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Liebe
Leserin, lieber Leser!
Wir hoffen,
Sie haben in dem vorliegenden Heft die Zeitschrift erkannt, die vormals den
Titel ZOOM trug. Mehrere Umstände haben uns zur Änderung des
Titels veranlaßt:
Erstens
reden wir schon seit zwei Jahren darüber, daß der Titel ZOOM
(ein Kompromißprodukt früheren Brainstormings) zum Charakter einer
gesellschaftskritischen, vornehmlich gewalt- und herrschaftskritischen Zeitschrift
nicht so gut paßt wie zu einer Filmzeitschrift (die es in der Schweiz
tatsächlich gibt und mit der wir bisher häufig verwechselt wurden).
Zweitens
erhielten wir vor einigen Wochen ein Anwaltsschreiben des Kindermuseums Zoom
im Museumsquartier, mit dem uns dieses fragen ließ, wodurch wir uns zur
Verletzung seines Markenschutzes berechtigt glauben. Das hätte man zwar
auch ohne anwaltliche Bemühung regeln können, auch trugen wir den
Titel schon ein Jahr früher als das Kindermuseum, aber für berechtigt
halten wir uns tatsächlich nicht.
Drittens
fügt es sich aber glücklich, daß wir vor einigen Wochen auch
einen positiven Grund zur Änderung und damit auch gleich einen schönen
und geeigneten Titel gefunden haben: Alexander Schürmann-Emanuely ist seit
mehreren Jahren "Hereingeber" eines sehr interessanten Internet-Mediums,
dessen Themen und Gestaltungsvorstellungen unseren sehr nahe sind: In den beiden
Nummern von Context XXI, die seit 1995 ins Netz hineingewachsen sind, findet
man Essays von Bogdan Bogdanovic, Geschichten von Herbert Kuhner, Rückgriffe
auf vergessene Literaten wie Hugo Bettauer, Interessantes über Polizeigewalt
in Österreich, Veranstaltungs- und Verlagsprogramme genauso wie Werke von
solchen, die einfach veröffentlichen wollten. Wir sprachen über unsere
jeweiligen Situationen und Vorhaben und kamen dann rasch überein, unsere
Bemühungen zusammenzulegen und ein gemeinsames, integriertes Medienprojekt
zu stricken, das eine Filiale in der materiellen Welt bedruckten Papiers und
eine Filiale in der virtuellen Welt digitaler Signale haben soll. Das Ziel von
Context XXI im Internet war bisher, in einer Atmosphäre von Idealismus,
Aufklärung und Wahn ein Forum für all jene, die vieles nicht akzeptieren
können, zu schaffen — ein Ziel, welches sicher dank der Fusion weiterhin
realisierbar bleiben und ausgebaut werden kann. Eine weitere Filiale im Zwischenreich
per Funk übertragenen Tons ist in Vorbereitung: das heißt, wir sind
gerade dabei, uns für die Produktion von Radiosendungen "fit"
zu machen, wie man heute so sagt.
Erster
und wesentlicher Grundgedanke unseres Vorhabens ist, daß es nicht Aufgabe
des einen Mediums sein soll, das andere bloß zu spiegeln oder zu archivieren.
Unsere gemeinsame Aufgabe wird vielmehr darin bestehen, der jeweiligen Erscheinungsform
angemessene Inhalte zusammenzustellen und Gestaltungsweisen zu finden. Eine
relative Eigenständigkeit der verschiedenen "Filialen" ist also
vorgesehen. Die Gemeinsamkeit des Projekts bleibt in der Redaktion aufgehoben,
in der alle inhaltlichen Beiträge und Wünschbarkeiten vorgeschlagen,
beigebracht und diskutiert werden.
Mit dem
Vorhaben, alle zur Verfügung stehenden Medienkanäle zu nutzen, verbindet
sich nicht das Vorhaben, die Zeitschrift thematisch umzukrempeln: Context XXI
soll weiterhin einlösen, was schon ZOOM versprochen hatte. Zugewinne
an Beiträgen, AutorInnen, Redaktionsmitgliedern und einen Wiedergewinn
thematischer Vielfalt, die ZOOM vor allem im literatürlichen und
künstlerischen Bereich schon erzielt hatte, versprechen wir uns von der
Verbreiterung des Projekts allerdings schon.
Einen weiteren,
sehr erfreulichen Zugewinn dürfen wir bereits bekanntgeben: Ab der kommenden
Ausgabe wird die Koordination der Redaktionstätigkeit durch Stephan Grigat
besorgt — unseren LeserInnen bereits durch die kritische Erörterung
der Frage "Solidarität mit Öcalan?" aus dem letzten Heft
der ZOOM bekannt. Kritik ist nach abgeschlossenem Studium der Politikwissenschaft
seine Hauptbeschäftigung, ausgeübt im Kritischen Kreis und
in zahlreichen eigenen Veröffentlichungen. Stephan Grigat übersiedelte
vor sechs Jahren aus persönlichen Gründen von Berlin nach Wien, was
nebenbei auch der Vermeidung des Wehrdienstes dienlich war. In diesem Sommer
kann er erstmals wieder gefahrlos nach Berlin reisen und nutzt diese wiedergewonnene
Reisefreiheit zu einem zweimonatigen Aufenthalt. Wir freuen uns auf seine Rückkehr
im September.
Noch etwas
wollen und müssen wir uns versprechen: einen Zugewinn an RezipientInnen,
für das vorliegende Produkt bedeutet das einen Zugewinn an AbonnentInnen.
Wie ja bereits sattsam bekannt, wurden wir durch die Bemühungen des Abgeordneten
Khol in den letzten Jahren um die Publizistikförderung gebracht. Durch
die Bemühungen des freien Marktes und dessen, was man so neoliberale Politik
nennt, wird auch sonst die Finanzierung eines solchen Projektes schwieriger.
Neben einem Höchstmaß aufzubringender taktischer Geschicklichkeit
erfordert die wachsende Enge auch ein Mindestmaß an strategischer Perspektive:
Es gibt heute im alternativen Bereich keine Zeitschrift mehr, die nicht auf
eine spezialisierte Klientel orientiert wäre und so etwas wie Allgemeinverbindlichkeit
beanspruchen könnte. Daran sind zwei Aspekte hervorzuheben und daraus die
Schlüsse zu ziehen:
Erstens
ist die Möglichkeit der Schaffung einer alternativen Zeitschrift
allgemeinen und allgemeinverbindlichen Charakters ex nihilo nicht absehbar.
Daher bleibt es allen mehr oder weniger spezialisierten Blättern dieses
Bereiches aufgegeben, sich nach ihren Möglichkeiten zu verallgemeinern,
das heißt, sich an die Grenzen ihrer inhaltlichen und öffentlichen
Reichweite heranzutasten.
Zweitens
kann ein gutes Stück an Verallgemeinerungsleistung heute durch die sogenannten
neuen Medien erzielt werden, also durch Internet-Medien und — hierzulande
auch ein neues Medium — durch freie Radiosender. Weit davon entfernt, gedruckte
Medien ersetzen zu können, erreichen sie doch ein anderes Publikum als
jene. Kontrastierend zur Diffusions-Diversifikation fehlt in diesen Medien aber
weitenteils eine gewisse Inhalts-Konzentration, die am gedruckten Wort Geschulte
und Hängende bei allen sonstigen Unzulänglichkeiten doch beisteuern
können.
Diese Überlegungen
mögen nicht besonders originell sein. Der Versuch, daraus ein praktisches
Konzept zu stricken und ein integriertes — hoffentlich auch integrierendes
— Projekt in Angriff zu nehmen, ist es schon eher. Wir hoffen, daß
uns die Geschichte nicht strafen wird, weil wir zu spät kamen, und uns
unsere lieben Lesenden nicht strafen werden, weil wir zu früh kamen. |