|
Dem steinernen Archiv fehlen viele Seiten |
| Print |
|
von Thomas Schmidinger
Wer am Pensionistenheim der Stadt Wien in der Seegasse 9
vorbeispaziert, muss sehr genau hinsehen, will er/sie einen Hinweis
darauf finden, dass sich im Innenhof dieses Heimes, umgeben von den
angrenzenden Häusern und von der Straße her uneinsehbar, der älteste
noch existierende jüdische Friedhof Wiens befindet.
Gertraud Schleichert hat nun unter ihrem Autorinnennamen Traude
Veran ein Buch über diesen Friedhof verfasst, das anhand dieses
„steinernen Archivs“ auch eine kurzgefasste Geschichte der Jüdinnen und
Juden Wiens erzählt. Das Buch ist damit weit mehr als ein
„Friedhofsführer“. Es gibt auch Hinweise zu anderen jüdischen
Begräbnisstätten in Wien, beschreibt jüdische Totenbräuche und den
Antisemitismus der nichtjüdischen Bevölkerung. Zentral bleibt, trotz
dieser teilweise weit vom eigentlichen Gegenstand der Beschreibung
wegführenden Betrachtungen, die Geschichte des Friedhofs, seine
Zerstörung durch die Nationalsozialisten, die Rettung eines Teils der
Grabsteine durch mutige, bereits selbst mit dem Tod bedrohte Juden und
schließlich die Wiedereraufstellung der wiederaufgefundenen Grabsteine
im Zuge des Neubaus des Pensionistenheimes. Das Buch beinhaltet
schließlich auch zwei Planskizzen mit dem Zustand des Friedhofs vor der
Zerstörung durch die Nazis im Jahre 1943 und den heute noch vorhandenen
Grabsteinen. „Das steinerne Archiv“ wird durch die Kurzbeschreibungen
von 1023 hier bestatteten wiener Jüdinnen und Juden schließlich zu weit
mehr als einer Anregung, dieses Stück jüdischer Geschichte Wiens einmal
selbst zu besuchen.
Traude Veran: Das steinerne Archiv, Der alte Judenfriedhof in der Rossau
Mandelbaum Verlag
Preis: ¤ 14,90
ISBN 3-85476-057-4
|