscheinen. Einerseits sah Niekisch die Räte als
Gefahr für die Einheit Deutschlands, andererseits lobte er diese als
organisches Gegenmodel zum mechanischen Parteiensystem. 1924 stieß er
als Theoretiker zum Hofgeismarer Kreis, welcher i.ü. 1993 innerhalb der
SPD neu gegründet wurde(1), einer Gruppe von JungsozialistInnen deren Hauptanliegen in der
Forcierung eines positiven Bezuges zur Nation innerhalb der SPD
bestand. Exemplarisch für den Hofgeismarer Geist steht eine Aussage
Hermann Hellers: "Sozialismus bedeutet keineswegs das Ende, sondern die
Vollendung der nationalen Gemeinschaft, [...] die Vernichtung der
Klasse durch die wahrhaft nationale Volksgemeinschaft." Statt
Klassenkampf schwebte Niekisch vielmehr ein
imperialistisch-antiimperialistischer Befreiungskampf der deutschen
Proletarier gegen die "Unterdrückung" durch die Westmächte vor. Die
Möglichkeit zur Erweiterung des Handlungsspielraumes Deutschlands sah
er in einer Ostorientierung.
Unter anderem auf Grund von
Differenzen innerhalb des Kreises hinsichtlich eines harten Kurses
gegenüber dem Westen, wie von Niekisch vertreten, wurde dieser 1926
ausgeschlossen, woraufhin mit einigen anderen Hofgeismarern der von ihm
geführte "Widerstandskreis" gegründet wurde. In diesem Rahmen
vollendete Niekisch sein in Folge skizziertes deutschnationales
Programm. Innenpolitisch legte er der Arbeiterklasse nahe sich in einen
starken elitären Staat zu integrieren, dessen soziale Probleme seiner
Meinung nach nur ein mächtiges Deutschland überwinden könnte. Zur
Wiedererrichtung eines solchen Staates musste für ihn Versaille
revidiert, ebenso wie durch Verstaatlichung der Einfluß des
internationalen Kapitals zurückgedrängt werden.
Feindbilder
existierten in Niekischs Gedankenwelt und somit im "Widerstandskreis"
zur genüge. Der Westen als Unterdrücker Deutschlands, die französische
Revolution und der Liberalismus als Ausdruck verabscheuungswürdiger
Individualität und Egoismus, der Marxismus und dessen
Internationalismus als Zersetzer der nationalen Einheit, der Feminismus
als Vorbereiter des "Volkstodes" durch Abbringung der Frauen vom
Kindergebähren für die Nation und die Stadt als Inbegriff des
Antiheldischen und der Wurzellosigkeit. Sein gegen die
Zirkulationssphäre gerichteter struktureller Antisemitismus fand
zielsicher den Weg zur Personifikation, als er "die Juden" als
eigentliche Vertreter des "undeutschen", internationalen
Finanzkapitalismus ausmachte. In "Die imperiale Figur" sprach Niekisch
1935 ganz offen seinen Antisemitismus aus, indem er den Kapitalismus,
den Marxismus und das Christentum, welches er ebenfalls für die
Zersetzung des deutschen Geistes verantwortlich hielt, als Instrumente
"der Juden" zur Unterwerfung der Welt imaginierte.
Niekischs
Rassentheorie unterschied sich von jener der NSDAP durch die positive
Bezugnahme auf das "Slawische". Die Sorge um das Wohl der "weißen
Rasse" war ihnen selbstredend gemein. Im "Sinne der Selbstbestimmung
der weißen Rasse" empfahl er deswegen der USA und den anderen
europäischen Staaten den Bolschewismus. Seine imperialistischen Gelüste
drückten sich in einem drei-Stufen Plan aus. Zuerst sollte ein
"Mitteleuropa" bzw. "Paneuropa" unter deutscher Führung geschaffen
werden, welches die Gebiete mit deutschen Minderheiten einschließen
soll. Dabei besäße der Osten auch die Funktion als "Nahrungs- und
Rohstoffreserve" Deutschlands. Als Gegengewicht zu den Großmächten
Frankreich, England und USA strebte Niekisch eine "erweiterte
Koalition" der "proletarischen Nationen" Deutschland, Russland und
China an. Hier hoffte Niekisch auf den "Haß" der "asiatischen Völker"
gegen "den weißen Unterdrücker" und nahm damit Eurasien-Konzeptionen
heutiger Rechtsextremisten(2) vorweg. Deutschland sollte sich damit als Vertreter der
unterdrückten Völker gefallen. Das eigentliche Ziel seiner Überlegungen
war ein weltumspannendes deutsches "Endimperium" als "Vaterland der
Arbeiter," dessen Organisation nach Effizienz und Nützlichkeit zu
gestalten wäre, also "eine planwirtschaftlich organisierte
‚technokratische' Weltförderation aller Arbeiterrepubliken." Pittwald
spricht hier von einem "Erlösungsmotiv," dessen Inhalt "die endgültige
Befriedung der Welt" darstellte.
Die DDR betrachtete Niekisch als
"Bollwerk gegen westliche, liberale Strömungen". Desweiteren sollte die
vermeintlich unschuldige Arbeiterbewegung wieder deutsche Politik
betreiben und die Besatzung gemeinsam überwinden um die nationale
Einheit wiederherzustellen. Konsequenterweise brachte er sich nach `45
in die DDR-Politik ein. So beriet Niekisch Otto Grotewohl den späteren
Ministerpräsidenten der DDR, trat der KPD bei, wurde Abgeordneter des
"Volkskongresses" und erhielt 1948 einen Lehrstuhl an der
Humboldt-Universität sowie den Direktorsposten des "Instituts zur
Erforschung des Imperialismus." Auf Grund der Unruhen von 1953 bricht
er mit der SED. Als Detail am Rande sei noch seine Mitgliedschaft in
der SDS-Vorfeldorganisation "Sozialistische Fördergesellschaft e.V."
Anfang der Sechziger erwähnt.
Heutzutage wird Niekisch de
facto ausschließlich von Rechtsextremisten in Europa rezipiert, die mit
verkürzter Kapitalismuskritik, Opposition gegen den Westen und
Befreiungsnationalismus Linke für die rechte Sache gewinnen wollen,
wofür Niekisch einige Ansatzpunkte liefert. Ein weiterer
wesentlicher "Vorteil" Niekischs für heutige Rechtsextremisten,
hinsichtlich ihrer Bestrebungen sich vom Geruch der NS-Ideologie zu
lösen, die Inhalte jedoch beizubehalten, ist seine Gegnerschaft zu
Hitler. Diese Gegnerschaft war keine antifaschistische, sondern
entstand aus einer Konkurrenzsituation um die Vertretung des wahren
Nationalsozialismus, ähnlich jener zwischen der SA und der
NSDAP-Führung, nur von geringerer Relevanz. Die konkreten Vorwürfe
reichten von zu geringem Widerstand gegen den Versailler Vertrag über
das falsche Verhältnis zur Sowjetunion bis hin zu Hitlers
nicht-deutscher Abstammung. Auf Grund Niekischs Inhaftierung in einem
Zuchthaus während der NS-Zeit wird dieser gerne von seinen Apologeten
als Widerstandskämpfer stilisiert. Niekisch repräsentiert für etliche
Rechte den alternativen Weg zu Hitlers Politik, welcher sich der
Großfinanz entgegenstellte anstatt mit ihr zu kooperieren. Somit ließen
sich die Attribute sozial und national wieder scheinbar unbefangen
miteinander verbinden.
(1) s. http://home.snafu.de/bifff/Fichter.htm - bekanntester Exponent des
neuen Hofgeismarer Kreises war der Danube und "Junge Freiheit"-Autor
Sascha Jung
(2) s. Dugin: http://www.nadir.org/nadir/periodika/jungle_world/_2002/45/29a.htm |